Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-06-16 · Heft 23 (16.6.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 23 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692432--01691-2696231
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Gate 4- Frrrcksurter JsraMscher FamilieMatt. Ar. 23. Koppel) sind zu Kommerzienräten ernannt worden. Professor Dr. Leo Grün mach wurde zum etatsmäßigen Professor an der Kgl. Technischen Hochschule und Privatdozent Dr. Moritz Borchardt, erster Assistenzarzt von Geheimrat v. Bergmann, zum außerordentlichen Professor ernannt. Augsburg. Am 7. Juni beging Herr Justizrat Ludwig Bauer sein LSjähriges Jubiläum als erster Bor stand der hiesigen Israel. Kultus gemeinde. Der sich eines hohen Ansehens und allgemeiner Beliebtheit erfreuende Jubilar hüte sich in Rücksicht auf den vor kurzem erfolgten Tod seines Bruders, des bekannten Wiener Bankdirektors, jede Ehrung verbeten. Karlsruhe, 14. Juni. Finanzminister a. D. Moritz Ellstädter ist heute Morgen im Alter von 78 Jahren gestorben. Ellstädter, geboren 1827 in Karlsruhe, studierte die Rechte, lernte bei der Tiscontobank in Berlin das Bankgeschäft, ließ sich in Turlach, dann in Karlsruhe als Rechtsanwalt' nieder, wurde 1864 Assessor am Kreis- und Hosgerjcht in Mannheim, 1865 Krcisgerichtsrat. 1866 von Matthy als Rat in das Finanzministerium berufen, wurde er 1868 dessen Nachfolger als Chef des Finanzministeriums und 1871 Mitglied des Bunoesrats, in dem er als Referent über die Münzgesetze auftrat. Im März 1893 trat er in den Ruheftatib. BxeSla«. Frau Flora Perle geb. Falk ist am 6. dss. Mts. nach langem, schweren Leiden entschlafen. Die Verstorbene, welche einer frommen, alten Breslauer Familie entstammte, hielt die Traditionen ihres Elternhauses stets hoch und zeichnete sich besonders durch eine großartige Wohltätigkeitsliebe aus. Lauenbnrg i. Pommern. Frau Witwe H. Ries feierte am 9. dss. Mts. ihren 99. Geburtstag in noch vollständiger körperlicher und geistiger Frische. „ Plesche« (Posen). Bankier Georg Galewski erhielt die Stelle eines königl. Lotterie-Ein nehmers. Wie«. Trauung. Am 14. d. M. fand im Tempel in der Seitenstetteiigasse die Vermählung des Herrn Paul Ritter von Sonnenthal, Sohn des Oberregisseurs und. Hosbnrgschauspielers Adolf Ritter von Sonnenthal, mit Fräulein Klara Schwarz statt. Wie«. 13. Juli. Baron Nathaniel von Rothschild ist heute V/i Uhr nachts in seinem Palais in der Theresianumgasse im Alter von 69 Jahren verschieden. Bereits vor einigen Tagen war eine Vcr. schlimmerung seines langjährigen Blasenleidens eingetreten, seit Samstag war sein Bewußtsein getrübt. Gestern wurde der Bruder, Baron Albert, der in Kaltenleutgeben zur Kur weilte, ans Krankenlager gerufen, er war bei seinem Verscheiden zugegen. Baron Nathaniel, der ledig war, widmete einen namhaften Betrag seines Vermögens für w o h l - tätigeZwecke. Das Testament wird erst nach dem Leichenbegängnis geöffnet. Zu Erben sind eingesetzt sein Bruder Albert und seine Schwestern. Tas Leichenbegängnis ist am Freitag Vormittag. Tie Beisetzung erfolgt in der Familiengruft auf dem Wiener Zentral-Friedhofe. Wie«. Hofrat und Herrenhausmitglied Adolf Musfavja, der vor einigen Tagen in Florenz verstorbene Romanist der Wiener Universität, ist 70 'Jahre alt geworden. In Spalato (Dalmatien) als Sohn eines Rabbiners geboren, wurde er bereits im jugendlichen Alter von 25 Jahren außerordentlicher Professor für romanische Sprachen an der Wiener Universität. 1867 wurde, er zum ordentlichen Professor befördert. