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Neue jüdische Presse · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. hat, aushält und feinem Unmut mitunter einen schärfere» Ausdruck verleiht. Des weiteren bemerkt Kottck eingangs, das; die Varianten des Dikdukc Sofcrim nicht gegen Halcwy ausgespielt werden können, da dieser (Halcwy) seine Argumentationen nicht ans eine Stelle ausbant, sondern gewöhnlich eine lange Kette von Beweisen anführt, deren Zusaminenstimmcn bei einer eventuellen Differenz zwischen unserer Lesart und der des Dikduke Sofern» naturgemäß zu Gunsten der Erstercn entscheidet. Auch kommt hier der Umstand «n Betracht, daß -die Manuskripte des Dikduke Sofcrim in ihrem Entstehen auf nicht weit vor der ersten Drucklegung des Talmud's zurückgehen, daher sic auch nicht maßgebender als unsere Gcinoro sein kann. (Fortsetzung folgt). Mtiigliches und Interessantes. Bon N a ch t o s. Alles Leben des sozialen Körpers unterliegt dem sogenannten Gesetze des Kontrastes; dafür sorgt die bei allem und stets eintretende Langeweile, die G. Leroy deshalb den Hanpthebel des Fortschrittes nennt. Ideen und Ereignisse, die während der Zeit ihres Entstehens und Geschehens das lebhafteste Interesse erweckten, verlieren mit der Zeit, trotzdem sie nicht von ihrem Inhalt cinbüßen, doch schließlich ihre erste Anziehungskraft. Sic haben ihren Dienst getan, sie können gehen. Nur eine „Gewohnheit" zieht sich wie ein nie endender Faden durch die ganze soziale Entwicklung fast aller zivilisierter Völker hindurch, emsiger sich „betätigend", seitdem das Jndenvolk sich auf der Wanderung befindet. Beim Antisemitismus versagt völlig das Gesetz des Kontrastes; trotz seiner jahrtausendelangen Dauer ist für ihn die Langeweile noch nicht cingctreten. Geistige Kraft braucht für ihn nicht mehr verwendet zu werden, er gehört nun schon lange zur nie zu verdrängenden Technik der Gesellschaft. Mcht nur den darin sich „Betätigenden" ist er zur nie das Interessante cinbüßendcu Gewohnheit geworden, auch uns, seinem Objekte, ward er zum kaum noch beachteten selbstverständlichen Inventar unseres Lebens. Der Grund ist klar. Ter Antisemitismus hat in der Wiege seines Entstehens bereits sein Bestes geleistet; was er weiter bietet, es mag noch so guter Qualität sein, vermag kein ungewöhnliches Staunen mehr hervorzurufen. Wer spricht denn eigentlich, auch nur vorübergehend, von all den Liebcnslviirdigkeiten, die unserem Volke im Laufe dieses allerletzte,; Jahres in Rußland erwiesen worden sind? Man denkt an uns bei jeder Gelegenheit, warum nicht auch in den Momenten edler patriotischer Begeisterung, da die Rekruten sich, anschickten, hinauszuziehen zum Ruhme des Vaterlandes. Eigentlich war das recht armselig. Einige hundert Personen ermordet, mehrere noch schändlich zugcrichtet. Tausende von Häuser» demoliert,, Läden geplündert, Tausende von Familien dem bittersten Elend preisgegcbcn. Was hat das alles zu bedeuten? Schon besseres ist dagewcsen. Darüber spricht man nicht mehr. Das alles ist eigentlich schon zu öde. Daher sorgt unsere .Freundin Zeit auch für amüsantere Ereignisse, die neben den 'Seufzern, die sic erpressen, wegen . ihrer Ironie auch die Lachmuskeln zu erregen imstande sind. Sie schaffen uns einige Abwechselung mitten in dem gewohnten Einerlei der Kischincws. Ganz nahe bei Rußland befindet sich sein lieber, kleiner Nachbar, Rumänien. Begeben wir uns da einmal nach Jassy. Ta erfahren wir von der lokalen Trauer, die das dortige Judentum betroffen; es ist ein stiller, aber nicht weniger intensiver Schmerz, von Dem kaum eine Nachricht nach außen dringt; daher kein mitfühlendes Herz da ist, das Trost spenden könnte diesem Jammer. Die jüdischen Väter gehen gesenkten Hauptes traurig einher, Mütter jammern, ihre Kinder irren — unter den Trümmern der Nvniienschule. In Rumäuien herrscht, tvic jeder weiß, völlige Religionsfreiheit, jedes Bekenntnis wird geduldet. Daher konnten die französischen Kongregationen ihren mächtigen Arm auch nach Rumänien ausstrccke», und Frankfurter Israelitischer Familienblatt. so kam es, daß sic auch in Jassy eine Mädchenschule gründeten. Aber bekanntlich ist die rumänische Kirche griechisch-orthodox; die