Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Frankfurter Israelitische- FamÄienblatt. Seite 3. zum Offiziere befördern lassen wollte, ohne daß dies, trotz der wärmsten /Fürsprache des Reichskanzlers, gelang. Fürst Bismarck stand sittlich, und geistig gewiß höher als Böckler, dessen Paternitätsprozesse bekannt sind, und als Lieberinann, dessen Ehrenschild auch nicht sehr rein ist; und sicherlich war der Reichskanzler ein besserer Deutscher als sie alle beide. Dennoch unterlag der Fürst, und die antisemitische Idee siegte über ihn. Wenn gleichwohl die Debatte im deutschen Reichstage keinen ganz unerfreulichen Eindruck zurücklätzt, so ist dies daraus zurückzuführen, daß man deutlich erkannte, wie sehr die herrschenden Zustände dein Menschlichkeitsempsindeii und dem Rechtlichkeitsgefühle der großen Mehrheit des Hauses, den Kriegsminister inbegriffen. Peinlich sind. General v. Einem, so offen er sonst als Mensch und Soldat sein mag, hat es doch nicht gewagt, die Wahrheit ganz zu sagen, zu sagen, wie die Tatsachen in der Wirklichkeit sind, weil er wohl weiß, daß sie dem Gesetze widersprechen. Er flüchtete, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, zu einer Beschuldigung, die zwar sinnlos ist, aber doch dem Borgehen der Offizierskorps einen Schein von Recht geben könnte. Gerade die jüdischen Zeitungen, sagte der Kriegsminister seien es, die den Ossiziersstand herabsetzen. Der Minister macht sich da einer kleinen Jesuiterei schuldig. Wenn man von einem Kampfe gegen den Ossiziersstand sprechen kan», so wird er von den Blättern der Sozialdemokratie geführt. Sind das jüdische Blätter? Tann müßten die Sozialdemokraten, die bei den letzten Wahlen sich als die stärkste Partei im Reiche erwiesen habe», Juden sein, sie müßten ihren Mitbürgern christlichen Glaubens an Zahl überlegen sein, und dies kann nicht einmal Herr Böckler behaupten. Man merkte es, Gicneral v. Einem suchte krampfhaft nach einer Rechtfertigung für die Haltung der Offizierskorps und sür seine eigene; im Eifer fiel ihm nichts besseres ein. Zustände aber, die auf so schwacher Rechtsgrundlage bestehen, sind nicht dauerhaft; die letzte Debatte läßt hoffen, daß sie auch in Preußen so wenig von Dauer sein werden wie in anderen Staaten, die wirklich kulturell fortschreiten. Ali los. Aus alXex Wett. Deutsches Reich. Berlin. Wie man's machen muß. Der preußische Kriegs minister v. Einem hat in den jüngsten Reichstagsverhandlungen ein sonderbares Bekenntnis abgelegt: das von der O h n in acht der obersten Militärbehörden gegenüber den Wünschen und Ansichten ihrer Untergebenen. Die ganze Disziplin des deutschen Heeres scheint plötzlich aus den Kopf gestellt; untergebene Körperschaften beschließen, und der Herr Kriegsminister erklärt achselzuckend : „Da läßt sich nichts inachen!" Freilich handelt es sich dabei uin etwas ganz Besonderes, nämlich um die Wahl jüdischer Bizeseldwebel zu Reserveoffizieren. Wenn da das Offizierkorps beschließt, daß es keine Juden unter sich haben wolle, so stehen dem Kriegsministerium keinerlei Mittel zu Gebote, die Herren zu niodernereu Anschauungen zu bekehren. Denn die Wahl ist frei. Da sei cs denn gestattet, dem Herrn Kriegsminister mit.einer Geschichte zu .Hilfe zu kommen, die von dem ehemaligen General v. Edelsheim- G y u l a i, dem Reorganisator der österreichischen Kavallerie, einem geborenen Badenser, erzählt wird. Eines Tages erschien bei dem General ein ihm bekannter jüdischer Herr und beschwerte sich über eine Zurücksetzung, die seinem Sohne widerfahren sei. Der Sohn habe in einem Husaren-Regiment als Einjährig-Freiwilliger gedient, sich tadellos geführt, alle Prüfungen bestanden, sei bis zum Bizewachtmeistcr avanziert, plötzlich aber bei der Wahl zum Offizier weigere sich