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Neue jüdische Presse · 1905-06-02 · Heft 21 (2.6.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 21 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21. Seite 3. orde ns 1. Klasse erhalten, das ihm vom Kreishauptmann v. Schlichen überreicht wurde." Bei der große» Zahl von Auszeichnungen, die in diesen Tagen auf die sächsischen Patrioten niedergcgangen sind, ist es nicht zu verwundern, dass auch dem einzigen bürgerlichen Abgeordneten, der 1903 in Sachsen gewählt worden ist, eine Ehrung widerfahren ist. Verwunderlich ist dagegen, daß Herr Z i mm c r m a n n leer ausgegangen ist. Regensburg. Zum Bau einer neuen Synagoge erwarb die israelitische Kultusgemeiude von der Stadt das alte Amtsgerichtsgcbäude. Hamburg. 45 mittellose Rückwanderer, die mit dem Dämpfer „Olivia" von London hier ankameu, sind vom israelitischen Hülfskomitce einstweilen in einem Logierhausc uutergcbracht worden. (M.) München. Am Sonntag, den 4. Juli l. I. findet zu Nürnberg int Restaurant „Zum Krokodil" eine Versammlung von Vertretern 'b a y e r i s ch e r T i e r s ch II tz v e r e i n e statt, die sich zu einem Landesverband zusammenschließen wollen. Als wichtigste Punkte der Tagesordnung sind nach erfolgter Konstituierung in's Auge gefaßt: Tötung des G r o ß v i e h e s, Konpieren der Pferde und Tiertransport ans den Eisenbahnen. Es wird behauptet, die Gründung eines solchen Verbandes fülle in der Organisation der deutschen Tierschutzvereine eine seit langer Zeit klaffende Lücke aus, denn es sei eine nicht zu leugnende Tatsache, daß große Tragen des Tierschutzes nur durch gemeinsames Vorgehen gelöst werden können. Tic Anregung der Sache geht von dem Ausschuß des unterfränkischen Tierschutzvercins ans. Zweifelsohne wird auf genannter Versammlung bei der Frage „Tötung tzes Großviehes" auch die Schechita behandelt und, wenn nicht alle Anzeichen trügen, in wenig jndenfreundlichem Sinne. Baucrnbündler und Zentrnmsblätter gehen in Bayern schon seit langem Hand in .Hand, wenn es sich um Viehhandel oder -Schächtaiigelegeiiheiten handelt. Gerade in Unterfranken, von >vo ans die Zusammcnschlußsrage angeregt ward, ivar im Vorjahre der Vieh- Handel fast aufgehoben, nicht zum wenigsten durch die feindselige Haltung der Veterinäre und Ticrschntzler. Viele jüdische Händler meldeten rentamtlich ihre Gewerbesteuer ab, indem ein Vieheinkauf oder Verkauf sozusagen unmöglich gemacht'war. Man gründete dann zu Würzbnrg einen Verband der Viehhändler, dem sich auch viele in ihrem Gewerbe niitbctroffene christliche Käufer anschlossen. Seitens der Regierung wurden sodann die rigorosesten Bestimmungen gemildert, die Gegcnagitation blieb aber bis jetzt bestehen und man kann sich denken, daß von Unterfranken ans nicht der wenigste Zündstoff geliefert werden dürfte. Hoffentlich sind d i e offiziellen Vertreter des Judentums, die berufenen Anwälte u n s c rer heil! g st e n Interessen auf dem Posten, um gegebenenfalls an der Hand der Tatsachen und gestützt auf statistisches Material, antisemitischen Maßnahmen ent-' gcgcnzuarbeiteii. Tie auch in diesen Blättern besprochene Stranbinger Agitation gegen die Schechita wird auch auf der Nürnberger Tagung ihre Wirkung nicht verfehlen. Und so darf man schon mit Interesse jenen Verhandlungen cntgegensehen. . Frm ist der Bursch! Nur nnbcziig ans jüdische Kommilitonen nicht! Tas lehrte wiederum eine jüngster Tage i n M ii n ch e u st a t t g c f n n d e n c Stildcntcnversanimlnng. Die „freie Studentenschaft" (sic!) bezw. der „Beirat" derselben hatte cs für unangebracht gefunden, daß Inden im Ausschuß säßen. Dagegen beschloß eine Studcntenversammlung mit 98 gegen 56 Stimmen einen Protest. Es wurde eine Kommission eingesetzt, bestehend aus Mitgliedern der Mehrheit und Minderheit dieser Versammlung, um mit dem Beirat