Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 22 (8.6.1905)
- Date
- 1905-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oktober 1904, gegeben von denselben Herren bereits im Jahre 1898. — Einige Fragen an die Rabbiner - Kommission? — Das österreichische Gesetz über den Hausier-Handel. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Der Cheittm-Rebbe und der Magid, von Dr. Rabbinowicz, Mähr. Weiskirchen. — Zur Ehre Gottes. — Familiennachrichten. Das Programm des Misrachi lautet: Der Misrachi ist eine Vereinigung gesetzestreuer Zionisten, die — auf dem Boden des Basler Programmes stehend — die Ausgabe und Lebensbedingungen des Jüdischen Volkes im Festhalten an Thora und Tradition, in der Uebung der Gebote und in dem Streben nach dem Lande der Väter sehen. Der Misrachi wahrt diesen seinen Standpunkt innerhalb der zionistischen Gesamtorganisation und ist innerhalb derselben in seinen speziellen Bestrebungen und Grundsätzen selbständig. Der Misrachi bemüht sich mit allen legalen Mitteln, seinen Grundsätzen und Bestrebungen die weiteste Anerkennung und tätigste Mitarbeit zu erwerben. Er nimmt zu diesem Zwecke alle Mittel der Propaganda in Aussicht, insbesondere die-Schaffung und Verbreitung von Literatur jeder Art, die seine Prinzipien klarlegt und Erziehung der Jugend in seinem Geiste. Die Rabbiner-Kommission der ,,Freien Vereinigung für die Interessen des orthod. Judentums" veröffentlicht eine Resolution, wonach die Prinzipien des Misrachi, als einer Fraktion innerhalb des Zionismus, mit den Grundsätzen des überlieferten Judentums nicht zu vereinbaren sind. Der Misrachi erwidert darauf, was folgt: 1. Den von der Rabbiner-Kommission erwähnten — leider nicht namhaft gemachten — rabbinischen Autoritäten stehen 200 Gutachten rabbinischer Größen gegenüber, die den Misrachi, seine Grundsätze und sein Vorgehen begrüßen und befürworten. 2. Die Begründung der Resolution ergeht sich mit Ausführlichkeit in den Nachweis, daß eine bloß nationale Erfassung des Judentums mit dem Geiste des Gesetzes im Widerspruch stehe. Antithesis: Das Bewußtsein dieser Gegensätzlichkeit hat den Misrachi geschaffen, als eine Vereinigung, die von der zentralen Bedeutung der Thora für alles jüdische Leben und alle jüdische Entwickelung unerschütterlich überzeugt ist und dieser Ileberzeugung nach ihren Kräften innerhalb der zionistischen Bewegung das Wort zu reden gesonnen ist. 3. Der Kampf zwischen Glauben und Unglauben, wie er gegenwärtig unter unseren russischen Brüdern seine Kreise zieht, ist das Thema der Weltgeschichte. Nur Unkenntnis und Engherzigkeit kann behaupten, daß der Zionismus ihn geschaffen hat. Der Einzug der modernen Kultur und Wissenschaft hat ihn geschaffen. Durch Schleuderung von Bannstrahlen ist dieser Kampf noch niemals gewonnen worden. Eine mit Herz und Geist gesuchte Versöhnung zwischen dem üdisch-religiösen Bewußtsein und den machtvollen Elementen der Wissenschaft jst das Ziel, zu dessen Erlangung unsere russischen Gesinnungsgenossen zu unterstützen, der Misrachi als seine Slufgabe betrachtet. 4.. Der Kundgebung der Rabbiner-Kommission bedeutet Verbleiben des Misrachi innerhalb der zionistischen Organisation „ein verbrecherisches Bekenntnis" (Seite 14). Sie erblickt das alleinige Heil in der Absonderung von der Gesamtheit. Das ist ihre Auffassung von der Mission des Judentums. Dem Misrachi erscheint dies als eine Schmollwinkelaufassung, die ängstlich besorgt ist, den Blick nicht über die Enge des eigenen Winkels hinaus schweifen zu lassen. Der Misrachi lehnt es ab, über das Wesen des überlieferten Judentums von der Rabbinerkommission Belehrung entgegenzunehmen. Er holt sich diese' Belehrung von den Propheten, die ihre göttliche Sendung nicht in der Vereinsamung erblickten, sondern im Glauben an die sieghafte Kraft des Gotteswortes, innntten der Gesamtheit Israels ihr heilvolles Werk vollbrachten. 