Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-05-26 · Heft 20 (26.5.1905) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 20 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692429--01643-2696177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2. Es fallen Leute auf den Straßen. ' Es sind bereits 6 Nächte, daß wir in den Straßen umherziehen und fürchten schlafen zu gehen. Durch die Geschreie und die Hilferufe find Viele taub gtzwordcn. Wenn Du jetzt nach, Shitomir kommen solltest, würdest Du nicht sagen können, daß cs Szitomir sei. Tie Läden werden vielleicht heute geöfsnet werden. Es kostet jetzt 8 Kopeken ein Pfund Brot und 25 Kop. ein Pfund Fleisch.*) Proklamationen der jüdischen Selbstverteidigung in Rutzland. An das Publikum! Das Odessaer nation. Komitee für Selbstverteidigung ersuchte die örllichen Zeitungen die folgenden Aufrufe zu veröffenllichen: Ostern rückt heran! Die Juden Rußlands allerorts erwarten Pogrome. Zu Zchntauscnden werden gehässige Pamphlete, welche zu Mord und Plünderung der Juden ausfordern, mit Hülfe der Polizei unter den Massen verbreitet. Vielleicht schon in diesem Augenblick wird ein neues Blatt in der blutdurchtränllen Geschichte der Juden in der Diaspora hinzukommen. Wohl sind wir uns bewußt, daß wir machtlos sind, der heranrückenden Gefahr vollständig zu begegnen. Aber wir haben beschlossen, nicht zuzulassen, daß dieses neue Blatt ein Schandfleck für unser Voll werde. In den Orten Rußlands, wo unsere Brüder wohnen, kennt man jetzt die Parole der bewaffneten Selbstverteidigung. Sämlliche Studenten haben sich bereits organisiert; mit den Waffen in der Hand werden sie den Exzendenten und dem „schwarzen Tausend", das sich hinter de» unwissenden Massen versteckt und sie dmuh Schnaps und dergleichen irre führt, entgegentreten. Auch. Odessa will nicht zurückbleiben, wir haben zu diesem Zwecke ein Komitee gebildet, das alle Vorkehrungen für die Katastrophe getroffen hat. Es hat sogar dafür gesorgt, daß Berichterstatter der großen ausländischen Zeitungen sich auf dem Kampfplatz einfinden werden, um selbst alles wahrzunehmen und der Well Bericht zu erstatten, >oie die Polizei und die öttlichc Administration sich verhallen werden, damll so nachher von der Regierung nichts entstellt werden kann. Wir sind uns zwar dessen bewußt, wie traurig eine solche Selbstverteidigung ist. Wir sehen im Voraus, daß — ebenso wie in Homel — die Polizei und das MUllär uns am Selbstverteidigen zu hindern, sich bemühen werden. Das alles sehen wir voraus und anderes erwarten wir nicht von der russischen Bureaukratte. Unsere Worte sind nicht an diese gerichtet: wir wenden uns an die öffentliche Meinung Rußlands und der ganzen Kulturwelt. - Stehend an der Schwelle des Unglücks, wollen wir alle redlichen Leute erinnern, daß nicht wir dieses Unglück heraufbeschworen, daß nicht wir die Angreifer, sondern jene, die uns die Waffe in die Hände gedrückt haben. Und wenn unser trauriges Schicksal uns zwingt, Blut anderer zu vergießen, dann möge fallen auch das Haupt der Hetzer; wir tragen die Verantwortung nicht; wir . können nicht ruhig zusehen, wie die Ehre unserer Brüder und Schwestern, wie die Ehre unseres Volkes mit den Füßen getreten wird. Odessaer nat. Komitee für jüdische Selbstverteidigung. Odessa, April 1905. Brüder! Juden! Alle Maßregeln gegen den Pogrom