rumänischen Eltern verschmähen cS daher mit ganz geringen Ausnahmen, ihre Kinder der römisch-katholisch-jesuitischen Schule anzuvertrauen. Doch was rumänische Eltern nicht tun konnte», das brachten unsere Juden fertig. Sie überantworteten ihre Kinder der Brutstätte blutigen, Judenhasses; dort ließen sie sie in die Segnungen der römisch-katholischen Kirche cinweihen und daneben auch etwas Französisch lernen. Im Geschichtsunterricht lernten die jüdischen Kinder die glorreiche spanische Inquisition schätzen, die spanische Judenvertrcibung wurde von ihnen als ideale Tat erkannt, über die vermaledeiten Juden überhaupt, diese Gottesmördcr, wurden ihnen gründliche Kenntnisse beigebracht.*) Alles jüdische Fühlen, wenn solches vorher noch vorhanden Ivar, wurde völlig in ihnen vernichtet. Wogegen das französische Volk seit Jahren sich mit aller Macht des Fortschritts wehrt, das ist für manche Jude» noch gut genug, die sich nicht scheuen, den Doppelmord an Volk und. Fortschritt zu begehen. Ja, in der guten Gesellschaft durften Vater und Mutter ihr Haupt stolzer erhebe», die ihr Kind den Schwestern überliefert hatten. Alle sind fest überzeugt, daß rechte Bildung nur von dorther zu beziehen ist. Eine junge jüdische Mutter, die daran denke» mußte, ihre kleine Tochter ans einer Schule unterzubringen, war ganz ratlos, als ich ihr auseinandersctztc, daß sie sie unmöglich den Jesuiten anvertrauen dürfe. Man weiß ja, welch eine Wandlung mit den Kindern in jenen Räumen vorgeht; anfangs werden die Eltern wohl noch eines Blickes gewürdigt, später lernen die jungen Töchter fromm die Augen nach oben aufschlagen und zu versichern, daß sic nur einen gemeinsamen Vater haben und anerkennen. — Ein praktischer Vater wollte einmal seine ihm bei der bloßen Begrüßung ausiveichcnde Tochter das llnbequemc ihrer Wandlung fühlen lassen und überließ es ihr, sich auch das Schulgeld von jenem neuen Vater bezahlen zu lassen. — Ob das gewirkt hat, weiß ich nicht. Das Gesamtergebnis aber ist, daß die jungen Mädchen um alles betrogen, düstern Blicks und schon gesenkten Hauptes das Hans der Schwestern nach genossener „Erziehung" verlassen. Die armen Eltern und das Elternhaus sehen, wenn sie nicht inzwischen mit „erzogen" worden sind, plötzlich zwischen sich und ' den Kindern einen tief gähnenden Abgrund, sie ertrinken infolge ihres selbstmörderischen Treibens in ihrem eigenen Blute, die eigenen Kinder lernen sie hassenund verachten. Seit de» Jahren, da der Zionismus seinen Einzug in Rumänien gehalten hat, ist zwar vielen von denjenigen Jude», denen es nottat, die jüdische Besinnung wiedergckchrt; die Selbstachtung ist wicdergewonnen; aber fast völlig fehlt noch die Schwungkraft, die Wege, die man geht, der neuen, besseren Einsicht anzupassen und cs fehlt wohl auch die Möglichkeit hierzu. Die vielbesprochene Kulturarbeit hat es bei allem guten Willen noch nicht viel über einige papicrne Resolutionen und Beschlüsse hinausgebracht. Daraus kann man auf die Lebendigkeit des Interesses der maßgebenden reichen Juden für die jüd. Sache schließen; diesem Krebsschaden pn dem jüdischen Volkskörper in Rumänien ist stets noch, für eine kleine Ehrung von nichtjüdischcr Seite das ganze Judentum feil. Die erhalten dann auch von dieser Seite gerade oft die wohlverdiente'Ohrfeige. Man erzählt vom Barditschewcr Rabbi, daß er einst am Neujahrsfeste, da er ins Schofär blasen sollte, wie immer erst die göttliche Begeisterung abwartetc. Als ihm diese einmal nach, langem Flehen nicht kam, wars er verzweifelt das Schofar zu Boden, dabei den Ruf gen Himmel schlendernd: „Laß Iwan ins Schofar blasen, Iwan für deine Juden bitten." Die gesinnungstreucn Inden waren wehrlos gegen die jesuitisch-antisemitische Pest, sie mußten es sich versagen einzuschrcitcn, — da blies denn Iwan ins Schofar. Nicht zum ersten Mas geschah cs jetzt, daß Juden von denen, die ihnen im übrigen nicht sehr wohl wollte», daran erinnert wurden, daß sie Juden sind. *) Bezeugt von Zöglingen des Instituts. __Nr. 13. Daß Juden so ost schon den sicheren Weg jitm Verschwinden zu gehen Ivähnten und dann wie . ein kalter Strahl sie die Erkenntnis traf, daß der Weg nicht frei von Hindernissen ivar, daß sie 