Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 22 (8.6.1905)
- Date
- 1905-06-08
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. . einige Male, vielleicht nicht ganz ohne Ironie genannt — er kann sich dazu nicht entschließen. „Ich kann nicht auslösen, denn ich könnte mein Erbe vernichten". Anders unser Boas, er versammelt sich 10 Männer der Stadt als Zeugen, und in feierlicher Weise erwirbt er von dem eigentlichen Gauöl das Recht, die Felder Elimelechs zurück zu kaufen und „g l e i ch z e i t i g", so spricht er vor den Zeugen, „habe ich mir d i e M o a b i t e r i n Ruth zur Frau erworben, a n f z u r i ch t e n den N a - inendes Verstorbenen auf seinem Erbgut, damit nicht u u t e r g e h e der Name des V e r st o r b e n e n unter seinen Brüdern und vom Tore seines Wohnorts." Alles Volk ist befriedigt von dieser Lösung, kein Widerspruch und kein Zwist — kein Neid und keine Mißgunst und alle segnen Boas und seine ihni soeben angetraute Gattin. — Noömis Herzenswunsch geht in Erfüllung, ihr herbes Geschick ist beendigt, und nicht herrlicher hätte unser Buch schließen können, als uns den einstimmigen Jubel der Nachbarinnen zu schildern': „Julad bcn lenoomi". Nochmals findet cs der Verfasser nötig, vom Stammvater an, die Gcschlechtsnachfolge mitznteilen, gekrönt mit König Tavid. Wir haben in diesen Darlegungen versucht, das Charakteristischste der Helden unseres Buches einigermaßen klar zu machen, und dürfen, um zum Schlüsse noch ein allgemeines Wort zu sagen, wohl Folgendes resümieren: Wenn Schir haschirim das .Hohe Lied der Liebe Gottes zu seinem Volke und der Liebe Israels zu seinem Gotte genannt werden kann, M e g i l l a t h Rüth ist das Hohe Lied der Menschenliebe. Wie es inniger niemals ein Dichter besungen, so werden uns hier in anspruchsloser Weise ein paar Menschen und ihre Schicksale vor die Seele geführt, die geeignet sind, das Gespenst des Pessimismus und des Weltschmerzes in uns, das wohl hie und da uns zu überwältigen droht, zu bannen und auszurotten. — Männer wie Boas zu werden, F r a u e n wie N o ö m i und Ruth, sie in ihrem Tnlimus uns zum Vorbild zu nehnren, das möge das Fazit der Lektüre unseres Buches bilden, das möge aber auch das Fazit des kurzen Schcwnoth- Festes, des Jauni Btattau Tauroh, für uns darstellen. — Jeder Tag i st I a u m M a t t a n T a n r o h, an jedem Tage ist uns die Thora neu geschenkt, an jeden: Tage finden wir Gelegenheit, in de» Helden unserer Megillath Ruth immer eine andere Seite ihres Charakters, unsere Meister und Vorbilder zu bewundern. Einst wird die Zeit kommen, da endlich Boas und Ruth, nicht nur Lehrer des jüdischen Volkes, sondern Lehrer der Menschheit geworden, wo das Mordschwert der Völker für immer stumpf ge - worden und alle Völker der Erde dem s p ä t e st e n Nachkommen d e r M o a b i t e r i n Ruth, dem M e l e ch H a m o s ch i a ch, ihre Verehrung z o l l e n, u n d d i e geeinte Welt Isroel gleichsam zujubeln wird: „Dein Volk i st mein Volk, Dein Gott ist mein Got t!" Raschifeier- Von Rabb. Tr. Kahn in Eßlingen. Im Juli d. I. (Tammus 5565) werden es 800 Jahre, daß der große Bibel- und Talmuderklärer Rabbi Salomo ben Jsak, Rasch! genannt, zur Ewigkeit eingegangen ist. Keiner unserer Großen ist durch seine Werke von so großem Einflüsse für unsere Glaubensgemeinschaft geworden, als Raschi; keiner hat solche" Popularität erlangt und keines Mannes Werke haben solchen Eingang in das jüdische Volk gefunden, als diejenigen Raschis. Nicht allein die Männer der zünftigen Wissenschaft und der tiefen Talmudforschung, sondern auch jedermann aus dem Volke kannte und studierte Raschis Erklärungen, sei es diejenigen zum Talmud, sei es diejenigen zu den fünf Büchern Mose's. lind noch heutige» Tages ist das Studium Raschis der Beginn und die Grundlage jedes erweiterten Religionsunterrichtes. Ta es nun Aufgabe zahlreicher jüdischer Frankfurter JsraelrtiMÄ FomÄlienblatt. Vereine in unserem Vaterlande ist, die Wissenschaft und Geschichte des Judentums zu pflegen und das Andenken an unsere großen Männer wach zu halten, so halte ich es für eine hervorragende Pflicht unserer Vereine und besonders unserer Schulen, daß sie das Andenken dieses um das geistige Gut unseres Stammes so hochverdienten Großen in würdiger