sind gettoffen. Bewaffnete Scharen sind bereits zum Schutze der jüdischen Bürger organifiert; vergesset jedoch nicht, daß dieser Schutz nicht genügend ist, und sage sich deshalb niemand, dag er seinerseits nichts zu tun braucht, da die Mannschaften der Selbstverteidigung da sind. Jeder von Euch mutz sich bewaffnen, und wenn die Zahl der Revolver nicht ausreicht, dann nehmet Euch scharfe Messer, Holz- und Eiseystangen oder Nagikas mit Blei oder Steinen in den Riemen. Tie Frauen sollen kochendes Wasser, Bllriol u. dgl. vorrätig halten. Bringet jedem von Euch die Notwendigkeit der Selbstverteidigung bei, vereinigt Euch mit Eueren *) Was in Rußland einen hohen Preis bedeutet. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nachbarn und stellt Wächter an alle Ecken der Straßen! Tie Frauen und Kinder bringt aus die oberen Stockwerke. Ihr Männer aber tretet auf den Kampfplatz und kämpfet geschlossen! Nur so könnt Ihr standhalten' vor dem Ansturm des Feindes, kämpfet tapfer Einer für den Andern und erwidert Schlag für Schlag, nur so tverdct Ihr die Schmach des jüdischen Volkes, wie die in Kischinew, beseitigen! Schützet das Leben Euerer Kinder und die Ehre Euerer Frauen und Eueres Volkes. Das nationale Komitee für Selbstverteidigung des Judentums. Odessa, April 1905. Brüder! Juden! Das Osterfest der Nüssen naht heran, man erwartet Demonstrattonen seitens der Arbeiter. Um aber die Sache zu verhindern, bereitet sich die Polizei vor, einen Pogroin gegen die Juden zu veranstalten. Sie besticht die Exzendenten, verteilt unter,ihnen Waffen und hetzt sie gegen die Juden auf. Bereitet Euch — wie eS sein soll — für den Empfang der Feinde vor! Gedenket, daß die Exzendenten Feiglinge sind und nur deshalb wagen, die Juden zu überfallen, weil sie keine Gegenwehr seitens der Juden erwarten. Lasset Euch und Euer Volk nicht beleidigen, erwidert den Kumpf und schreckt nicht zurück vor den verächllichen Betrunkenen! Bereinigt Euch, schließet Euch an der.Selbstverteidigung! Zum Kampf, Brüder! Kaum wird der Pogrom beginnen, so schickt Euere Kinder mit den Frauen auf die oberen Stockwerke, doch die Männer versammeln sich an den Toren. Für die Ehre des Volkes, für das Leben der Frauen und der Kinder! Das nationale Komitee für Selbstverteidigung des Judentums. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Laugeuschwalbach, 19. Mai. Gerichtsentscheidung bezüglich Trauungsgebühren. Heute wurde am hiesigen Amtsgerichte eine Entscheidung gefällt, die weite jüdische Kreise des ehemaligen Herzogttuns Nassau interessieren dürfte. Ein junger Metzger von hier ließ sich: vor einiger Zeit in einem hiesigen jüdischen Hotel von dem Rabbiner Herrn Dr. Kahn in Wiesbaden trauen. Der Bezirksrabbiner Herr Dr. S i l b e r st e i n - Wiesbaden stützte sich auf eine alte nassauische Verfügung, die besagt, daß nur der Bezirksrabbiner die Trauungen in seinem Bezirke vornehmen darf und klagte auf Zahlung von JL 12, obwohl er selbst die Trauung nicht vollzogen hatte. Der Vertteter des Beklagten verweigerte in dem zweiten Termine die Zahlung aus den Gründen, weit der Kläger nichts geleistet, auch keine Zahlung beanspruchen könne und die nassauische Verfügung durch die Einführung der Zivilehe aufgehoben sei. In dem heutigen Termin wurde folgendes Urteil verkündet: Die Klage wird abgewiesen und der Kläger in die Kosten