Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 20 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 20 des Frallkfurter Israelitischen Famüieublattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Ein Wort zur Frage der Lehrerfortbildung. — Gedanken zum Schewuoth-Feste. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Äus den Vereinen. — Letzte Nachrichten. — Bücherschau. — „Jüdische Jugend/' Ein Wort znr Frage der Lehrersortbildung. Seit zwei Jahren schon gährt und brodelt es in den jüdischen Lehrerkreisen Deutschlands ganz gewaltig. Die Gegensätze waren schon hervorgetrcten, als der „Verband der jüdischen Lehrervcreine im Deutschen Reiche" gebildet wurde und verschiedene Körperschaften ' aus prinzipiellen Gründen sich versagten, demselben beizutrctcn. Das „Frankfnrter.Jsraelitische Familienblatt" hat es bis jetzt unterlassen, aus die Sache näher einzugehen, wohl, damit es erst eine Klärung der Angelegenheit äbwarte. Trotzdem sich die ziemlich hochgehenden Wögen noch nicht gelegt haben und auch die Klärung noch nicht in hinreichendem Maße eingetreten ist, darf unseres Erachtens nach in diese», alle jüdische Fragen mit heiligstem Ernst verfolgenden Blättern picht länger geschwiegen werden. Was uns dazu bestimmt, ist der Umstand, das; derjenige Teil der Lehrerschaft, der auf dem Standpunkte von laurol» nun Iiasedomajim steht, nicht zeitig genug aus die Gefahren aufmerksam gemacht werden kann, die der Emunoh von Seiten der Wortführer des Verbandes drohen. Wir wollen an den jüngsten Telegiertentag in Kassel anknüpfen, dessen Verlauf doch als allgemein bekannt vorausgesetzt werden kann. Man sah es da den Wortführern des Verbandes an, daß ihnen das ominöse Gutman'sche Exposü nur deshalb unangenehm war, weil dasselbe etwas zu früh über die Tendenzen des Verbandes und seiner 'Leiter Licht' verbreitete. Es kann an dem Eindruck, den das Expose auf den denkenden Lehrer der gesetzestreuen Richtung gemacht, nicht ändern die Erklärung, daß die im Expose genannten Werke nicht direkt den Lehrern zum Studium, sondern nur den einzelnen Vereinen als Material zur Fortbildung in den jüdischen Religionswissenschaften empfohlen wurde. Man hat das Expose den Lehrervereinen doch nicht vorgelegt, damit sie es abweisen, sondern mit der Wsicht, die angegebenen Werke, als sür die Fortbildung der jüdischen Lehrerschaft geeignet, derselben zuzuführen. Wenn noch .irgendwie der leiseste Ziveifel an den vorhin angegebenen Tendenzen des Exposü's bestehen konnte, so muß die Erklärung, die Herr Rektor Dr. Gutman-Berlin iic Nr. 8 (23. Februar 1805) in den „Blättern für Erziehung und Unterricht" (Beilage des Haniburger Familienblattes) veröffentlicht und die dieses Verbandsorgan ohne jede Bemerkung abgedruckt hat, auch diejenigen vollends überzeugen, die dem Verbände bis mm keine dem Judentum gefährliche Tendenzen zuschrieben. Die Erklärung lautet folgendermaßen: „Ein Teil der von mir auf dem Verbandstagc zu Kassel im Anschlüsse an den Vortrag des Kollegen Feiner vorgetragenen Bemerkungen ist in den: in Nr. 5 dieser Blätter abgedruckten Protokoll nicht sinngemäß wiedergegeben worden und besonders der Schluß meiner Ausführungen macht danach fast den Eindruck, als ob ich um des lieben Friedens willen meine Ueberzeugung unterdrückt hätte. Es sei mir deshalb gestattet, folgende Punkte durch einige Ergänzungen in die richtige Beleuchtung zu rücken: Wenn ich sagte, daß ich auch bei den jungen Lehrern so viel religiösen Fond voraussetze, daß sie sich von einem Wellhausen nicht irreführen lassen, so sollte damit nur die Tendenz dieses Gelehrten getroffen werden, in dem Judentum eine minderwertige Religion zu sehen und das Christentum aus seine Kosten zu verherrlichen, nicht aber die kritische und nach meiner Ansicht in den Hauptsachen richtige Stellungnahme Wellhausen's zur Bibel. — Meine zum Schlüsse gegebene Begründung der Notwendigkeit der Beschäftigung mit den Werken der Bibelkritiker ist. durch ihre Kürze gleichfalls geeignet, eine mißverständliche Auffassung meiner Ansichten