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Neue jüdische Presse · 1905-06-08 · Heft 22 (8.6.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 22 (8.6.1905)
Date
1905-06-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Geite 4. Die Genossenschästsvorstehung hat nämlich ihre Mitglieder von der Aufhebung des Schächtverbotes mit folgender Bemerkung in Kenntnis gesetzt: „Mit Recht verweisen die jüdischen Kollegen darauf, daß auch das Jungvieh ohne vorherige Betäubung getötet wird und das Kalb wohl dasselbe Empfinden hat wie das Großvieh. Daß die jüdischen Fleischhauer weniger human wären als die Fleischhauer christlicher Konfession, wird wohl niemand zu behaupten wagen; sie erfüllen mit dem Schächten lediglich eine Religionsvorschrift, über deren Zweckmäßigkeit wir aber nicht zu urteilen haben, wie sich ja auch die christlichen Religionsgebräuche dem Urteil Andersgläubiger entziehen. Daß aber das Schächtverbot tatsächlich eine Schädigung der jüdischen Fleischhauer (der christlichen, sogenannten Koscher-Metzgcr nicht?) bedeuten würde, steht außer Zweifel, wenn man die Stellungnahme des jüdischen Klerus zur Schächtfrage in Betracht zieht, der damit droht, geschlichtetes Fleisch von auswärts einführcn zu lassen, sobald ein Schächtverbot in Kraft tritt." K. Wien. Im vorigen Jahre brachten wir in einem besonderen Entrefilet die Nachricht, daß in Oesterreich-Ungarn mit G. M. Ritter von Schweitzer der erste jüdische Truppengeneral ernannt wurde. Wie nun mit Bestimmtheit verlautet, hat der Herr General den Ballast seines Judentums abgeworfen, um die nächste Sprosse der Leiter zu erklimmen. Es genügte ihm nicht, jüdische Militärtüchtigkeit durch sich zu beweisen, er wollte auch darlegen, daß mit derselben Charaktertüchtigkeit nicht notwendig verbunden ist. Rußland. Wllua. Der .Hasman" veröffentlicht in No. 107 den folgenden Privatbrief vom mandschurischen Kriegsschauplätze: Mein teurer Vater! In meinem letzten Briefe, den ich Tir am Ercw Pesach geschrieben, sprach ich Dir gegenüber meinen tiefen Schmerz, daß es mir dieses Jahr nicht möglich sein wird, die Mizwoh Achilas Mazzo zu erfüllen, aus. Aber nachdem ich den Brief an Dich abgesandt hatte, rafften wir, ich und noch ein jüdischer Soldat, uns dennoch auf, und wir gingen zu unserem Oberst, um die Erlaubnis zu bekommen, uns nach Mazzaus umsehen zu dürfen. Wir bekamen die Erlaubnis, und machten uns sofort auf den Weg zu der Nächstliegenden Station. Es war ein sehr regnerischer Tag, der Weg voller Wasserpfützen und sehr schwierig zu begehen. Trotzdem wateten wir uns die 7 Meilen durch Auf der Station angelangt, erkundigten wir uns nach jüdischen Soldaten und da sagte man uns, daß auf dem nutzsten, 2 Meilen entfernten Dorfe Mazzaus aus Rußland eingetroffen seien. Unsere Freude war außerordentlich, und mit fröhlichem Herzen gingen wir dem bezeichneten Ziele zu. Unterwegs aber trafen wir eine Anzahl jüdischer Soldaten, die sich gleichfalls Mazzaus hatten holen tvollen und nun ohne dieselben niedergeschlagen und trostlos zurückkehrten. Wir ließen uns trotzdem nicht abschrecken und gingen weiter. In dem Torfe fanden wir eine unzählige Menge jüdischer Soldaten, die von verschiedenen Orten herbeigeströmt waren und nun dastanden init gebückten Köpfen, verzweifelt und mutlos. Als ich dieses Bild sah, da ward es mir traurig, aber auch wohltuend zu Mute. Tie Leute in Rußland hatten wohl sicherlich gedacht: „Wo werden sich die Soldaten auf dem Kriegsschauplätze um Mazzaus kümmern"; wenn sie aber dieses Bild vor Augen gehabt hätten, dann würden sie anders gehandelt haben und hätten das doppelte und dreifache Quantum geschickt. In Wirklichkeit ist uns gerade hier, fern von unseren Lieben und von der Heimat, wo der Tod stündlich vor