Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-06-16 · Heft 23 (16.6.1905) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 23 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692432--01690-2696230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 23. . Benthen ist der Ansicht, daß man doch nicht immer so große Angst haben solle, vielleicht auch inal einige Schwindler zu unterstützen; die Hauptsache bleibe, das; man im großen und ganzen doch anständigen, aus unsere Hilse Anspruch habenden Leuten helfe. Er weist auf die große Not der 5 Millionen russischer Juden hin und bittet, de» „Hilfsverein der deutschen Juden" weiter und immer kräftiger zu unterstützen. Ter zweite Sitzungstag begann mit dem Referate von Professor Blasch ke-Berlin über Bezirksr a b b i n a t e. Ter Geineindebund macht sich die Gründung von Bczirksrabbinaten zur Aufgabe und zwar soll dies im Interesse der Gemeinden geschehen, in denen kein Rabbiner ist. Tie Hauptschwierigkeit liegt in der finanziellen Frage. Von einer Seite wird die Anstellung von Wanderrabbincrn empfohlen, von anderer Seite wird verlangt, daß die Stadtrabbiner die Inspektion über den Religionsunterricht übernehmen. Ein weiterer Vorschlag sucht die Frage durch Bezirkssynagogcnverbände zu lösen. Tie Regierung hat nur ideelle Unterstützung zugesagt. Ter Gemeindebund wünscht die Gründung von Bezirksrabbinaten ohne Einmischung desStaates. In der Tisknssion spricht Rabbiner D r. Vogelstein-Stettin im Sinne seines Vorredners, er erklärt, daß mit der Errichtung von Bezirksrabbinaten die Ehre der Lehrer nicht herabgesetzt werde; die Einführung der Institution selbst hält er für leicht durchführbar. Perez-Königsberg ist auch ein Anhänger der Bezirksrabbinate, er glaubt aber, daß die Sache an dem Mangel der Mittel und der Gesinnung der Gemeinden scheitern werde. Von den folgenden Rednern sprachen sich Dr. Kopfstein, Hirsch, Heß, Dr. Munk zu Gunsten der Bezirksrabbinate ans, während Dr. Vogel stein, D r. C o b l e n z, Kaufmann-Andernach die Vertagung der Angelegenheit beantragten. Nach einer Tisknssion über event. Schluß der Debatte sprachen sich noch Dr. Do c t o r-Bru ch sal, Geheimrat Cohen, Dr .R os en th al, Dr. Kr o ner für die Errichtung aus. Es kam dann zur Llbstimmung und gelangte der folgende Antrag Blaschke einstimmig zur Annahme: „Ter Deutsch-Israelitische Gemeindetag zu Frankfurt a. M. beauftragt den Ausschuß des D. I. G. B., die Versuche zur Bildung von Bezirksrabbinate» durch die Provinzial- resp. Bezirksverbände fortznsetzen, ohne die Staatsbehörde in Anspruch zu nehmen." Ferner wurde noch der Antrag Benjamin Hirsch-Halber st adt, „daß jede rabbinerlose Gemeinde sich einer Gemeinde mit Rabbiner anschließe," und der Eintrag Dr .Kroner-Stuttgart, „in jeder Gemeinde mit mindestens 10 Schülern muß ein Lehrer angestellt werden," «Inspektion der Lehrer" angenommen. Nach einer Frühstückspause von 20 Minuten hielt Staatsgerichtsrat L e v y - B c u t h e n sein Referat betr. Religiöse Fürsorge für jüdische Strafgefangene und wurde nach einer kurzen Tebatte sein Antrag, „daß den Gefangenen mindestens an Pesach Kvschcr- Küche gewährt und an Feiertagen Gottesdienst und Predigt abgehalten. werde, ferner daß Gebetbücher für Strafgefangene, mit geeigneten Gebeten versehen, zu verfassen seien" (zur Abfassung dieses Gebetbuches erklärt sich Rabb. D r. S e l i g m a n n - Frankfurt a. M. bereit) einstimmig angenommen. Wegen, vorgerückter Stunde referierte nur noch der Herr Dr .Neum a n n betr. „Fürsorge für g e i st es