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Neue jüdische Presse · 1905-06-16 · Heft 23 (16.6.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 23 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 23 des Frauksurter Israelitischen Familimblattes. Inhalt der Bellage: Artikel: Aus dem Nachlaß Theodor Herzls. — Frühlingsrausch. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Leyrerwelt. — Bunte Chronik. — Aus der Geschäftswelt. — Bädernachrichten. — Briefkasten. — NeueBücher. Aus dem Nachlaß Theodor Herzls. In diesen Tagen erscheint im Jüdischen Verlag der vom Prof. Kellner herausgegebene, nach chronologischen Gesichtspunkten gesammelte zionistische Nachlaß Theodor Herzls. Unter den Briefen erwecken die an den Philanthropen.Baron Hirsch gerichteten besonderes Interesse. Herzl wendet sich an Baron Hirsch und wünscht mit ihm „ein judenpolitisches Gespräch zu führen, das vielleicht in eine Zeit hinaus wirken wird, wo weder Sie noch ich ha sein werden." In einem Brief, den er von Paris aus im Jahre 1895 an Hirsch gesandt hat, Mjeint er, er wolle dem Baron den Weg zeigen, wie er mehr als «in Philanthrop, ein Peabody werden könnte. „Glauben Sie aber nicht," sagte er, „daß ich ein Projektenmacher oder Narr von einer neuen Spielart bin, wenn auch die Weise, wie ich Ihnen schreibe, ein bißchen vom Gewöhnlichen abweicht. Ich gebe die Möglichkeit von vornherein zu, daß ich mich irre, und lasse mir Einwendungen gefallen. Ich erwarte durchaus nicht, daß ich Sie gleich überzeugen werbe, denn Sie müssen eine Anzahl Ihrer bisherigen Gedanken umdenken." Bald nachher hatte Theodor Herzl eine Unterredung mit Baron Hirsch, die nach seinen Aufzeichnungen ungemein lebhaft verlief. Herzl kritisiert in diesem Gespräch das bekannte argentinische Auswanderungssystem des Barons und streift dann in Kürze seine eigenen Ideen, worauf Baron Hirsch erwidert: „Ich bemerke ja, daß Sie ein inteMgenter Mensch sind. Aber Sie haben so phantastische Einfälle." Herzl (aufstehend): „So, habe ich Ihnen denn nicht vorher gesagt, daß Ihnen das zu einfach oder zu phantastisch Vorkommen wird? Sie wissen nicht, was das Phantastische ist, und daß man nur von' einer Höhe aus die großen Züge der Menschen betrachten kann." Hirsch: „Auswandern wäre das einzige. Es gibt Länder genug zu kaufen." Herzl: „Ja, wer sagt Ihnen denn, daß ich nicht auswandern will. Da steht es, in diesen Notizen. Ich. werde zum Deutschen Kaiser gehen, und der wird mich verstehen, denn er ist dazu erzogen, große Tinge zu beurteilen..." „Dem Deutschen Kaiser werde ich sagen: Lassen Sie uns ziehen. Wir sind Fremde, man läßt uns nicht im Polk aufgehen, wir können es auch nicht. Lassen sie uns ziehen! Ich will Ihnen die Mittel und Wege angeben, deren ich mich für den Auszug bedienen will, damit keine wirtschaftliche Störung, keine Leere hinter uns eintrete." Hirsch: „Woher nehmen Sie das Geld? Rothschild wird 500 Fr. unterschreiben." Herzl: „Das Geld? Ich werde eine jüdische Nationalanleihe von zehn Milliarden Mark aufbringen." Hirsch: „Phantasie. Tie reichen Inden geben nichts her. Die Reichen sind schlecht, interessieren sich für die Leiden der Armen nicht." Herzl: „Sie reden wie ein Sozialist, Baron Hirsch!" Hirsch: „Ich bin auch einer. Ich bin jedoch bereit, alles herzugeben, wenn es die andern auch tun müssen." Einen Tag nach dieser Unterredung mit Baron Hirsch, die am Pfingstsonntag 1895 stattfand, sendet Herzl abermals ein Schreiben an den. Baron, in welchem er seine große Idee ausführlich erläutert. In diesem Brief findet sich folgende äußerst bemerkenswerte Stelle: „Glauben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes — besonders wenn es so in aller Welt zerstreut ist — macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben. Wissen Sie, woraus das Deutsche Reich entstanden ist? Aus Träumereien, Liedern, Phantasien und chwarz-rot-goldenen Bändern. Und in kurzer