unseren Augen steht und wo wir von allem Jüdischen getrennt sind, unser Herz uns doppelt gebrochen, wenn .wir nicht einmal eine Sache, die uns mit unserem Volke verbindet, wie Mazzot am Pesach, erfüllen können. Es waren also zu wenig Mazzaus vorhanden. — Tas Ende war, daß mein Kamerad glücklicherweise einen der jüdischen Köche kannte und durch denselben — wenn auch nur mit Schwierigkeit — einen Sack Mazzaus erhielt. Wir nahmen den Sack auf unsere Schulter und kehrten freudig wie unsere Vorfahren bei ihrem Auszuge aus Egypten, zu unserer Kompagnie zurück. Müde kamen wir gegen Abend an, machten unseren Sedertisch zurecht und kochten Tee, der uns an Stelle des Weines als „Arba Kansaus" dienen mußte. Wir fragten die „Kaschjaus" — „Kaschjaus" hatten wir dieses Jahr mehr wie genug — sagten Awodim hojinu und fühlten uns glücklich, gleich unsere» Brüdern am Sedertischc zu sitzen. Gintsulin. Judclewiz. G Feuilleton. G Der Cheitim-Rebbe und der Magid. Von Dr. I. Rabbinowicz, Mähr. Weiskirchcn. . Gortsetzung). 2. Der Cheitim-Rebbe war ein großgewachsener, hagerer Mmm mit auffallend breiten Backenknochen; Frankfurter Israelitischer FamiNenblait. sein Kinn zierte oder verunzierte ein sogenannter Ziegenbart. Er war sonach nichts weniger als schön, allein beim Vortrag verklärten sich gleichsam seine Züge und der Ausdruck des Gesichtes war da ganz angenehm. Die Stimme war nicht stark, aber durchaus sympathisch Er sprach gewöhnlich sitzend zu einem Publikum und das Ganze hatte dadurch etwas Familiäres an sich; nur bei innerer Erregung stellte er sich auf, die Stimme jedoch hob er auch da nicht. Der Zuhörer fühlte aber beim Aufrechtstehen des Vortragenden eine Art von Unbehagen; freilich konnte niemand die Ursache dieses Unbehagens sich erklären, das änderte aber an der Sache nichts. Zum Glück blieb er nie lange aufrecht stehen, die Ruhe gewann bei ihm bald die Oberhand. Sehr hübsch waren die Gedanken, die dieser Vereinsrabbiner in seinen Vorträgen entwickelte. Er verstand es nämlich ebenso, aus den. heilige» Schriften eines Volkes olles, was für sein Publikum paßte, herauszufinden, als auch selber manchen Gedanken zu vertiefen und besonders gelang es ihm, an nett gewählten Beispielen aus dem Gedankenkreis seiner Hörer sich vortrefflich verständlich zu Machen. So behandelte er beispielsweise aus dem Sohar vor seinen Zuhörern nicht die übersinnlichen Ausführungen dieser Schrift, sondern lediglich das, was die einfachen Handwerker mit ihrem Alltagsverstand begreifen mußten. So zitierte er beim Besprechen des Themas über die Leidenschaften die im Sohar enthaltene Deutung des biblischen Wortes: „Vor der Türe lagert die Sünde" auf die Leidenschaft, wonach diese als die Quelle aller Sünden erscheint. Beim Kapitel „Büßfertigkeit" wies er auf das Huhn hin. Dieses scharrt mit Vorliebe im Staub; natürlich setzen sich dadurch 'tausende von Staubkörnchen in den Federn fest. Was tut nun das Huhn, um sich vom Staube zu befreien? Es schüttelt sich einigemale kräftig, her Staub verfliegt und das Gefieder ist nunmehr ganz rein. Würde jedoch das Huhn nicht selber auf diese Art sich reinigen können und wollte es jemand versuchen, den Staub aus dem Gefieder zu entfernen, wie diel Mühe und Zeit würde diese Prozedur in Anspruch nehmen! — auch wäre sie wahrscheinlich für das Huhn sehr schmerzhaft. — Auch der Mensch wälzt sich im Staube der Sünde. Bereut er seufzend aus voller Seele, was er getan, zweimal, dreimal — ist ihm die Sünde verziehen und er ist frei vom Staube. Tut er dies aber nicht, so versucht die Vorsehung die Reinigung durchzuführen; in diesem Falle mag sie freilich langwieriger und auch schmerzhaft sein. Da kommt dann über den Menschen alles das, was er in seiner Kurzsichtigkeit als zufällige