hervorzurufen. Deshalb sei hier ausdrücklich gesagt, daß ich nicht von einer Bekämpfung der Meinungen Wellhausen's, Stade's und Cornill's und gleichgesinnter Forscher gesprochen habe, sondern von der- Bekämpfung materialistischer, atheistischer und anderer bibelseindlicher Ansichten, zu der die Schriften der genannten Autoren die besten Waffen liefern." Diese Erklärung zeigt doch nun deutlich, welche Ziele dem Verfasser des Exposü's vorschwebten, lind wenn sich der Verbandsvorstand zur Propagierung dieser Ziele auch nur in dem Sinne hergegeben hat, wie inan in Kassel erklärte, um das Exposü den einzelnen Vereinen als Material zur Lehrerfortbildungssrage vorzulegen, so hat er dcqmit nur die Richtigkeit der Ansicht bewiesen, daß das Zusammenwirken heterogener Elemente in religiösen und religiös-erzieherischen Fragen nicht nur inopportun, sondern für das Judentum gefährlich sei. Tie aus der Basis des positiven Judentums und Tauroh min haschomajim stehenden Lehrer, die noch immer ein gedeihliches Zusammenarbeiten im Rahmen des Verbandes für möglich halten, seien hiermit auf die erwähnte Erklärung des Versasser's des Exposü's hingewiesen, die sie doch zur Genüge aufklärt, welche geistige Kost den jüdischen Lehrern in den im Exposü erwähnten Werken vorgesetzt werden sollte. Tie jüdische Lehrerschaft soll sich nicht etwa deshalb mit den Werken Wellhausen's, Stade's und Cornill's beschästigcn, um die in diesen Werken niedergelegten Meinungen zu bekämpfen. Bei Leibe nicht, denn die Kritik, die diese Forscher an der Bibel üben, ist ja, wie es Herr Gutman mit dem Tone vollster lleberzeugung ausspricht, in den Hauptsachen richtig. Ter ganze Zweck des Exposü's wäre, wie es in der Erklärung heißt, gewesen, um sich aus den Schriften der genannten 'Autoren die Waffen zur Bekämpfung materialistischer, atheistischer und anderer bibelfeindlicher Ansichten zu holen. Oder kann man aber denn wirklich annehmen, daß der Lehrer aus diesen Werken die Waffen zur Bekämpfung antibiblischer Ansichten holen wird, wenn in denselben Werken die zu verteidigende Bibel als ein elendes Machwerk verschiedener Zeiten und Generationen hingestellt wird, als ein Produkt priesterlicher Kastengeistes und priesterlicher Schlauheit, wie dies Wellhausen z. B. mit dem Buche Wajikro tut. Wenn nun Herr Gutman für seine Person die Grundansichten Wellhausen's akzeptiert, so sollte er sich doch die Frage vorlegen, ob es denn auch von seinem Standpunkte zu empfehlen wäre, daß die Lehrer, an den Werken Wellhausen's, Cornill's und Stade's gebildet, die Jugend nach diesen Grundideen erziehen?! Herr Gutman weiß doch und bemerkt es auch in seiner Erklärung, daß es die Tendenz Wellhausen's sei, das Judentum als minderwertig hinzustellen. Im besten - Falle wird zugegeben, daß das Judentum, wie es sich bis zum Entstehen des Christentums entwickelt hatte, demselben als Unterbau gedient hat, um erst in dem Christentum seine höchste Stufe zu erreichen. Die Erniedrigung des Judentums, die in dieser Ansicht enthalten ist, kann trotz des religiösen Fonds, den Herr Gutman mit Recht von den Lehrern voranssetzt, nicht ganz wett gemacht werden. Es darf ja von den jüdischen Lehrern angenommen werden. Laß sie auch in Bezug auf die Auffassung der Bibel einen gewissen Fond aus dem Seminar mitbringen, und doch dürfte es, wenn die Lehrer sich an Wellhausen u. a. weiterbilden werden, nicht selten Vorkommen, daß sich ihre bisherige Ansicht über die Bibel in der Richtung der Wellhausen'schen Theorien ändern wird, was übrigens Herrn Dr. Gutman nur erwünscht ist. Ebenso dürsten trotz des mitgebrachten religiösen Fonds die Wellhausenschen Ansichten in Bezug auf die Minderwertigkeit des Judentums nicht ohne Spur an allen Lehrern vorübergehen und dürste man dann nicht allzu lange auf die Zeit warten müssen, da die Inferiorität der jüdischen Religion in jüdischen Schulen von jüdischen Lehrern gelehrt werden wird. Auch dürste es Herrn Gutman bekannt sein, daß beinahe die ganze protestantische Theologie — trotz ihrer von der jüdischen vollständig divergierenden Ansicht über die Bibel — nicht auf dem Standpunkte Wellhausen's steht und ihni eine Menge Unrichtigkeiten und Jrrtümer nachgewiesen hat. Wie kann Herr Tr. Gutman» nun angesichts dieser Sachlage auch nur von seinem Standpunkte die Werke Wellhausen's u. a. zur Fortbildung der jüdischen Lehrer empfehlen!