Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. schilderungen der die Tiinder nach dem Tode erwartenden Höllenstrafen ergingen. Nach BaalschemS Anschauungen gibt es nur sehr wenige, die nicht dann und wann von her Göttlichkeit ergriffen werden. „Es gibt keine Sünde, die uns so von Gott trennte, daß wir an der Rückkehr zu ihm verzweifeln müßten." „In einem Augenblick der Reue ist Gott wiedergewonnen, denn die Reue sührt über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg". (S. 49.) So optimistisch war der Glaube des Baalschem. Daher wurde von ihm die Freude als ein Zeichen wahrer Frömmigkeit proklamiert. Alles ist zum Dienste Gottes erschaffen: auch das Essen, Trinken, Schlafen usw. 'Alle Freuden sind Kundgebungen der göttlichen Liebe. „Wer von weltlichen Dingen und religiösen Angelegenheiten spricht, als seien sie getrennte, von einander verschiedene Dinge, ist ein Ketzer". (S. 59.) „Baalschem verlangte Herzen-- heiterkeit als die für den wahren Dienst Gottes notwendige Gemütsverfassung." Er sagte einmal: es sei eine List Satans, uns in düstere, verzagte Gemütsverfassung zu treiben, in der man geneigt ist, den kleinsten Fehler als tötliche Sünde anzusehe». Und einen! seiner Schüler, der asketischen Gebräuchen nachzugehen begann, sprach er: „Ich höre, daß Du aus religiösen Beweggründen Dich gezwungen glaubst, Kasteiungen und Butzübungen zu beginne». Meine Seele ist aufs höchste empört über Deinen Entschluß. Ans Gottes Geheiß befehle ich Dir, von diesen gefährlichen Uebunge», die nur einem gestörten Gehirn entspringen, abzulassen. Steht nicht geschrieben: „Du sollst Dich nicht Teinein eigenen Fleische entziehen?" Faste also nicht mehr als vorgeschriebe» ist. Folge »icinem Gebote, und Gott wird mit Dir sein". (S. 65—66.) Diese Lehre der religiösen Lebensfreude mußte nun natürlich den Enthusiasmus — in chafsidischer Sprache: „H ithl ah aw ut h" — als das höchste Stadium der Erhabenheit ansehcn. Jede religiöse Handlung muß mit Begeisterung geschehen. „Gottesverehrung aus Furcht ist, wenn nicht gänzlich nutzlos, doch notwendigerweise von einer gewissen widerstrebenden Schwere begleitet, die den Schwung und die Glut der Begeisterung niederhält." (S. 68.) „Nicht darauf kommt es an, wieviel verschiedene Vorschriften befolgt tverde», sondern wie und in welchem Geiste wir ihnen gehorchen." (S. 62.) „Nicht wie eine Wissenschaft sollen wir das Gesetz studieren, um Wissen ju erwerben, sondern wir solle» daraus die wahre Gottes- Verehrung lernen. Daher ist das Studium des Gesetzes der Endzweck au sich." (S. 60.) „Im Messianischen Zeitalter wird dem Menschen das Gesetz nicht länger als cttvas von außen Bestimmtes erscheinen, sondern es wird in den Herzen der Menschen sein, es wird ihnen natürlich und selbstverständlich erscheinen, weil sie erkenne» werden, daß Gott und Leben durch das Gesetz sich offenbaren." (S. 70.) „Die Inspiration wahrer Gottesverehrung ist sich Selbstzweck: da hat kein Gedanke an diese Welt Raum, keiner an die künftige. Im Talmud wird häufig eines Rabbi Elisa den Abujah Erwähnung getan, eines vom Judentum Abgefalleneu, der, als mau iu ihn drang, Buße zu tun, antwortete, Reue sei nutzlos, er habe für diesen traurigen Glauben direkte göttliche Gewähr. Denn es sei ihm durch eine Stimme vom Himmel verkündet lvorden, daß