Schicksalsschläge bezeichnet, die aber in Wahrheit nichts anderes sind, als ein Reinigungsprozeß, den die Vorsehung an ihm vornehmen läßt. Meisterhaft erschien uns Bachurinl das System, das er bei den Vorträgen einhielt und umsvniehr mußte uns die glücklich Wahl in der Anordnung der Thematas imponieren, als wir nach dieser Richtung nichts weniger als verwöhnt waren. Wir fragten ihn daher, wo und wie er diese hübsche Einteilung seines Stoffes gelernt habe, worauf er uns erwiderte, daß ihn: hierbei sein früherer Beruf als Schneider zustatten käme. „Ter Schneider," sagte er, „ivird doch nicht auf einmal Rock, Hose und Weste zuschneiden oder gar nähen wollen, sondern wird vielmehr wohl das Ganze ins Auge fassen, jedoch hübsch ein Stück nach dem andern anfertigen und selbst bei demselben Kleidungsstück, während er an dem Aermel näht, nicht auch zugleich die Taschen einsehen wollen. — So, dachte ich, darf auch der Rebbe bei der Anfertigung eines guten Anzuges für den inneren Menschen, für die Seele, nicht alles zusammen und alles durcheinander arbeiten. Tenn nicht nur für den Körper, müßt ihr wissen, braucht der Mensch einen Anzug, sondern auch für die Seele. Nur besteht der Anzug für die Seele nicht aus greifbaren Stoffe», sondern aus einer für unsere Sinne nicht wahrnehmbaren Materie — aus „der Tugend; das Verfahren' bei der Anfertigung beider Anzüge muß sich jedoch gleich bleiben." Solchen Voraussetzungen folgend, sprach der Cheitim-Rebbe zu seinem Publikum erst über den Stoff, aus welchem er sie lehren wollte, Kleider für den inneren Menschen anzufertigen, nämlich über die einzelnen Arten der Tugend und ihres Gegensatzes. Bei Besprechung der Tugend als solche machte er einst folgende Bemerkung: „Tie Tugend kommt natürlich von Gott; nicht minder aber stammen auch die sogenannten Untugenden, loie Stolz, Hcrzenshärte, Haß, Zorn, Neid, Trägheit usw. von Gott. Auch diese Eigenschaften haben ihr Gutes für den Menschen, nur darf er bei der Anwendung derselben im Maße sich nicht vergreifen." „Uebrigens", fügte er hinzu, „gift ja dasselbe auch von der Tugend, auch diese darf nicht ins Unendliche gesteigert werden. Brot hat Gott dem Menschen zur Nahrung gegeben; übermäßig genossen kann jedoch dieser sonst das Leben erhaltende Stoff ihm den Tod bringen; wiederum ist es zuweilen gerade das Gift, das dem Menschen das Leben erhält. So kommt cs also hauptsächlich auf das Quantum des Brotes oder des Giftes an, das wir genießen und ebenso verhält es sich auch mit den Tugenden und Untugenden." Nr. 22. „Wir Menschen," sprach der Cheitim-Rebbe weiter, „dürfen unser tägliches Brot, auf welche Art immer — nur nicht auf unehrliche Weise — Verdienen. Ihr. z. B., erwerbt es Euch als Schneider. Um die Speisen aber genießen zu können, müssen diese vom Koch zubereitet werden; auch die Speisen für die Seele muß ein richtiger Koch entsprechend zu mischen verstehen. Ter Koch nimmt verschiedene Zutaten, er verwendet Fleisch, Wurzelkräuter, Wasser, Salz .und Gewürz und bereitet einer kräftige Suppe, oder er mengt Mehl, Zucker und Eier, und es entsteht ein anderes schmackhaftes Gericht; natürlich ist seine Aufgabe, zu wissen, Ivelches Quantum er von jeder dieser Zutaten zu nehmen hat, wobei ihm eine zuverlässige Wage gute Dienste leistet. — - Tugenden und Untugenden, in richtigen! Maße vermengt, geben ein gutes Gericht für die Seele, selbstredend mutz von dem einen ein größeres Quantum als von dem andern beigemengt werden. Rechtlichkeit, zufriedener Sinn, Bescheidenheit usw.. müssen das Gewicht der bösen Eigenschaften der inenschlichen Seele überwiegen. Tie Speisen für den Leib bereitet gewöhnlich ein anderer; bei Euch ist es das Weib. Für die Seele jedoch hat jeder selbst seine Speisen zuzubereiten und so ist