Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 22 (8.6.1905)
- Date
- 1905-06-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2._ mudische und rabbinische Autorität, die gegen diese Bewegung, die die Hoffnung unserer Nation bildet, etwas einzuwenden hätte. — Ein zweiter zitiert den wichtigen Midrasch: „Man fragte den Messias: wo willst Tu wohnen? Ta gab er zur Antwort: „Gewiß in Zion!" Ohne „Zion", (das wirkliche, nicht das „ideale" der Protestrabbiner!) keine Erlösung. Wer da glaubt, daß „Erez Israel" überall zu finden sei, der gleicht einem Schlafenden, der von Gold und Edelsteinen träumt, und mit leeren Händen aufwacht. — Ein dritter schreibt: Es gibt Leute, die sich die Erlösung nur unter Wundern, wie die beim Auszüge aus Egypten, denken können. Zu welchem Zwecke sollen Wunder geschehen? Wenn die heutigen Völker uns nicht sortlasscn wollten, so wären Wunder notwendig. Wie aber, wenn sie fortwährend uns anklagen, daß wir ihnen ihr Brot nehmen, wenn aus allen Enden der Welt der Ruf an uns ergeht: Hinaus Juden! Ihr seid hier überflüssig! Wenn sich diese Völker eine bessere Zukunft davon versprechen, sobald sie unsere Konkurrenz losgeworden sind; wenn wir ihnen "durch freiwilligen Abzug einen Dienst erweisen und sie der Sorge und der Last, von denen sie bedrückt sind, entheben würden; nach all diesen Umständen saget nun, ihr Protestler, wozu bedarf es der Wunder Gottes? . . . Wir haben Liesen Ausführungen wenig anzufügcn, sie sprechen für sich selbst und sagen mehr, als bändelange Widerlegungen es zu tun vermöchten. Wir haben nachgeforscht, und es ist uns nicht bekannt geworden, daß sie dementiert worden sind. Wir müssen also ihren Inhalt so lange für wahr halten, als uns nicht ein Dementi (natürlich aus jener Zeit) gezeigt worden ist .Wir bitten nur noch unsere Leser, die leichte Gedankenpartie eines Kal wechomcr zu machen, wenn schon der Zionismus den religiösen Prinzipien nicht widerspricht, dann der Misrachi erst recht nicht und mit diesem Satz die Rabbinerresdlution zu vergleichen. Ist unsere heilige, göttliche Thora nicht ewig dieselbe und unabänderlich? Einige Fragen an die Rabbiner- Kommission^ Meder haben wir es erleben müssen, daß der Misrachi von orthodoxen Rabbineu in Perruf erklärt wurden Im ersten Augenblick standen wir betäubt vor Staunen und Zweifel; vor Staunen, weil wir kein Verständnis hatten, für die Denkungsart unserer Aechter, und vor Zweifel, weil wir nicht wußten, ob wir ruhig hinnehmen und dulden oder ob wir uns wehren sollten. Treffen wir doch, wenn .wir zur Verteidigung ausholen, unsere nächststehenden Brüder und Gleichdenkende, wissen wir ja doch, daß eine kräftige Verteidigung gelegentlich auch zu offensivem Vorgehen führen kann und daß je wirksamer unser Gegenschlag ist, desto mehr dadurch unsere eigene Sache getroffen wird. Denn ebenso wie denjenigen, die uns in Acht und Bann tun, liegt auch uns nur das wahre überlieferte Judentum am Herzen, ist auch für uns die Thauro hakdauschoh allein der Leitstern für unser Handeln. — Wenn wir uns also nach reiflicher Ueberlegung dennoch zur Selbsthilfe aufraffen, blutenden Herzens gegen diejenigen uns zur Wehr setzen, mit denen wirhundertmalmehrBerührungs-wie Trennungspunkte haben, so tun wir es nicht als Verteidiger unserer angegriffenen persönlichen Ehre. Wir nehmen für uns gerade so gut das ,^Lischmoh" in Anspruch, wie unsere Angreifer. Unser Schmerz aber wird nicht gelindert durch das Bewußtsein, daß nicht ivir es waren, die den Bruderkrieg entfacht haben, da uns die Personen gleichgültig sind und wir nur die heilige Sache im Auge haben. Dort, wo Einigkeit und Sammlung nottut — und wir gesetzestreuen Juden bedürfen ihrer ganz gewiß — ist ein Zwist im eigenen Lager um so bedauerlicher. — Aber wir Können das, was geschehen ist, nicht mehr aus der Welt schaffen, und ein Schweigen scheint uns das Uebel zu vergrößern. L’maan Zijaum lau ecliesclieh ulmau jeruscliolaim lan echschot. Frarckfurter Israelischer Familienblatt. Rabbinererklärungen sind keine seltene Erscheinung in den Tagen des Zionismus. Ihre