das vornehme Ofsizicrkorps, den Inden in seine Reihen aufzunchmcn. Herr v. Edelsheim schickt den betrübten Vater weg; .er werde die Sache schon in Ordnung bringen. Der Oberst des fraglichen Regiments wird beaustragt, die Wahl wiederholen zu lassen und die Herren Offiziere dahin gn verständigen, daß es in der Armee nnr Soldaten, nicht aber Juden und Christen gebe, und daß jeder, der seine Pflichten erfülle, ein Anrecht auf jegliche Beförderung und Anszeichnung habe. Der Oberst ordnet die Neuwahl 011,' die — wiederum die einstimmige Ablehnung des untvillkommenen Kameraden ergibt. Am nächsten Tag erhielt der Oberst das bekannte blaue Briefchen, ebenso der Bezirkskommandant; beide mit der Motivierung, daß sie cs nicht verstanden hätten, in ihrem Regiment,- resp. ihrem Bezirk den Geist zu pflegen, den die Armeeleitung verlange. Unter dem neuen Obersten und dem neuen Bezirkskommandanten wurde dann merkwürdigerweise der Jude.sofort zum Offizier gewählt. Es bcdurste also nur einer einzigen nachdrücklichen Aktion zu Gunsten der Gleichberechtigung in der' Armee, und sie war tatsächlich durchgeführt. . Charlottenburg. Einen Kampf um den N a m e n führt der hiesige amerikanische Arzt Richard Rosenthal alias Tr. med. Harold Morre, der vorder 1. Strafkammer des Berliner Landgerichts I wegen intellektueller Urkundenfälschung in zwei Fällen und Abgabe einer wissentlich falschen eidesstattlichen Versicherung angeklagt war. 1864 in Paderborn geboren, erhielt Roscnthal seine Schulbildung in der Jacobson-Schule zu Seesen und in Leipzig, wo er auch das Einjährig-Freiwilligeu-Examen bestand. 1884 ging er nach Amerika, wurde dort erst Journalist und erhielt dann eine Anstellung als Einwanderungsinspektor. Während des spanisch-amerikanischen Krieges war er als amtlichcr Dolmetscher im Dienste der Bereinigten Staaten tätig. 1899 will er an der Universität Chicago zum Doktor der Medizin promoviert worden sein und darauf in Mexiko ein Sanatorium eröffnet haben. — Wie der Angeklagte behauptet, hat er, um gewissen antisemitische» Strömungen in Amerika aus dem Wege zu gehen, dort seinen Familiennamen Roscnthal abgelegt und dafür den Namen „Harold Morrö" angenommen. Später erwarb er, wie dies das amerikanische Recht zuläßt, die Berechtigung zur Führung dieses Namens vollständig. Im Jahre 1889 erwarb er den amerikanischen Bürgerbrief, der ebenfalls auf den Namen„Morr5" lautete. — Anfangs 1904 kam der Angeklagte lviedcr nach Deutschland zurück, tvo er sich schon im Jahre 1902 vorübergehend aufgehalten hatte. Seinen in Amerika zugelegtcn Namen behielt der Angeklagte bei: dadurch kam er mit der Behörde nicht nur in Konflikt, sondern zog sich auch noch die vorliegende Anklage zu. Im August 1902, anläßlich seines ersten Hierseins, gab er nämlich auf - dem Standesamt bei Bestellung des Aufgebots an: er wäre in San Franziska geboren und schon seine Eltern hätten den Namen „Morrö" getragen. Zum Schluß des Protokolls versicherte er an Eides statt, daß die von ihm über seine Gcburtsdatew gemachten Angaben richtig wären. Nach dem Tode seiner ersten Frau heiratete er im Jahre 1904 in Charlottenbnrg seine fetzige Frau. Auf dem Standesamt machte R. ivieder dieselben falschen Angaben über Geburtsort, Namen usw. und wurde auch uuter dem Namen „Morr«'-" getraut. Nach Ansicht der Anklagebehörde führte der Angeklagte den Namen „Morr«'«" ständig zu Unrecht. Er habe das Recht und die Pflichten eines deutschen Staatsbürgers noch nicht verloren und müsse sich deshalb den Anordnungen der deutschen Behörde fügen. Wenn R. in Amerika den Namen „Morr«'" zu Recht trage, so sei er den deutschen Staatsbehörden als Reichsangehöriger immer nur noch als Rosenthal bekannt. Erst wenn seine Reichsangehörigkeit erlischt, könne diesseits der