s ch w a ch e Kinde r". Infolge der Inzucht sei der Prozentsatz geistesschwacher jüdischer Kinder besonders hoch. Ter Redner empfahl deshalb die Gründung einer jüdischen Lehranstalt für g e i st e s s ch w a ch e minderbemittelte Kinder. Tie übrigen Punkte der Tagesordnung wurden für den nächsten Gemeindetag zurückgestellt. Nach der Wiederwahl des Vorstandes wurde die Tagung geschlossen. Frankfurt a. M. Mitteilung des »Hilfsverein der deutschen Juden", Sitz Berlin. Mit Beginn des Sommers stellen sich die Brände im Ansiedlungsrayon in Rußland vermöge der unzulänglichen Bauverhältnisse regelmäßig ein. Gegenwärtig kommen noch häufig B r a n d st i f t - u n g e n, behufs besserer Gelegenheit zur Plünderung durch die christliche Bevölkerung vor. So sind in der vergangenen Woche eine Reihe von jüdischen Gemeinden in der Nähe von Kowno durch Feuersbrun st gänzlich vernichtet worden: Janowo, Bobt, Soslau, Kurschani usw. Fast 10000 Glaubensgenossen sind obdachlos, der Materialschaden wird auf 1 Million Rubel geschätzt. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat sofort 10Ä)0 Mark zur Verteilung unter die abgebrannten Glaubensgenossen nach Kowno überwiesen, zu denen das Frankfurter Hilfskomitee 5000 Mark beigesteuert hat. . -i- Berlin. In der zweiten diesjährigen, unter Leitung des Professors von Drygalski abgehaltenen Frankfurter Israelitisches FamllienblaÜ. Maisitzung der Gesellschaft für Erdkunde sprach St. ©unter über Bcvölkerungsprobleme in den Vereinigten Staaten. Im Laufe seiner Ausführungen kam Redner auch auf die jüdische Bevölkerung N e w y o r k s zu spreche» und sagte Folgendes: „Tie Zahl der Inden in Rewyork ist durch die Einwanderung auf mindestens 3/i Millionen gestiegen, und cs bildet sich dort also neben Polen und Südafrika ein neues, drittes Fudenzentrum, das natürlich vorläufig eine schwere Sorge und Last für Amerika darstellt. Diese zugewanderten Inden sind übrigens höchst bildungslnstig; sie lernen fleißig und bilden somit eine künftige Gefahr für unseren Export nach 'Mittel- und Südamerika, da sie eben beflissen sind, sich durch Erlernung der Landessprachen zu brauchbaren Geschäftsreisenden nach dorthin auszubilden." Marburg, 11. Juni. Besonderen Schmerz hat den A n t i s e m i t e n der Verlust ihres „ersten" Kreises, des Marburgcr, bei der letzten Reichstagswahl verursacht. Um ihn wiederzugewinnen, werden besondere Anstrengungen gemacht. Jetzt schon haben die Antisemiten einen Tr. Karl Böhme aus Berlin als Kandidaten für hie nächste Reichstagswahl proklamiert, der schon gegen ein Dutzend Versammlungen im Wahlkreise abgehalten hat. Dr. Böhme bekennt sich als Liebermannscher Antisemit. Gegenwärtig wird der Kreis bekanntlich durch den nationalsozialen 'Abgeordneten von Aerlach vertreten. Oesterreich-Ungarn. bzernowitz (Bukowina). Der jüdische Abgeordnete D r. S t r a u ch c r hielt in der letzten Sitzung des Landtages eine Rede, bei der einem Abgeordneten jüdischer Konfession in Teutschland kalt und warm geworben wäre. Es wurde in der Sitzung nämlich die Bürgermeisterwahl in Czernowitz gestreift, wo zum ersten Male ein Jude, Tr. Reiß, zum ersten Bürgermeister geivählt worden ist. Herr Tr. Straucher sagte nun in Bezug auf diese Angelegenheit: „Man glaube nicht, meine Herren, daß die Juden sich in jene Zeit versetzt glauben, wo es nur Moschkojuden gab. Auch die Juden sind erwacht und haben die Wahrnehmung gemacht, daß sie ausgespielt wurden von einer Nation zur andern-und daß wir von jenen, denen wir 10 Jahre treue Gefolgschaft geleistet