Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 22 (8.6.1905)
- Date
- 1905-06-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seit. 5. Hand gleichsam ein Spielball waren, bald iin Himmel und bald in der Hölle zu sein glaubten, so wurden seine Gebärden nun vielleicht noch zügelloser; er sang, sprang, pfiff, schlug sich an die Brust, rang die Hände, stampfte mit den Füßen und hatte das Volk früher gelacht, so weinte es jetzt entsetzlich. Sah er die. geängstigten Gemüter ganz in seine Gewalt gegeben, drehte er sich mit Windesschnelle um, riß die Bundeslade, vor der er stand, auf, umarmte die Thora und begann, sie im Namen der „sündigen" Gemeinde um Verzeihung zu bitte». Taniit Pflegte gewöhnlich der Höhepunkt erreicht zu sein; es war aber auch schon die höchste Zeit dazu, denn die Aufregung der Gemeinde mochte nicht selten schon an Wahnsinn grenzen. Tann schloß sich das Abendgebet an, und nach Beendigung desselben stellte man zu beiden Seiten der Synagogentüre zwei Tischchen auf, auf deren jedem ein Zinkteller und eine brennende Kerze vorbereitet waren. Hinter jedem Tischchen postierte sich je ein Mann. Ties war das Signal, daß die Andächtigen beim Verlassen des Gotteshauses ihren Obolus auf die Teller hinlcgen sollten. Tie Teller waren auch bald voll; die beiden Männer zählten das Geld ab, wechselten es in größere Münze ein und übergaben den Betrag dem Magid. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Zur Ehre Gottes. Unweit der Stadt N., dicht an der Heerstraße, lag ein kleines Wirtshaus. An einem warmen, sonnigen Abend — die Gaststube war fast leer — saßen im Hintergründe derselben zwei Männer in eifrigem Gespräch. Sekundenlang verstummte dieses, dann fuhr der Jüngere wichtigen Tones fort: „Gewiß, sie werden bald kommen. Sie sind gar eifrig! In Köln haben sie etliche Juden bekehret." „Sie tun viel zur Ehre Gottes. Doch hieß es, der Haufe sei gen Frankfurt gezogen." „Ein falsches Gerücht, ehrwürdiger Vater. .Pater Raymond, ber jetzt in unserer heiligen Stadt weilt, gab mir bestimmte Nachricht, daß Peter die Wallbrüder nach Neuß geführt habe. Taselbst wohnen, wie ihr wißt, zahlreiche Juden." „Sie werden die hl. Taufe nehmen." „<5§ ist ein hartnäckig Volk, Ehrwürdigster. In Worms töteten sich ihrer achthundert, da sie solcher Gnade gewürdigt werden sollten." „Sie leugnen vergebens das Heil. Mithin haltet Ihr, lieber Bruder, es für sicher, daß sie vor unserer lieben Stadt erscheinen werden?" „Es ist ein großer, schwerfälliger Haufe, auch sind viel Weiber unter ihnen. Doch kommen sie gewiß, sintenialcn ihr frommer Eifer für die Ehre Gottes ein gar fürtrefflicher Wegweiser ist." An einem klaren Sommerabend — die Menschen kehrten von den Feldern zurück — verkündeten die Glocken die Ankunft der Wallbrüdcr. Wo sich die Landstraße in sanfter Biegung dem Auge verliert, erschien ein dunkler Punkt, der sich allmählich vergrößerte. Gruppen von Bewaffneten, geharnischte Reiter, Karren und Wagen voll lärmender Weiber füllten bald in größter Unordnung die Landstraße. Dazwischen Kinder und Hunde und der ganze Kram des Trosses, der sich langsam vorwärts bewegte. '! Woher kamen diese Menschen? Welcher Geist trieb sie in die Fremde? Das geschivätzige Volk, das sich mit Weib und Kind vor der Stadtmauer drängte, wäre die Antwort schuldig geblieben. Ter ehrsame Bürger, her nach des Tages Müh' der Ruhe pflegte, hätte sich auf solche Fragen gar nicht eingelassen. Weshalb? Kämpften jene nicht für die Ehre Gottes? Zwei Reiter, die den Zug führten, sprachen eifrig mit einem kleinen Alaune, der sich am Stadttore postiert hatte. Ter Hanfe, der ihnen folgte, stockte einen Augenblick: Tänn aber ergoß er sich, das Volk nachreißend, unaufhaltsam in die Straßen. Ter Pöbel schien darauf gewartet zu haben: Ein