er, selbst wenn er bereue, von der Glückseligkeit der künftigen Welt ausgeschlossen sein werde. Von ihm sagte ein Chassid: „Dieser Mann ließ sich wahrlich eine goldene Gelegenheit entgehen. Wie rein hätte er Gott dienen können, da er doch wußte, daß seiner Verehrung niemals eine Belohnung zuteil werden konnte!" Dies ist für die ganze Lehre des Chassidismus von der Reinheit der Motive sehr bezeichnend. Freilich kann diese knappe Darstellung das Wesen des Chassidismus nicht erschöpfen, jedoch liefert sie uns ein getreues Bild en Miniatur von der philosophisch-dichterischen Weltanschauung der chassidischen Partei. (Schluß folgt.) G! Feuilleton. IG Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Schluß.) Philipp K»hl hat de» vier Jahreszeiten einen Clou verschafft, der Besucher von weit und breit anlockt — eine Beleuchtung, einen Lichtstrom, der scheinbar aus allen Ecken, von allen Seiten flutet, dessen Quelle aber unsichtbar bleibt. Die großen Warenhäuser Deutschlands und des Auslandes ersuchten Philipp in den schmeichelhastesten Ausdrücken, ihnen gleiche Lichtanlagen herzustellen; er aber sagte mit stolzem Lächeln zu Herrn Berger: „Die vier Jahreszeiten sollen das Licht Kühl ein ganzes Jahr allein besitzen, das ist mein Stolz und ein kleiner Beweis meiner Dankbarkeit." Trotz allem Zureden Bergers blieb er dabei. — Doktor juris Heinrich Berger war in das Geschäft seines Vaters eingetrelen. Er konnte aber seine Briefe nicht lange der schönen Ruth Borcscu diktieren, weil seine Mutter sie zur Gesellschafterin genommen hatte, sobald Erna ins Hospital übergesiedelt war. Die Familie Berger beteiligte sich wieder am gesellschaftlichen Leben Frankfurts in großem Maße. Frau Berger hatte keine Einwendungen mehr zu machen, wenn ihr Gatte seiner Vorliebe sür jüdischen Verkehr Ausdruck verlieh. Sie selbst pflegte nur noch Umgang mit jüdischen Familien und wiederholte immer ihrem Manne, wie glücklich sie sich bei ihren Glaubensgenossen fühle. Sie ließen stillschweigend geschehen, daß Ruth Borescu, die zu Hause sehr religiös erzogen war, de» Sabbat und die Feiertage wenigstens bei den Mahlzeiteil andcutete. Das junge Mädchen stellte am Freitag abend einen silbernen Becher vor denl Platze des Hausherrn, „für Kiddusch", ebenso holte sie jeden Samstag abend die Geräte für Habdalah. Herr Berger lächelte, schob aber Becher und Gelvürzbüchse auf die Seite. Auch an dem jüdischen Bereinslebeu beteiligte sich das Ehepaar Berger nicht nur durch namhafte Geldspenden, sondern auch durch tätige Mitarbeit. Sowohl Herr wie auch Frau Berger wurden infolgedessen in den Vorstand mancher Vereine gewählt, uud Frau Berger war unermüdlich im Dienste der guten Sache. Sie plante einen große» Jahrmarkt zu Gunsten der Kinderbewahrschule uud wurde auf der ersten Versammlung zur Präsidentin gewählt. Sie übte ihr Amt mit Eiffer und Geschick aus, aber gegcic Schluß der Sitzung wurde sie zerstreut und blickte immer »ach einer Seite des Saales. Schließlich erhob sie sich, schützte Kopfweh vor und entfernte sich, ohne die Versammlung ordnungsgemäß geschlossen zu haben. Zu Hause angelangt, fing sie heftig zu weinen an. Ihr Mann fragte entsetzt: „Aber Jda, was ist denn geschehen?" Sie schluchzte: „Heute ist meine Vermutung zur Gewißheit geworden, ich bi» eine Paria. Seit einiger