Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 19 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Salomon Buber nimmt nicht bloß eine hohe soziale Stellung ein, — er ist eines der leitenden Vorstandsmitglieder der israelitischen Kultusgemeinde Lemberg, Handelskammerrat, Präses der Gefchüstshalle, Zensor der österreichisch-ungarischen Bank, Mitglied der Bernstein-Stiftung, sowie zahlreicher philanthropischer Vereine, —er hat sich auch um die Literatur und die Wissenschaft des Judentums wie vielleicht keine zweite Persönlichkeit in der gegenwärtigen Generation verdient gemacht. Mit unermüdlichen! Fleiß hat er alte schlummernde Schätze geweckt, aus dem tiefsten Dunkel an's Tageslicht gefördert und .derart eine ganze Bibliothek voll wichtiger . Geistesarbeiten unserer Väter dem lebenden Geschlecht geschenft. Wir erinnern z. B. an die „Pesifta de Rab Kahana" (1868), an den Midrasch Abkir, (Wien 1883), Midrasch Lekach-Tob, (Wilna 1884), den Originalmidrasch Tanchuma, (Wilna 1885), Midrasch Elehha-Debarim Jutta (Wien 1885), Sifte d'Agadta, (Wilna 1886), Midrasch Tehillim (1891), Midrasch Mischle (1893), Midrasch Agada (1894) rc. Sämtliche alte Manuskripte, welche der verehrte Editor herausgab, versah er mit gelehrten und wissenschaftlich bedeutsamen Einleitungen, welche ebensosehr von seinem Fleiße, seiner ungeheuren Belesenheit, als auch von seinem Scharfsinn Zeugnis oblegen. Außerdein hat er eine große Zahl historischer Aussätze publiziert, welche in de» verschiedensten wissenschaftlichen Zeitschriften erschienen sind. Auch zünden,Werken anderer gelehrter Zeitgenossen hat er wertvolle Anmerkungen und Ergänzungen geliefert. Ml seine Werke vollständig zusammenzustellen, reicht der uns zugemessene Raum in den Spalten unseres Blattes nicht aus. Wir verweisen aus die ausführliche Biographie Buber's in der „Jüdischen Encyklopädic" Band III. Seite 409. Die jüdische Wissenschaft und Literatur ist Salomon Buber als ihrem .eifrigsten und erfolgreichsten Pfleger und Förderer zu hohem Danke verpslichtet. Wir beglückwünschen ihn von Herzen zu der wohlverdienten Auszeichnung. Äorfiotische Snteit.*) Es mag wohl geschehen, daß ich, wenn ich , durch fremde Lande streife, die schönsten Sammlungen in weftem Bogen umgehe, um nur das warme, lebendige Leben zu schauen. Dreimal wandelte ich durch die Hallen des farbigen Fischmarktes zu Kopenhagen, bevor ich mich dazu bewegen ließ, doch auch endlich einmal schandenhalber dem Thorwaldscu-Museum meinen huldigenden Besuch abzustatten. Insonderheit bei Antiquitätenkabinctten muß ich schlecht angeschrieben sein. Ich meide sie, fcod). nur aus einer Art romantischer Empfindsamkeit: das Gewesene, das für ewig Verlorene nämlich verursacht mir stets den quälenden Herzenshunger, die lastende Gewißheit, mich in verschollene Jahrtausende nicht zurücklcben zu können. Unvergeßlich ist mir der Schinerz, den ich empfand, da ich zum ersten Male durch das ausgegrabene Einst Pompejis oder durch die beiden Foren Roms zagend, schier verzweifelt hindurchschritt. Von der Höhe dieses Rostrums herab improvisierte in dynamisch wohlabgewogenem Baryton Cicero seine sorgfältig gefeilten Reden, und da drüben im mächtig großen Zirkus kniete der sehnige Sieger auf dem Halse des niedergerungene» Kameraden, hochgcskrecktcii Hauptes des Winkes blühender Römerinnen harrend, die, je nach ihrer augenblicklichen Laune, mit dem ab- oder aufwärtsgewendetcn Daumen ihrer weißen Hand über Leben und Tod des röchelnden Fechters entschieden. Und dicht daneben, vom tarpejifchen Felsen, an dessen morschen Rändern ich fromme — oder, nach Heinrich Heine — kluge Mhrthcn gepflückt: stürzten sic die argen Baterlandsverrätrr, die Tißas und Perczels der Antike, in die