Name des amerikanischen Bürgers „Morr«'-" anerkannt werden. Ter Gerichtshof erachtete den Angeklagte» in diesem Sinne für schuldig, beließ cs aber bei der milden Strafe von einem M 0 n a t 01 e f ä n g n i s. Hamburg. Die feierliche Grundsteinl e g u n g der neuen großen Gemeindesynag 0 gc ain B 0 r » p l a tz fand nntcr großer Beteiligung statt. Der durch eine Planke eingefricdigtc Bauplatz war mit Guirlanden und Fahnen prächtig geschmückt. Der Feier wohulen u. a. bei Herr Senator K ä h l e r als Vertreter des Senats, die Herren A d l 0 s f und N i r r n h c i m als Vertreter der Bürgerschaft usw. Pünktlich zur fcstgesetzteu Stunde wurde die Feier mit einem Chorgcsange unter Musikbegleitung cingeleitet. Daraus hielt der Borsitzende des Deutsch-Israelitische» Spnagogen-Berbaudes, Herr H. G u m p e r tz, eine Ansprache, in der er etwa folgendes ausführte: Die langersehnte und langerstrebte Idee der Errichtung einer Gemeindesynagoge nahe mit der Grundsteinlegung ihrer Ausführung. Es sei das Gefühl der Dankbarkeit, das heute die Herzen höher schlagen lasse. Dem Allmächtigen sei Dank gesprochen, der bis hierher geholfen. Mühe und Anstrengung habe es gekostet, bis man so weit gelaugt sei. Denjenigen sei warmer Tank ausgesprochen, die dem Werl ihre Unterstützung geliehen. Vorerst dem Senat und der Bürgerschaft, die der Deutsch-Israelitischen Gemeinde für einen verhältnismäßig hilligcn Preis den Platz überlassen bähe». Hamburg heiße nicht allein eine freie Stadt, sonder» auch in ihrer Verwaltung walte Freiheit. Hier können jene Auswüchse, die geeignet seien. Andersgläubigen das Leben zu' verbittern, keine Statt finde». Ferner fei gedankt dem Vorstände der Deutsch-Israelitische» Gemeinde, dem Repräscntanten-Ausschnssc, allen Korporationen und Einzelpersonen, dein Herrn Oberrabbiner, der mit Eifer und Tatkraft das edle Werk unterstützt habe, innigsten Dank. Endlich Dank den Architekten, den Bauunternehmer», den Arbeitern, die bereits d«is Fundament gelegt haben, und die das Werk hoffentlich so fördern werde», daß bas Haus in Jahresfrist seiner Bestimmung übergeben werden könne. Redner verliest sodann die Urkunde, die in dem Grundstein vermauert ivurdc, und die die Daten über die Entstehung des Baues enthält. Nach der Verlesung der Urkunde schließt Redner mit den Worten: So möge sich das Gebäude emporheben als ein Zeichen der Frömmigkeit und Opferwilligkeit der Deutsch-Israelitischen Gemeinde zu Hamburg. Einem Musik- und Gesang-Vortrage folgte die Festrede des Herrn Oberrabbiners M. Hirsch, in der er ans die Bedeutung des Gotteshauses als Saininelpiiiikt aller Gemeindemitglieder hinwies. Man preise und danke dem Allmächtigen dafür, der die Gemeinde diesen Platz sür die neue Gemeindesynagoge habe finden lasse». Redner schließt mit einen« Gebet. Die Musik spielte: „Tie Himmel rühmen des Ewigen Ehre", und während die mächtige» Akkorde dieses Tonstückes über den Platz rauschten wurde die Urkunde vermauert. Als erster tat Herr Senator Kühler die übliche» drei .Haiiimerjchläge, wobei er die Worte sprach: „Zur Ehre Gottes, zur Erbauung für die Gemeinde, Amen". Dann folgten Herr N i r n n h e i m, Herr Oberrabbiner H irsch, sowie die Vertreter des Gemeinde-Vorstandes, des Reprüseiitaiiteii-Kolleginnls der Deutsch-Israelitischen Gemeinde» des Delegierten-Kolleginms des Deutsch- Israelitischen Synagogen-Verbandes »sw. Mit einem Musik- und Gesangvortrage fand die erhebende Feier einen würdigen Abschluß. LlSenburg (Gr.) Synagogen-Einweihung. Eine neue Synagoge ist hier gebaut ivorden — ohne Orgel — dagegen ist gleichzeitig eine Mikwoh errichtet worden. Die Synagogen-Einweihung fand unter großer Beteiligung aller Kreise unserer Bürger statt. Se. Kgl. Hoheit der G r 0 ß h e r z 0 g ließ ein Schreiben