Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 20 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ich weih nicht, ob ich diese Nacht dort schlafen werde .... Es bleibt mir ja nichts Übrig, als aus der Straße zu übernachten. . ." „Es ist doch nötig, daß ich ihm den Rubel leihe." — dachte dabei Friedmann. Aber er konnte nicht mehr seine Worte widerrufen — und er ging so in der Begleitung von Selwin weiter. Sie gingen an dem Kaffeehaus vorbei, und Friedmann wußte nicht, wie er seinen Freund, der ihm so leid tat, los werde. „Ach, welch' ein Unglück! welch' ein Unglück!" — seufzte Selwin und seine verzweiflungsvollen Worte trafen Friedmann wie Hammerschläge: er war ärgerlich über seinen Freund und über sich selbst. Plötzlich rief er aus: ,Meißt Du, was mir einfiel! .... Ich gehe heute zu Dir schlafen .... Ich kann nicht in meine Bude zurück .... Ich kann nicht! . . ." Friedmann starrte eine Weile seinen Freund an und bemerkte bald die schwere Wolke, die über das Gesicht und die Augen lagerte. Es quälten ihn so sehr die Gedanken: „Ich kann ihm doch helfen, wenn ich ihm nur meinen Rubel hergebe, — den ich zwar selber nötig habe. Ja, ich brauche ihm nur zu sagen, daß ich den Rubel habe ..." So kämpfte er mit sich innerlich. Und als er sich' bereits entschlossen hatte pnd den Mund auftun wollte, um zu sagen: „Hier hast Tu einen Rubel, nimm!" — da durchzuckte ihn ein Gedanke und er sprach nun: „Ja, komm' nur zu mir schlafen .... Mit Viel Vergnügen .... Wir werden beide zusammen schlafen . . . ." Bei diesen Worten glätteten sich die Falten aus dem Gesicht Selwins, seine Augen klärten sich und er fühlte sich viel besser, als hätte er eine schwere Last von sich herabgewälzt. Jetzt sprach er in einem ganz anderen Ton: „Weiß der Himmel, wie das mit der Miete zugeht! Mit dem Essen habe ich nie solche Sorge, wie mit der Wohnung. Seitdem ich hier in der großen Stadt lebe, fühle ich mich als Vagabund, der niemals weiß, ob und wo er eine Herberge finden wird . . . ." Friedmann erwiderte darauf nichts. Er hielt noch immer die Hand in der Tasche und wiederholte fortwährend: „Ich habe kein Geld . . ." Er wiederholte diese Worte, damit er sich, nicht verspräche. Und so oft er mit den Fingern den Rubel berührte, war es ihm, als halte er etwas Unreines, das ihn auf ewig befleckt. Ab und zu zog er die Hand aus der Tasche, mit dein, wiederholten Entschluß, den Rubel zu vergessen und nicht mehr zu ihm zurückzukehren. Und jedes Mal, wenn ihn Selwin an feine Not erinnerte, griff Friedmann nach der Tasche, als wollte er sich selber necken; und es schien ihm dann, baß er doch mal daran nicht denken und den Rubel aus der Tasche herausnehmen.könnte — und Selwin würde es dann sehen!. _ Bei diesem Gedanken überkäm ihn eine Angst, die ihn beben machte. „So, so!" — rief Selwin aus, als er mit Friedmann ins Zimmer eintrat. Er war jetzt sehr zufrieden, das; die Frage des Uebernachtens so günstig erledigt wurde. „Ja, ja!" — murmelte Friedmann dabei mit dem Aussehen eines Menschen, der von anderweitigen Gedanken in Anspruch genommen ist. Er steckte wieder die Hand in die Tasche und, sich selbst nicht trauend, drückte er den Rubel in die Faust, holte ihn aus der Tasche hervor und bevor er noch Licht anzündete, versteckte er ihn in den Stiefel. Nachdem er dies vollbracht hatte, wurde es ihm so froh zu Mute, als hätte er einen schweren Stein von feinem Herzen herabgerollt. Er