Zeit blicken mich die Leute auf der Straße so ausfallend au; Damen, die ich niemals gesehen und die ich nicht kenne, flüsterten sich zu: Diese Jüdin ist die Mutter einer Christin. Heute sagte nun in der Versammlung Frau Meyer zu ihren Nachbarinnen, es sei sonderbar, daß ich in jüdischen Vereinen diese Nolle spiele, da meine Tochter getauft sei." Ruth, die Frau Berger begleitet hatte, blickte äußerst befremdet drein und sagte: sie habe von alledem nichts gehört und Frau Berger müsse sich geirrt haben. Frau Berger wurde durch den Widerspruch so gereizt, daß ihr Mann und Ruth Mühe hatten, sie zu beruhigen. Tie Stimmung der beklagenswerten Frau wurde immer trüber. Ruth, die mit der kindlichen Liebe einer Tochter sür sie sorgte, gelang es nicht, sie aufzuheitern. Sie sprach nur das Notwendigste und grübelte oft stundenlang vor sich hin. Eines Tags kam Erna auf Pesuch. Ta wurde ihre Mutter scheu, verlegen, nervös, sodaß sich die junge Frau bald wieder entfernte, weil sich ihr die Gewißheit aufdrängte, daß nur ihre Gegenwart die Mutter so in Aufregung gebracht hatte. Sie sagte zu Ruth, daß sie Doktor Weil veranlassen würde, morgen ihre Mutter zu besuchen. Nachts wurde Herr Berger durch das Schluchzen und Weinen seiner Frau geweckt. Tätlich erschrocken fragte er, was ihr fehle, die Frau wollte sich aber nicht beruhigen. Nach langem inständigem Zureden faßte sich Frau Berger endlich. Sie umschlang ihren Man» und stöhnte: „Ich bin die unglücklichste Mutter auf der Erde. Unsere Tochter ist uns auf ewig fremd geworden und muß uns hassen. Sie ist Christin geworden; je niehr ich mich als Jüdin fühle, desto fremder muß mir Erna werden. Wenn ich sterbe, wird sie nicht bei mir sein." Und die unglückliche Frau fing an zu schreien und zu toben. Der sofort herbeigerufene Doktor Weil fand die Frau erschöpft und teilnahmslos. Sie schlummerte während des Befragens ei». Er winkte Herrn Berger aus dem Zimmer. „Meine Befürchtungen, die ich Ihnen in Badenweiler und später nicht verschwieg, haben sich leider bewahrheitet. Die Nerven Ihrer Frau sind im höchsten Grade überreizt und das unglückliche Vorkommnis in Ihrer Familie hat die Katastrophe beschleunigt. Wir müssen den Nerve» Ihrer Gemahlin jetzt dir größte Ruhe, die größte «H-nung angedeihen lassen." Herr Berger sagte düster: „Ich fürchte, daß die Krankheit schlimmer ist, meine Jda leidet an Wahnvorstellungen." Und nun erzählte er dem Doktor, was seine Frau auf der Straße und in der Vorstandssiyung bemerkt haben wollte, und sich daraus der Gedanke der Entfremdung mit Erna entwickelt habe. Ter Arzt dachte lange »ach. „So ist vielleicht ein Weg, wenn auch nicht direkt zur Heilung, so doch zur heilsamen Besänftigung möglich und dieser Weg wäre nicht nur für Ihre Frau segensreich. Ich muß mit Ihrer Tochter reden." Und er entfernte sich rasch. — Frau Erna, die durch treue Erfüllung der übernommenen Pslichteir Gleichgewicht in ihrer Seele und Befriedigung über ihr Dasein gewonnen hat, lächelt wieder. Sie hat einen schwer verletzten Arbeiter Tag und Nacht gepflegt, und der greise Professor sagte ihr: „Der Mann verdankt sein Leben Ihnen allein." Ta ließ Tr. Weil sie in sein Sprechzimmer rufen. „Frau Erna, Sie habe» jetzt höhere Pflichten als bei uns." „Meine Mutter, Herr Doktor?" fragte sie leise. „Ja, Frau