schauerliche Tiefe. Dies Alles nicht mitangesehen zu haben, tut weh. Darum incide ich sie, die Bieltausendjährigen, ob sie Götter, Helden, enthauptete Niobiden, Zirkuskämpfer oder schöne Frauen gewesen sein mochten. , Nur nach dem Jetzt und seiner schäumenden Betätigung verlangen meine Sinne. Und da flehe ich vor dem Friedhof in Korfu. Es ist der jüdische. Nichts, was Gcwesencres in sich bergen könnte, als so ein Gottesacker. Und da ersaßt sie "mich denn auch schon, die Wehmut des Unwiederbringlichen. Ach, die korfiottschen Juden! Auch sie haben vor zehn oder zwölf Jahren ihr Kischinew gehabt. Es war genau zur Osterzeit, da kamen sie von Zante herüber und sielen über die bösen Juden her, die ja, wie bekannt, zum Passahfeste Christenkinder schlachten. Ob zu jener Zell mehr Lämmer oder Judenkinder unter's Messer gerieten, ist stattstisch nicht nachweisbar.- allein nach einer oberflächlichen Schätzung neigt man zur Annahme hin, daß die feiertägigen Opferlämmer jene noch überwogen. Es war ein Auferstehungsfest» wie man es seit langem nicht so fröhlich feierte. Me grünen Tore hatten sie mit roten Kreuzen geschmückt. Me Farbe zu dieser frommnaiven Malerei Hollen sie aus Kübeln, in welchen Lamms- und Kinberblut durcheinander gequirlt waren, damit die Tünche nicht so bald gerinne. Noch heute ist die Hauptstraße der Vorstadt Kastrades wie ausgcstorben. Hier nämlich wohnten die *) Aus dem „Pester Lloyd". Frankfurter Israelitisch« Familienblatt. wohlhabenden Juden. Fernab von den engen Gäßchen und Pferchen der eigentlichen Stadt bauten sie hier sich freie, lustige und lichte Wohnhäuser. Allerdings, so licht, frei und lustig, wie sie augenblicklich sich dem Beschauer zeigen, haben sie sie nicht geplant. Die Fenster starren wie blinde Augenhöhlen, die Türen gähnen, die Dächer sind eingestürzt, die Mauern vom gefräßigen Feuer geschwärzt und in Trümmern: und auf den Schwellen — der Fluch des Propheten hat sich gründlich bewährt — wächst dichtes Gras, würziges Gras, das aus rotgedüngtem Boden in üppiger Fülle hervorschoß. Die weißen Lämmer und scheckigen Zicklein, die zwischen den Haustrümmern weiden, finden es auch sehr schmackhaft. Von der nahen Insel Zante kamen sie in hellen Haufen gezogen, mit fliegenden heiligen Fahnen und geweihten krummen Messern und fanden hier werktättge und glaubensheißc Unterstützung, uni, wie es im Hugenottenlied heißt: zu sengen, zu morden und zu plündern. Bon den Achttausend blieb die Hälfte zurück, da sie zu schwach oder zu arm war, um' mit den Starken und Wohlhabende» zu fliehen. „Der gute Frosch war lange krank — nun raucht er wieder, Gott sei Tank!" singt Moritz Busch von seinem vielversolgtcn Helden. Auch die Judenschaft Korfus hat sich wiederum erholt, die Geflohenen kehrten allmälig zurück und den Ansfall ersetzte die Liebe und Gottes Segen. Aus dem weitgedchnten, welligen Boden des Friedhofes ragt kein einziges Grabmal aus dem Boden. Die „Mazewas" liegen alle flach ans dem „Kewer" zwischen einigen schwarzen Cypressen. Des Frühlings milder Atem streicht versöhnend durch ihre Nadeln. Sinnend blicke ich über das wogende Riedgras hinweg nach der fern gelegenen Einfriedigung des „guten Ortes". Bon Gartenkunst nnd wohlgcpflegten Gräbern keine Spur. Da sich aber dieses begnadete Eiland eines immerwährenden Lenzes erfreut, blühen Veilchen und Rosen stets um diese Mäler, ein Gleichnis ewigbauernder Freude, deren sich die Seelen der unten Ruhenden sicherlich erfreuen. Wie dünngesäet die Gräber, wie schütter hier die Toten! Auf dieser weithin grünende» Fläche fände wohl die zehnfache Zahl eine Urstätte. Diese Freigebigkeit des Munizipinms ist, nach allldcm, was ich über das Los der Juden hier erfahren mutzte, geradezu auffallend. Ach, meinte