Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 21 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. soll jn Milwaukee 8 Dollars die Woche betragen. Nach Ablauf eines Jahres werden alle Arbeiter, welche sich bewährt-haben, definitiv als Kolonisten installiert werden. Man hofft, auf diese Weise viele Hunderte von Lustmenschen zu tüchtigen Kolonisten zu machen. New-Hork. Wegen der Feier zu Ehren des 250. Jahrestages der Niederlassungen der Israeliten in Amerika fand vor kurzem iu der Wohnung des Herrn Jacob H. Schiff eine Sitzung statt. Man kam überein, daß eine öffentliche Feier etwa am Danksagungstage gehalten werden soll. Damit in Verbindung sollen Feierlichkeiten in samt-, lichen Synagogen des Landes und den jüdischen Sabbatschulen stattfinden, eine historische Denkschrift soll herausgegeben und ein dauerndes öffentliches Denkmal errichtet werden, dessen Kosten von den Juden des Landes aufgebracht werden sollen. Palästina. Jaffa. Wachsende Bedeutung des Hafens LLdikije in Syrien. Ter syrische Hafen LLdikije, mit etwa 25 000 Einwohnern, ist das Zentrum eines höchst ftuchtbaren und fleißig benutzten . Ackerbaugebietes, aber viel Land in der Umgegend der Stadt liegt noch brach. Tabak, Olivenöl, Baumwolle, Süßholz, Wolle, Felle, Schwämme, Honig, Seife und Getreide (Weizen, Gerste und Hirse) sind Ausfuhrwaren des Hafens und der Handel ist in steter Zunahme begriffen. . Tie Gewinnung von Olivenöl ist in und um LLdikije in den letzten Jahren gestiegen und eine der Hauptindustrien Syriens geworden. Tie Oliven wer- «den noch mit Stöcken von den Bäumen geschlagen; die Labei entstehende Beschädigung der Zweige verursacht hauptsächlich in jedem zweiten Jahr einen ungünstigen Ernteausfall. Tie Olivenpflanzungen befinden sich namentlich in den ebenen Küstenstrichen zwischen Jaffa und LLdikije. LLdikije erzeugt eines der besten in Europa bekannten Olivenöle. Raffiniertes Oel wird von einer deutsch-amerikanischen Fabrik in Haifa ausgeführt, während Rohöl vielfach zum Reinigen und Klären ins Ausland geht. Hydraulische Oelpressen werden jetzt nach LLdikije eingeführt. Ter Tabak von LLdikije ist ei» wohlbekannter Handelsartikel. Seine schwarze Farbe erhall er durch Räucherung mit frischem Holz eines nur in den Nosairierbergen wachsenden Baumes (Elezzcr oder Ezr). Tie Räucherung verleiht dem Tabak seinen besonderen aromatischen Wohlgeschmack. Im letzten Jahre stellte sich die Ernte von LLdikijetabak auf 6000 Ballen gegen 8000 Ballen im Vorjahre. Ein Ballen wiegt 87 bis 92 Kilogramm. Eine Turchschnittserntc dieser Tabaksorte hat einen Wert von ungefähr 350 000Lsir. Handel des syrischen Hafens Tripolis im Jahre 1904. Im Jahre 1904 bewertete sich im hiesigen Hafen die Einfuhr auf 13 548 000 Frcs. und die Ausfuhr auf 7 700 000 Frcs. Tie hauptsächlichsten Ausfuhrartikel sind Zitronen und Apfelgnen (1100000 Frcs.), gesponnene Seide (lOCOOOO rcs.), Seidenwaren (1700 000 Frcs.), Getreide, Cocons, Zwiebeln, Seife, Schwämme und Rindvieh. Tic wichttgsten Einfuhrartikel sind Manufakturwaren (3700000 Frcs.), Baumwollgarn (1300000 Frcs.), Kurzwaren (2000000 Frcs.), Bauholz, Apothekerwaren, Petroleum, Reis, Zucker und Tabak. G Feuilleton. G Der Cheilim-Rebbe und -er Magid. Von Dr. I. Rabbinowicz. Mähr. Weiskirchen. I. Ja, er war ein recht braver Fehudi, der Chei° lim-Rebbe und hatte seine schönen Grundsätze, nach welchen er lebte. Einmal jedoch ließ er sich vom Neid verleiten und wurde denselben untreu und seinem Fehler folgte sofort die Strafe, so daß seine Verehrer und Freunde dann sagten: Er war eben ein Zadik (ein Frommer) und mit dem Zadikim nimmt es Gott gar genau. Bei der Aufnahme in die religiöse Gemeinschaft am achten Tage seines Lebens, nannte ihn der Vater Chajim. Vier Jahre alt, kam er ins Cheder, wo er erst hebräisch lesen lernte, dann aber auch die Bibel übersetzen und, als er mit sieben Jahren diese Schule verließ, um in die Talmub- Thora^Schule ausgenommen zu werden, war der Knabe imstande, das Fünfbuch ganz zu übersetzen, den Raschi-Kvmmentar gut zu lesen und einige Bücher der Propheten, sowie die meisten Psalmen und die Sprüche Salomos auswendig herzusagen. - Auch im Talmudunterrichte machte der Knabe Fortschrttte, sodatz er mit dreizehn Fahren aus Anlaß der Feier seiner Bar-mizwoh eine kleine Deraschah Hallen konnte. Nun meinte der Vater Chajims, der Knabe müsse schon selber sein Brot verdienen und er entschloß sich daher, ihn ein Handwerk lernen zu lassen. Ter Vater war Schuster und, da ein jeder sein eigenes Handwerk haßt, gab er den Sohn zu einem Schneider in die Lehre. Als Chajim zwanzig Jahre alt war, gab ihm sein Meister die Tochter Frankfurter Israelitischer Familienblatt. zur Ehegattin und mtt zweiundzwanzig Fahren war er Vater zweier Kinder. Zwar war Chajim noch immer ein schlechter Schneider, dafür aber hatte er nie aufgehört, dem Talmudstudium zu obliegen, und so erschien Chajim mü seinen Talmudkenntnisfen wohl zum Eidam 'geeignet, nicht aber dazu, das Geschäft des Schwiegervaters dereinst zu übernehmen und dasselbe leiten zu können; daher sprach eines Tages der Schwiegervaert zu ihm: „Chajim, für Deine Frau und Deine Kinder werde ich ' sorgen. Du aber ziehe in die Fremde und „lerne", so wirst Du .einst, wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile. Deine Familie als Melamed (Lehrer) ernähren können; zu den Feiertagen magst Du jedoch stets nach Hause kommen. Dein Weib besuchen." Dieser Vorschlag war Chajinc recht und er zog in die Fremde. Das Studium des Talmud erfüllte ihn mitseelischer Beftiedigung; es belebte seinen Geist und ganz besonders erquickte sich sein Herz beim Lesen der verschiedenen Midraschim uicd der schönen Sittenbücher unseres Volkes; so fühlte er sich beglückt in dem Bewußtsein, der Wissenschaft obliegen zu dürfen. Wie verabredet, kani er regelmäßig zu den Feiertagen nach Hause, um seine.Familie zu sehen. Bei solchen Gelegenheiten pflegten dann die Verwandten und Bekannten seines Schwiegervaters gewöhnlich als Zeichen der Verehrung für den Gast Wein 'zu schicken, auch selbst eine» Besuch abzustallen, wobei man den Gästen Wein und Gebäck vorsetzte und Chajim. obendrein eine Deraschah.hielt, welche die Leute entzückte. In dieser Weise ging es durch volle sechs Jahre, bis eines Tages das Leben Chajims in eine neue Wendung trat. Es war am Sukkothfestc. In gewohnter Weise verbrachte Chajim die Festtage im Kreise seiner Familie und auch die Freunde des Hauses fanden sich in der Sukkah ein, uni einem zwanglosen Vortrage des Gastes zuzuhören. Bei der leichten Bauart der Sukkah konnte nian auch außerhalb derselben jedes Wort vernehmen, sodaß jeder Vorübergehende stehen blieb und im Ru eine hübsche Gemeinde vor der Sukkah versammelt war, die nun gleichfalls dem Vortrage mit Aufmerksamkeit folgte. Weder Chajim noch die Gäste merkten, was auf der Sttaße vorging, und so sprach er ungestört weiter. Erst als er vollendet hatte, sah man, daß noch andere es der Mühe wcrr gefunden, den Ausführungen des gewesenen Schneiders ein aufmerksames Ohr. zu schenken und, da sogar mancher Talinudgelehrtc stehen geblieben war, um zu hören, so war von diesem Tage an her