Verhandlungen einznleiten behufs Beilegung der Zwistigkeiten in der freien Studentenschaft. — Wie man sieht, hat eine starke Minorität sich diesem Proteste gegen den Beirat nicht angeschlossen, sondern dessen antisemitische Maßnahme gutgeheißcn. Und das nennt sich „freie Studentenschaft"! Wenn man einmal nach Beispielen sucht für den Mißbrauch, der mit dem Worte Freiheit in der Wett getrieben wird, so wird man sicher auch den jetzt entbrannten „Kampf um die akademische Freiheit" nicht vergessen. Freiheit die „t ch" meine! — — Rawitsch (Posen!. Spende. Die aus Rawitsch gebürtigen Herren I. n. P h. T o d t m a it n in Berlin haben der jüdischen Gemeinde 5000 JL für Wohltätigkeitszwecke überwiesen. Es ist das das zweite große Geschenk dieser Herren an die jüdische Gemeinde, denn bereits vor einem Jahrzehnt haben sie ihr ein Asylhans und 12 000 JL bar geschenkt. Oesterreich-Nngarn. Wien. Ein Probeschächten vor dem Gemeinderat in Wien. Wie „die Zeit" berichtet, findet am 1. Juni im Schlachthaus St. Marx eine „Schulschlachtnng" der Genossenschaftsschule der Fleischhauer statt, zu der sämtliche Gemeinderäte seitens der Schulvorstehung geladen werden. Tie Schulschlachtung hat den Zweck, die im Gcmeinderat gefallene Aenßcriing, daß das Fleischhauergcwerbe ein- „rohes" Gewerbe und die Fleischhauergehilfen „rohe Knechte" seien zu widerlege». — Bei dieser Schulschlachtung wird auch ein Probeschächten vor Frankfurter Israelitisches Familienblatt. den versammelten Gemeinberäten veranstaltet werden. Man wird den erscheinenden Herren Gemeinderäten den Beweis erbringen, daß „man im tadellosen Smoking, blühend weißer Wäsche und Lackschuhen alte Arten von Schlachtungen vornehmen kann, ohne daß Spuren des „rohen" Gewerbes znrückbleiben." Tie Schulleitung wird aber noch weiter gehen und anläßlich der Anwesenheit der Gemcinderäte zwei Ochsen schlachten lassen, „damit die Herren aus eigener Wahrnehmung ihre diesbezüglichen Referate ausarbeitcn können." Wien. Es ist eine Kundmachung des Bürgermeisters D r. L n e g e r erschienen, daß mit dem 1. Juni das rituelle Schächten in den Wiener Schlachthäusern gänzlich aufz u h ö r e n Hab e. ES bleibt abzuwarten, ob die k. k. Statthalterci einen solchen brutalen Eingriff in die Gewissensfreiheit ruhig hingehen lassen wird. Wien, 29. Mai. Die Statthalterei hat infolge der Beschwerde der israelitischen Kultusgeineindc das vom Wiener Gemeindcrat beschlossene Schachtverbot als gesetzwidrig aufgehoben. Wien. Zur Genealogie des jüngst zum Wiener B i z e b ü r g e r m e i st e r g e w ä h l t e n Tr. P o r z e r. Ter Stammvater der Familie des hochklerikalen, antisemitischen .Herrn Tr. Porzer war ein jüdischer Hausierer in Mähren, der von Torf zu Torf seine Ware feilbot. Tcssen Sohn, der sich einige kaufmännische Bildung erworben hatte, zog nach Brünn und nahm, als. Kaiser Josef II. anordnete, daß die Juden Familiennamen sich beilegen müssen, den Namen Nenstcin an. Früher hieß er kurzweg „Reb Jontef!" Sein Sohn Heinrich Neustein übersiedelte Anfangs der Treißiger Jahre nach Wien, wo er ein Häute-Geschäst etablierte. Mit einem Mädchen namens „Kohn" verheiratet, wurde Heinrich Neustein, der Sohn des „Reb Jontef", Vater mehrerer Kinder, deren ältestes ein Mädchen namens Betty war, und diese ist die Mutter des Herrn Tr. Porzer. Schon 23 Jahre alt, nahm sie die Taufe, um den Wiener Kaffeesieder Porzer zu heiraten. Tiefe getaufte Jüdin hat sich um die Erziehung ihres Sohnes, der frühzeitig eine eminente Begabung und große Fähigkeit an den Tag legte, nicht bloß große Mühe gegeben, sie hat auch die größten Opfer gebracht, um ihn zu seiner jetzigen Stelle zu erheben. Herr Tr. Porzer besitzt in Wiener jüdischen Familien mehrere Verwandte, von welchen einzelne in der Verwalrung der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde (Ludwig August Frankl) sich