verurteilt. Berlin. Der Hilfsderein der deutschen Juden hat für die Opfer der blutigen Exzesse in Shitomir zunächst JL 3000 und für die durch gleiche Exzesse geplünderten Glaubensgenossen in Dussiat JL 2000 überwiesen. Berlin. In der letzten Stadtverordnetensitzung brachte der Stadtverordnete Professor Dr. tzellwig einen Fall zur Sprache, der schon des öfteren die Presse beschäftigt hat. Es war festgestellt worden, daß in zwei höheren Mädchenschulen des Westens Schülerinnen jüdischen Glaubens prinzipiell von der Ausnahme ausgeschlossen wurden und in zwei anderen jüdische Schülerinnen nur in> beschränkter Zahl Aufnahme fänden. Professor Hellwig gab seiner Ueberraschung Ausdruck, daß von den in Berlin bestehenden höheren Privatmädchenschulen zwei, die von Fräulein Möwis und Fräulein Hitzigrath, prinzipiell jüdische Schülerinnen ausschlietzen. In beschränkter Zahl scheinen nach der Rückäußerung des Magistrats die jüdischen Schülerinnen nur ausgenommen zu werden bei Fräulein Prox und bei Fräulein Dörtling! Es hat mich> so führt der Stadtverordnete aus, mittelalterlicher Geist aus dieser Beinerkung angeweht. Besonders unangenehm berührt mich und viele andere diese Unduldsamkeit angesichts der vor kurzem abgehallenen Schillcrfeier. Wie kann man in diesen Schulen den großen Männern Herder, Lessing und .Friedrich dem Großen gerecht werden, die die weiteste Toleranz vertteten haben! Man hat darauf hingewiesen, daß den jüdischen Mädchen gewisse Eigenschaften anhaften, die sie für den gegemeinsamen Unterricht mit christlichen Mädchen ungeeignet machen. Das ist einer der vielen Jrrtümer, die über die jüdische Konfession verbreitet werden. Nr. 20. Ich widerspreche dieser Behauptung auf Grund meiner langjährigen Erfahrung als praktischer Schulmann. Wenn sie aber zuträse, so würde das erst recht für den gemeinsame» Unterricht sprechen, denn die Aufgabe der Erziehung ist es, solche üblen Eigenschaften abzujchleifen.-Uns geht diese Intoleranz in den Privatschulen sehr viel' a». Die Stadtverwaltung überläßt zum Teil die Befriedigung des Bedürfnisses nach höheren Mädchenschulen Privatunternehmern und sic konzessioniert diese Unternehmungen. Diese Konzession muß aber .so ausgeübt werden, daß es im allgemeinen dem Geiste entspricht, der in unserer Stadtverwaltung herrscht. Die Beaufsichtigung dieser Schulen wird von der Stadtverwaltung ausgeübt. Wenn wir diese Schule« übernehmen, so wird den Lehrerinnen ihre Privattätigkeit zum pensionsfähigeu Dienstatter angercchnet. Ich möchte zu erwägen geben, ob nicht bei der Erteilung neuer Konzessionen mit allem Nachdruck darauf hingewirkt werden könnte, daß ein solches Vorgehen nicht wieder einreißen kann. Ich spreche hier ohne jeden Auftrag nur für meine Person, gebe mich aber der Ueberzeugung hin, daß das, was ich hier aus meinem Herzen sage, auch Ihnen aus . dem Herzen gesprochen ist. Die Versammlung nahm von diesem Protest stillschweigend Kenntnis. Leipzig, 23. Mai. Die Revision des Grafen Pückler gegen das Urteil des Berliner Landgerichts l vom 12. Januar (das ihn wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Vergehens gegen die öffentliche Ordnung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt hatte. D. Red.) wurde verworfen. Breslau. Die Petition gegen das Harmonium ist trotz ihrer 340 Unterschriften vom Vorstande der Synagogen-Gemeinde