rasendes Geschrei, das nichts Menschliches mehr an sich hatte, erschütterte die Luft und übertönte selbst die Glocken, die einförmig dumpf herniederklangen. Ihre Klänge drangen auch zu jenen Unglücklichen, die Haß und Wahn von den Wohnstätten ihrer Mitmenschen vertrieben. Ahnten sie die ihnen drohende Gefahr? — Wer um die Abendzeit die Judenstadt betreten. hätte sich über die Rührigkeit ihrer Bewohner gewundert. Wohl lauschten sie den dumpfen Tönen und staunten ob des verworrenen Geräusches, das aus der Ferne herübcrdrang: Ihre Gedanken aber weilten bei dem nahenden Sabbat, zu dessen Empfang sie sich festlich rüsteten. In ihrem grenzenlosen Leid war er ihnen Freund und Tröster zugleich, der sie den Sorgen des Alltags entriß und zu reineren Höhen emporhob. Tie Frauen und Mädchen, die zur Ehre des Ruhetages das Haus schmückten, die Männer und Jünglinge, die ruhig und selbstbewußt die Schritte zum Gotteshause lenkten, sie hatten nichts mehr gemein mit dem elenden, von seinen christlichen Brüdern verachteten Juden. Mit dem Werktagskleid verschwand die trübe und gedrückte Stimmung, und mit frohem Herzen und kindlicher Freude empfingen sie den nahenden Sabbat. Am Ende des Jüdenviertcls, dicht bei dein eisernen Allsgangstor, stand das Gotteshaus. Frühere Geschlechter hattcir es zur Ehre Gottes erbaut. Greise, und Kinder, Männer und Jünglinge traten langsain ein, benetzten im Vorraum die Hände und nahmen behutsam ihre Plätze ein. Noch herrschte Ruhe in dein weiten Raume, mir die Mienen taten kund, was die Herzen bewegte. Ta begann der Chasan den Gesang, leise, sanft anschwellcnd: und jubelnd fiel die Gemeinde ein: „Auf, laßt uns singen des Höchsten Preis, ein Lied zur Ehre Gottes!" Sie sangen wunderbare, alte Weisen, deren Zauber die gequälten Seelen umfing und allen Groll, alle Bitterkeit hinwegnahm: tröstend, versöhnend, beglückend. Draußen war finstere Nacht. Geräuschlos öffnete sich das Tor und ließ zwei Männer ein. Aus den Fenstern des Gotteshauses brach ein Lichtschein, der die Gestalten gespenstisch beleuchtete. Sie blieben stehen und horchten gespannt in die Finsternis. Jenseits des Tores wurde es jetzt lebendig. Ein Geräusch, lvie das Getöse eines stürzenden Wasserfalls, klang näher und näher. Im Gotteshansc war es still; tötlicher Schrecken prägte sich auf den Gesichter», eine Ahnung des Kommende». Vorbei der schöne Traum, die selige Stimmung. . . . Jach sprang das Tor auf: Gleich dem Wildstroni, der über die Ufer braust, stürzte sich die betrunkene Menge in die menschenleeren Straßen, vergeblich ein Opfer erspähend. Ta bemerkten sie das hellerleuchtete Haus, die (flestaltcn der Betenden, die sich von den Fenstern abhoben: und ein Geheul, das aus der Hölle zu kommen schien, erschütterte die Luft. Jene sahen die tobenden Haufen, die drohend geschwungenen Fackeln der mordlnstigen Menge und ein Schrei der Angst durchzitterte das Haus. Ta geschah etwas Wunderbares. In einer Sänfte am Fuße des Mmemors ruhte ein Greis, gebeugt von der Last der Jahre. Er sah die Verzweiflung seiner Brüder und die Angst vor dem grausamen, unerbittlichen Schicksal. Da überkam ihn der Mut der Jugend, die Begeisterung früherer Tage: „Wir wollen mutig sein und stark für unfern Gott und unseren Glauben. Banget nicht und zittert nicht. Unsere Väter, unsere Brüder gingen tapferen Herzens in den Tod. Auch sie hingen am Leben, das so trostlos war, an dieser Erde, die sie ruhelos durchwandert. Doch nimmer wichen sie von den Wegen des Herrn, von seiner großen, herrlichen Lehre! Laßt uns ihrem edlen Beispiel folgen. Mögen unsere Seelen zurückkehren in unseres himmlischen Vaters Haus!" Wie der Greis so herrlich dastand, ohne Stab und Stütze, gleich einem der alten Propheten, getragen von der Macht der Begeisterung, da wich das Gefühl