hervorragende Verdienste erworben haben. Rußland. Petersburg, 27. Mai. Die Regierung wird — demokratisch?! In einem Zirkular, das der Minister des Innern an die (Gouverneure ergehen ließ, werden die jüdischen Gemeinden anfgefordert, zu den Ende August ini Miuisteriinn tagenden Konimisfionssitzungen über Steiicrabgaben der Juden (Fleischsteuer, Lichtsteuer u. dgl.) Vertreter abzusenden. Diesen jüdischen Vertretern solle jedoch nur eine beratende Stimme gewährt werden. Ter Minister begründet die Notwendigkeit der Verhandlungen über diesen Gegenstand damit, daß zwischen den niederen und den oberen Ständen der Inden Streitigkeiten herrschen, und zwar klagen die Ersteren, daß die Letzteren sich von diesen Steuern entziehen und die Mgaben nur auf den Schultern des armen Mannes lasten würden. Ter Minister findet die Klagen für berechtigt und wird voraussichtlich nunmehr auch die anderen gebührend belasten. (Tie Fleischstenern usw. sind eigentlich für die jüdischen Gemeinden bestimmt, aber die Stadt- und Regierungsbehörden verwenden sie in der Regel für ihre Zwecke.! Petersburg. In der „Nowosti" berichtet ein Augenzeuge aus Schitomir einige Tatsachen, die ein grelles-Licht auf die Schitomer Behörde in ihrem Verhalten zu den Exzessen werfen: Als die Exzesse begannen, ging ein Offizier namens Sinkewitz zu dem Gouverneur, um eine Bevollmächtigung, gegen die Exzedenten vorzugchcn, zu erhalten. Der Bediente: „Seine Hoheit schläft!" Ter Ossizier: „Meine Angelegenheit ist so dringend, daß man Se. Exzellenz wecken darf." Ter Bediente: „Soll ich Se. Exzellenz also Wecken?" Ter Ofsizier: „Jawohl, ich befehle es Dir!" Ter Bediente entfernt sich und kehrt nach einige» Minuten zurück. Ter Bediente: „Sc. Exzellenz ist krank und kann Sie deshalb nicht empfangen. To etwas dringendes vorliegt, mögen Sie sich an .den Polizeimeistcr wenden." Ter Ofsizier: „Wenn der Gouverneur krank ist, dann hat er sein Amt dem Bize-Gouvernenr zu übergebe» und das bekanntzu geben. Mit dem Polizeimeister wünsche ich nichts zu tun zu haben. Sage dem Gouverneur, daß ich sofort den Generalgouvernenr telegraphisch davon in Kenntnis setzen, werde, daß ein Progrom gegen die Inden begonnen hat und der Gouverneur nicht dagegen einschreiten will." Ter Gouverneur blieb trotz dieser Drohung bei seiner Krankheit und Untätigkeit; wahrscheinlich wußte er sich mit dem Generalgouverneur eines Sinnes. Und wirklich blieb das Telegramm des Offiziers an den Generalgouverneur ohne Antwort. — Weiter erzählt derselbe Augenzeuge, daß der Polizeimeister, als er in dem Stadtteil Powlikowka, wo der Aufruhr am schlimmsten tobte, erschien, nichts besseres zu tun wußte, als auf die Truppe der jüdischen Selbstverteidigung zu schimpfen und sie nach Hanse zu schicken. Ja, er spornte die Mörder noch an, indem er fortwährend schrie: „Schlaget die Juden!" Petersburg, 27. Mai. Die Kommission Kobekos hatte beabsichtigt, die gesamte n i ch t r u s s i s ch e Presse unter ein allgemeines P r c ß gesetz zu stellen. Ter Statthalter des Kaukasus hatte sich, was die armenische und georgische (grusinische) Presse anbetrifst, mit der Absicht der Kommission einverstanden erklärt. Bnlogin hat sich der Meinung des Statthalters angeschlossen soweit cs sich nicht um die hebräische und die Jargon-Presse handelt, die er unter ein besonderes Preßgesetz gestellt sehen will. Sieülce, 28. Mai. Heute Morgen hatten sich im Walde in der Nähe der Stadt mehrere hundert junge Israeliten versammelt. Sie wurde» von Truppen u m z i n g e l t und in das Stadtgesängnis abgeführt. Tabei wurden 50 Personen verwundet, darunter sieben schwer. Odessa. Der Schriftsteller G. Starzew beweist in einem Artikel in der „Nowosti" die Notwendigkeit der Selbstverteidigung. Wenn die Juden von vornherein, so sagt er u. a., mutig und kategorisch erklärt hätten, daß sie auch, wie alle andern, das