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Neue jüdische Presse · 1905-05-26 · Heft 20 (26.5.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 20 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20. Seite 3. stein. Wertheim und Es keles werden heute noch gezeigt. Wie«. Wie der Rechnungsabschluß der Berliner, so stellt auch der Abschluß der Wiener jüdischen Gemeinde eine fortgesetzte Verminderung im Gebrauch von Ko scher fleisch fest. Die Einnahme auf dem Konto „Fleischregie" betrugen 1903 Kr. 66 714, dagegen 1904 nur Kr. 57 285. Tie Wiener jüdische Gemeinde, die ca. 150000 Seelen zählt, nahm im verslossenen Jahre'an Kultussteuern und Jmmatrikulationsgebühren Kr. 1170 589 ein, sie verausgabte davon auf dem Konto Religionsunterricht Kr. 149 885. K Karlsbad, 20. Mai. Ein antisemitischer S> tadtrat. Heute fand vor dein hiesigen Bezirksgerichte die Ehrenbeleidigungsklage des Kaufmann Ludwig Zentner jun., gegen den Zinngießer Josef Drumm, Hausbesitzer und Stadtrat (Teutschradikal) statt. Wie die Anklageschrift aussührt, hat der Herr Stadtrat Drumm am 2. Mai in der Marktbrnnukolouade, als der Kläger seinen Trinkbecher aus der Hand des Brunnenmädchens übernehmen wollte, sich zu dem Kläger gewendet und aus voller Brust ihn angeschrien: „Lausiger dreckicher Judenbou, dumms Moidl, du wirst doch, niat an dreckicbeu Fudenstinker «n sua nn dreckichen schäbichen Juden Wasser Lilangen und wirst dich »iat mit ihm ogebn. Ter soll sich a Judenmensch nehma. Klog mich sttnkendep Jud." Nach durchgesührtcr Verhandlung wurde Stadtrat Tsrumin zu 300 Kr. Geldstrafe, eventuell 48 Stunden Arrest und zur Tragung der Kosten verurteilt. Budapest. Am 16. Mai haben hier die neologen Gemeindedistriktspräsidenten ihre Jahresversammlung abgehalten. Ter Bericht, den der Sekretär Franz Mezei vorlegtc, zeigte ein sehr trübes Bild der neologen Juden heit Ungarns, sowohl in religiöser, wie in wirtschaftlicher Beziehung. Bemerkenswert ist cs, daß nach all den Jämmerlichkeiten, die der Bericht selbst schildert, als Ziel der Leitung die Magharisierung der Juden hingestellt wird. Andere Ziele kennt die würdige Leitung einer jüdischen Gesamtheit nicht: Tabei wird die Einheit der israelitischen K onfessio n, gegen die orthodoxen Ultras, die eine doppelte isr. Konfession inaugurieren wollen, verfochten, aber die Einheit des jüdischen Volkes wird geleugnet. Budapest. Im Jahresbericht der Pester neo logen jüdischen Gemeinde wird erwähnt, daß im Jahre 1904 aus ihrer Mitte 209 Personen ausgetreten sind, UN! zur Taufe zu gehen, ferner 12 Kinder im Alter bis 7 Jahre. Außerdem wurde an 41 Knaben keine B e s ch n e i d u n g vollzogen. Budapest. Infolge der Bemühungen mehrerer guter Inden ist hier für die geflüchteten und in Budapest sich niedergelassenen russ ischen Juden eine st r e n g rituelle V o l k s k ü ch e errichtet worden. Es hat eine berechtigte E n t r ü st u n g hervorgerufen, daß die große jüdis che Gemeinde in Budapest diesen Unglückliche n selbst die MäzothzuPesach entzog. Budapest. Im Spital der Pester isr. Gemeinde, in dem 3 Primär-, 4 ordinierende, 5 Assistenzärzte und 2 besoldete Praktikanten den Dienst versehen, wurden iin verflossenen Jahre 2141 Kranke verpflegt, und zwar auf der internen Abteilung 1220, auf der chirurgischen 618 mit 357 Operationen, auf der okulischen 303 mit 257 Operationen. Die 2141 Kranken, unter denen 327 Christen waren, nahmen 47 125 Verpfleguilgstage in Anspruch; die Verpflegungsdauer der einzelnen Kranken betrug durchschnittlich 22 Tage. Das Sterblichkeitsverhältnis betrug 8,9%. Die Zahl der ambulanten