Ruf Chajims und sonach auch sein Glück begründet. Denn in der Stadt Kjirb, wo diese Geschichte sick> .zutrug, hatte die Schneiderzunft ihre eigene Synagoge. Als nun die Schneider es in Erfahrung gebracht, daß ihr früherer Zunstgenosse Chajinc ein gar „feiner Darschan" geworden, stellten sie ihm den Antrag, ihr „Rebbe" zu sein. Chajim willigte mit Freuden in den Vorschlag ein und so wurde er der Cheilim-Rebbe (Rabbiner der Schneiderzunft). Sein Gehalt war vier Rubel die Woche und dieses Budget wurde seitens seiner Gemeinde dadurch gedeckt, daß jeden Montag und Donnerstag beim Gottesdienst nach dem Vorlesen aus der Thora eine Büchse herumgereicht wurde, in welche die Andächtigen ein paar Kupfermünzen .einwarfen. Der Cheilim-Rebbe verbrachte den Tag und auch die Nacht im Cheilim (Schneiderzunftsynagoge). Das Essen brachte man. ihm dahin und nur am Freitagabend ging er nach Hause, wo er auch schon die Nacht über verblieb. Er ioohntc so gleichsam, iu der Vereinssynagogc und zwar teilte er diese Behausung mtt dem Schammes (Kustos). Dieser, gleichfalls ein gewesener Schneidergeselle und sehr schwerhörig, bediente den „Rebben" zwar sehr bereitwillig, nur liebte er es, in Extreme zu verfallen, worunter der Cheilim-Rebbe stark zu leiden hatte. So heizte der Diener Manchesmal derart den Ofen, daß man es vor Hitze und Dunst nicht aushalten konnte und ein zweitesmal wieder heizte er so schwach, baß es zum Erfrieren war. Fragte ihn . dann der Rebbe in seiner milden Art, warum er sich nicht bestrebe, den Ofen besser zu behandeln, erwiderte der empfindliche Greis, gekränkt in seiner Würde, sehr gereizt: „Da weiß ich aber schon gar nicht,! was ich tun soll! Gebe ich 30 Scheit Holz in den Ofen, ist's zu heiß und gebe ich 2 Scheit, ist's zu kalt. — Da soll )vohl ein Mensch .nicht verrückt werden!" — Tie Funktionen des Chettjm-Rebbe waren diese: Vor dem Morgengottcsdienste hatte er mit denjenigen Schneidermeistern, die einige Talmudkenntnisse besaßen, ein „Blatt Gemarah zu lernen." Solche gab es zivar nur wenige, dafür aber waren es die eifrigsten und ' sie kamen im Sommer wie im Winter mit der größten Pünktlichkeit vier Uhr früh in die Vereinssynagoge und lernten unter Anleitung ihres „Rebben" bis sechs Uhr, worauf der Gottesdienst abgehalten wurde. Nach stattgefundenem Gottesdienst mußte der Cheilim-Rebbe hinwieder einen Mschnitt Mischnajoth vortragen. An diesen Vorträgen beteiligte sich schon eine größere Anzahl von Mitgliedern, die meisten jedoch verließen die Synagoge gleich nach dem Gottesdienst, uni an ihre Arbeit zu gehen. _ Nr. 21. Zwischen dem Mincha- und Maariw-Gebete hielt er einen homiletischen Bortrag ab, der gewöhnlich eine Stunde dauerte und denr zumeist sämtliche Zunftgenossen beiwohnten. Dem Geschäftsmann und dem Handwerker in Rußland, die tagsüber ihrem Berufe nachgehen, dient die Stunde der Dämmerung» die Zeit zwischen. Mincha und Maariw dazu, um etwas zu lernen und sich daran zu erbauen, sei es, daß der Betreffende selbst eines der heiligen Bücher zur Hand nimmt und darin liest, sei es, daß er einen Vortrag anhört. Für den Talmudjünger jedoch, der den ganzen Tag sich mit dem Studium befaßt, bildet diese Zeit eine Bummelstunde und, so traten wir Bachurim einmal während eines homiletischen Vortrags ins Cheilim ein, nicht etwa in der Absicht, den Vortrag zu..hören — dazu dünkten wir uns zu erhaben — sondern um uns über den Vortragenden, den gewesenen Schneider, zu amüsieren; so pflanzten wir uns vor ihm auf und lachten ungeniert. Mit vollkommener Ruhe jedoch apostrophierte uns der Cheilim-Rebbe: ,>Lechu bonim" (geht doch eures.Weges, ihr Knaben); dann aber besann er sich und fügte hinzu: „Schimu li, jiras haschem alamedchem" (nein, höret mir lieber zu, ich will euch Gottesfurcht lehren). Wir waren beschämt. Der Vortrag aber wirkte derart auf uns, daß wir fortab ständige Hörer des Cheilim-Rebbe..wurden und uns nicht an die Hänseleien kehrten, deren wir seitens der übrigen Bachurim deshalb ausgesetzt. waren. (Fortsetzung folgt.) Der Chase«.