Recht zn leben haben, wenn sie erklärt hätten: „Wir wollen nicht mehr getreten und gepeinigt sein, wir wollen nicht mehr die Ehre unseres Volkes entweiht sehen", so bin ich sicher, daß Rußland die Schmach von Kischinew, Homel und Schitomir nicht erlebt hätte. Man schlägt nur Schwache, die wehrlos dastehen. Tie Juden beginnen jetzt, ihre Schwäche zu erkennen, die ganze Schmach, welche in, der Sklavenangst steckt, und sie haben bereits an manchen Plätzen bewiesen, daß sie nicht mehr Mord und Schändung dulden werden. Es hat, so schließt Starzew, die offene Erklärung der Juden Odessas, daß sie mit Waffen den Exzedenten entgegentrcteu werden, genügt, ein Progrom zn verhindern. Amerika. Rew-Aork. Mr. Alfred Lucking, Kongreßmitglied für Michigan, brachte jüngst im Kongreß die P a ß f r a g e für amerikanische I u - d e ii, die R u ß l a n d besuchen wollen, zur Sprache. Lucking schloß seine Rede mit folgenden markanten Worten: „Unsere jüd. Freunde in Amerika mögen es hören! Ihr laßt Euch zn leicht besänftigen und einschläfern. Ihr seid viel zu bescheiden. Bestehet fest auf euerem Recht, oder ihr werdet es nie haben. Tie Paßfrage muß in derselben Art behandelt werden, wie seinerzeit Mr. Bayard, der energische Staatssekretär unter Cleveland, die Weigerung der österreichischen Regierung, einen amerikanischen Gesandten anzuerkennen, weil er eine jüdische Frau hatte, zu brechen verstanden hat. Damals schrieb Mr. Bayard: Ich bin vom Präsidenten beauftragt, zu erklären, daß die amerikanische Regierung diesen Grund nicht nur als nicht berechtigt ausehen kann, sondern im Gegenteil denselben ganz energisch als nicht stichhaltig und mit den Prinzipien unserer Verfassung als unvereinbar erklären muß. Ebenso müßte jetzt unsere Regierung Rußland gegenübertrcteii. Sie müßte der russischen Regierung ebenso bestimmt wie ruhig erklären, daß, so lange die Sache nicht erledigt ist, unsere herzlichen Beziehungen zn ihr einen Bruch erleiden werden. Wenn Rußland unsere Freundschaft braucht, um sein eigenes Haus in Ordnung halten zu können, so muß es sich schon bequemen, unseren Wünschen entgegenzukommcn." Rew-?)ork. Bestrebungen zur Verteilung der Einwanderer über das ganze Land. Ter seit dem l. Januar 1901 als Nachfolger des Fremdenhassers Williams amtierende New-Aorkcr Kommissär für Einwanderungswesen, M r. Robert W a l ch o r n, wies in einem Vortrage darauf hin, daß cs in Amerika Millionen Hektar Land gebe, das Arbeiter gebraucht, und ebenso Millionen von Arbeitern, die Land brauchten. Das Problem bestehe nun darin, wie man diese aufeinander so angewiesenen Faktoren znsammenbringe. Nach einem vom General-Kommissär of Immigration Mr. Sargent in Washington genehmigten Plan soll — als erster Schritt zur Lösung des Problems — auf Elfis Island eine permanente Ausstellung sämtlicher Erzeugnisse der Vereinigten Staate», sowie ein Arbeitsnachweis- Bureau eröffnet werden. Mr. Walchorn konstatierte, daß, während der Staat New-Pork von Hnnderttausenden Elenden und.Hungernden wimmelt, der mit allen Gaben der Natur reichlich gesegnete Staat Texas von einem Umfang des Deutschen Reiches im letzten Jahr': nur 2297 Emigranten heranzulocken vermocht hat. Einstweilen wird die Tispersion der Einwanderer mit privaten Mitteln und auf privatem Wege betrieben. Tie besten Erfolge haben immer noch die Juden darin erzielt, obgleich auch sie das Jahr über kaNm 6000 Glaubensgenossen ans dem großen New-Bvrker Ghetto entfernen konnten. Um die Sprengung des Ghettos ein wenig zu beschleunigen, hat sich die Agricultural Aid Society von Milwaukee entschlossen, eine große jüdische Kolonie auf folgender neuer Grundlage zu errichten: Tie Kolonie wird nach dem System der Gutswirtschaft betrieben, d. h. die Kolonisten arbeiten auf der Kolonie als Taglöhner. Ihr Lohn

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