Kranken erreichte die bis jetzt höchste Ziffer von 26,079 mit 129,677 Ordinationen. Tie einzelnen Fächer ergaben an Ambulanten: Interne 7262 mit 8562 Ordinationen; chirurgische 4070 mit 20,312 Ordinationen und 998 Operationen; Augenkranke 8558 mit 47 838 Ordinationen und 1273 Operationen; Kehlkopf-, Nasen- und Rachenkranke 1167 mit 11037 Ordinationen 'und 189 Operationen; Ohrenkranke 1526 mit 11808 Ordidinationen und 181 Operationen; Frauenkranke 1464 mit 5815 Ordinationen und 87 Operationen; Hautkranke 2032 mit 24 305 Ordinationen. Unter den ambulanten Kranken, die sämtlich gratis behandelt wurden, waren 16170 oder 62% christlicher ^Religion. Von den Armenärzten wurden 1851 Haus- und 5087 ambulante Kranke behandelt, in Summe 6937. Tie Gesamtausgaben des Spitals betrugen 176 890 Kronen. Mit Einrechnung der Gesamtausgaben kostete ein Verpflcgstag 3 Kr. 76 H., die ausschließlich den Kranken betreffenden Kosten, nänllich für Verpflegung, Medikamente und Verbandstoffe betrugen Per Verpflegstag 1 Kr. 77 H., die Verpflegung allein 97,3 Heller per Verpslegstäg. Endlich betrugen die Kosten des außerhalb des Rahmens des Spitals stehenden armenärztlichen Instituts 16 417 Kr. Budapest. Ausschreibung von Reisestipcndien. Ter ungarische israelitische Landesfonds schreibt die folgenden zwei Reisestipendien zu je 2000 Kr. aus, und zwar: 1. für Beflissene der jüdische» Wissenschaft. Konkurriere» könne» ungarische Staatsbürger israeli¬ Ncmckpocker JsraeMscheS MmNienAM. tischer Konfession im Mter von nicht über 30 Jahren, die das Tiplom eines Doktors der Philosophie besitzen und beabsichtigen, ,in einem Zweige der bezeichneten Wissenschaft an einer ausländischen Universität oder in Bibliotheken Studien zu unternehmen. 2. Für Musiker. Konkurrieren können ungarische Staatsbürger israelitischer Konfession im Alter von nicht über 30 Jahren, welche die kön. ungarische Landcs-Musikakademie oder den betreffenden Kurs des National-Konservatoriums erfolgreich absolviert haben. Tie Bewerber können einerseits Vortragende Musiker, die an einem der drei Hauptinstrumente (Klavier, Violine, Violoncello) ihre Kunst zu vervollkommnen wünschen, andrerseits Komponisten sein, die bereits Proben ihres Talentes und ihrer Kenntnisse boten. Alle Jene, die um diese Reisestipendien zu konkurrieren beabsichtigen, werden aufgesordert, ihre dokumentarisch belegten Gesuche bis spätestens 15. Juni l. I. beim Präsidium der Kommission des ungarischen israelitischen Landesfonds (Budapest, 6. Bezirk, Landon-utcza 3) einzureichen. Ter Genuß der Stipendien beginnt im September 1905. Rußland. —11— Petersburg. Das Leichenbegängnis der Opfer von Schitomir. Aus Schitomir wird gemeldet: Gestern hat hier unter gewaltiger Teilnahme das gemeinsame Begräbnis der Opfer stattgefnnden, die bei den hiesigen Judenmassakres zugrunde gegangen sind. Man kann sich denken, welche Jammerszenen die auch aus der Nachbarschaft herbeigeeilteu Familien der fünfzehn Toten ansführten, als sie den Särgen folgten, die in der nachstehenden Reihenfolge nach dem städtischen Friedhof gebracht wurden: 1. Ter Kiewer llniversitätshörer Leopold W e i n st e i n: 2. der Techniker Iwan B l iiioio, ein Christ, der sich de» angreifenden Strolchen gegenübergestellt hatte, und von ihnen erschlagen worden war; 3. der 27jährige Handwerker Israel Pak; 4. der 14jährige Lehrling Jsak Gnsinow; 5. der 19jührige Schriftsetzer Leopold Tosik; 6. der 23jährige Schriftsetzer R i e s m a n n; 7. der 7jährige Knabe R i c s m a n n, ein jüngerer Bruder des vorigen; 8. der 44jährige Schmiedemeister Josef Abraham Guger: 