der Ohnmacht, da schwand die Furcht aus ihren Mienen, sie schluchzten laut auf, übermannt von der Größe des Augenblicks. Hatten sie draußen die Worte vernommen? Vor dem Gotteshause wurde es plötzlich still. Deutlich vernahmen die Betenden eine Stimme: „Im Namen des Vaters, Sohnes und hl. Geistes! Warum wollt ihr fürder in Sünden wandeln! Kommt heraus und empfanget die hl. Taufe!" Und wie die Worte verklangen, begann die Gemeinde zu beten: Ein düsteres, seltsames Gebet. Draußen heulte die Menge, stürmte die engen Häuser, raubte und mordete. Neue Haufen brachen durch das Tor, häuften Reisig unl das Haus, während Andere Holz und Oel herbeischleppten. Brennende Fackeln flogen in die Masse, aus der im Nu die Flamme brach. Mit grausamer Teuttichkeit beleuchtete der Lichtschein das furchtbare Bild: Fliehende Menschen, denen der Mörder auf dem Fuße folgte. Sterbende, die schauerlich stöhnten, Betrunkene, die ihren Raub auf die Straßen schleppten, und im Vordergründe die rasende, mordlustige Atengc, erbarmungslos wie die Flamme, die sie entzündet. Höher und höher stieg dieselbe, knatternd zersprangen die Fenster, dem Feuer einen Weg bahnend. Tie Betenden sahen nichts, sie spürten kauni de» Rauch, der in den weiten Raum drang. Heißer und inniger wurde das Gebet, leidenschaftlicher und inbrünstiger die Mienen. Tie Flamme erfaßte de» Vorhang, der die Gcsetzcsrollen barg, sie kroch an den Betenden empor und ergriff den Saum ihrer Kleider: Ta versagte de» Tapferen die Stinnne vor Wehmut und — Glück. Und plötzlich brach es hervor, unaufhaltsam, mit siegender Gewalt. Alles, was die Sterbenden noch bedrückte, schlvand vor der Macht des herrlichen, erhabenen Liedes: Hoffet, hoffet, auf den Herrn! Wenn verrauscht des Lebens kurze Welle Und die Seele strebt zur ew'gcn Helle, Ist er uns'rer Hoffnung Stern! Weithin hallte durch die Nacht der Gesang der sterbenden Juden. Tie Lust schien mitzusingen und überirdische Töne ausströmen zu lassen. Und als die letzte Stimme verklungen, der letzte Laut verhallt, da brachen die alten Mauern, unter ihren Trümincrn die schützend, die kühn und unverzagt in de» Tod gegangen: Zur wahren Ehre Gottes. Reue Bücher. „Der Kampf der Juden um ihre Emancipatio» in Bayern". Auf Grund handschriftlichen Ouellenmaterials von Dr. A. Eckstein, Rabbiner, Bamberg 1905. 126 Seiten, brosch. Jk 2,40, elegant gebund. Jk 3. Verlag Georg Rosenberg, Fürth i. B. „Deutsch-hebräisches Wörterbuch" von Tr. M. Margel, Heft 25/26. Vollständig in ca. 40 Heften. Preis eines Heftes 50 Heller, Verlag Leopold Klcin's Nachfolger, Pozega. „Der Antisemitismus des Altertums in seiner Entstehung und Entwicklung" von Felix Stähelin. Basel 1905. 5-1 Seiten. Verlag C. F. Lehndorff. Lausanne (Franzos. Schweiz), Institut Bloch. Israelit. Knatien-fensionat Schon seit Jahren bestehend. Direktor: B. Bloch. Farnittermachrichteir. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) «eburten. Ein Sohn, Herrn Max Fränkel, Frankfurt a. M., Seilerstraße 30, 1. Ein Sohn, Herrn Marcus Trum. Hahnheim. Ein Sohn, Herrn Dr. Friedrich Wolff, Worms. Eine Tochter, Herrn Emst Cahn, Mannheim. verkable. Henni Ettinghausen, Höchst a. M., mit David Schiff. Pforzheim. Eheschließungen. Joseph Rotschild. Frankfurt a. M. (Hörstein), mit Jenny Strauß. Rodheim v. c. H. Samuel Jnslicht, Wien, mit Clara Homik, Wien. StervefSkle. Hirsch Kahan, 26 Jahre alt, Frankfurt a. M. Laz. Goldmann, 80 Jahre an, Frankfurt a. M., Allerheiligenstraße 83. Dora Blumenstein, 48 Jahre alt, Mannheim. Moritz Bruch. Cüln. Soolbad Harzburg Pension Parkhaus vornehmes Etablissement, 56 Salons. Prospekte gratis. Geöffnet 1. Mai bis 1. Oktober. Max Hecht. Offenbacber Druckluft=Anlage Telefon 123. Offenbach a. II. Telefon 123. 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