Weise feiern. In erster Reihe denke ich mir, daß von den Vereinen geeignete Herren veranlaßt werden, in allgemein zugänglicher Oeffcntlichkeit einen der Bedeutung des Gefeierten entsprechenden Vortrag über sein Leben und Wirken zu halten, sodaß alle Glaubensgenossen eine Vorstellung von seiner hohen Bedeutung erhalten. Ferner dürfte es angebracht sein, daß die Vereine und Privatleute aus ihren Fonds Beiträge leisten zu der zu errichtenden Raschistiftung, welche den Zweck hat, einerseits noch ungcdruckte, nur im Manuskript vorhandene Werke Raschis drucken zu lassen, andererseits Jünger der jüdischen Wissenschaft in ihren Studien zu fördern. Ter Meister der. jüdischen Wissenschaft, Herr Salomon Buber in Lemberg, nimmt solche gerne entgegen. Wenn wir sehen, wie unsere Landsleute das Andenken Schillers feiern, so dürfen wir Israeliten nicht zürückbleiben, wenn es gilt, einen wahren jüdischen Großen zu ehren. Aus den „Pirke Owaus" (Sprüche der Väter) nach dem Buche „Jvu Lwonaun" des Rabbi Naphtali Herz Wesel (Hartwig Weselly). ni. „Antigonos aus Sachau empfing von Schimeon hazadik. Er Pflegte zu sagen: „Seiet nicht wie Tiener, die den Herrn bedienen in der Absicht, Lohn zu empfangen, sondern seiet wie Tiener, die den Herrn bedienen nicht in der Absicht, Lohn zu empfangen und es sei die Ehrfurcht des Himmels über euch." Antigonos schließt sich mit seinen Lebensregcln eng an den Msspruch seines Lehrers Schimeon hazadik an. Seine Worte bilden die nähere Erklärung zu den Begriffen:tauro, awaudoh, gemilus ch a s o d i m. Ter wahrhaft Gott dienende Jude muß die Erkenntnis der Gotteseinheit, muß das Bewußtsein von der Allmacht des Schöpfers sich so zu eigen gemacht haben, daß er sich in seiner ganzen, im Sinne des Gottesgesetzes geregelten Lebensführung von keiner einengenden Fessel bedrückt fühlt, vielmehr frei und willig sich als ungebundene Natur in den Treust des Höchsten stellt. Nur so ist das Wort des Antigonos zu verstehen. Seiet nicht wie Diener, die in dieser Zwangslage keinen anderen Gedanken hegen, als das Verlangen nach der einstigen Belohnung. Ter Lohn und die Hoffnung ans ihn ist nicht das Unwürdige. In welchem Verhältnis sich der Geselle zum Meister befindet, ist allein entscheidend für dessen Ausfassniig von seiner Entlohnung. Aus mannigfachen Thornstellen ist die Verheißung auf Belohnung ersichtlich. Ucberall aber ist dabei die Erkenntnis lauterster Gottesverehrung, wie Schimeon hazadik sie in t a u r o proklamierte, vorausgesetzt, was für den wahren Gottesdiencr zum Ausdruck gelangt in deni Bewußtsein der freien dienenden Hingabe an Gott. Ter negativen Sentenz ist die positive gegenübergestellt. Es heißt nicht etwa: „Seiet nicht wie Diener, die Gott dienen in der Msicht, Lohn zu empfangen, sondern in der Absicht, keinen Lohn zu empfange n". Nein! Tentlich sagt Antigonos, vollständig losgetrennt von dem einleitenden Gedanken: „Sondern seiet wie Diener, die den Herrn bedienen, nicht in der Msicht, Lohn zu empfangen." Obgleich ihr euch bewußt seid, daß der gerechte Richter euerer Taten euch den Lohn nicht vorenthalten wird, rechnet nicht auf diesen Lohn. Hingebende Liebe allein sei der Leitstern eueres Erdenwirkens und in dieser heißen, ehrfürchtigen Hingebung werdet ihr euch so als Gottesdiener ohne Nebengedanken bestärkt fühlen, wie einst die Väter in Mizraim, an die es im Anschlüsse heißt: „Denn mir sind die Söhne Israels Tiener, meine Tiener sind sie, der ich euch aus dem Lande Mizraim herausgeführt habe." Ein großes Maß von Veredelung des' Innenlebens verlangt aber solches Wirken und in seinem Brennpunkte brechen sich die Strahlen wahrhaften Gem i l u s ch e s e d s. „Und es sei die Ehrftircht des Himmels über euch." Tas Bewußtsein göttlicher- Mlmacht, die liebende Hingabe an ihn und sein Gesetz (t a u r o und gemilus chesed) ist nicht gleichbedeutend mit der Ehrfurcht vor Gott. In jenen Momenten des menschlichen Lebens, wo entweder die Freude oder der Schmerz leicht den Sette 11. Sinn des Menschen betört, hält das Gemüt der Stimme der Vernunft oder dem Schlage des Herzens oft nicht stand. Nur der Aufblick zu der alleserhaltenden mächtigen Gewalt Gottes kann dann den Menschen über die Leidenschaft des "Augenblickes hinwegheben. In jeder Phase des