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Neue jüdische Presse · 1905-05-19 · Heft 19 (19.5.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 19 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19. Frmttfurter Israelitisches FamilienbltM. Seite ö. Dessau. Die Baronin von Cohn-Oppen- Heim-Stiftung (Stistungsvermögen über 5 Millionen Mark) bewilligte in ihrem ersten Tätigkeitsjahre 1904 in ihrer Abteilung VI an folgende jüdische Institutionen Beiträge: Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums (Jüdische Hochschule) in Berlin 3000 JL — Die Gesellschaft zur Förderung jüdischer Wissenschaft in Berlin 3000 JL — Das Israelitische Lehrerinnenheim in Berlin 500 JL — Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt a. M. . 900 JL — Der Verein zur Beschaffung eines Zentral- Ärchivs für die sämtlichen jüdischen Gemeinden . Deutschlands in Berlin 300 JL — Ter Verband der Vereine für jüdische "Geschichte und Literatur in Berlin 5Ö0 JL — Die Zunz-Stiftung (Stiftung für jüdische Gelehrte) in Berlin 500 JL — Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund in Berlin 1000 JL — Ter Verein zur Abwehr des Antisemitismus jn Berlin 1000 JL — Das Deutsch-Israelitische Kinderheim in Diez 300 JL — Das Israelitische Zentral-Waisen- und Mädchenheim in Bad Ems 300 JL — Der Israelitische Volkskindergarten und Kinderheim in Berlin 500 JL — Der Verein „Freunde Israelitischer Taubstummen" in Berlin 100 JL — Das Israelitische Schüler- und Lehrlingsheim in Marburg 1000 JL — Die Israelitische Realschule in Fürth 100 JL — Der Mendelssohn-Verein, Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Dessau 600 JL — Die Zionistische Ortsgruppe in Dessau 250 JL — Tie Israelitische Gemeinde in Koswig 100 JL Breslau. Welch' Terrorismus mitunter von einem Privatfleifcher auf seinen Schächter geübt wird, das kam jüngst auf dem städtischen Schlachthvse zur Sprache. Der Flcischermeister A. verlangte von seinen! Schächter I., das; er auch am Feiertage schlachte. I. weigerte sich unter Berufung auf das Religionsgesetz, welches nur einen Tag um den andern zu schlachten gestatte. Da wandte sich A. an den Direktor des Schlachthofes und ersuchte ihn, dem I. das fernere Schlachten zu verbieten. Der Direktor aber erkundigte sich bei Herrn Rabb. Tr. Rosenthal, ob die Weigerung des F. eine Berechtigung habe, was Tr. R. zu gunsten des I. bejahte. Damit entfiel auch für den Direktor jeder sachliche Grund zum Einschreiten. — Unser Religionsgesctz verbietet bekanntlich überhaupt, daß der Schächter zur Wahr ung seiner Unabhängigkeit in ein Vertragsverhält nis zum Fleischer trete. Wie recht hatten unsere Weisen! Oesterreich-Ungar«. K. Prag. Zur Leichenverbrennung. Aus Wien wird uns gemeldet: Wg. Dr. Klumpgr wird mit Rücksicht ans den Umstand, daß die letztwillige Verfügung des verstorbenen Präsidenten der böhmischen Landesjudenschaft Dr. Moritz L i ch t e n < stern, seine Leiche zu verbrennen, an der Weigeo ung des Prager Oberrabbinates, die Beisetzung der Asche zuzulassen, scheiterte, eine Interpellation an die Regierung richten, ob dieselbe geneigt sei, in Zukunft auf die Erblaßbehörden dahin zu wirken, daß dieselben dem Druck der Kultusvertreter, in diesem Falle des Oberrabbinates. und der Beerdig ungsbrüderfchaft nicht nachgeben, welche die Durch führung des letzten Willens des Verstorbenen nicht zulassen wollten, Budapest. Unter vielen anderen Legaten vermachte Ludwig Kraus; de Megyer folgende ausschließlich jüdische: Dem Wohltätigkeitsfonds der Pester israelitischen Religionsgeineinde Kr. 50000, bem israelitischen Taubslummeninstitut Kr. 15000, dem israelitischen Handwerks- und