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Wien, Berlin, Paris und Rom. Seine wissenschaftlichen Leistungen sind bedeutend. Budapest. Der Kaiser hat auf Vorschlag des ungarischen Ministers für Kultus und Unterricht den mit dem Titel eines ordentlichen Professors bekleideten Privatdozenten der Budapcster Universität T r. Ignaz Goldziher zum öffentlichen ordentlichen Professor der semitischen Sprachen und Literaturen mit den systemisierten Bezügen ernannt. Diese Ernennung wird allenthalben mit Freuden begrüßt werden, denn in Professor Goldziher hat der Lehrstuhl für semitische Sprachen und Literaturen einen Vertreter gefunden, der sicherlich berufen ist, den orientalischen Wissenschaften an der Budapester Universität große Dienste zu leisten, umsomehr, als sein mehr als dreißigjähriges Wirken auf diesem Gebiete bereits von den glänzendsten Erfolgen begleitet gewesen ist. Odeffa. Auch in Rußland giebt es Juden, die sich durch außergewöhnliche Leistungen Anerkennung erzwingen. So erhielt für seine Teilnahme an der Schlacht bei Mulden L. Tschcrnezky, Kapellmeister des 57. Mosliner Regiments, den St. Stanislausorden mit Schwertern, den persönlichen Adel und für seine Familie die erb< licheEhrenbürgerwürde. So erhielten ferner Ordensauszeichnungen die Milftärärzte D r. E. Herman und Dr. Bortschewsky (Sohn des gewesenen Kischinewer Rabbiners). G Feuilleton. G Der Cheitim-Rebbe und der Magid. Von Dr. I. Rabbinowicz. Mähr. Wciskirchen. (Fortsetzung). Durch volle drei Wochen verblieb der Magid in der Stadt und bot seine Leistungen dem Publikum jeden zweite» Tag dar, so daß er itit ganzen breimal in der Woche „austrat" und zwar intiner in der geschilderten Weise und immer mit demselben Erfolg. Der Eindruck, den sie hinterließen, war ein ungeheurer; während der ganzen Zeit sprach man fast von nichts anderem, als von deni Magid und von seinen Deraschoth. Das wäre an sich nichts Schlimmes gewesen, allein vieler bemächtigte sich geradezu ein religiöser Wahn; sie gaben die Geschäfte auf, verkauften ihre Habe, lvanderten nach Palästina . aus und vermehrten so dort die Schar der armen Leute, denn von einer Kolonisation in diesem Lande war damals noch nicht die Rede, auch wollten diese religiösen Schwärmer gar nicht arbeiten, sondern lediglich durch Gebet, Kasteiungen und durch Thorastudium die erzürnte Gottheit versöhnen. Am schlimmsten aber erging cs unserem armen Cheitim - Rebbe. Während der Anwesenheit des großen Predigers konnte er seine Vorträge wegen der fehlenden Zuhörer nicht abhalten. Fa selbst der Schammes blieb nicht in der ihm sonst so licbgewordcnen Synagoge zurück, um seinem „Rebben" Gesellschaft zu leisten, sondern richtete alles für denselben her und ging in die „große Schul", den Magid zu hören, wobei er freilich nicht bedachte, das; er bei seiner Schwerhörigkeit doch überhaupt nichts hören könne. Der Cheitim - Rebbe seinerseits blieb während der ersten Woche der Anwesenheit seines Gastes in seiner Synagoge, und da er kein Publikum für seine Vorträge hatte, so benützte er auch die .Zeit, die sonst den Vorträgen gewidmet war, zum Selbststudium. Als er .aber am Freitag Abend in gewohnter Weise nach Hause kam, drangen die Frau und auch der Schwiegervater in ihn, daß Mich er das eine oder das andere Mal den berühmten Magid höre und er ließ sich überreden, einem solchen Vortrage beizuwohnen. Die außerordentlichen Erfolge des fremden Magid erfüllten den Cheitim-Rebbe umsomehr mit Neid, als er wußte, daß jener nicht durch den gediegenen Gehalt seiner Reden, sondern lediglichdurch äußere fünfte das Publikum hinriß. Wäre jedoch der Cheitim-Rebbe seinem ehrlichen Wesen treu geblieben, hätte er ein solch komödiantenhaftes Auftreten verabscheut und seine Vorträge