Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 19 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Frankfurter Israelitische- Familienblatt. Seite 5. In dumpfem Hinbrüten verbrachte Juda die Stunden, bis er oie Uhr sieben schlagen hörte. Mechanisch erhob er sich und machte sich auf den Weg zu der Halle, wo die Versammlung der Kadimah stattfinden sollte. Vilensky trat ihm dort entgegen, und als er Juda's blasses, abgehärmtes Gesicht bemerkte, sprach er halb scherzend: „Was? Auch Sie Lampenfieber? Bühnenfnrcht? Was sollen wir andern erst machen?" Es kostete Jtlda große Anstrengung, dem Frage' steiler irgend etwas Gleichgültiges zu erwidern, um sich bald von ihm los zu machen. Um Gottes Willen, nur jetzt keine Fragen, kein Forschen, oder er muß sich an irgend etwas vergreifen, um es zn Tode zu würgen — am liebsten freilich — sich selbst! ' Wie im Traume sah er den mächtigen Saal sich mehr und mehr füllen. Die unruhigen Wogen der Aufregung, die die Versammlung bewegte, empfindet er Anfänglich als etwas Nebelhaftes, Verschwommenes, noch weit, weit Entferntes. Doch allmählich kam es näher und näher an ihn heran, und der erste, deutliche, durchdringende Ton vom Podium herab berührt sanft seine aufgeregte Seele schmerzstillend, heilend, neubelebend, diene Hosfnung beseelt ihn: Er steht ja vor der Entscheidung, die blitzartig, wie eine himmlische Erleuchtung, sich offenbaren wird, uni Aufruhr, Weh und Todesangst zu verscheuchen. Und ist sie erst da — mag sie ausfallen, wie sie will — er wird sie ergreifen, mit eiserner Faust festhalten und'nimmer loslassen. Besser eine Hölle der Sicherheit, als Jubel voller Zagen, Zweifel und Ungewißheit. Einer der angesehensten Inden Warschaus, Hosrat 2r. Porter, führte den Vorsitz, und wie Juda wußte, war er ein intimer Freund Heinrich Kronemann's, der auch in den Regierungskreisen großer Achtung sich erfreute. Soll dieses für ihn ein günstiges Zeichen sein? — Er biß die Zähne fest zusammen, um den wiedererivachenden Aufruhr seines Innern zu dämpfen, um die mühselig errungene Ruhe zu bewahren. Einer nach dem andern erhoben sich die Sprecher, um ihre Ansichten für und wider vorzutrageu, um mit ihren Argumenten die Menge zu fesseln und zu überzeuge». Hoch wie Sturincswellen wogten und brausten die Meinungen hin und her: Begeisternd, verspottend, zürnend, je nach dem Standpunkte, den der Redner vertrat. Juda sollte zuletzt sprechen; seine Rede sollte den Gipfel, oder auch den Grundstein des Gebäudes bilden, das heute hier entstehen sollte. Endlich trat er vor; es entstand eine feierliche Stille, die durch die eigenen Pulsschläge, die jeder deutlich hörte, noch vermehrt wurde. Jedes Ohr Ivar gespitzt, jedes Auge weit geöffnet, auf daß kein Laut, keine Bewegung des gefeierten, machtvollen Redners entgehe. Juda fühlte gleichsam das erwartungsvolle Schweigen, das die Krast seiner Beredsamkeit sonst zu erhöhen pflegte. Doch heute war er mit sich unzufrieden. Er begann zu sprechen; aber er fühlte es bald heraus, daß es nur Atemverschwendung sei; das war es gar nicht, was er wollte. Er strebte nicht nach dem Beifall der Menge, er wollte die Ueberzeugung in's eigene Herz tragen; und das war ihm noch nicht gelungen. Seine bisherigen Erörterungen dünkten ihn einfache, alt abgebrauchte Phrasen, die ihn selbst nicht erwärmten; sein Inneres blieb kalt; seine Seele fröstelte. Endlich aber hat er den richtigen Ton gctrosfen: Er berührte die reine Glückseligkeit der Ergebung, die lautere Freude der Hingebung, die das eigene, blutende Herz zum Opfer für die Gesamtheit darbrachte; die selig lächelnd Leben und Liebe, das Höchste und Beste, was der Mensch besitzt, willig hingab, um das Höchste und Beste für die Menschheit zu erringen und zu erzielen. Und er sprach weiter und weiter; tvie ein Lavastrom brach es aus seinem Innern hervor; wie wuchtige, zermalmende Donncrschläge fiel es von seinen Lippen: „Schmach all' denen, die. die Machthaber mnschmeicheln, die Erinnerung Zions aus ihrer Seele verbannen; Zions, die