Menschenlebens kann Sinnestäuschung auch die besten Geister verwirren wollen und nur „mauroh schomaijim", die Ehrftircht des Himmels, der Blick empor zu den Sternen bildet dann noch den Lotsen aus der Fährnis wildleidenschaftlicher Brandung. Für awaudoh, für jede Art persönliche» Strebens gilt deshalb dieser Leitsatz. Seine Verwirklichung ist ebensowohl geeignet. Schwankende auf den Weg der Wahrheit zu retten, als auch Verzagende vor dem Verlassen des Rechtspfades zu schützen. Aus aller Wett. Rußland. Warschau. Am 21. und 22. Mai fand hier eine aus 58 Delegierten bestehende Versammlung einer großen Anzahl Vereine (Verein der Rechtsanwälte, der Schriftsteller, der Aerzte, der Apotheker, Ackerbau-, Frauen-, Eisenbahn-, Ingenieur-, Lehrer-Vereinen usw. usw.) statt. Die Versammlung hatte zum Zweck, einen Bund aller liberalen Vereine des russischen Reichs zu gründen. Die Versammlung befaßte sich auch mit den Vorgängen in Shitomir, sie sprach ihre Entrüstung aus und nahm folgende Resolution an: Die Versammlung protestiert auf das Schärsste gegen die von den Behörden betriebene systematische Aufreizung der Massen gegen die Jüden. Die Versammlung erachtet es für notwendig, aufzudecken all' die häßlichen Vorgänge, die sich im Geheimen abspielen, und das Publikum darüber aufzuklären, wessen Werk das ist und was damit bezweckt wird: man will die Verwilderung der Massen, und man will, uni von der Regierung die Schuld abzuwälzen, zeigen, daß an der Misere Rußlands nur die Juden die Schuld tragen. Die Versammlung glaubt, daß die Aufreizungen gegen die Juden nur deshalb möglich sind, weil diese entrechtet sind, und sie erachtet es daher als ihre Pflicht, dahin zu streben, daß die bürgerlichen und nationalen Rechte des jüdischen Volkes mit den Rechten der anderen Nationalitäten in Rußland gleich gestellt werden." — Die „Poawa" veröffentlicht einen Protest von 27 Professoren gegen die Vorgänge in Shitomir und insbes. gegen die tendentiös entstellte offizielle Erklärung der Regierung über die Ursachen der Exzesse in Shitomir. Personalien. Tarmstadt. Der bisherige Privatdozent an der technischen Hochschule in Tarmstadt, Dr. C. P. Feld mann, ist zum ordentlichen Professor der Elektrotechnik an der politechnischen Schule in Telst ernannt worden. Er ist der Verfasser eines Werkes über „Wechselstromtransformationen" und mit dem Ingenieur I. Herzog hat er die „Berechnung elektrischer Leitungsnetze" und „Tie Verteilung des Lichts und der Lampen bei elektrischen Beleuchtungsanlagen" herausgegeben. Charlottenburg. Anläßlich der Einweihungsfeier des neuen Instituts der Technischen Hochschule in Dresden wurde der Chemiker Professor Adolf Frank zum Ehrendoktor ernannt. Crallsheim i. Württemberg. Am Montag, den 29. Mai, wurden die sterbliche» Ueberreste der im 69. Lebensjahre verstorbenen FrauHannchenSüßf e l d unter großem Gefolge zur letzten Ruhe geleitet. Am Grabe sprach zuerst Herr Lehrer Strauß- Crailsheim. Er entwarf ein wahrheitsgetreues Bild der Verstorbenen, er pries ihre Wohltätigkeit, niemals habe ein Armer sie vergebens um etwas gebeten, und er rühmte ihre Frömmigkeit — mit echt jüdischer Geduld habe sie alles ertragen.was ihr auferlegt ward, und auch den schwersten Schlag, den Verlust dreier Kinder habe sie durch treues Gottvertrauen überwunden. Hiernach ergriff Herr Rabb. Dr. Berlinger- Braunsbach das Wort. Auch er rühmte die Frömmigkeit und den edlen Sinn der Verstorbenen. Das Wort eines Weise» „man solle sich nicht zu sehr freuen, wenn ein Mensch geboren würde, denn man wisse nicht, was ihm beschicken sei: man solle aber auch nicht zu sehr trauern, wenn ein Mensch sterbe, denn er trete in eine bessere Wjett", könne man auf die Verstorbene anwenden, denn sie habe viel Kummer auf Erden gehabt, aber auch ein unerschütterliches Gottvertrauen und so sei ihr Tod ein Eintritt in das viel schönere und bessere Leben, des Jenseits, in dem sie den Loh» für ihr pflichtgetreues Erdenlcben empfangen werde. Wie«. I. H. Weiß, ein Nestor der jüdischen Gelehrtenwelt, der berühmte Antor der „Geschichte der jüdischen Tradition", ist am 30. Mai im Alter von 91 Jahren sanft verschieden. Oberrabbiner Dr. Güdemann schrieb über den Verstorbenen: „I. H. Weiß ist kein „zünftiger" Gelehrter, d. h. er hat weder