9. der 20jährige Fleischhauer Josef Racker; 10. der 45jährige .Hausbesitzer Elias E l ifchanski; 11. der 17jährige Handlungsgehilfe Hermann K i n n b e r g; 12. der 20jährige Tischler Adam W o l t s ch a n s k i; 13, der 40jährige Kleinhändler Josef F r i e d m a n n; 14. der 18jährige Handelsmann B a l in e r; 15. der 35jährige Hausbesitzer Josef Gasch und schließlich 16. ein Alaun aus Berdits ch e w, dessen Namen nicht festgestellt werden konnte. Außerdem ist gestern der Lehrer Fried mann gestorben. Alle Geschäfte der Stadt blieben während des Leichenbegängnisses geschlossen, trotzdem der Gouverneur den Befehl gegeben hatte, sie zu öffnen. G Feuilleton. G Kadimah (Ostwärts). Erzählung von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Schluß). Juda schivieg, mit glühenden Augen, mit strahlendem Angesicht. Doch die vibrierende, geheimnisvolle Stille hielt noch sekundenlang an, nachdem sein letztes Wort längst verrauscht war, dann kam Bewegung in die dicht zusammengedrängte Menge; das erste Beifallszeichen wurde laut, das dem elementaren Sturmausbruch voranzngehen pflegt. Schon hatte er einen gewalttgen Umfang erreicht, schon fing er. an, sich fort und fortzupflanzen, weiter und weiter sich auszudehnen, über Alles sich ergießend. Alles mit sich reißend — — als er plötzlich inne hielt, um sich nach und nach abzuschwächen, um sich in einem Flüstern zu verlieren, das von Mund zu Mund ging, das jeder schreckensbleich vernahm, um es hastig, aufgeregt dem Nachbar zu übermitteln. Juda hatte sich inzwischen erholt, und verwundert, bestürzt sah er das ungewöhnliche Gebühren der Menge; traumbefangen sah er einen Mann dem Vorsitzenden etwas zuslüstern, der schreckensbleich zusammenfuhr. „Tot? So plötzlich? Tot? Kronemann tot! Wie ist es möglich? Ter vornehme, edle Mensch! der große Wohltäter, er tot?!" Juda fuhr aus seiner Betäubung empor; auch er hatte die Trauerkunde vernommen; nicht einmal; tausendmal; von allen Seiten rief man es ihm zu; wie eine Totenglocke gellte es in seinen Ohren, in seiirem Innern: Tot, Kronemann tot! Wie ein Wahnsinniger brach er sich Bahn durch die dichtgedrängte Menge, und stürzte auf die Straße. Träumt er? War es denkbar, daß mit dem Gedanken an das alte Heimatland, auch die alten Wunder sich wiederholten? War es ein höherer Fingerzeig? Wollte etwa eine höhere Macht den Kämpfern Zion's dieMege ebne»? Sein Herz,klopfte zum Zerspringen, sein Blut siedete, seine Pulse fieberten und sein Gehirn war ein lodernder Feuerherd. Wie vom Winde getragen raste er dahin, und in wenigen Minuten war er vor dem imposanten Hause Heinrich Kronemann's angelangt. Alles lag in tiefer Ruhe da, und nur einige Müßiggänger blickten neugierig zu den dichtverhängten Fenstern empor. Juda erblickte einen Diener des Hauses, der von einer Besorgung heimkehrte. „Ja, leider, leider ist es traurige Wahrheit; der wohlwollende, hochherzige Herr Kronemann war tot." Dem Tiener liefen die Tränen über das Gesicht. Er berichtete weiter: ..„Ein Telegramm muß dem armen Herrn eine böse Kunde gebracht haben; denn kaum hatte er es gelesen, als er ohne einen einzigen Laut zusammenbrach; ein Schlaganfall und er war sofort tot, und keine Rettung mehr möglich." Langsam, traurig, nachdenkend - trat Juda den Heimweg an; er mußte mit sich allein sein; sein ganzes Wesen war in einem mächtigen Aufruhr; er wollte erst mit sich selbst in's Klare kommen —. Ob es ihm am Tage des Weltgerichtes als schwere Sünde angerechnet werden wird, daß er jetzt ein Frohgefühl empfand, von der schweren Aufgabe entbunden zu sein, morgen Bertha's Vater einen ablehnenden