mein Gewährsmann, die Verwaltung der guten Stadt Korfu ist in diesen« Belang von der größten Liberalität. Und verlangten die Juden noch einige Hundert Morgen mehr zu Becrdigungszwecken, freudig würde man sie ihnen gewähren, mit der Bedingung nattirlich, daß das reiche Geschenk vollauf ausgenützt werde. Zumeist sind es jüdische Ouellentverke, aus welchen die Historiographen Korfus schöpfen, zumal aus de» Schriften des jüdischen Gcmeindearchivs, die in XII. Jahrhundert, während der nach dem Zusammenbruch des byzanttnische» Kaiserreiches erfolgten Diaspora niedergeschrieben wurden. Auf einem dieser Blätter steht verzeichnet die heldenmüttge Verteidigung einer gegen die Flut der mächtig anstürmenden Türken erbauten Schanze durch die Juden. Dieselbe führt hellte noch den Namen: „Fort Awram". Von der Geschichte der korfiottschen Juden spinnen sich auch einige Fäden in die Odyssee hinüber, und zwar zuni geringeren Preise der Juden. Aus dem nahcgelegcncn Jskariu, dem homerischen Dorfe Scheria nämlich, stammt Judas Jskariotes, der Verräter seines Herrn und Meisters. Freilich inußte er es auch schwer büßen: man hat ihn zu einem Drama verarbeitet. Allerdings erst nach 2000 Jahren. Aber dies inildett wenig die Härte der Strafe. In den eng zusammcngeschobeneu Gäßchen des Stadtinnern noch einige engere: das ist .das atembeklemmende Ghetto. Selbst der Sonne dieses Sonnenlandes MUß es schwer werden, hier hineinzuleuchten. Es war Freftag Nachmittag. Die Kuppe des Pantokrator schimmerte noch goldig, in den Judengäßchen aber webten berefts die grauen Schleier des verhcißungsreichen Abends, da sie kommen soll, die liebliche Braut des Sabbat. Fremder Besuch in der Synagoge muß hier wohl als große Seltenheit gelten, denn wir, mein Freund Dr. S. und ich, verursachten lebhaftesten Eindruck, da wir eintraten, und waren nach einigen Augenblicken Mittelpupkt des zutunlichen Kreises der Sephardim. Zutunlich waren sie, aber Nicht vordringlich. Ich muß diese meine Beobachtung dick unterstreichen. Vielleicht mochten wir ihnen als inkognito reisende Prinzen, oder gar als russische Emissäre. Ordner irgend einer neuen frischfrommfröhlichen Judenjagd erschienen sein — denn einige von der.Gemeinde blickten uns schüchtern und zagend, ja, scheel und mißtrauisch von der Seite an. Ab und zu scharfe Profile und Augen tief und schwärmerisch mit dem Blick verhaltenen Schmerzes oder Hasses. Die meisten von ihnen jedoch zeigten arischen Schnitt, freie Geberden und sicheres Gehaben. Eigentlich semitische Köpfe fanden wir zumeist unter der christlichen Bevölkerung, zumal unter den langbärttgen Popen mit kühn modellierten Nasen. Diese Priester würden in Kischenew oder Simferopol selbst durch das goldene Kreuz, das sie auf der Brust tragen, vor den würgenden Händen nicht gerettet worden sein. Oder vielleicht gerade deshalb?-. . . . Das Innere des Tempels bot uns große Ueberraschung. Wer würde wohl unter diesen gedrückten Dächern und engen Mauern einen so lustigen, hohen Nr. 19. Saal vermutet haben? Der „Mmemor", die Gebetbuhne, ist an der östlichen Schmalseite aufgebaut. Der brokatene Vorhang der Bundeslade in Gold gestickt und mit Edelsteinen geschmückt. Die Gläubigen sitzen in der Längrnachfe und — beten. Ich muß diesen Umstand wiederum ganz besonders hervorheben: Sie beten inbrünstig, von allem Irdische» abgezogen — dieweilen ich Betgemeindcn kcirne, wo während eines länger geratenen Ableierns der Gesetzesrolle in einem unbewachten Augenblicke schüchtern sich das Morgenblatt des „Pester Lloyd" hervorwagt und von eng zusammengestcckten Köpfen eifrig gelesen wird. Hier stört kein profaner Laut den Gottesdienst. In tiefer Andacht folgt man dem eintönigen Geplärr des Vorbeters, dessen