5. Der Misrachi erhebt lauten und entschiedenen Einspruch dagegen, daß die Rabbinerkommission der Freien Bereinigung sich als Kvnsistorialbehörde etabliert, der das Recht zustande, über die Zugehörigkeit zum überlieferten Judentum zu entscheiden, je nach der Stellungnahme zu religionspolitischen Fragen der jüdischen Gegenwart. Dem Misrachi ist die Thora die große Liebe seines Lebens. Er ist bereit, diese Liebe mit Opfern zu besiegeln. Er glaubt — in aller Demut — in seinen Kreisen ein Ueberlieserer des Judentums zu sein und gesteht niemandem das Recht zu, ihm die Zugehörigkeit zum überlieferte» Judentum abzusprechen. Frankfurt a. M., den 1. Siwan 5665. Bureau des Misrachi für Westeuropa. Rabbiner Or. Nobel, Leipzig, Präsident. Jacob S. Posen, Frankfurt a. M-,Vize-Präs. Or. med. Adler, Lübeck. Dr.med.3. Feuchtwanger, Frankfurt a. M. Or. med. Franck, Altona. Eine Antwort auf die Resolution der Rabbiner-Kommission vom 2». Oktober 1904, gegeben von denselben Herren bereits im Jahre 1898. Die „Welt" veröffentlichte in ihrer Nummer vom 10. Juni 1898 unter dem Titel „Der Zionismus und die orthodoxen Rabbiner" folgende, der „Krakauer Jüd. Zeitung" entnommene Mitteilungen: „Tie wirklichen orthodoxen Rabbiner, welche unter Vorsitz des Herrn Dr. Breuer kurz nach dem Baseler Kongresse auf dem Rabbinertage in Frankfurt vereinigt waren, haben beschlossen, zu dieser neuen Strömung, deren Macht sie erst durch den Baseler Kongreß kennen gelernt haben, — Stellung zu nehmen. Wir glauben, der guten Sache zu dienen, wenn wir ohne besondere Autorisation den Beschluß hier veröffentlichen. 1. Die Erklärung der Protestrabbiner beruht auf Irrtum. Die offen vorliegenden Th^orien des Zionismus kollidieren keineswegs mit den religiösen Dogmen, dagegen kann es den Prinzipien der deutschen Orthodoxen nicht entsprechen, einer Leitung Folge zu leisten, die anderen Prinzipien huldigt. 2. Es ist Pflicht der Orthodoxie, zu der religiösen Angelegenheit ersten Ranges, der Kolonisation Palästinas, Stellung zu nehmen, und in dieser Beziehung selbständig durch eine Parallelaktion vorzugehen, und dieselbe durch Unterstützung der heimischen Bevölkerung bei Koloniengründungen zu betätigen. 3. Diese Frage hat mit den religiösen HoffnungendermessianischenErlösung der Nation gar nichts zu tun. Wir halten uns dabei ohne jede Neuerung an unsere alte Tradition. 4. Das Projekt der Staatenbildung bleibt, wie jede politische Jnstitutton in dieser Beziehung, vollständig außer Programm. Anschließend an die Kundgebung über Stellungnahme der traditionell-gesetzestreuen Rabbiner zum Zionismus seien einige Aussprüche orthodoxer Rabbiner über den Zionismus angeführt. Ein offenes Schreiben an die Rabbiner Israels von dem Kownoer Rabbinate, an dessen Spitze der größte Gavn der Neuzeit, Rabbiner I. E l ch a n a n Spector stand — verweist auf den Zionismus als die einzige Gewähr für den Fortbestand des Judentums. Die Chalukaorganisation des Kvlel Chawer in Jerusalem protestterte dagegen, daß man sie für Gegner der modernen Kolonisation hält. Jeder Jude muß Zionist sein; es ist so selbstverständlich, daß der Pame Jude genügt, um einen Zionsfreund zu bezeichnen. Es ist ein erfreulicher Anblick, wenn die Gebildeten und Aufgellärten, die vor kurzem erst von uns und dem heiligen Lande nichts wissen wollten, zu uns zurückkehren. Es ist dies offenbar ein Werk der göttlichen Vorsehung. Wie einst die Gesandten unseres Volkes gesagt haben sollen: Wenn uns Moses befiehlt, Leitern aufzurichten und in den Himmel zu steigen, so gehorchen wir ihm, so meinten sie offenbar damit, daß sie ihre eigene Kraft anstrengen müßten, die Wunder würden nachher eintreten. So verhält es sich vielleicht jetzt, wo wir vor dem Sammeln der Zerstreuten stehen, das wir nach Kräften anstreben müßten. Die wahre göttliche Erlösung wird dann sicherlich nicht ausbleiben. Unter den Gutachten der 84 orthodoxen und bedeutendsten Rabbiner des Ostens, die im Sammelbuche Schiwas Zijaun herausgegeben sind, befindet sich das Schreiben eines Rabbiners, das folgend« Stelle enthält: Es ist ein tiefer Schmerz und eine noch größere Schande, daß wir so ttes gesunken sind, daß wir die Frage überhaupt auswersen, ob der Zionismus zulässig sei. Es gibt keine tal-