wie gewohnt wieder ausgenommen, so wäre dies für sein Publikum, das infolge der Vorträge des berühmten Predigers außer Rand und Band geraten war, wie auch für ihn selbst sehr wohltuend gewesen, da er ja beruhigend auf das aufgeregte Gemüt der Leute einzuwirken berufen gewesen wäre. Leider verlor auch er das Gleichgewicht, und dies rächte sich an ihm selbst am bittersten. An einem Freitag Abend saß der Cheitim-Rebbe inmitten seiner Familie zu Hause. Sein Knimner war aber so groß, daß selbst der heilige Sabbat nicht vermocht hatte, den sonst so frommen und gottergebenen Mann aufzuheitern. Da nahm der Schwiegervater das Wort und sprach: „Die Leute wundern sich, daß Du noch immer Deine Vorträge nicht ausnimmst; hoffentlich tust Du es morgen." „Nein," erwiderte der Angeredete, „ich werde nicht mehr sprechen; ich komme mir selber so klein und ungeschickt vor, scitdenr „euer großer Magid" da war, daß ichden Mut zum öffentlichen Sprechen nicht mehr habe." „Und wovon sollen wir leben," wendete die Frau des Cheitim-Rebbe ein, „wenn Du Deine Stelle anfgibst?" Ihr Gatte hatte jedoch auf diese berechtigte Frage bloß ein Achselzucken und verfiel von neuem in sein dumpfes Brüten. Eine Weile herrschte allgemeines Schweigen; die Stimmung war peinlich, und um sie zu beheben, stellte sich einer der Söhne unseres Rebben, ein mutwilliger Knabe von vierzehn Jahren, in die Mitte des Zimmers und begann mit großer Geschicklichkeit den „berühmten Magid" nachzuahnien. Während nun die anderen Familienglieder sich, über die Begabung des Kuaben freuten und auf eine Weile den Kummer, der sie alle bedrückte, vergaßen, ging mit dem Cheitim-Rebbe eine große Veränderung vor. Erst wollte er sich auf den Knaben stürzen und ihn dafür züchtigen, daß er ihn an den Mann, der durch sein Erscheinen so viel Unheil gestiftet, noch yiehr erinnere; dann aber besann er sich und hörte die Kunststücke des Sohnes mit freundlichen! Lächeln an, und auch die Mutter, die, als sie bemerkte, welch' entsetzlichen Eindruck das Spiel des Knaben mache, ihn unterbrechen wollte, stand jetzt davon ab und ließ ihn gern, gewähren. Nachdem der Knabe geendet hatte, trat zur großen Verwunderung aller Familienmitglieder der Cheitim - Rebbe in die Mitte des Zimmers und begann selbst in der Weise des Magid vorzutragen. Der Schwiegervater schüttelte bedenklich das Haupt; noch mehr jedoch mißfiel es ihm, als der Cheitim- Rebbe nach seiner Vorstellung erklärte, er werde nunmehr als Magid (Wanderprediger) in die Welt ziehen, da auch er seines Erfolges in fremden Gemeinden sicher sei. Alle. Vorstellungen des praktisch klugen Mannes, des Schwiegervaters, waren vergebens: der Cheitim-Rebbe trat seine Kunstreise an. Die Stadt Ksinm nahm er als erstes Ziel seines Ausfluges, und er wußte es dort derart einzuleiten, daß zu seinem ersten Vortrage ein zahlreiches Publikum erschien. Nun begann der Vortrag. Kaum aber hatte der neue Wanderprediger in der Weise des R. . . . r Magid eine Weile etwas Heiteres vorgetragen, als die Zuhörer in Lachen ausbrachen. Der Cheitim- Rebbe, der nichts anders dachte, als daß dies die Wirkung seiner Rede sei, erging sich noch mehr in dieser trivialen Art; allein bald erkannte er zu seinem Schrecken,- daß das Lachen seiner Person selbst gilt. Das machte ihn wütend. Er änderte den heiteren Ton und begann mit furchtbarer Stimme zu klagen, aber auch dies wirkte so komisch auf die Versaminelten, daß diese, die Heiligkeit des Ortes vergessend, sich vor Lachen förmlich schüttelten; einige griffen sogar nach den Handtüchern an der Türe und nach ähnlichen vorsindbaren Gegenständen, ballten diese Dinge zusammen und schleuderten