Bescheid geben zu müssen? Ja, es war eine schwere Sünde; ein Verbrechen gegen das Mädchen, das er trotz allem mit aller Seelenkraft: liebte! Doch „l'maan Zion," deinetwegen, o Zion, ist es geschehen! Dir gehöre ich an mit Leib und Seele. An Bertha schrieb er nur wenige Zeilen: „Ich werde kommen, wenn Du mich brauchst. Gott tröste Dich, und er erhalte Dir Deine Kraft für seinen heiligen Dienst." Und es war einen Monat später, baß sie ihn brauchte. Hand in Hand standen sie am Fenster, und blickten schweigend, gedankenvoll in das herrschende Zwielicht, das draußen hereinbrach. „Bertha," sprach Juda nach einer Weile zärtlich, aber bestimmt; „ich fühle durchaus keine Reue, keine Gewissensbisse, noch weiter um Deine Liebe zu werben. Es soll aber dieses durchaus kein Anlaß für Dich sein. Dich gegen die Wünsche und Wsichten Deines Vaters aufzulehnen. Allein das spricht sür unsere Liebe, daß, wäre er auch am Leben geblieben, er hätte das, was er beabsichtigt, dennoch nicht ausführen können, das Monopol, welches die Regierung beschlossen, und das des Vaters Herz so frühzeitig gebrochen, es hätte auch alle seine Unternehmungen brachgelegt, und das Eingehen der Firma zur Folge gehabt." Bertha schüttelte znssimmend, traurig ihr Haupt und ließ ihren Tränen freien Lauf. Dann sah sie Juda liebevoll in's Gesicht und sprach: „Auch ich erkenne hierin Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Mein verklärter Vater hat viel Liebes in seinem Leben erfahren, und die göttliche Allliebe war auch mit ihn: int Tode, daß viele Heimsuchungen und Teinütignngen Ihm sind erspart geblieben." „Daran erkenne ich meine Bertha," ries Juda mit ernster Freude. >,?lber noch Eines. Sem Tod ist auch insofern von großer Bedeutung für uns, als er unfern Glauben an die Vorsehung, an ein göttliches Walten stärkt-und befestigt, das unser Los auf Erden lenket und unser Geschick behütet und bewacht. Bertha, niein herz, wir können jetzt wohl beide sprechen: Er ist für die heilige Sache gestorben! Er hat sich ein Denkmal errichtet, dauernd, ewig im Herzen unseres Volkes, in dem Lande Israels, und sein Geist wird in uns sortleben und mit uns gehen, wenn wir hinziehen Kadimah, ostwärts, dem Sonnenaufgang entgegen!" Ende. y Nachdruck verboten. / Die Lüge. Von A. R e i s i n. Ueberseht von 8. Caro. Friedmann, ein junger Mann, ungefähr 25 Jahre alt, Lehrer, kehrte von einer Unterrichtsstunde, die er in einem Winkel der Stadt erteilt hatte, heim. Er dachte unterwegs in ein Knffee« Haus einzntreten, um dort sein kümmerliches Abendbrot zu verschlucken und die neuesten Zeitungen zu durchblättern. Er war tief in Gedanken versunken, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter empfand. Er wandte sich schnell um und erkannte sogleich seinen Freund Selwin, der sehr bleich war. „Wohin?" fragte Friedmann, indem er ihn von oben bis unten betrachtete. «Ich gehe .... hm .... Ich ... Ichhabe eine» Rubel nötig . . . ." Selwin schwieg eine Weile, als wollte er Wem holen und fügte schüchtern zst: Kannst Tn mir vielleicht .... einen Rubel borgen, Friedmann? Ich habe dringend nötig . . . ." Friedmann steckte mechanisch die Hand in die Tasche und stieß nun auf den einzigen Rubel, den er noch besaß — und erwiderte rasch: „Ich habe keins .... Auf Ehrenwort. . ." „Wahrlich, ein lluglück!" sagte Selwin mit einem verzerrten Gesichtsausdruck. — „Ich wohne bei armen Leuten, die fast selber verhungern, und habe nichts, zu bezahlen. Es sind schon drei Tage, daß ich diese Leute blos mit Versprechungen abspeise .... Und

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