Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 20 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Istiklitislhes fnmilirulilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis.pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— l - ■- ----- l JedaKktorr imd Frankfurt a. M.. Leiligkreuzgaffe 52, Ecke Llapperfeldstraße Tetefo» 10307. -- HeraitsgeSevrKatiz : Jnsertionspreise: Die viergespallene Petikzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 Platz- und Daten-Borschrift ohne'Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 8. Jahrgang. Freitag, den 21. Iyar 5665 (26. Mai 1905). Ro. 20. Invali des HauptblatteS: Artikel: Alte Lieder — neue Töne. — Shitomir. — Proklamationen der jüdischen Selbstverteidigung in Rußland. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Kadimah (Ostwärts), Stählung von Samuel Gordon. — Die Lüge. — Aufruf. — Sprechsaal. — Bücherschau. — Aus Kunstund Wissenschaft. — Briefkasten. — Vakanzen. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. — Wochen- Kalender. Alte Lieder — neue Töne. Und so retteten sie die Ehre der Getretenen, sie, die Jünglinge in Shitomir und Melitopol, die mit den Waffen in der Hand den Söldlingen einer henkerischen Regierung entgegentraten, retteten die Ehre ihrer schutzlosen Brüder und Schwestern. Und so sei Ihr Name mit goldenen Lettern in die Annalen der. blutdurchtränkten jüdischen Geschichte gezeichnet und ihr Andenken für immerdar gesegnet! Retteten sie doch mit der Ehre ihrer schutzlosen Brüder und Schwestern die Ehre ganz Israels. •* Gar mancher Freund niid Feind schüttelte höhnisch den . Kopf ob einer erwachten alten Hoffnung eines längst totgesprochenen, Volkes. Israel, meinten sie, ist für seine harten Schicksalsschläge stumpf geworden, fast erloschen ist sein Fühlen, höchstens kann es sich in Tränen ergieße», aber nie und nimmer sich zu einer kräftigen Tat wie die der Regeneration aufraffen. Wollte sich jemand erkühnen, die Taten der Makkabäer in Erinnerung zu rufen, so bekäme er ein ironisches Lächeln zur Antwort. Die Makkabäer gehören trotz ihrer geschichtlichen Authenzität fast in das Bereich der Sage, die heutigen Inden stellen nicht einmal ihre Schatten dar. Man war fast einmütig erstaunt darüber, wie solche unscheinbaren Menschen einen Moses, einen Simson, einen Juda Hervorbringen konnten. Nun treten plötzlich die totgesagten, unscheinbaren Menschen einer, noch vor kurzem von großen Mächten gefürchteten Regierung mit den Waffen in der Hand entgegen. Der einstmalige Geist der Helden Judas erwachte in den Totgesagten. Die armen, hungrigen, schon von der Wiege aus eingeschüchterten, eingekerkerten jüdischen Jünglinge Rußlands stellen sich den mörderischen, blutrünstigen Söldlingen der Knutenregierung entgegen. Und wie standen sie da? — Mst beklommenen Herzen ob ihrer zu Hause zurückgelassenen Nächsten gegenüber einer wilden Horde, die geschützt von Staat und Militär. * Noch schweben uns vor Augen die entsetzten jüdischen Gesichter, als die Kunde von den großen Massacres - in Kischinew das Lager Israels durchzog. Man war entsetzt ob der Niedertracht Plehwe's, man war entsetzt ob der Bestialität und Mordlust des Mobs; allein um das Hundertfache war man entsetzt ob der Hilflosigkeit der eigenen Brüder. Männer und Jünglinge ließen sich wie Schafe am hellen Tage abschlachten, ohne sich zur Wehr zu fetzen. Das Bolksgefühl war auf das höchste verletzt ob dieser ungeheueren Schmach, es lastete wie ein Alpdruck aus dem jüdischen Selbstbewußtsein, das erwachte jüdische Gefühl mochte kaum dies zu tragen. Nun kamen die heldenhaften jüdischen Jünglinge Melitopols und Shitomirs und hoben diesen Alpdruck, mit ihrem Blute schwemmten sie die ungeheuere Schmach Israels weg. Wurde doch also mit der alten Methode des wehrlosen Verhaltens gebrochen. Der einstmalige Makkabäergeist beginnt im Lager Juda's einzuziehen, und ein neuer Abschnitt beginnt in der Geschichte Israels. Welcher Mann Juda's, der noch einen Re st jüdischenGefühlsundjüdischerSolidarität besitzt, sollte diesen neuen Zug nicht begrüßen und diese heldenhaften Verteidiger Juda's nicht ideellund materiell kräftig unterstützen! Zwar sindwir satt trauriger Erfahrungen, doch sind wir optimistisch genug, um nicht an Allem zu verzweifeln, vielmehr sind wir der festen Zuversicht, daß das jüdische Solidaritätsgefühl sich diesmal bewähren wird.; 1 l. Shitomir. % (Ein