war auch jetzt dessen sicher, daß sein Geheimnis nicht entdeckt werden wird: er wird doch nicht die Handin den Stiefel stecken ... Munter gestimmt, klopfte er Selwin auf die Schulter und sagte fröhlich: „Nur nicht verzage», mein Freund! Auch uns wird noch die Sonne bescheinen und erwärmen . . . ." Selwin, der schon länge derartige hoffnungsvolle Worte nicht vernahm, richtete sich auf und sagte gerührt: „Glaube mir, Freund, ich verzweifle nicht. Was ist denn eigentlich Geld? Nichts! .... Wir haben ja unsere Ideale! ..." „Zweifellos"' — bestätigte Friedman» entschieden — „Geld ist Unsinn! Nicht im Gelde ist das Leben . . . ." „Ganz ^ohne Geld kann man ja auch nicht leben" — sagte Selwin, als er sich seiner Wohnung erinnerte — „aber das ist nicht die Hauptsache." „Ter Mensch, das ist Alles!" — bestätigte wiederum Friedmann mit Stolz. — „Wie es dem auch sei, der Mensch in uns wird nie aushören . . ." Selwin fühlte sich ganz beruhigt. Und wahrlich! Worüber hätte er denn zu klagen? Er sitzt zwar in einen: kleinen, öden Kämmerchen, aber er fitzt doch da mit einem Freunde, mit Frankfurter Israelitischer Familienblatt. einem guten, treuen, ehrlichen Freunde, der ihn versteht und mit ihm mitfühlt. Er legte sich in Friedmanns Bett und versank bald in Gedanken. Wohlbehagen erfüllte jetzt seine Brust. Er vergaß die Miete, er vergaß seine arme Wirtin und er vergaß das zerbrochene, eiserne Bett mit der schmutzigen, von Staub durchdrungenen Decke im Winkel an her feuchten Wand. Er fühlte sich hier zu Hause; er fühlte sich als Kind, das aus dem „Cheder" zurückkehrte. „Ich hoffe. Tu wirst nichts dagegen haben, wenn ich Dir etwas zu essen anbiete?" — fragte Fried-' mann. „Hast Tu denn etwas hier?" — verwunderte sich Selwin. „Selbstverständlich! . . . Brot habe ich, und Tee werden wir bald mit der Kochmaschine vorbereiten ..." „Du bist aber ganz und gar ein Bourgeois" — lachte Selwin, indem er seinen Freund liebevoll ansah. Nach etwa einer halben Stunde aßen die Freunde zusammen und tranken ihren Tee, dann gingen sie zu Bett. Friedmann dachte nicht mehr an semen Rubel und unbekümmert um ihn zog er feine Stiefel aus, indem er das Gespräch mit seinem Freunde fortsctzte. Plötzlich erklang etwas auf dem Bodeu. „Oh, ein Rubel!" — rief Selwin jubelnd aus. Friedmann aber zitterte am ganze» Körper und rührte sich nicht von der Stelle. Als Selwin den Schrecken seines Freundes bemerkte, da besann er sich und es erwachte in seinem Gedächtnis die abschlägige Antwort, die ihm Friedmann heute gab; er ließ die Augen sinken und konnte nicht mehr emporblicken. „Wie kam zu mir dieser Rubel da?" — lispelte Friedmann finster. „Es passiert manchmal .... Es bleibt manchmal irgendwo versteckt liegen" — meinte Selwin. „Ich weiß nicht: wieso? . . ." murmelte Friedmann und ließ den Rubel auf dem Boden liegen. Es herrschte im Zimmer eine erdrückende Stille. „Cha-cha-cha!" — lachte plötzlich Selwin hysterisch auf, als er seinen Freund betrachtete. „Cha-cha-cha!" — brach auch Friedmann in ein Lachen aus, in dem man ein verborgenes Schluchzen hören konnte. Und dieses Lachen brannte in ihren Herzen und ihre Wangen glühten. Ter Rubel blieb ruhig auf dem Boden liegen, als Zeugnis, als ein Beweis für die menschliche Nichtigkeit, und ironisch betrachtete er die zwei lachenden Freunde, als wollte er sagen: „Aha.' .Alles, alles nur für mich! Alles, alles meinetwegen! ..." Aufruf. Berlin, den 1. Mai 