widerwärtiger, langgezogencr Sang an das Geheul eines angeschossenen Schakals gemahnt. Ich kenne diesen Riga» und kenne die Melodei aus den Tagen meiner Kindheit, da ich zu Füßen meines Großvaters saß, des Begründers und Vorstehers der ersten Sephardcngemeinde in Pest. Allein, dem Gläubigen ist bald gesungen. Nun mag man dieses Gestöhne und Gekrächze an dem ,nitunter hinreißend schönen Gesang der russisch-polnischen Chasonim messen! Die teilweise auch in die rituellen Psalmen einbezogenen sarinatischen Lieder entzücken dupch ihren Wohllaut. Nimmer vergesse ich des einzige» Genusses.— auch eine Erinnerung aus glücklicher Kindheit — da wir dem herrlichen Gesänge des großen David aus Brody (des Vaters unseres lieben alten Strclisky) horchen dursten. Ein süßer hoher Tenor mit der Kolorattir eines Massini. Nnd solcher gibt es vielleicht auch heute noch. Die korfiottschen Jude» ließe» cs bei diesem einen Gotteshause nicht bewenden. Sie besitzen ihrer drei. In dem einen ist die verbindende Vcrständigungssprache die neugriechische, in den beiden anderen die spanische. Die spanische! Welch rührende Treue, welche Liebe z» dem alte» Baterlande, aus dem sie vertrieben wurden, seine Sprache auch heute noch zü hüten und zu üben. Im klebrigen ist — ivie sie uns erzählten — in dieser jüdischen Gemeinde alles gräzisiert, eigentlich originalgriechisch: die Verwältungssprache ebenso wie die Unterrichtssprache. Der Antisemitismus, der sich noch vor einigen Jahren so blutig betätigte, scheint — wie ja auch bei uns — nur mehr ein platonischer zu sein. Ist doch ein junger Jude — ich glaube gar, er heißt Abarbanel — Lehrer der griechischen Sprache und Literattlr an der städtischen Hauptschule. Immerhin ein Zeichen günstiger Wandlung. Selbstredend wurden wir nach dem heilige» Amt im Borhofe des Tempels mit Fragen bestürmt: Wer wir wären und lvoher wir kämen der Fahrt? — Aus Ungar», antworteten wir. Aus Ungarn? Ach, daher beziehen wir ja unser Ostermehl! Wir wollen cs diesmal doppelt weihen, da Sie ja unserer Armen gedachten. Gott segne Ihr Land, wo der Jude in Frieden 'und Freiheit lebt! Sie rüsteten also zum -Osterfeste, und ich habe weder gelesen noch gehört, daß man hier, währendder jüngsten Passahtagc mit den Lämmern auch Judenkinder geopfert hätte. Eines aber ist sicher: seit dem ersten blutigen Exodus der Juden holen die Händler weder den heiligen „Eßrog", den Zedernapfel, noch auch den „Lulaw", den friedenbringenden Palmcnzweig mehr aus Korfu. P o r z 6. G Feuilleton. G Kadimah (Ostwärts). Erzählung von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung). „Juda!" Er blickte auf; er sah ihr gcisterbleiches ßieficht, ihre starren, weit geöffneten Augen — und schweigend verließ er das Zimmer. Doch ihre Gebärde tiefster Verzweiflung, höchsten Jammers folgte ihin nach. Er suchte sie zu verscheuchen; doch vergeblich; wie sein Schatten folgte sie ihm nach. Er kämpfte dagegen mit grimmiger Wut. Er darf das Bild dumpfer, hoffnungsloser Klage nicht mehr vor Augen haben! Er muß seinen Kopf klar halten; kristallklar —; er muß ja denken! Denken? — wo all seine Gedanken, wie leichte Schneeflocken vom Sturm gepeitscht, in feinem -Hirn auf- und.abwirbclten. „Mein Gott, nur heute gib mir die Kraft, um das Eine zu vergessen, damit ich auch dem Anderen gerecht werden kann! Der Liebe habe ich heute mein Herz geopfert; o, lasse mich für die Wahrheit auch meine ganze Seele einsetzen. O, vergessen — denken — wenigstens heute — Morgen, wo die eine Hälfte seines Jch's - tot und abgestorben ist — welche Hälfte —? — da konnte er ja auch nur zur Hälfte leiden; da will er die Erinnerung wachrufen; da will er dem Mgeschiedcnen einen stillen, abgeklärten, wehmütigen Schmerz nachcmpfinden.