'kvie ans frischer Tat ertappte Spitzbuben entsetzt anhalten mußten, darin liegt eine traurige, aber nicht unergötzliche Ironie. Der rumänischen Negierung ward das Treiben der Jesuiten schließlich zu bunt, vielleicht guch wurde sic von dem von Frankreich her lochenden Winde ein wenig miterfast; (Rumänien bezieht alles vom Auslände); sie schloß die Schule, wie' es hieß, zunächst ans einige Jahre. Daher Trauern und Jammern jüdischer Eltern und Töchter, die obdachlos nnd verzweifelt umherirren, beraubt der einzigen Quelle der Weisheit. Wer wird mit diesen Armen nicht Mitleid fühlen? So sorgt uns die Zeit für Slbwechjslung mitten in dem ewigen Einerlei der Kischinews. Iwan bläst ins Schofar. Doch es wäre großer Leichtsinn, sich auf Iwans Blasen zu verlassen. Die Jesuiten haben Geld, Iwans Beamte sind nicht spröde. Bald sehen wir wieder die Pforten sich auftun und die Töchter Israels wieder frohlockend in die heiligen Räume wallen. Jüdische Soldaten. Zwei Tage lebhafter Debatten hat der deutsche Reichstage der Frage geividmet, wie die Inden im Heere zn behandeln seien; die - Antisemiten sprachen den innigen Wunsch aus, daß diese Behandlung eine schlechte werde, die Freisinnigen klagten, daß sie eine schlechte sei und der Kriegsininister General von Einem behauptete, die Inden in der Armee erfreuten sich der gleichen Rechte wie ihre Mitbürger christlichen Glaubens. Er stellte im übrigen den jüdischen Soldaten ein gutes Zeugnis ans und erklärte zum Schlüsse, ebenso korrekt wie nichtssagend, daß er stets seiner Pflicht gemäß gehandelt habe. Man mag von den Herren Böckler und Liebermann so gering denken, als man will, so muß von ihnen doch gesagt werden, daß sie in ihren Reden über die jüdischen Soldaten konsequenter, klarer und ausrichtiger waren als der Kriegsminister. Die Antisemiten wollen nun einmal keine jüdischen Einjährigen und keine jüdischen Offiziere; der Kriegsminister dagegen vertritt das Gesetz, daß die Religion kein Grund sein dürfe, um die Juden zurückzusetzen, und kann sich doch von den Gesinnungen seiner'Kaste nicht soweit emanzipieren, um. offen zu sagen, daß diejenigen Offizierkorps, die aus Prinzip keinen Inden aufnehmen, gegen das Gesetz verstoßen. Es bedeutet nicht viel, wenn General v. Einem den Pflichteifer und die treue Diensterfüllung der jüdischen Soldaten lobte; daß diese an Pflichtgefühl, Eifer, Tapferkeit nnd Patriotismus nicht hinter den christlichen Kameraden zurückstünden, ward ja schon vor 3Vs Jahrzehnten bewiesen, da im deutsch-französischen Kriege nicht wenige Juden das Eiserne Kreuz bekamen. Aber der Kriegsminister verschwieg, was jedermann in Preußen weiß, daß trotz all ihren guten Eigenschaften Juden nicht zu Offizieren befördert werden. Ein Jude mag ein noch so guter Soldat sein und alle Eignung zum Offizier haben, so läßt sich an ihm doch irgend ein.Fehler finden, der ihn angeblich, unfähig macht, Offizier zu werden; und die preußischen Offizierskorps üben diese Praxis von jeher, üben sie unter den Augen des jeweiligen Kriegsministers. Herr v. Einem verschleierte diesen Sachverhalt und sagte, wenn ein Jude nicht ernannt werde, so würden stets ganz andere Gründe angeführt, als seine jüdische Abstammung; gewiß, denn sonst müßte ja der Minister, dem Gesetz entsprechend, einschreiten, während er die „anderen Gründe" nicht nachzuprüfen braucht — wennernrcht will. Underwill eben nicht, obwohl ihm doch. eigentlich ausfallen müßte, daß nie und nirgends ein Jude des Portepees für würdig befunden wird. In dieser merkwürdigen Debatte ist auch viel über die Richtigkeit des bekannten Wortes Kaiser Friedrichs an den Stadtrat Magnus von der „Schmach des Jahrhunderts" gesprochen worden. Daß jenes Wort in der Tat gefallen, ist freilich für alle Welt, die Antisemiten ausgenommen, eine historische Tatsache. Mlerdings, was nützen die Verurteilungen, die der Antisemitismus von den Besten und Edelsten der Nation erfährt, gegenüber dem Hasse jener Kreise, die in ihrer Zahl die Gewähr haben, daß ihr Einfluß der maßgebende bleiben wird? Man' erinnert sich vielleicht noch der Geschichte von den; jungen .Bleichröder, den Fürst Bismarck durchaus

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