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Neue jüdische Presse · 1905-05-26 · Heft 20 (26.5.1905) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 20 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. btS Vorstmches ausgeschlossen ist, so ist es Pflicht der Jeröim, den Verein auch mit manchem Opfer zu verlassen." Wir haben zu der in dem obigen Artikel behandelten Angelegenheit folgendes zu bemerken: Das Studium der Broschüre des Herrn Provinzialrabbiner Tr. Cahn-Fulda, die Erwiderungen des Herrn Lehrer Steinhardt-Magdeburg und des Herrn Direktor Tr. Adler-Frankfurt im „Hamburger Israelitischen Familienblatt" und die Kontroversen hierauf in der „JA>. Presse" scheinen als feststehende Tatsache zu ergeben, daß die neologen BerbomdSvorstandsmitglieder zu Gunsten ihrer Neologie sich einen Uebergriff erlaubt haben und daß nur durch diesen Uebergriff bei den religiösen Lehrern die Frage geweckt wurde, ob und wie weit ihre religiösen Interessen im Lehrerverbande gesichert sind. Bon dieser Frage zu einem Zusammenschluß der auf dem Böden -der Tradition stehenden Elemente war nur ein Schritt, und zwar konnte dieser Schritt umsomehr auf die Sympathie der gesainten religiösen Judcnheit rechnen, da eine intensive Pflege der spezifisch religiösen Interessen unter den religiösen Lehrern ihr La wieder zu gute kommt. Soweit herrscht auch allgemein nur die eine Ansicht der Zustimmung; eine Spaltung, welche die religiösen Kreise in zwei Lager scheidet, hat erst ein Paragraph des nunmehr gegründeten Bundes der religiösen Lehrer hervorgerufen, der besagt, daß Mitglied dieses Bundes nur derjenige werden kann, der keinem dem Lehrerverbande unterstehendem Vereine angehört. Dieser Zusah wird als ein Gewissenszwang empfunden; er ist schuld, daß mehrere hundert Lehrer sich dem Bund der religiösen Lehrer nicht anschließen. Die Trennung, die erst der letzte Ausweg sein darf, hätte erst dann geretfertigt sein können, wenn nach einer Organisierung der religiösen Lehrer innerhalbdes Verbandes ein Ausscheiden religiöser Fragen aus den Verhandlungen des Verbandes nicht erreicht worden wäre. . Daß auf religiösem Gebiete ein Zusammenarbeiten der orthodoxen und neologen Richtung, von der die eine verneint, was die andere bejaht, unmöglich ist, darüber bedars cs wohl keiner Worte. Man möge jedoch nicht vergessen, daß das früher im Judentum unbekannte Trennungsprinzip, das heute die hauptsächliche positive und produktive Arbeit der Orthodoxie in Deutschland darstellt, eine unendlich schwere Verantwortung in sich birgt, denn gar schwer ist die Verantwortung, jüdische Brüder von jüdischen Brüdern zu trennen. Deshalb möge man in jedem einzelnen Falle erst seine ganze Kraft dafür einsetzen, daß bei aller Wahrung der religiösen Interessen ein Modus geschaffen wird, der eine Trennung vermeidet. :— Nicht von der Neologie — die Reform als Wissenschaft ist tot und dem überlieferten Judentum bringt jedes Jahr neue wissenschaftliche Beweise seiner Wahrheit und Größe — droht den Gesctzestreuen die Gefahr, sondern von der Untätigkeit und dem Jndisserentismus in den eigenen Reihen! Die Redaktion. Gedanken zum Schewuoth-Feste. MegillathRuth. „Sieben Wochen sollst du dir zählen, vom Anfan gd er Sichel^m Getreides allst 8n anfangen zu zählen sieben Wochen, nndvollbring