1905. Kollege»! Seit Jahren ist die Lage der Kultusbeamten Gegenstand der Erörterung gewesen. Vorschläge zur Erhebung des Standes sind in Wort und Schrift zur Genüge. gemacht worden, ohne daß dieselben zu xinem Resultat geführt hätten. Tie Unsicherheit der Anstellungsverhältnisse, die traurige Aussicht für. die Zukunft der Hinterbliebenen, die mangelhafte Besoldung bestehen noch heute genau so wie in den früheren Tagen. Wir wollen picht mehr mit Worten kämpfen, die zu einem Endziele nicht führen, sondern energisch tätig sein für die Herstellung und praktische Durchführung einer Organisation, die allein geeignet ist, dem Kantorenstand zu helfen. Ter Vorstand der „Hilfskasse für isr. Kultnsbeamte, deren Witwen und Waisen in Teuffchland" hat daher die Einberufung eines Kantorentages für den 12. und 13. Juni d. -Js. behufs Gründung eines allgemeinen Kantorenverbandes beschlossen und die Vorarbeiten zu demselben ausgesührt. Eine größere Anzahl Kantoren hat den Vorstand der „Hilfskasse" zu seinem Unternehmen beglückwünscht und ihre Unterstützung und Teilnahme bereitwilligst zugcsagt. Auch der D. I. G. B. sowie der Vorstand der Berliner jüb. Gemeinde sehen der Entwickelung der Kantorenorganisation mit dem wärmsten Interesse entgegen und haben die Absendung von Delegierte» für diesen Zweck bereits in Aussicht gestellt. Durch gütige Unterstützung i>es Ersteren sind wir auch erfreulicherweise in die Lage versetzt, den Telegierten einen kleinen Zuschuß zu den Reisekosten gewähren zu können. Wir ersuchen nun die Vorstände aller bestehenden Fachvereine in der Provinz, ihre Telegierten für den Kantorentag zu ernennen, und sie baldmöglichst bei dem Vorstande der „Hilfskasse" anzumelden. Ten Kollegen, die einem Fachvercin nicht angchörcn, ist anzurate», sich in ihren Kreisen zu vereinigen, und durch eine Abordnung bei dem Kantorentag vertreten zu lassen. Von den in größeren Gemeinden amtierenden Kollegen erwarten wir besonders, daß sie die Kosten einer Reise nach Berlin nicht scheuen werden, um persönlich an den Beratungen des Kantorentages teilzunehmen. Und nun, .Kollegen, schart Euch um uns! Tie Zeit, in der es gilt, für die Hebung und Förderung Nr. 20. des Kantorenstandes mit Wort und' Tat energisch einzutreten, ist gekommen. Laßt die Augenblicke nicht ungenutzt vorübergehen, sondern zeiget, daß Ihr der Beachtung, die Ihr mit Recht erheischt, auch würdig seid. Seid eingedenk des Bibelwortes: Ein Jeder bei seiner Fahne! Programm für den Kautorentag: Erster Tag. 1. Konstituierung des Kantorentages. 2. Gründung eines allgemeinen Kantorenverbandes (Referat: Kalischer-Berlin). 3. Wahl des Vorstandes für den allgemeinen Kantorenverband. 4. Wahl eines Komitees zur Ausarbeitung eines Verbandsstatuts. 5. Besprechung cingegangener Anträge. Zweiter Tag. 1. Beratungen zur Gründung einer Kantorenschule (Reserat: Schöneberger-Potsdam). 2. Reliktenversorgung. (Referat: Tubowski-Berlin). 3. Verschiedenes. 4. Vortrag: Rück- und Ausblick über Syiiagogeiimusik. (Heule-Hamburg.) Abraham-Frankfurt a. Oder. Asch-Berlin. Cerini- Breslau. Tiavidssohn-Gleiwitz. Dubowski-Berlin. Epstein-Berliu. Fabisch-Göttingen. Friebmann-Berlin. Fränkel-Nürnberg. Goldberg-Chemnitz. Goldberg-Berlin. Gottlieb-Braunschweig. Henle-Hamburg. Hofstein- Tresden. Jacoby-Danzig. Kalischer-Berlin. Kirschner- Berlin. Kirschner-München. Lembkc-Krotoschin. Lewit- Berlin. Lichtenstein-Hamburg. Liehardt-Hannover. Neustadt-Berlin. Nußbaum-Mainz. Oßwald - Pose». Pessachowitsch-Frankfurt am Main. Rosenthal-Berlin. Rosenthal-Vrieg. Sacher-Berlin. Schidrowsky-Tilsit. Schöneberger-Potsdam. Singer-Kattowitz. Singer - mann-Ratibor. Stabinski-Berlin. Süßkind-Hamburg. Tannenbaum-Stuttgart. Weill-Dessau. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Geehrter Herr Redakteur! Ich. habe in letzter Zeit mehrfach die Ansicht vertreten gehört, daß minder begüterte jüdische Eltern ihre Söhne dem Kunsthandwerk zusühren mögen. Diese Frage hängt mit der Frage „Was sollen unsere Kinder werden?" zusammen, und diese Frage nach dem Berufe überhaupt ist bei religiösen Eltern eine so schwierige, daß hier die allergrößte Vorsicht geboten erscheint. Zunächst möchte ich, da ich mit Fachkenntnis dieses Gebiet beobachte, bemerken, daß der vielleicht gut gemeinte Rat, einen Knaben von minderbegüternden Eltern einem Kunsthandwerk zuzuführen, kurzweg von der.Hand zu weisen jst. Denn der Knabe wird vorerst nur mit Mühe eine Stelle, wo er Schabbos und Jomtof nicht zu arbeiten braucht, bekommen. Und hat er wirklich als Lehrling eine solche erhalten, — wie sieht es nachher aus, wenn er nach 3—Ijähriger Lehrzeit eine Stelle als Geselle oder Arbeiter sucht, und Schabbos und Jomtof nicht arbeiten will? Einem solchen.jungen Mann ist .es ganz unmöglich, eine Stelle zu bekommen, wo ’ er als Jude leben kann, und er sieht sich dann gezwungen, ' eine. Stelle anzunehmen, wo er Samstags arbeiten muß. Ich gehe aber weiter, und nehme den Fall an» er würde in einer Werkstatt Arbeit finden, so wäre dieser Mann verurteilt, sein lebelang als Gehülfe tätig zu sein. Denn ein Kunsthandwerker, welcher für sich ei» Geschäft mit kleinen Mitteln anfangen wollte, würde bald durch die Konkurrenz der großen Geschäfte zu Grunde gehen. Und das hauptsächlich beim Kunsthandwerk, denn Kunstgegenstände sind keine Bedarfsartikel, werden also nur von reichen Leuten gekauft oder bestellt, und diese gehen erfahrungsgemäß nicht zu kleinen Anfängern, sondern in ein großes Geschäft, wo der Kunoe Auswahl haben kann. — Da aber jeder Jude daran denkt, sich eine Existenz und auch Familie zu gründen, so wäre ihm solches als Gehülfe nicht möglich. Es ist, wie man sieht, für einen jüdischen Handwerker schwer, sich eine Position zu schassen, wo er als Jude — ohne Gefahr für seinen Glauben.— tätig sein kann. Da das Kunstfach nicht zu empfehlen ist, so wird man fragen: Was sonst? — Die Beantwortung ist eine recht schwierige. Die Handwerks-Berufe, zu denen ein orthodoxer Jude ungefährdet zugreifen kann, sind sehr dünn gesät. Während der Lehrzeit als Gärtner, Buchbinder, PortefeuiUer, Schneider, Schuhmacher, Tapezierer usw. findet der Lehrling eine Stelle, aber nach der Lehre ist es ihm eminent schwer) eine solche zu erhalten. In der Regel-bleibt dem jungen Gesellen, der sein Leben als religiöser Jude nicht aufgehen will, nichts anderes übrig, als auf eigene Faust ein Geschäft zu gründen. Und nun meine lieben Glaubensbrüder: wie wird es so einem jungen Ansänger ergehen? Glaubt Ihr etwa, daß der jüdische Handwerker viele chrislliche Kunden bekommt? Und wenn er auch durch Beitritt in christliche Vereine und sonstige Manipulationen die Gunst der Andersgläubigen zu gewinnen sucht, so Wird er in unserer antisemitischen Zeit doch stets auf. jüdische Kunden angewiesen sein. . Und .sind diese nachsichtig, wenn so ein jünger- Anfänger etwas