haben, Undank geerntet. Wir sind unbedingte Anhänger der deutschen Kultur, gehen aber nicht im christlich-deutschen Lager auf. Wir vergessen nicht, was uns leider die Universität, die Grazer Kolonie, gebracht hat. Tie Herren aus Graz brachten uns eine Einrichtung ins Land, die uns bis jetzt fremd gewesen. Aus mir spricht nicht Haß, nicht Leidenschaft und Neid gegen das deutsche Volk. Was wir Juden aber bekämpfen werden, ist der unter der Firma der Christlich-Teutschcn sich breit machende Antisemitismus. Tie rumänische Geistlichkeit, ich muß dies besonders hervorhebe», ist das Prototyp der Tuldsamkeit und der Toleranz im ganzen Lande (Stürmisches Beifallsklatschen im ganzen .Hause.) und wir wissen das zu schätzen. Wie hätten wir da eine Ursache, gegen das rumänische Volk aufzutreten! Wir Juden verfolge» keine staatsrechtlichen Fragen. Warum sollen wir nun ihnen nicht ihre politische, kulturelle und nationale Entwicklung gönnen. Betreffend den Bürgermeisterposten kann von einem deutschen Besitzstände überhaupt nicht gesprochen werden. Wir Juden hatten das Recht, einen Kandidaten aufzustellen, wir bilden eine wirtschaftliche und kulturelle Potenz in der Stadt und lassen uns nicht von den Christlich-Teutschen boykottieren. Und mit den Juden gingen Rumänen, Ruthcnen und Polen." Pozsonh (Preßburg). Die Schüler der hiesigen Rabbinatsschule haben zur Unterstützung armer Kollegen einen Verein gegründet. Frankreich. Paris. Die Gesamteinnahmen der Alliance I s r a e I i t c Universelle betrugen im Jahre 1904 Frs. 1442 000, die Gesamtausgaben Frs. 1416 000. Frs. 207 874 wurden als Mitgliederbeiträge, Frs. 263 700 als Subvention der Jewish Colonization Association („Jca") vereinnahmt. Ter weitaus größte Teil der Ausgaben entfällt auf Unterhaltung oder Subventionierung von Schulen. In folgender Tabelle sind die von der Alliance subventionierten Elementarschulen (Ecoles primaires) mit der Anzahl der Zöglinge und der von der Alliance geleisteten Subvention, nach Ländern geordnet, zusammengestellt. Land Zahl der Subvention der Zöglinge Alliance Marokko 2671 59098 Bulgarien 4100 48 376 Eur. Türkei 8925 109006 Klein-Asien 2530 39 888 Syrien 4003 117 209 Mesopotamien 1264 13 354 Tripolis 354 15 316 Aegypten 832 16500 Tunis 2301 51924 Persien 2356 105 352 Algier 1079 33 398 Zusammen 38 415 809 921 Seite 3. Tie hier angegebenen Summen enthalten nicht die Ausgaben für Einrichtung der Schulen, Gratifikationen und Reisekosten für die Lehrer, die sich zusammen auf etwa 100 000 Frs. belaufen. Tie Gesamtzahl der Elementarschulen betrug Ende 1904 128 und war damit mehr als doppelt so hoch wie im Jahre 1896, wo die Zahl der Schulen nur 60, die Zahl der Zöglinge 18000 und die jährliche Unterstützung nur 400 000 Frs. betrug. 'Außer den Elementarschulen unterhielt oder unterstützte die Alliance 36 Handwerker-Lehrlings- Fachschulen im Orient, die 583 Schüler zählten, mit 57 270 Frs. und ferner 23 gleichartige Mädchenschulen mit 730 Schülerinnen (300 umfaßt allein die Schule in Saloniki! mit 24 548 Frs. Für die Ackerbauschule in Jaffa, welche Anfang 1905 105 Schüler zählte, hat die Alliance 70 016 Frs., für die Ackerbauschnle in Tjedeida (mit 62 Zöglingen am 1. Oktober 1904) 83018 Frs. verausgabt. Paris. Mitteilung der Alliance Jsraelite Universelle. Das Zentral-Komitee bewilligte für die Opfer der Unruhen in D u s s i a t y (Gonv. Kowno) 2000 Frs., für die Geschädigten in M e l i t o p o l 1000 Frs. Nach S ch i t o m i r werden 2000 Frs. überwiese», außerdem wird die Alliance zur Versorgung der Hinterbliebenen jener selbstlosen Männer beitragen, die bei der Verteidigung ihrer Brüder den Tod fanden. Paris. Baron Alphonse de Rothschild hat jedem Beamten seines Hauses, gleichviel welcher Rangstufe, tausend Francs für jedes Jahr seiner Tätigkeit im Hause Rothschild vermacht. RnstlauS. Petersburg. 