jedermann nebst seinem gewöhnlichen Berufe auch sein eigener Koch. Tnrch Krankheit verliert der Mensch mitunter den Geruch- und den Geschmacksinn, so daß ihm das Bittere süß und das Süße bitter erscheint oder ihm überhaupt jede Empfindung in dieser Richtung fehlt; ein solcher Mensch eignet sich nicht zum Koch. Aber auch bei 'Irankheit der Seele kommt es vor, daß der Mensch die Fähigkeit nicht mehr besitzt, das Gute vom Bösen 'zu unterscheiden, daher ein solcher auch ein durchaus schlechter Koch für Speisen ist, die der Seele als Nahrung dienen sollen, und von solchen Menschen spricht der Prophet: „Wehe denen, die da nennen das Böse gut und das Gute höse, die da machen Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis, ja, machen das Bittere zum Süßen und das Süße zum Bitteren." HL So wirkte und lehrte unser Chcitiln-Rebbc segensreich und fühlte sich selbst in diesem seinem Wirkungskreise recht glücklich und zufrieden. Freilich kann man mit vier Rubel die Woche bei einer zahlreichen Familie — die Kinderzahl des Cheitim-Rebbe war inzwischen auf acht angcwachsen — selbst in Rußland keine großen Sprünge machen; allein wie viele gibt cs dort, die nicht einmal so viel Einkommen haben und doch auskommen müssen. Ueberdies hatten ihm sein Weib und sein frommer Schwiegervater, der nicht wenig stolz auf den Eibanl war, jede materielle Sorge abgenominen. Da »rußte der Neidwurm sich bei ihm einschleichen, und alles nahm mit einein Male ein entsetzliches Ende. Und das war folgendermaßen zugegangen. An einem Wochentage hörte man einmal „in Schul rufen"; dieser Ruf zu solch' ungewöhnlicher Zeit brachte in der Stadt eine große Bewegung hervor. Regelmäßig wurde „in Schul gerufen" am Nüsttage des Sabbat und der Feste, dann auch während der Bußtage vor Tagesanbruch; sonst mußte es aber schon ein ganz außergewöhnlicher Fall sein: bei allgemeiner 'Not zur Abhaltung eines Bittgottesdienstes, ferner auch bei Anwesenheit eines großen Wanderpredigers. Tas letztere war der Fall an jenem Tage. Reb Chajim N. . .r, der große Magid (Prediger), kam in die Vaterstadt unseres Cheitim-Rebbe, daher das „in Schul rusen" und daher die Aufregung. Alles strömte in die „große Schul" und nun standen in derselben nach kurzer Zeit einige tausend Menschen dichtgedrängt Kopf an Kopf bei einander und warteten auf das Erscheinen des berühmten Magid. Dieser ist erschienen. Ein langgedehntes „Ah" — und die „Vorstellung" begann. Ja, es war dies kein Vortrag oder auch Predigt im allgemeinen Sinne, sondern eine Darbietung, die durch das Wort „Vorstellung" am ehesten noch annähernd bezeichnet werden kann. Ter berühmte Magid, ein Mann in den fünfziger Jahren, groß und breitschulterig, verfügte über ein wunderbares Organ und über eine sehr modulationsfähige Stimme, die i» die Herzen der Zuhörer sich einzuschmeicheln wußte und deren Macht so groß war, daß auch an sich ziemlich unbedeutende Worte, vom Magid etwas vibrierend gesprochen, das Publikuin zu Tränen rührten. Tie Vortragsart des Magid war bald die eines Tingel-Tangel-Lchauspielers, bald die eines Operettensängcrs, wie nicht weniger aber die eines Schauspielers in einer großen Tragödie. Seine „Vorstellung" pflegte er durch eine lustige Geschichte einzuleiten, wobei er einen Witz nach dem andern riß und bald im Tone eines Erzählers, bald in dem eines Teklamators sprach. Da die Zuhörer sich förmlich vor Lachen schüttelten, schrie er plötzlich und unvermittelt wie besessen auf; erschrocken starrte ihn alles an, und nun begann der tragische Teil der „Vorstellung", die sich von da ab auf mystischem Gebiete bewegte. Ließ er jetzt seiner Phantasie freien Lauf, daß die Zuhörer, die er init sich fortriß und die in seiner

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