Privatbrief, aus dem Jargon übersetzt.) Firma: Gebrüder E. A. u. M. G—n. Waldhandel, Hauptmagazin in Shitomir. Freitag, 29. «lpril 1905. Mein teuerer Sohn! Ich will Dir über unser Unglück schreiben. Tenn nirgends war ein Pogrom so gestaltet, wie hier. Bei uns hat man Blut, verlangt, nicht Geld. Sie haben sich mit Waffen und Werkzeugen versehen, um uns abzuschlachten. Ter Pogrom begann am Sonntag um 6 Uhr abends. Es befand sich gerade auf jenem Platze eine Soldatenkompagnie. Ich war dort den ganzen Tag hindurch und sah, wie die Menge sich vorbereitete und dann einen Kreis von 400 Mann schlossen. Gegen 7 Uhr erscholl der Ruf: „Schlaget die Juden!", und bald begannen sie Steine zu schleudern. Auch das Militär hat eingegriffen, es hat geschossen, aber ohne Kugeln. Die Menge begab sich dann in die kleinen Sackgassen und mordete und plünderte. Die Grausamkeiten erreichten nachts an der Brücke von .... (unleserlich) ihren Höhepunkt. Tort wurde der Student Leibusch Weinstein mit einem Messer verwundet und mit .... (unleserlich) zu Ende getötet. Ebenso erging es dem Israel Pack. Eli Olischausky wurde das Herz mit einem Bohrer herausgeschleppt. In jener Nacht wurden 14 Juden getötet. Gestern wurden Jie beerdigt. 10 Juden liegen im Bikur- Chellim (jüdisches Krankenhaus) und sind schon am Ausgang ihrer Kräfte. In der folgenden Nacht drangen die Banditen in die Läden ein und arbeiteten dort nach Herzenslust. Sie machten sich auch an meine Schwester Pesche heran und raubten bei ihr 350 Pud Seife und Talg, auch Kleider und andere Gegenstände, die in ihrer Wohnung nur zu haben waren. Sie haben sogar den Ofen zerstört und die Möbel in kleine Splitter zerhackt, sodaß sie nicht einmal als Brennmaterial taugen. Sie befindet sich jetzt in meinem Hause und hat keinen Rubel „bei Leib und Seele". Am dritten Tag setzten sie ihr Werk in Kra« schür fort und richteten dort Alles so zu, wie sic es nur wollten. Tann gingen sie nach Wilskyr und machte ihre Rechnung mit M e n d e l Steinberg. Kurz, wohl dem Auge, das all dem nicht zuseheu mußte! Ich kann Dir nur sagen, daß mir jetzt mein Leben mehr kein Leben ist. Alltäglich werden jetzt 8—10 Juden getötet. In Trajanow wurden tz Juden ermordet. Ich kann Dir nur sagen, daß ich gerettet bin. Montag morgens habe ich meine Tochter Schiphreh und auch Gutele nach dem Bahnhof hingeführt, und da begann mail auf uns Steine zu werfen. Mit großer Mühe erreichten wir den Bahnhöf, aber den Rückweg mußte ich ganz allein gehen und da bat ich und flehte um einen Rat, wie ich nach Hause gehen soll. Taraushin bildeten wir eine 50 Man» starke Gruppe und .entschlossen uns, de» Weg zu Fuß zurückzulegen, nicht aber fahren: unser Leben war ja so wie so in Gefahr. Vom Bahnhofe ans telegraphierten wir an den Gouverneur und er antwortete telephonisch, daß uns eine Patrouille entgegenkommen werde. Wir gingen so weiter und ein Kosak ritt hinter uns nach. Kaum waren wir ein klein wenig vom Bahnhof entfernt, da fiel man über uns her und wollte auf uns mit Stöcken loshauen. Ich begann sortzulaufen, aber unsere Gruppe packte mich und schloß mich in ihren Kreis ein. Wie eine Arrestantenetappe setzten wir unseren Weg fort. Auf der Kiewer Straße standen die Banditen an beiden Seiten und hielten Steine in den Händen. Du kannst Dir es lebhaft denken, wie wir nach Hause gekommen sind. Gegenwärtig ist es etwas stiller geworden. Am Tienstag gingen wir, 3000 Mann, zum Stadthauptmann und wollten sein Haus besetzen. Wir ließen ihm sagen, man möge uns nun hier ausschlachten, uns-und unsere Frauen und Kinder. Er war irgendwo versteckt und fürchtete, zu uns herauszukommen. Um 11 Uhr trat der Tivisionschef auf und sagte, er würde um 12 Uhr zu schießen befehlen, wenn Unruhen sich ereignen sollten. Um 2 Uhr ging ich auf der Pelikowky (Straße), und da hat ein Bandit dem Joseph Prizestnyk den Kopf in vier Teile zerspalten. Ich schließe mein Schreiben, denn ich kann nichts mehr schreiben. Hätte ich Kraft genug, ich könnte 2 Jahre durch schreiben und würde doch nicht alles beschrieben haben. Sei wohl und bete zu Gott für uns alle, denn wir befinden uns jetzt in Gefahr. Dein Vater M. G—n. (Zusatz.) Der Pristaw des ersten Reviers wurde von einem christlichen Schriftsteller am Montag, abends, getötet, ohne daß es bemerkt wurde. Passiert man jetzt die Straße, muß man ganz behutsam sein, daß man von einem Dolchstich nicht verletzt werbe.