Zeit. Bismarck hat nur den Bauni geschüttelt, den die Phantasten pflanzten." An einer Stelle seiner „Zionistischen Schriften" fesselt uns die Begegnung Herzls mit Kaiser Wilhelm in Jerusalem. Das war am 2. November 1898. Herzl hielt damals eine längere Ansprache an den Kaiser, in der er auf den völlig modernen Charakter der zionistischen Bewegung hinweist. „Da ist das Land unserer Väter, das sich für eine Kolonisierung und Kultivierung eignet. Euere Majestät haben das Land gesehen. Es schreit nach Menschen, die es bebauen sollen. Und wir haben unter unsren Brüdern ein schreckliches Proletariat. Diese Menschen schreien nach einem Lande, das sie bebauen wollen. Nun möchten wir aus den zwei Notständen — des Landes und des Volkes — durch die planvolle .Verbindung beider eine neue Wohlfahrt schaffen. Für so gut halten wir diese Sache, für so wert einer Teilnahme der Großmütigsten, daß wir Euere Kaiserliche Majestät um Ihre hohe Hilfe zu dem Werk bitten. Wer wir würden es nicht wagen, wenn in unseren Gedanken etwas enthalten wäre, wodurch der Herrscher dieses Landes gekränkt oder beeinträchtigt werden könnte. Die Freundschaft Eurer Kaiserlichen Majestät für Seine Majestät den Sultan ist so bekannt, baß kein Zweifel jiber die Absichten derjenigen bestehen kann, die sich um die Mergnädigste Vermittlung ihrer Wünsche an Eure Majestät wenden. . ." Selbstredend werden wir noch ausführlich auf bas Werk zurückkommen. Frühlingsrausch. Ein Wort der Ermahnung von Peli. N. Tie Vernachlässigung der zionistischen Arbeit, die ich im vorigen Kapitel konstatiert habe, ist um so unverzeihlicher, als sie zu einer Zeit geschieht, wo der Zionismus in eine neue Phase der Entwickelung eingetreten ist und dringender denn je von seinen Anhängern systematische, hingebungsvolle Arbeit verlangt. Unsere Organisation, die schon bei Lebzeiten des großen Führers, der alles ans seinen Schultern tragen konnte, manche Mängel aufwies und unter den inneren Zwistigkeiten der letzten Zeit noch erheblich gelitten hat, muß umgeformt und konsolidiert werden; die praktische Arbeit in Palästina soll endlich inauguriert werden, und dazu ist es unumgänglich notwendig, daß der Zionismus immer weitere Volkskreise in seinen Bann zieht, damit unser neues Kollegium, das die politische Arbeit an Stelle des verewigten Führers und in seinem Sinne leiten soll, an den breiten Massen einen moralischen Rückhalt hat. Ties alles und noch vieles andere harrt dringend der Erledigung und ruft zu unverdrossener Arbeit an. Wir aber kümmern uns blutwenig darum und werfen uns aus Aufgaben, die keine praktischen Erfolge verbürgen. Tenn dies gilt entschieden von der „Gegenwartsarbeit" in Ler Form, wie sie jetzt von den verschiedensten Seiten gefordert wird, d. i. als umfassende, alle Seiten des politischen, sozialen und kulturellen Lebens in sich schließende Hebungsarbeit in der Tiaspora. So immense Aufgaben, wie sie das ungemein komplizierte Bündel von allerhand „Judenfragen" bietet, werden unsere Kräfte ganz absorbieren und dem Zionismus den Lebensfaden unterbinden. Man wird sich auf die lokal und temporär näher liegende Arbeit in den Golusländern ganz verlegen, die Arbeit für und in Palästina wird vernachlässigt und somit vielleicht auch historisch wichtige Momente verpaßt werden, die Massen werden durch die Fülle der neuen Aufgaben von ■ Palästina ganz abgelenkt werden, und die jüdisch-nationale Jugend, die den Trang verspürt, sich als Juden zu betätigen, wird glauben, in den Golusländern Arbeit genug zu finden, um ihrem jüdischen Bedürfnis zu genügen. Und was soll das Aequivalent sein für den enormen Schaden, den die Bewegung erleiden wird? Etwa die nationalen Rechte, von welchen jetzt die Preß- und Versammlungsspatzen auf allen Tüchern pfeifen? Aber welcher Art sind denn diese Rechte, die ein Volksstamm, der überall in der Minorität ist, unbeschadet der Interessen der Majoritätsgruppen beanspruchen und