st dannGottdeinem Gotte bas Wochenfest mit dem Tribut, mit der Weihegabe deiner Hand, die bu gicbst, wie Gott dein Gott dich segnen wird. Diese Thoraworte, die wir am Schewuothseste lesen und noch wenige andere Stellen in der Thora, die bestimmte Opfer für den B i k k u r i m - T a g anvrdnen, sie bilden die Grundlage für unser Schcwuothfest. Am Ja um Mat an Taurosenu, am Tage der Gesetzgebung, kein Wort von derselben. Wir hätten erwarten sollen, wenn etwas in der Thora der genauen Bestimmung wert gewesen wäre, wenn ein Tag bis ins kleinste Detail in seiner historischen Bedeutung hätte erklärt werden müssen, wenn ein Tag endlich hätte ausgcstattet und ausgezeichnet werden müssen durch besondere Symbole, Denkmäler des Hinweises auf den Tag und seine Bedeutung, wahrlich der Jaum Mattan Tauroh er wäre in erster Reihe dafür in Betracht gekommen. Doch die Thora schweigt!—Ob der Tag derOfscnbarung der 6. oder 7. Siwan gewesen, ob daher unser Fest in Wirklichkeit den eigentlichen Gedenktag der Offenbarung am Sinai darstellt, das ist eine Meinungsverschiedenheit unserer Weisen im Talniud. Nicht einmal der genaue Tag des Jaum Mattan Thauroh ist uns festgestellt. Wäre die Thora eine Religion irgend eines Volkes, das Bekenntnis irgend einer Natton, Moses irgend ein Religionssttfter im gewöhnlichsten Sinne des Wortes und der 6. Siwan Frankfurter Israelitisches Familienblatt. z. D. der Geburtstag dieses Sttsters, dieser Tag und die Beschreibung der Geschichte, die sich an ihn knüpft, sie hätten einen wichtigen Teil dieser Thora ausgefüllt, die besonderen Bestimmungen zur Auszeichnung desselben sie hätten den integrierensten Teil dieses Bekenntnisses gebildet. Doch weil die Thora kein Glaube, kein theologisches Bekenntnis, kein Religionsbuch genannt werden darf, so ist — wie S. R. Hirsch s. A. im ersten Band des Jeschurun es in meisterhafter Weise darlegt — auch kein Symbol fähig, uns das zu vergegenwärtigen, was uns die Thora ist. Wie Gott einzig ist und wer sich von Gott irgend ein Bild oder ein Gleichnis darstcllt, sein Leben verwirkt hat, also ist auch Gottes Wort, die Thora einzig; einzig und unmöglich rubrizierbar unter die Religionen der Völker. Jaum Mattan Thauro bedarf daher keiner D-mbole, die Thora, sie kann nur durch sich selbst sich veranschaulichen. Und auch die Kürze des Festes sie erklärt sich aus diesem Grunde. Die Thora ist keine Religion, die -von ihren Bekennern für ein paar Tage im Jahre, selbst nicht für einen Tag in der Woche, ein paar Stunden erbaulicher Beschaulichkeit fordert, sie verlangt vom Anfang bis zum Ende des Jahres, vom Kindesalter bis zum letzten Atemzuge, den ganzen Menschen. Darum darf der Hinweis aus Mattan Thauro für das Schewuothsest in unserer Thora .fehlen, darum genügt ein kurzes flüchtiges Rasten, um das ganze Jahr, einen jeden neuen Tag, als Zäum Mattan Thauroh zu begreifen. Und den ganzen Menschen verlangt dieses Gesetz. Seinen Geist und feinen Körper, seine Rechtspflege und seine Schule, sein Familien- und sein Volksleben, seine Felder und seine Weinberge und stellt jede unserer Handlungen unter das Diktat des götttichen Willens, hebt daher unser ganzes menschliche Leben hoch empor, über allen Egoismus und Selbstherrlichkeit und zeigt uns dann, wie ein solches Leben der Thora gemäß gelebt, für