Erna, Sie allein sind vielleicht imstande, Ihre Mutter zu retten," und irun erzählte er der jungen Frau alles das, was er bei ihren Eltern gehört hatte. „Ich danke Ihne», Herr Doktor, ich kenne meine Pflicht. Ich kehre jetzt nach Hanse zurück und schwanke nicht mehr, wieder Jüdin zu werden. Das Verlangen nach meiner früheren Religion stieg schon in meiner Krankheit vor der Scheidung aus und wuchs immer mehr und mehr. Eine falsche Scham hielt mich bis jetzt vom Wiedereintritt iirs Judentum zurück; da aber die Ausführung meiner Mutter Genesung bringen kann, zögere ich nun nicht mehr." Der Doktor sagte einfach: „Ihr Herz hat wieder den richtigen Weg gefunden." Erna kehrte »ach Hause zurück, uud ihre Mutter hörte mit glücklichem Lächeln, daß sic wieder Jüdin werden wollte. — Heinrich machte »och längere Reisen, versicherte sich aber vorher der Liebe der schönen Rumkni» Ruth Borescu. Sie gestand dem entzückten Jüngling, daß sie ihn schon geliebt, als er auf dem Schisse wie ein Wesen höherer Art zu ihr getreten >var und so teilnehmend und liebevoll mit ihr geredet habe. Tie Anwesenheit Ernas, die ihrer Mutter nicht von der Seite wich, und deren Rückkehr zum Judentum, wirkten so wohltätig auf den Gesundheitszustand der Frau Berger, daß ihre Wahnideen sie gänzlich verließen. Sie blieb aber tief ernst, sie konnte nicht mehr fröhlich werden, ei» geheimer Druck schien noch auf ihrem Gemüt zu lasten. Eines Tages war die Familie Berger um den Kaffeetisch versammelt, als Doktor Weil eintrat. Erna fragte mit freundlichem Lächeln, ob sie ihrem früheren Chef nicht auch ein Täßchen anbieten dürfe, was gerne angenommen wurde, und zwischen den beiden entspann sich eine heitere Unterhaltung. Frau Berger sah deni zu. Plötzlich sagte sie traurig: „Herr Doktor, mein Gewissen zwingt mich das auszusprechen, tvas ich jetzt denke. Wie glücklich könnte Erna heute sei», wenn sie nicht in thörichter Verblendung damals die treue Hand, die sie durch's Leben leiten wollte, zurückgewiesen hätte. Und ich, ich war Schuld daran, Ich habe das arme Kind z>> eitlem Leben erzogen und die verderblichen Wünsche in seinem Herzen aufkeimen lassen. Q, welche Vorwürfe muß ich mir jetzt machen!" Sie seufzte und Träne» traten in ihre Augen. Erna, die bei diesen Worten eine tiefe Bewegung nicht benieistern konnte, eilte verwirrt, erglühend, zu ihrer Mutter. Sie bat sie unter Küssen und Tränen, sich nicht mit diesen Selbstvorwiirfen zu peinigen, denn sie habe ihr Geschick selbst verschuldet. Doktor Weil aber ergriff die Hand der Frau Berger und sagte mit seiner zu Herzen gehenden Stimme: „Gnädige Frau, Sie haben durch Ihre edle Fürsorge für die Armen und Elenden Ihre Schuld gebüßt: die Menschen sollen für ihre Verirrungen nicht ihr ganzes Leben lang leiden. Und . . . . was Gott zusaminenfügen will, wird sich zu seinem Glücke doch noch finden, wenn auch auf wirren und verschlungenen Pfaden." Und er sah mit innigem Blicke zu Erna hin, in deren Seele die süße Hoffnung ans ein kommendes Glück einzog. Ende. Aus Kunst und Wissenschaft. «Mil Lrlik. U. W i e ». Eine aparte hier veranstaltete Ausstellung von Arbeiten Lrliks zeigt die Vielseitigkeit des jungen Künstlers, der demnächst seine Professur an der Knnstgewerbefchnle in Werlin antritt. Seine Kunst liegt in seinem Könne», in der sicheren