*) Von vier Kindern, einer Tochter und drei Söhnen, des seiner Zeit berühmt gewesenen Chasens Rebbe Boruch -Singer war Mordche der dritte. Sehr begabt, wie Boruch's Kinder waren, schienen sie samt und sonders für die Musik noch mehr wie für ihre anderen liebenswürdigen Naturanlagen geradezu geboren zu sein' Schon als ganz kleine Kinder standen die drei Knaben an Sabbaten und. Festtagen neben ihrem Vater an dessen Vorbeterpull, „Omeb" genannt, und verschönten niit ihren reinen Kinderstimmen Rebbe Boruch's Gesang. Wenn an Festtagen das Hallelgebet eingeschaltet wurde, uftb Rebbe Boruch in echter, altjüdischer Melodie das „Haudu" begann, die klare Silbersttmme des ältesten Sohnes Joseph immer höher hinausstrebte, Mordchen iu kurzen Pausen die ztveite Stimme sang, des Chasens gctvaltigc Stimme immer tteser ini Baß hinabsank und Refolcheill), wie eine jubilierende Lerche, dazwischentrillerte, dann war es in der Synagoge, in der's sonst immer ruhelos herging, so still, daß man die Leute ordentlich atmen hörte. In andachtsvollem Entzücken lauschten-Männer und Frauen den süßen, heiligen Lauten. In früheren Jahren hatte beim „Ausheben", ein lautes. Durcheinanderschreien geherrscht, und Rebbe Boruch konnte seine Stimme bis zum Donnerdröhnen erheben, er wurde dennoch übertönt und überschritt». Da ließ er denn die Leute erst sich ausbeten und ehe er in weiten! Bogen, die Thora-Rolle auf dem Arm, beu Rabbiner und Vorsteher an seiner Seite, die zum Aufrufen ausersehenen Männer hinter sich, in feierlichen! Schritt dem Vorleserpult sich näherte, begannen seine Kinder das Lobeslied „Dir, o Ewiger, ist die Größe und die Macht" zu singen. Das war eine Neuerung, die anfangs mißbilligendes Kopsschüttcln erregte. Als aber die Gemeinde die schlichte Melodie erst kannte, da) sang sie mit, und sangesbedürftig/ wie der betende Jude ist, ward das „Ausheben" der Thora ein durch den Gemeinde-Gesang verherrlichter Akt des Gottesdienstes. ' Seine „Hauptgewure"-) verlegte Rebbe Boruch aus die Keduscha. Sobald hätte keiner seinen Platz verlassen, ohne die Keduscha gehört zu haben. Da zeigte sich, so recht, daß Rebbe Boruch ein wirklicher Chase» ioar. So lebhaft es während des Gottesdienstes in der Schul auch herging, Ivo die Leute entweder ein- und ausgingen, laut beteten oder miteinander schwatzten, ihre Sitze lärmend auf- und zuklappte», sich schneuzten und laut gähnten — in dem Augenblick, in dem der Chase» im leisesten Pianissinio Naarizcho begann, herrschte tiefste Sttlle. Der Parneß drehte das Gesicht Um und blickte drohend über die Reihen der Männer- und Weiberschul, und sein Blick sagte so viel als: „Wehe dem, der sich jetzt nicht mäiischeiistill verhält!" Die Leute ver- *)Aus „EntschwindendeGestalten",Erzählungen aus dem rheinischen Gemeinde- und Familienleben von Arthur Kahn. 356 Seiten. 1905. Verlag von I. Kauffniann, Frankfurt a.' M_Mit diesem Buche haben wir endlich wieder einmal eine Arbeit auf dem. Gebiete der deutschen jüdischen Belletristik, der man von ganzem Herzen Eingang in ein! jedes jüdische Haus wünschen darf. D. Redakt. - Raphaelchen. , _ -) Ganzes Können. .