-— Derjenige Teil der jüdischen Lehrerschaft, der an der unverrückbaren Basis des überlieferten Judentums festhält, kann daher aus dieser neueste» Erklärung ersehen, wohin eS mit der Empfehlung der im Exposü enthaltenen Werke hinaus soll. Man muß es Herrn Tr. Gutmanit Dank wissen, daß er über seine Ansichten und Absichten keinen Zweifel mehr obwalten läßt; seine Erklärung hat über das Exposü für diejenigen, die bis jetzt nicht vollständig .aufgeklärt gewesen sind, vollständiges Licht verbreitet. Wir betonen es nochmals, Herr Tr. Gutmann hat in Nr. 8 d. l. I. des BerbandsorganS eine Erklärung veröffentlicht, die auf dem Boden des äußersten Reformjudentums süßt, ohne daß de?j Schriftleiter des Organs oder einer der 22 Vorstände des Verbandes auch nur die geringste Bemerkung gemacht hätte, daß diese Ansichten dein Verbände fernlagen. Wahrlich, kein objektiv Denkender kann es denjenigen jüdischen Lehrern, die das überlieferte Gottesgesetz 'in Leben und Lehre in seiner ursprünglichen Gestalt zu erhalten streben, verargen, wenn sie es in der richtigen Würdigung der gegebenen Situation für ihre Pflicht halten, sich zufainiiienzuschließen, um jener dem Bätererbe drohenden entsetzlichen Gefahr nach Kräften enkgegenzuwirken. In diesem Sinne ist auch das hochwichtige Gutachten des Seminardirektors Tr. T. Hoffmann-Berlin in dieser Angelegenheit gehalten, aus welches nicht genug hingewiesen werden kann und das folgendermaßen lautet: Tie Konsequenz aus dieser Sachlage hat Herr Tr. Hoffman» durch die folgende gutachtliche Aeußerung gezogen: „Ich kenne nun die Statute» des Lehrer- Verbandes nicht, ob dies ein Verein bloß für die Wahrung der materiellen Interessen der Lehrerschaft ist, wie ein solcher auch von jüdijchen und christlichen Lehrern zusammen gegründet iverden könnte, oder ob auch die Ordnung von religiösen Angelegenheiten in die Wirkungssphäre des Vereins gehört. Ist erstercs der Fall, so hat ossenbar der Vorstand mit der Empfehlung voi« Lehrbüchern zur religiösen Belehrung der Lehrer von Vereinswegen statutenwidrig gehandelt und ist, abgesehen von jedem religiösen Standplmkt, ebenso energisch mit allen gesetzlichen Mitteln zu bekämpfen, wie wenn etwa der Borstank» einer Versicherungsgesellschaft als solcher und mit den Mitteln der Gesellschaft für eine gewisse religiöse Richtung Propaganda machte. Ein solches ungesetzliches Gebühren mit dem Austritt der Versicherten zn beantworten (zu „belohnen" möchte ich sagen), wäre töricht. — Es scheint aber die Sachlage bei dem Lehrer-Verband eine andere zn sein, indem derselbe wahrscheinlich auch ein Verband für religiöse Interessen oder religiöse Belehrung sein dürfte. Tainq aber begreife ich nicht, wozu es erst des Exposü's bedurfte, um den Jereim den Austritt zu empfehlen. Das dürfte doch Jedem klar sein, daß Kaufrim mit Maaminim nicht gemeinsam sür die religiösen Interessen wirken können! Es dürste dies doch auch von Ihren Gegnern zugsgeben werden!" „Nach Ihrer Auseinandersetzung, wonach der Lehrer-Verband zun, Zweck hat „alle die jüdischen Lehrervereine in Deutschland betreffenden Fragen des Unterrichts zn behandeln," sowie daß es sich hier hauptsächlich um Religionsunterricht handelt, kann ich eS unbedenklich für einen Jssur erklären, einem solchen Verbände beizutreten. Denn glaubt sich auch mancher durch seine Festigkeit ln der Emunohj vor jeder nachteiligen Beeinflussung ' Vonseiten des Vereins gefeit, so gibt er doch durch sein Beispiel den schwächeren Charakteren, die keine Widerstands krast haben, Veranlassung beizutreten und ist s» Mechate es horabim. Wenn also keine Möglichkeit vorliegt, die Statuten des Verbands derart zn modifizieren, daß jede religiöse Beeinflussung vonseilen