sie so nach dein Haupte dies unglücklichen Cheitim-Rebbe. Dieser jedoch blieb trotz alledem auf seinem Platze stehen und redete sich mehr und mehr in eine Wut hinein, so daß cs den Leuten unheimlich zu werden begann und sic Hie Synagoge verließen; nur diejenigen', welche in diesen! Bethause zu „lernen" pflegten, holten ihre Bücher hervor und vertieften sich bald in dieselben, ohne sich um das Treiben unseres Cheitim-Rebbe weiter zu kümmern. Dieser tollte fort, bis er sich heiser geschrieen und ihn die Kräfte schon zu verlassen drohten; dann erst stieg er von der Kanzel herunter und gesellte sich zu einem Mann, der der Kanzel gegenüber saß und mit großer Aufmerksamkeit auf die Ausführungen des Vortragenden zu lauschen, ja, der sogar derart ergriffen zu sein schien, daß er heiße Tränen vergaß. Zu diesem also gesellte sich der Unglückliche und sprach zu ihm: „Ihr habt gesehen, was mir soeben in dieser gottlosen Stadt widerfahren ist; Ihr werdet Euch aber gewundert haben, daß ich trotz der mir angctanenen Schmach meinen Platz' nicht verließ und vielinehr stehen bleibend die Rede sortsetzte; nun wisset, Ihr wäret es, der mich ermutigt, uicht zu weichen, sondern den Schimpf mit Geduld zu ertragen. Ihr habt zugehört und bei meinen Worten geweint. Da fiel mir die Geschichte von Sodom und Lot ein und ich dachte: auch diese Stadt ist ein Sodom; vielleicht ist dieser Mann ein Lot, seinetwegen muß ich mir alles.gefallen lassen." Der Mann verstand kein, Wort von deni, was der äufgeregte Cheitim-Rebbe zu ihm sprach und er beschränkte sich darauf, ans Höflichkeit mit dein Kopfe zu nicken, als jedoch der Cheitim-Rebbe fragte, was ihn an der Rede so besonders ergriffen, daß er so bitterlich weinte, begann er seine Geschichte zu erzählen: „Ich bin Moscheh Goldführer" (Kanalputzer). — Bei diesen Worten wurde es dem Cheitim-Rebbe klar, woherder häßliche Geruch rühre und warum in der Nähe /eines neugewonnenen Freundes niemand zu sehen war. — „Ich habe zwölf Kinder zu erhalten, niit dem Verdienst geht es nicht am besten. Doch solange wir noch die Koza (Ziege) hatten, ging es gut, weil doch wenigstens für die Kinder Milch ini Hause war; nun ist aber unsere Koza verendet und es geht uns schlecht. Euer Bärtchenaber, Reb Magid, erinnerte mich besonders beim Sprechen an meine Koza, so daß ich immer an sie denken mußte und daher weinte ich." Moscheh Goldführer wollte noch weiter sprechen; da schaute er auf seinen Nachbar und hielt inne. Dieser hielt den Kopf mit beiden Händen und weinte, indem er vor sich hin sprach: „Mein Gott, mein Gott nicht einmal einer wurde durch meine Rede erbaut. Und die Täuschung hat mär so weh getan. Achs wie schmerzt doch die Wirklichkeit!" Moscheh schaute während dieses Schmerzensausbruches unverwandt ans den Fremden, er konnte es gar nicht begreifen, daß seine unschuldigen Worte dem Mann so weh hatten tun können. Dann als er bemerkte, daß der Rebbe sich zu beruhigen begann, sagte er ganz zerknirscht: „Mir scheint, baß ich Euch beleidigt habe; verzeiht es mir! Ich bin, wie Ihr ja seht, ein einfältiger Mensch, der nicht weiß, was er spricht, daher dürft Ihr es mit mir nicht so -genau nehmen." Und dann, als der Fremde noch immer schwieg, fügte er hinzu: „Ich weiß, daß Ihr als gottessürchtiger Mann verzeihen werdet; doch als Zeichen dafür müßt Ihr heute mein Gast sein. Ich bin freilich ein ariner Mann, doch besitze ich ein eigenes Häuschen und kann einem Gast ein Lager darin bereiten; auch hat inich heute Gott gesegnet, denn ich habe einige Kopeken verdient und'so werden wir etwas zum Nachtmahl zu essen haben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.