uns und unsere Menschenbrüder unendlichen Segen bedeutet. Beim Beginn der Ernte feiern wir unser Fest. Es ist die herrlichste Zeit in der Natur. Beginn des Sommers; für das jüdische Heimatland, ganz besonders Erntezeit. O, sie waren glücklich, die noch das Reifen in der Natur, die Erntefeste, die Bikkurim-Weihe auf dem Zionsberge erlebten. Ueberhaupt glückliche eine Zeit, in welcher der Hauptberuf unseres Volkes, der Ackerbau,' die Feldarbeit, gewesen. Die Thora lehrt uns ja unsere Feste der Jahreszeit nach, mit Begrifsen verbinden, die den meisten von uns kaum anders als theoretisch bekannt sind. Chaudesch Hoowiw, Chag Hakozir, Chag Hoosiph. Die Wanderfeste, sic waren gleichzeitig Festeszeiten für die Bodenarbeit. Hier kann aber auch erst der ganze Segen des sozialen Thoragcsetzes zur wirklichen Geltung komme». Der Kaufmann, der Fabrikherr, der Gelehrte, er konnte keine Gelegenheit haben, all die herrlichen Gesetze. ausznüben, die Seket, Schikchoh n. Peobestimmungen, die Trumoh und Maaßör-Gesetze, die Schjjviiß- und Jobel- Heiligung, sie verhinderten alle Volksgenossen von Lauernder Verarmung, sie hatten das Land, wenn gewissenhaft beobachtet, vor Entsittlichung und Untergang ftir immer bewahrt. Wo sie geübt, echt jüdisch ans dem Geist dieser Thora geübt, da wohnte Friede und Liebe. . | In einem solchen Garten des Friedens und der Liebe, geschaffen durch, den Segen des Thoragesetzes, trägt uns unser R u t y b u ch, das die Weisheit unserer alten Weisen uns zum Schewuothseste reicht. Mögen immerhin äußere Umstände, wie z. B. das Geburtstagsfest König Davids am Schewuoth die Veranlassung gewesen sein, daß man ihm zu Ehren die Lebensgcschichte seiner hehren Stammmutter uns vor die Seele führte, ein innerer Zusammenhang zwischen unserem Fest und unserer Megillath Ruth ist nicht zu verkennen. Vielleicht niemals wieder in der heiligen Schrift ist uns wie hier der Segen dieses am Sinai geoffcnbarten Gottcsgesctzcs so lebendig vor die Seele geführt, nirgends überhaupt so eingehend und doch so schlicht und einfach Episoden aus dem bürgerlichen Leben unserer Väter in ihren besseren Zeiten mitgetcilt worden, wie in unserer Ruthcrzählung. Kein schöneres, sinnigeres Angebinde konnten uns daher unsere Weisen reichen zum Thorafeste, als Megillath Ruth. Das war die Nr. 26. Lebensweise Eurer Väter, das soll die Eure werbe», solche Männer wisBoas, solche Frauen wie Nöömi und Ruth kann nur die Thora erzeugen. — Wenn wir nun noch, bevor wir zur näheren Betrachtung unseres Buches übergehen wollen, kurz einen Vergleich mit den anderen Megillath hier «nstellen dürfen, so wird sich wieder ergeben, daß kein einziges dem Gedankenkreis des einfachen Mannes so nahe verwandt ist, wie Megillath Ruth. — Wenn im Lied der Lieder König Schlaumauh (Salomo) in unnachahmlicher Weise die Liebe des Königs der Könige zu seinem Volk Israel singt und derselbe König Schlaumauh in seiner erhabenen Koheleth- Predigt die Nichtigkeit alles Menschlich-Irdischen seinem Volke vor die Seele bringt, wenn der trauernde Prophet Jirmijahu auf den Trümmern der zerstörten Gottesstadt herzzerreißende Lieder der Klage ob des gefallenen Heiligtums singt, und uns endlich im Buche Ester die äußere Gewandung in ein persisches Hofdrama verseht, und erst die Weisheit unserer Weisen uns gerade