Ackerbauverein Kr. 10000, bcm israelitischen ' Spital Kr. 30 000, dem Adele Brody Kinderspital Sit. 20000, dem „Ez Chajim"-Vercin des Rabbinenseminars Kr. 2000, für die armen Zöglinge der israelitischen Lehrerpräparandie Kr. 5000, dem israelitischen Stipendicnverein Kr. 5000, dem israe litischen Knabenwaisenhause Kr. 20000, dem israe litischen Mädchenwaisenhause Kr. 10000, dem Pester israelitischen Frauenverein Kr. 20 000, dem Volks küchenfonds des israelitischen Frauenvereines Kronen 10 000, dem Pester israelitischen Waisenmäbchenasyl Kr. 10000, der Talmud-Thora-Schule Kr. 2000, dem Kinderbekleidungsfonds der israelitischen Gemeinde Kri 5000, dem Stipendienfonds der israelitischen Gemeinde Kr. 2000, dem Gemeinde-Pensionsinstitut Kr. 5000, 'der Pester Chewra-Kadischa Kr. 30000, dem israelitischen Landes-Lehrervcrein Kr. 5000, dem Waisenfonds desselben Vereines Kr. 5000, dem israe litischen ungarischen Literaturverein Kr. 2000, dem Landesverein der israelitischen Gemeindebeamten Kr. 2000, für einen Ausstattungsfonds für arme israelitische Mädchen Kr. 20000. Als Stiftung zur Unterstützung von armen Familienangehörigen Kr. 100000, welche nach 20 Jahren als allgemeine Wohltätigkeitsstiftung der Pester israelitischen Religionsgemeinde zufällt. Budapest. Der Lotteriegewinn de Rabbiners. Der Rabbiner der N y i t r a e r israelitischen orthodoxen Genieinde M o s e s K a tz gewann in der Klassenlotterie 150000 Kronen, von denen er. wie «ine Lokalkorrespondenz zu melden weiß, die Hälfte wohltätigen Zwecken zu widmen gesonnen ist. Beregszasz. Gestohlene Matrikeln. Der Oberrabbiner von Bilke (Komitat Bereg) erstattete beini Oberstuhlrichter die Anzeige, daß die dortigen üdischen Matrikeln von unbekannten Tätern entwendet worden seien. Die seitens des Oberstuhlrichters an Ort und Stelle sofort vorgenominene Untersuchung ergab kein positives Resultat. Schweiz. St. Galle«. Der Regierungsrat hat an die Bezirksämter des Kantons St. Gallen ein Kreisschreiben des Inhalts erlassen, daß vom 28. April l. I. angesangeu an russische Juden keine Hausiererpatente (auch keine Erneuerungen) mehr zu erteilen sind. Diese regierungsrätliche Verfügung stützt sich auf den prinzipiellen Bechluß des Bundesrates vom 11. Älpril 1905, den bekanntlich der Rekurs der 17 russischen Hausierer in Luzern hervorgerufen hat und der festsetzt, daß rusischen Juden in der Schweiz das Hausierpatent verweigert werden darf. Wie man hört, haben sich auch die benachbarten Kantone entschlossen, dieselbe Praxis zu üben. Im Kanton St. Gallen sind im Vorjahre unter 1150 Patenten 121 an russische Juden erteilt worden. Melitopol. Die blutigen Krawalle, die hier stattfanden, sind erst nach Verstärkung der Garnison und nach dem Eintreffen des Gouverneurs Trepow und des Vizegouverneurs Grafen Mur a w i e w unterdrückt worden. Der von den Exzedenlen ungerichtete Schaden wird auf eine Million Rubel geschätzt. Bielen Hauseigentümern gelang es, sich von der Bande, welche mordete, raubte und die Häuser demolierte, loszukaufen. An der Spitze der Bande standen fünfzehn aus Jozowka eingetrossene Strolche. Planmäßig sollte der Ueberfall bloß der jüdischen Bevölkerung gelten: derselbe nahm aber infolge der Habgier des Pöbels einen allgemeinen Charakter an. Es wurden 12 Kaufläden niedergebrannt, wodurch nicht bloß Juden, sondern auch Russen und Armenier ihr Hab und Gut vollständig einbüßten. Personalien. Rußland. Petersburg. Unter den vielen üblichen Ostern- Inszenierungen gegen die Juden, die besonders dieses Jahr üppig blühten, ist — wie schon oft — auch diesmal wieder der Versuch gemacht worden, Blutmärchen zn konstrnieren, um jo ein frisches, fröhliches