Gebnrtsstätte der weltregierenden Sittenrcinheit! Schande, unauslöschliche Schande über die, die mattherzig im Glanze des eigenen Flittergoldes sich spiegeln, und den einstigen . Glanz, Ruhm, Pracht und Herrlichkeit Jerusalems vergessen können! Schmach und Schande über die Sklavenseelen, die zu feigen Knechten sich degradieren, das Stammeslager verlassen, und das glorreiche Banner Juda Makkabi's mit Füßen treten; jenes Banner, vor dem Tyrannen gebebt und Könige sich gebeugt! — Sind nicht auch wir von jüdischen Vätern gezeugt, von jüdischen Müttern genährt worden, und sollten nicht auch wir, wie unsere Ahnen, die Kraft besitzen. weltverachtend, todesmutig der Folterkammer zu trotzen, den Henkersknechten den Leib zu lassen, in den Flamme» des Scheiterhaufens das Schma-Jsrael» freudig-laut, weit hin schallend zu rufen, um die Seele der Erzväter, nm den Geist der Propheten zu retten, um für die Religion zu kämpfen, die die Wahrheit verkündet, das echte Menschentum begründet und Moral und Sitte der Welt gegeben? Haben wir nicht auch ein Leben, das wir opfern können? Ist etwa unser Blut zu kostbar, um es für das Kostbarste hinzugeben, nm die verkümmerte und verkrüppelte Volks-Seele Israels zu heilen und gesund zu machen?" Und er sprach weiter und weiter, und seine Worte waren lodernde, verzehrende Flammen und sein Blick ein poliertes, scharfschneidiges Schwert. Er sah seine Zuhörer nicht, bei denen, je länger er sprach, Begeisterung mit Grauen sich paarte; die. von Entzücken erfaßt, das eigene Herz stillstehen fühlten, denn was dort oben stand und sprach, das war kein Wesen von Fleisch und Blut; das war ein Geist, der ihre Nerven mit starker .Hand erfaßt und sie zerrte und spannte; znm ersten Male sahen sie hier eine Seele der irdischen Hülle entkleidet, gespenstig leuchtend und strahlend, die wohl bald die ätherischen Schwingen ausspannen wird, um ihren Flug lichtwärts zu nehmen. Und er sprach noch immer weiter: hinreißend, erdrückend und erhebend, bis — er sich seines Sieges bewußt ward, des Sieges über sich selbst, überseine Liebe! Und daun schloß er seinen Triumphgcsang mit den Worten: „Das Land Kedem, es erzittert freudig in seines Innersten Tiefen: sein Boden erbebt in prophetischer Seligkeit, und mächtig brausen des Jordans Gewässer, nur seine befruchtende Kraft dem heiligen Boden in den Schoß zu gießen; denn das Loblied des einzigen Gottes, des Gottes Israels, wird wieder erschallen an seinen Usern; und ein gewaltiges Rauschen ist vernehmbar in den Zedern Libanons, die in der langen Einsamkeit und Verlassenheit Cypresscn gleich da gestanden; in ihren Zweigen slüstert es freudig: Oh, lasset uns jauchzen und frohlocken, denn es kehrt zurück der Wanderer, der Verbannte er kehrt in sein Eigentum heim!! Und in seiner Felsenhöhle sitzt unser Vater Abraham, und lauscht und horcht Tag und Nacht, damit er zuerst den Fußtritt seiner heimkehrenden Söhne vernehme. Darum, auf, Brüder, auf! Lasset uns unsere .Schritte ostwärts lenken! Lasset uns hinziehen gen Morgen! Kadimah, dem Sonnenaufgang entgegen!" (Schluß folgt.) Vakanzen. T a r n o w i tz. Rabbiner und Religionslehrer. Anfangsgehalt Jk 3000. Moschin. Lehrer, Borbeter u. Schächter per 1. Juli. Gehalt Jk 1100, Nebencinkommen Jk 400 bis Jk SCO. Lausanne (Franzos. Schweiz), Institut Bloch. Israeli!. Knaben-fensionat Schon seit Jahren bestehend. Direktor: B. Bloch- Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 20. Mai (15. Iyar — 30. Tag im Omer): Wochenabschnitt Behar. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M-: 0 Uhr 05 Min., Straßburg 9 Uhr — Min., Berlin 8 Uhr 55 Min. Dienstag, den 23. Mai: Bag B'anmer. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Vornehmstes Tafelwasser. ■röa Soolbad Harzburg Pension Parkhaus vornehmes Etablissement, 56 Salons. Prospekte gratis. Geöffnet 1. Mai bis 1. Oktober. Max Hecht. KamUiermachrichte». (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) Geturten. 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