14. Juni. Der Entwurf Bulyg i n s betr. die Schaffung einer Volksvertretung, schließt, wie die „Nowosti" zuverlässig erfährt, die Juden von jeder Beteiligung an der Volksvertretung aus, weil es nicht folgerichtig sein würde, sie bei dem Bestehen der die Rechte der Israeliten beschränkenden Gesetze zur Ausübung des Wahlrechts oder gar zur Mitarbeit an der Volksvertretung znznlassen. Petersburg, 14 Juni. Der .Ruß" hält die von Bulygin projektierte Ausschließung der Jude n von der Beteiligung an der Volksvertretung für einen großen politischen Fehler. Warschau. Judenhetze in Brest-Litowsk. In Brest-Litowsk (Festung und wichtiger Eisenbahnknotenpunkt ini Gouvernement Grodno) kam es am Pfing stsonntag zu blutigen, antisemitischen Exzessen, die auch den heutigen Tag über währten. Wegen der Mobilisation des XIX. Armeekorps herrscht in jener Stadt großer Zufluß von Reservisten. Tie ''Aufregung, die mit dieser Mobilisation verbunden ist, führte zu Ausschreitungen gegen die dortigen Juden. Am 11. währte den ganzen Tag und die Nacht hindurch die Schlägerei, die schließlich in ein wahres Gemetzel ansartete. Reservisten der Infanterie feuerten Salven ab. 28 Juden blieben tot, 34 wurden verletzt. Biete Läden sind zerstört. (d) Kiew, 10. Juni 1905. Ein Vorfall, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind, versetzt die Gemüter der hiesigen jüdischen Einwohner in peinlichste Aufregung. Mit einem Schlage, den gewissenlose, unvorsichtige Elemente herbeigeführt haben, scheint der mustergiltige Friede zwischen de» jüdischen und christliche» Bürgern ernst gefährdet zu sein. Es zeigt sich wieder, daß das schöne Wort „Freiheit", durch Unverstand und gedankenlosen Leichtsinn mißbraucht, auch unseligen Leiden Vorschub leisten kann. Selbstbefreiung ist, Ivo nian auf sich selbst angewiesen ist, ein mannhaftes Unterfangen, das aber nur maßvoll und bedacht in's Werk gesetzt werden darf. Ter bedauernswerte Fall ist übrigens folgender: In einem Walde, von der Stadt einige Meilen entfernt, wurden gestern 65 Mann gefangen g en o m m e n, dje größtenteils Juden sind und dein geheimen „Bund a ntidy n astis cher Säet» eiuigun g" angehören. Tie Polizei, die — man weiß nicht, wie — von der geplanten politischen Versammlung Wind bekommen hatte, umzingelte den Wald und zwang die Versammlung, sich zu ergeben. Bei dieser fand sie nun eine Unzahl Proklamationen, die das Volk zur Rache anffordern und die unumschränkte Bolksherrschaft in Aussicht stellen. Mit dein größten Applaus wurden die „Verbrecher" in die Stadt gebracht und in's Gefängnis geworfen. Das Gerücht von der Verhaftung jüdischer Staatsverbrecher verbreitete sich allzubald und es zeigten sich bald Symptome, daß die Polizei es wieder fertig gebracht hat, Zwietracht zu säen. Zum Glücke sind die Gefangenen durchwegs solche, die nicht in Kiew wohnhaft sind. Tiefen Umstand hob der Aufruf an die Bevölkerung hervor, der, als die Unzufriedenheit und Feindseligkeit zu wachsen anfing, von den vornehnrsten Bürgern erlassen worden war. Man hofft, die drohende Gefahr noch im Keime zu ersticken. _ Personalien. Berlin. Louis Levin sin Firma D. Levin) und Benno Orenstein (in Firma Orenstein n.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.