a b gelehnt worden. Auch wegen des Bauens der alten Synagoge ani Sab bath herrscht in religiösen Kreisen Unwillen. Die Synagogen-Kommission hatte sich bereits vor Einbringung der Vorlage in der Repräsentanten-Versammlnng mit dieser Frage beschäftigt und sich für das Ruhen der Arbeit an diesem Tage verwendet. Ter Baumeister gab nun aber die Erklärung ab, daß er, wenn der Sonnabend ansgeschaltet würde, für die Fertigstellung des Baues zu den Feiertagen keinerlei Garantie übernehmen könne. Mit Rücksicht hierauf beschloß die Synagögen-Kommission, von weiteren Schritten in dieser Angelegenheit Abstand zu nehmen. Nichtsdestoweniger war auch von privater Seite noch einmal versucht worden, die Sabbat-Ruhe für den Ban zu erzielen. Nachdem die Kosten an Baulöhnen usw. für einen Tag mit 8000 JL festgestellt waren, hatte ein sehr wohlhabender Besucher der allen Synagoge sich bereit erklärt, sofort JL 200 zu erlegen, um die Angelegenheit in die Wege zu leiten. Tie diesbezüglichen Bemühungen bei deni Vorstände hatten jedoch keinen Erfolg, da demselben eine Aendernng des Bauplanes nicht mehr als möglich erschien und da auch der zuständige Rabbiner das Bauen am Sabbat in dem vorliegeiiden Falle für nicht verboten erklärte. Köln a. Rh. Die Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentanten-Vcrsammlung, welche s. Zt. gegen den Beschluß betr. die Einführung des Orgelgottesdienstes in der Synagoge Roonstraße Protest erhoben haben, weil die Anordnung gegen das jüdische Religionsgesetz verstößt, sind in Verfolg dieses Protestes am 11. er. zusammengetreien, um gemäß § 83 des Gemeindestatuts einen auswärtigen Rabbiner zu benennen, welcher über den Streitpunkt mit zu entscheiden hat. Bei der Wahl erhielten: Herr Provinzial-Rabbiner Tr. Cahn in Fulda 4 Stimmen, Herr Rabbiner Dr. Sal. Breuer-Frankfurt a. M. 3 Stimmen. Herr Dr Wolffsohn, welcher sich der Abstimmung enthielt, hat gegen die Wahlhandlung Protest eingelegt, weil dieselbe mit dem Gesetz und dem Statut in Widerspruch steht. Oesterreich-Ungarn. K. Wien. Restaurierun g des alten Judenfriedhof in de'r Seegasse. Einer der ältesten Friedhöfe Wiens, der im Garten des israelitischen Versorgungshauses erhaltene mittelalterliche Jndenfriedhof, wird einem Beschluß der Kultusgemeinde zufolge vollständig restauriert werden. Es wurde eine eigene Kommission eingesetzt, die sich mit der Entzifferung und Prüfung der Inschriften auf den uralten, teilweise vierhundertjährigen Grabsteinen zu befassen hat. Die Kommission hat ferner Vorschläge zu erstatten,' in welcher Weise man die historisch interessanten Grabdenkmäler renovieren könnte, ohne deren altertümliche Formen zu verwischen. Die Kosten der Arbeiten werden aus 60000 Kronen geschätzt. Das letzte Begräbnis auf diesem Friedhof fand zu Kaiser Josefs Zeiten statt. Gelegentlich der 1669 stattgehabten Ausweisung der Juden erhielten diese gegen Zahlung von 4000 Gulden vom Magistrat die Zusicherung der Erhaltung des Friedhofes. Der älteste Grabstein zählt das respektable Mer von 620 Jahren; er ist vom Mer geschwärzt und von den Ueberschwemmungssiuten durchlöchert. Hier befindet sich auch das Grab des berühmten „Hofjuden" Bankiers Samuel Oppenheimer, der von Prinz Engen als „Retter in der Kriegsnot" bezeichnet wurde. Die "Gräber der Bankiers Är n-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.