in diesem scheinbar natürlichen Vorgang die unsichtbare Hand des Leiters der Geschicke uns finden läßt, wenn auch alle diese Bücher, jedes einzelne, ungeahnt Großes, an Geist und Lehre für uns, in sich bergen, kein einziges enthält soviel Verwandtes mit unserem Einzelleben und dem Leben eines Jeden von uns und ist gleichzeitig so verständlich auch für den Ungelehrten wie unser Ruthbuch. Hier sehen wir Menschen von unserem Fleisch und Blut, nicht auf Königsthronen sitzend und nicht mit Prophetengeist ausgestattet, handeln und schaffen, sich gegenseitig lieben, sehen all' die beseeligende Heiterkeit, die die Erfüllung des Gottesgesrtzes ausstrahlt. Noch eine Tatsache möchten wir nicht unerwähnt lassen. Die fünf Megillath sie bilden das untrüglichste Zeichen (für den wahren Juden bedarf es natürlich keines solchen), daß das Märchen unserer Feinde von der Stellung der jüdischen Frau bei unseren Vätern als Menschen zweiten Grades eitel Lug und Trug ist. König Schlaumauh konnte in seinem hocherhabenen Liede von der Webe Gottes zu seinem Volke keinen schöneren Vergleich finden, als uns die Liebe zweier liebenden Menschen eines Königssohnes und eines Hirtenmädchens in den glühendsten Farben zu besingen, das Buch Ester und unser Ruth, sie werden nicht Megillath Mardochai oder Megillath Boas genannt, die Namen der Helden wir hätten sie doch wohl erwartet; Mtth und Ester, die Frauen, „die Sklavinnen im jüdischen Hause, die rechtlosen, „ach orientalischer Sitte völlig als Menschen 2. Klasse" betrachteten Frauen, ihre Namen werden als Titel als Ueberschristen von zweien der vierundzwanzig heiligen Bücher gewählt, und der Inhalt dieser Bücher er lehrt uns zur Genüge, welche Stellung die jüdische Frau im Sinne des Gottesgesetzes xinnimmt. Fraucngestalten, wie Ruth und Ester, wahrlich wie hocherhaben einzig stehen sie in der Geschichte der Völker da! (Fottsetzung folgt.) Personalien. . K. Budapest, 20. Mai. Josef Scharf, der Hauptangeklagte im Tisza-Eszlarer- Prozeß, gestorben. Vorgestern ist hier eine seinerzeit. vielgenannte Persönlichkeit, der alte Josef Scharf, im Alter von 65 Jahren gestorben. Scharf war der Hauptangeklagte in dem sensationellen Tisza- Eszlarer Prozeß. Er war beschuldigt, ein Christenmädchen, namens Esther Solymossy, ermordet und ihr Blut anläßlich der jüdischen Osterseiertage für religiöse Zwecke verwendet zu haben. Ter Prozeß war die Folge einer starken anttsemitischen Hetze in Ungarn und hat.seinerseits dazu beigetrage», dieser Hetze neue Nahrung zuznführen. Die Untersuchung wurde in der tendenziösesten Weise durchgeführt, und der eigene Sohn Scharss, Moritz, wurde von den mit der Untersuchung bettauten Gendarmerie-Organen so stark beeinflußt, daß er gegen seinen Vater aussagte. Trotzdem erwies der Prozeß die völlige Haltlosigkeit des Blutmärchens, und Scharf wurde freigespröchen. Er lebte seither im größten Elend. Er war bei einem Budapester Fleischhauer angestellt und bezog dort monattich 60 Kronen, von welcher Summe er seine Frau, zwei Söhne und zwei Töchter zu erhalten hatte. Vor kurzem weilte sein dritttr Sohn, eben jener Moritz, nlit dem er sich, aber später aussöhnte und der gegenwärtig in einer Amsterdamer Tiamantschlei-- ferei beschäftigt ist, in Budapest.

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