Blutbad unter den Juden anrichte» zu dürfen; glücklicherweise sind aber die Versuche nicht geglückt. — So berichtet inan aus Kjele, daß dort an einem der Pesachtage die christliche Magd des Rabbiner Jernsalinsky, als sie ans die Dachkammer ging, ein Stöhnen vernahm: in ihrem Schrecken fing iie zu schreien an; da eilten die Bewohner des Hauses herbei: man ging dem Stöhnen nach und fand ein geknebeltes, christliches kleines Mädchen in einem Hausen Stroh liegen. Das Kind konnte nur noch mit vieler Mühe ins Leben zurückgerusen werden. — Das gleiche Spiel auf andere Weise wurde auch — wie gesagt — in anderen Orten inszeniert; was geschehen wäre, wenn die Bestien ihren Zweck erreicht hätten, braucht nicht gesagt zn werden. Dwinsk. Echt russisch. Ungeachtet des Umstandes, daß die Gründung der hiesigen Nachtwächter-Institution mit Genehinigung des Polizeimeisters geschah, mißhandeln die Schutzleute die Nachtwächter und sperren sie widerrechtlich ein. Die Nachtwächter-Institution ist erst kürzlich zum Schuhe des Lebens und des Eigentums der Bürger ins Leben gerufen .worden, da gegenwärtig auf die Polizei kein Verlaß mehr ist; sie erfreut sich einer besonderen Förderung seitens der jüdischen Bevölkerung. Bor einigen Tagen nun wurden zwei jüdische Nachtwächter, Säger und G. Trojanow, während sie ihren Dienst ausiibten, von Polizisten tätlich angegriffen und so mißhandelt, daß sie bewußtlos sortgetragen werden mußten. Kischinew. In der Nacht vom Samstag auf Sonntag plünderten einige Soldaten des 53. Jnfanterie-Reserve-Bataillons mehrere Häuser der Juden in der Nikolaistraße. Die Einwohner flüchteten sich in die Keller und in die Autzenhäuser. Die Soldaten zertrümmerten sämtliche Fenster und Möbel. Die Unruhen währten mehrere Stunden hindurch und die Polizei war machtlos, die Ruhe wieder herzustellen, bis Patrouillen eintrafen, die durch Offiziere herbeigeholt worden waren. Dutzjaly. Wegen der hier vor einigen Tagen sich abgespielten Juden Hetze ist von der Behörde rsinc Untersuchung eingeleitet worden. Nach verschiedenen Zeugenaussagen' war der Progrom ein Machwerk des Schwarzen Hundert, wie man die Organisation der Strolche nennt, die sich in den Dienst der Reaktion stellen und von der Polizei aus verschiedenen Orten angeworben, zum mindesten zu ihrer Tätigkeit ermuntert worden sind. Verschiedene dunkle Ehrenmänner haben Zeit gefunden, sich aus dem Staube zu machen. Die Verluste der Juden erreichen die Höhe von 100 000 Rubeln. Derkleine Flecken mit einer unbedeutenden Einwohnerzahl ist ganz verwüstet. Von den vielen Fällen äußerster Grausamkeit sei hier einer vermerkt: Auf deni Balkon des Hauses eines Herrn Baron hatten sich mehrere Glieder der Familie versammelt, um mit Steinen und Revolvern den Plünderern Widerstand zu leisten. Tiefs griffen zu einer List. Ein Teil von ihnen wandte sich zur Hintertür, so daß die Angegriffenen sich ins Innere des Hauses zurückziehen mußten. Unterdessen drang der auf der Straße zurückgebliebene Haufen über den Balkon in die Zimmer, wo die sich zur Wehr setzenden Juden umzingelt wurden. Ter kräftigste Mann unter ihnen wurde verwundet. Die Angreifer warfen seinen Körper über den .Balkon auf die Straße, wo die Menge ihm mit einem Beit den Kopf abhackte. Das Haupt der Familie, ein 70jähriger Greis und zwei seiner Söhne wurden am Halse und am Kopf verwundet. Ihr Leben schwebt in Gefahr. Ein dritter Sohn kam mit. einer leichten Wunde davon. Den Uebrigen gelang es, durch die Fenster zu fluchten. Berlin. Sanitätsrat Dr. A. Würzburg, der bisher technischer Hilssarbeiter und Bibliothekar im kaiserl. Gesundheitsamt war, ist zum Regierungsrat und Mitglied