Häufigkeit ist nicht geeignet, ihre Bedeutsamkeit zu erhöhen. Wir fürchten, daß die Worte unserer Rabbinen auch auf wirklich rabbiuischem Gebiete in demselben Verhältnis im Werte sinken werden, in dem die Rabbiner fortfahren werden, an aussichtslose Ziele mit untauglichen Mitteln heranzutreten. IN den folgenden Ausführungen wollen wir uns nur mit der formalen Seite der Resolution beschäftigen. Wir werden dabei hauptsächlich durch direkte Kritik und Vergleich der offiziellen Veröffentlichungen manche interessante Frage aufwerfen können, während wir nur einigemale auf Tatsachen zurückgreifen werden, die uns auf anderem Wege bekannt geworden sind. Wer ohne irgend Ivclche Vorkenntnis die Erklärung „Zionismus und Misrachi" in Nr. 18 der „Mitteilungen" durchlieft, kommt zu folgender Vorstellung der Sachlage: Es hat eine Generalversamnilung des Jahres 1804 die wörtlich angeführte Resolution angenommen und zwar einstimmig. Man hielt cs aber nicht für zweckmäßig, die Resolution augenblicklich zu veröffentlichen, hat es vielmehr dem Vorstand der Rabb.- Kvmmission überlassen, dies nach eigenem Ermessen zu tun. Die Resolution wurde am 25. Oktober 1904 gefaßt und blieb 7 Monate lang im Archiv der Rabb.-Kommission verwahrt, bis der jetzige Augenblick als geeignet zur Veröffentlichung erschien. Zu dieser Auffassung muß man notgedrungen kommen, da der Bericht (vom Mai 1905) lautet: Bereits im vergangenen Jahr hat die Kommission anläßlich „einer" Generalversammlung die zionistische Bewegung unter ihre Beratungsgegenstände ausgenommen. Es lag eine Resolution vor . . ., die Versammlung erklärte einstimmig ihr Einverständnis, beschloß aber, von einer Veröffentlichung vorderhand Mstand zu nehmen .... und jetzt im Mai 1905 veröffentlichen wir die Resolution vom Oktober 1904. Die Gegenüberstellung von „Einverständniserklärnng und Veröffentlichung" läßt im Hinblick auf die erst jetzt erfolgende Bekanntgabe der vor sieben Monaten angenommenen Resolution kaum eine andere Deutung als die gegebene zu —( so lange man die früheren Mitteilungen nicht kennt —und macht auch die 7monatliche Zurückbehaltung der Resolution im Sinne der beigefügten Erklärung verständlich. So kann aber der Sachperhalt nicht siegen: Unbedingt miissen im Jahre 1904 zwei Generalversammlungen vorliegen mit zwei Resolutionen, deren erste (am 4. 1j 04) einstimmig angenommen wurde, vorderhand aber nicht veröffentlicht werden sollte, deren zweite die nun veröffentlichte, am 25. Oktober 1904 beschlossene Resolution ist. Hinsichtlich dieser uns vorliegenden Resolution ist nicht gesagt, mit welchem Stimmenverhältnis sie angenommen Ivurde und ferner auch nicht, daß sie vorderhand nicht veröffentlicht werden sollte. Dieser zuletzt Largelegte Sachverhalt ist unbedingt richtig, denn wir entnehmen ihn den Mitteilungen Nr. 17 und 18 selbst Der 1. Abschnitt der jetzt veröffentlichten Erklärung in Nr. 18 ist ein beinahe wörtlicher Abdruck aus Nr. 17, veröffentlicht im Juni 1904, und der Schluß der Erklärung in Nr. 18 kann sich folglich nicht auf den Anfang beziehen. Wir fragen daher, warum diese Unklarheit? Außerdem ergibt sich noch eine Schwierigkeit. Jü per ersten Hälfte des vergangenen Jahres war es in Frankfurt ein ösfentlichxs Geheimnis, daß es in einer Rabbinervcrsammluug, die über den Zionismus Beratungen pflog, infolge Widerspruchs einzelner Mitglieder zu einer Resolution gegen den Zionismus nicht gekommen ist. Ziehen wir dabei noch in Betracht, daß eine Anzahl der der Kommission angehörender Rabbiner, wie wir aus pers ö n l i ch e m B e r k e h r m i t i h n e n w i s s e n, dem Zionismus und Misrachi, weim auch nicht gerade freundlich, so doch durchaus nickst feindlich gegenüberstehen, so halten wir dieses öffentliche .Geheimnis für durchaus möglich, und wir geben einmal dem Ausdruck, was damals in der Luft lag, tu der Erwartung, daß man uns ein Dementi entgegenstelle, wenn die öffentliche Meinung von damals eine trüge- _Nr. 22. rische war. War das also eine dritte Generalversammlung, die die zionistische Bewegung unter ihre Beratungsgegenstände ausgenommen hatte, aber infolge des Widerspruchs der andersdenkenden Rabbiner ergebnislos verlief, während in einer anderen Generalversammlung (am 4. 