an den Vorstand von Dresden aus richte», wo er zur Kur weilt, worin er sein Bedauern ansspricht, nicht persönlich teilnehme» zu können. Er sandte als Stellvertreter Se. Exellenz Herrn Staatsminister R u h st r a t. Außerdem waren zugegen der Vorsitzende des Ober-Kirchenratcs Geh. Ministerialrat von F i n k h , von jedem der drei Regimenter eine Abordnung von Offizieren, der Oberhürgermeifter, der Stadtsyndikus, das Evang. Oberschulkollegium, die Schuldirektoren, die benckchbarten Rabbinen und viele Behörden und Deputationen. Tie Gottesdienstseier gestaltete sich besonders dadurch so erhebend, daß die Erziehungsanstalt von Ahlem bei Hannover in liebenswürdiger Weise ihren rühnilichst bekannten Knabcnchor unter Leitung des Herrn Lehrers Lainpc nach Oldenburg gesandt hatte zur Verstärkung unseres Kinderchorcs, deren hervorragende gesangliche Leistung von der Empore herab mächtig wirkte. Sehr prachtvolle Fenster mit Glasmalereien waren von Herrn Leo S t r i n b e r g aus Berlin gespendet worden mit jüdischen Emblemen, die dem Räume eine weihevolle Stimmung verleihen. Auch einzelne Mitglieder der ltzeineinde hatten Gaben gespendet. Die'Weihcrede jvon .Herrn Landrabbi-.:er D r. M a 11 n - heiiner machte auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck. Ter Redner nahm die Gelegenheit wahr, einmal vor den Spitzen der Behörden das Wesen des strenggläubigen Judentums mit anerkennenswerter Offenheit unverblümt darzulegen und darauf hinzuweisen, daß der Antisemitismus dem Ehristentiimc mehr schade als dem Judentumc. Herr» Dr. Mannheimer wurde von den hervorragenden christlichen Persönlichkeiten begeistertes Lob gespendet — seine Rede hat zweifellos dem Ansehen des Jndentnins in unserer Stadt sehr viel genutzt. Am Abend versammelte sich die Gemeinde zu einem Festbangnett in der Union, wo in manchen schönen Toaste» der schöne Friede in unserer Gemeinde gefeiert wurde. U. Lstrowo (Posen). Der jüngst in Aachen verstorbene, von hier stammende praktische Arzt D r. Berliner hat der hiesigen Synagogengemeiyde ei» Legat von 500 JL hinterlassen. Lstrowo. Die Shnagogengemeinde in M i x st a d t hat den Neubau einer Synagoge beschlossen. Krotoschin (Posen). Stiftung. Kommerzienrat H e p » c r hat der Stadt -U. 6000 überwiesen mit der Bestimmung, daß die Zinsen dieses Kapitals den Armen zu gute kommen sollen. Oesterreich-Ungarn. Prag. Stiftungen. Wie wir erfahren, haben die Hittterbliebenen des k a i s e r l. Rates Seligm a it Elb 0 ge 11 namhafte Spenden humanitären Zwecken zugedacht. Bon den zur Verteilung gelangten Beträgen wurden unter andere» gewidmet: Zur Errichtung einer wohltätigen Stiftung bei der Prager israelitischen .Knltusgciiieinde 20 000 Kr., und für die Armen der Prager israelitischen Knltusgemeinde 3000 Mi\, zur Schaffung eines Unterstütznngssondes für die Arbeiter der Beranner Zuckerfabrik 20 000 mv., für die Arbeiter der Koliner Spiritus-Fabriks-Aktien-Gescllschast 10 000 Kr.: zu Armenzwecke» der Stadtgeniciiide Beraun 2000 Kr., der ifrael. Kiiltusgemeinde Beraun 2000 .Kr., der Stadtgcincinde Kolin 2000 Kr., der israelitischen Knltusgemeindc Kolin 2000 Kr., dem Prager Magistrate 5000 Kr.: dem deutschen Landeshilssverein für Lungenkranke in Böhmcii 10 000 Kr., dem Unter» stützungsverein technischer und administrativer Zuckerfabriksheamten in der Oesterr.-IIngar. Monarchie 5000 Kr.; dem Privatfraucnvcrein zur Erziehung armer ifrael. Waisenmädchen in Prag 5000 Kr., dem deutschen Frauencrwerbverein in Prag 5000 Kr., dem „Bincentiituin", Asyl sür unheilbare.Kranke 2000 Kronen, dem deutschen Vereine zur Pflege städtischer Angelegenheiten: u. z. für die Ariueusektioii 2000 Kr., und für die Damensektion zur Ansspeisung hungernder Kinder 2000 Kr., der Lese- und Redehalle der