des kaiserl. Gesundheitsamtes ernannt lvorden. Berlin. Kommerzienrat Heinrich Buchholz, eine der angesehensten Persönlichkeiten der Berliner Großkauftnannschaft, feierte am 11. ds. Mts. seinen 70. Geburtstag. Professor Dr. O. Wassermann von der medizinischen Fakultät hat das K o m m a n d e u r k r e u z des spanische» Ordens Jsabella der Katholischen erhalten. Breslau. Dem Rittergutsbesitzer S. Schottland e r ist vom König von Rumänien das K om - m a n d e u r k r e u z des Ordens der rumänischen Krone verliehen worden. Stratzburg i. 81f. Der Charakter als Sanitätsr a t wurde dem Arzte T r. m e d. Gustav L e v y verliehen. München. Ordensverleihungen. Kommerzienrat Lehmann B e r n h e i m e r - München hat den württembergischen Friedrichs-Orden, der Fabrikant Wilhelm Bender -Frankenthal, der erbische Konsul Julius Goldschmitt -Ludwigshafen das Ritterkreuz des Ordens der Krone von Italien, der schwedische und norwegische Konsul und dänische Bizekonsul Bernhard Lang-Nürnberg das Ritterkreuz des Tanebrogordens erhalten. Gisleben. Herr Isidor Simon feierte am 12. Mai seinen 100. Geburtstag. Ter Jubilar, der in Köthen geboren ist, kam als 5jähriger Knabe nach Eislebcn, wo er seitdem ununterbrochen wohnt. Mit 11 Jahren bereits aus sich selbst angewiesen, etablierte er 1831 in Eisleben ein Manufakturwarengeschäft, welches noch heute unverändert von seinem Sohn geführt wird und sich eines glänzenden Rufes erfreut. Isidor Siinon bekleidete viele Ehrenämter, so war er 17 Jahre Stadtverordneter und 12 Jahre Baukommissar der Stadt; 1810 gründete er den Arbeiterverein, 1866 war er Mitbegründer . des Kriegervereins, dessen Ehrenmitglied er jetzt ist. Der alte Herr ist körperlich und geistig noch durchaus rüstig und interessiert sich noch sehr lebhaft für alle geschäftlichen und privaten Geschehnisse. Köln. Der am 7. Mai im Alter von 65 Jahren verstorbene Herr Otto de l a P a r r a ist der letzte Sproß der alteingesessenen Abraham Oppenheim'schen Familie, der dem Judentum treu geblieben ist. Während sämtliche andere Mitglieder der weitverzweigten Patriziersamilie ihre Religion wechselten, konnte er durch nichts und von Niemandein zu diesem schmählichen Schritte bewogen werden. Herr Otto de la Parra verkehrte als Jude in den ersten Kreisen unserer Vaterstadt und war überall gerne gesehen; er ist Junggeselle geblieben. Wir erwähnen sein Hinscheiden, weil er stets gegen Jedermann wohltätig war, besonders aber zu jüdischen Zwecken gerne mit voller Hand aus seinen reichen Mitteln spendete, ohne jedoch jemals die große Glocke hierbei in Bewegung zn setzen. Seine Wohltaten übte er immer verschwiegen, und gar mancher wird seinen Verlust wohl noch in empfindlicher Weise spüren. Wer noch ein anderes Moment interessiert uns an dem Verblichenen. Ter Entschlafene war Oberleutnant der Landwehr-Infanterie a. D., trotzdem er Jude war. Als tapferer Kämpfer hatte er die siegreichen Feldzüge 66 und 70/71 mitgefochten. — Das Begräbnis Herrn de la Parra's vollzog sich nicht mit dem großen Pomp, der bei solchen Gelegenheiten sonst üblich ist. Tie Hinterbliebenen zeigten in einer kurz gefaßten Anzeige das Ableben des einfachen Mannes an, der auf dem Teutzer Friedhof, wo seine Mutter und sein bedeutender Großvater Abr. von Oppenheim liegen, seine letzte Ruhestätte fand; Basel. Bei den am 8. und 7. ds. Mts. stattgehabten G r o ß r a t s w a h l e n wurde u. a. Herr Nathan H ö ch st e t t e r, ein Kandidat der sozialdemokratischen Partei, gewählt. Lemüers (Galizien). Die amtliche »Wiener Zeitung" meldet die Ernennung Salomon Butz er's zum kaiserlichen Rat.

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