erwarten darf? Was unterscheidet diese nationalen Rechte, die jetzt auch von zionistischer Seite lanziert werden, gegen die nationale Autonomie des „Bundes", die wir noch vor kurzem als politisches Fraubasengeschwätz, wenn nicht als bewußte Bauernfängerei betrachteten? — Die Antwort auf diese Fragen sind uns die verschiedenen Redaktionsstuben bis jetzt schuldig geblieben. Was die politische Betätigung zur Erreichung allgemein-menschlich er Rechte anbetrifft, so ist diese, in Rußland speziell, nur im und als Anschluß an die sogenannten revolutionären Parteien möglich. Tatsächlich bedeutet dies auch der Ruf, „sich den besseren Elementen der russischen Gesellschaft anzuschließen", „mit den anderen Völkern Rußlands Hand in Hand zu gehen", und wie all die neuen Schlag- und Stichworte lauten. Wenn wir uns aber nicht von unserer Sympathie für diese oder jene Staatsform, für dieses oder jenes allgemein-menschliches Ideal leiten lassen, sondern die Interessen des jüdischen Volkes im Auge behalten, so werden wir zur Einsicht gelangen, daß wir kein Recht haben, die Parole zum politischen Kampf auszugeben. Und zwar ..aus dem Grunde, weil wir bei einem politischen Kampf am meisten einzusetzen und am wenigsten zu erwarten haben. Am meisten einznletzen, weil jeder mißlungene Schritt uns am teuersten zu stehen kommen wird. Tem russischen Volke gegenüber muß auch eine blutrünstige Regierung in ihren Repressalien bei einem gewissen Punkte Halt machen. Für die Juden aber konnte ein Plehwe das Programm aufftellen, dem zufolge ihrer ein Drittel buchstäblich ausgehungert, ein Drittel zur Auswanderung gezwungen und ein Drittel der Assimilation zugeführt werden sollte. Auch wissen wir noch nicht, ob bei einer Massenerhebung sich die entfesselte Volkswut nicht gegen die Jude» ebensogut wie gegen die Regierung richten wird. Kleine Proben hatten wir ja bereits in den Ereignissen der letzten Monate. Ueberhaupt hat uns unsere an Erfahrungen reiche Geschichte gezeigt, daß wir auf niemand bauen dürfen, daß wir vielmehr immer auf das schlimmste gefaßt sein müssen. Die Völker sind es gewohnt, die Juden als Tienstobjekt zu betrachten, aus dem man möglichst viel herausschlagen soll, dem man aber nichts schuldig zu sein glaubt. Und so haben wir denn in unserem zweitausendjährigen Golusleben immer. fremde Weinberge gehütet, immer für Fremde die Kastanien «uis dem Feuer geholt. Wir, die schlaue» Kaufleute, waren immer die Gefoppten, wo es galt, die Früchte einer ehrlichen, hingebungsvollen Arbeit zu genießen. An den Unabhängigkeitskämpfen Teutschlands nahmen die Juden einen hervorragenden Anteil. Ties hinderte aber nicht, daß, sobald die Kämpfe zu Ende waren, ihnen ihre unter Napoleon gewährten Bürgerrechte entzogen wurden und baß wenige Jahre darauf die großen JUdenexzesse erfolgten, .hie wie ein Orkan über ganz Süddeutschland dahinsausten. Aehnliches spielte sich in Ungarn nach 1848 ab. — An dem polnischen Aufstand in den sechziger Jahren waren die Juden stark beteiligt; die polnischen Führer fraternisierten mit ihnen und stellten ihnen selbstverständlich die volle Gleichberechtigung in Aussicht; sobald aber der Aufstand vorüber war, begannen dieselben Leute die sogenannten „Kulki rul niczni" zu gründen, die darauf ausgingen, dem jüdischen Kleinhändler jeden Erwerb abzuschneiden. Weshalb die Russen hierin eine Ausnahme bilden sollen, ist nicht einzusehen. Vorläufig haben sie es noch nicht bewiesen, daß iie sich uns gegenüber besser stellen als die anderen. Tie fortschrittlichen Parteien verlangen jetzt schon, wo der Hase noch nicht erjagt ist, von uns die Kleinigkeit, unsere Seele, unsere nationale Eigenart zu opfern. Beweise: das Verhalten der „Jskra" (das Organ der russischen Sozialdemokratie) dem jüdischen Arbeiterbund gegenüber, die Ausführungen des hyperliberalen Nowikow in „Nascha-Jisnj" über Zionismus

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