1. 04) gerade diese Rabbiner fehlten, so daß ein einstimmiges Einverständnis erzielt werden konnte? Sehen wir von der letzten Hypothese ab und halten wir uns am Tatsächlichen. Wenn bereits eine Resolution vom 4. Jan. 1904 vorlag, mit der die Versammlung einstimmig ihr Einverständnis erklärt hatte, weshalb hat man dann noch, eine Resolution am 25. Oktober 1904 Kerbeigeführt, von der man nicht einmal behaupten kann resp. geineldet hat, daß sie einstimmig angenommen lvorden ist? Etwa, um den Misrachi einzuschließen, der inzwischen aktuell geworden war. Aber nur deshalb, weil der Misrachi eine Fraktion innerhalb des Zionismus ist, sind ja seine Prinzipien mit den Grundsätzen des überlieferten Judentums nicht zu vereinbaren. Demnach ist es erforderlich, in einer Resolution die Gebrechen des Zionismus klarzulegen, und wir fordern den Vorstand der Rabbinerkommission, dem „die Angelegenheit zur weiteren Veranlassung übergeben worden ist", hierdurch auf: Veröffentlicht die am 4. Jan. 04 einstimmig angenommene, nur aus Gründen des Augenblicks zurückgehaltenc Resolution, „in welcher die Zwecklosigkeit, die Planlosigkeit und die Gefahren des Zionismus in religiöser und politischer Beziehung dargelegt werden." Wir verlangen dies umsomehr, als in den „Erläuternden Anmerkungen" zu der veröffentlichten Resolution vom Zionismus' nur in religiöser, nicht aber in politischer Beziehung die Rede ist. Bezog sich nun, wie wir oben festgestellt haben, der Zurückstellungsbeschluß nicht auf die veröffentlichte? Resolution, wie konnte diese dann 7 Monate lang iher Welt vorenthalten werden und wie konnten es die Rabbiner ruhig geschehen lassen, daß ein so großer Jfsur 7 Monate lang geschieht, ohne daß sie, „die orthodoxen Rabbiner Deutschlands", dagegen korporativ Einspruch erhoben, was ihnen so leicht möglich gewesen wäre? Man wende nicht ein; die erste Gelegenheit der Veröffentlichung der Resolution seit ihrer Beschlußfassung ist benutzt worden. Eine so wichtige Sache, wie die Bekämpfung des Misrachi, dessen Prinzipien mit dem überlieferten Judentum nicht zu vereinbaren sind, durfte keinen Aufschub erleiden. Nötigenfalls hätte man den bereits im Jahre 1901 gefaßten Vorsatz, die Mitteilungen öfter als einmal im Jahre erscheinen zu lassen, zur Ausführung bringen können. Wollte man aber nickst zu diesem Mittel greifen, so Iväre der Rabbiner-Kommission auch eine gefügige Presse zu Diensten gewesen. Wer aber kann überhaupt die Gründe, die zur Zurückbehaltung der ersten, einstimmig angenommenen Resolution — wir fordern dringend ihre Veröffentlichung — geführt haben, als stichhaltig anerkennen? Eine Resolution, die eine Generalversammlung einstimmig gutheißt, soll deswegen nickst verösfentlicht werden, weil „innerhalb des zionistischen Lagers", also des Lagers des Gegners, der bekämpft werden muß, „Unklarheit und Uneinigkeit" hervorgetreten sei. Verstehe das, wer kann! In der heutigen kriegserfüllten Zeit weiß jeder nur einigermaßen Urteilsfähige, daß man den Gegner dann am wirksamsten treffen kann, wenn in seinem Lager Verwirrung herrscht. Die in der Erklärung gegebene Begründung mutet etwa an, wie wenn Oyama dem General Kuropatkin brieflich einen Aufschub des Angriffes mitteiltc, weil unter den russischen Führern augenblicklich Uneinigkeit herrsche und das russische Heer nicht zum Kampfe gerüstet sei. Wahrlich, die Rabbinerkommission rechnet auf eine grandiose Kritiklosigkeit ihrer Anhänger. Oder sollte etwa die Kommission mit einem in nächster Zukunft bevorstehende», häufig prophezeiten gänzlichen Zusammenbruch des Zionismus gerechnet haben, so daß ihre Resolution überflüssig geworden wäre? Wir haben schon hervorgehoben, daß wir aus persönlichem Verkehr im Lause des letzten Jahres wissen, daß nickst sämtliche der Kommission angehörende Rabbiner Freunde derartiger Kraftproben sind, wie sie eine solche Resolution vorstellt. Wir stellen daher auch diese Frage: