Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Seite 2. kaiint und gewürdigt wird, bedarf keines Beweises. Ein Gelehrter, der dem Judentum fernsteht, ivcist ebenfalls darauf hin.**) „Dem Judentum", heißt es dort wörtlich an cincr Stelle, „liegt die Idee des Absoluten ,ju Grunde und däs Christentum bildet ein Mittelding zwischen jüdisch absoluter» Monotheismus und heidnischem Polytheismus." lind lvas ein katholischer Gelehrter vom - Judentum weiß, sollte nicht auch ein Rabbiner wissen? — Für die liberalen Inden Deutschlands ist Shylock eine jüdische Karrikatur. Aber der größte Rcchtsphilosoph Deutschlands, Zehring,***) denkt über Shylock gerechter, „denn Shylock ist im Recht, wenn er auch das absolute Recht vertritt," heißt es dort. Und was ein christlicher Rechtsgelchrter vom jüdischen Recht weiß, sollte es auch nicht ein jüdischer Rabbiner wissen? Durch die Erkenntnis der absoluten Idee im Judentum erhalten wir ein über die Rahmen der Ml-Kultur hervortretendes Kultursystem, und die Negation der absoluten Idee im Judentum ist das beste Mittel, um das Judentum zu verwässern und aus ihm eine Mlerweltskonsession zu machen. In der Bäckschen Schrift ist nur von einem ethischen Judentum die' Rede, freilich wird auch die von Bäck immer, hervorgehobene Ethik durch den liberalen Antor selbst verwässert. Weshalb .so viel Gewicht aus die Ethik legen? Die Absicht Bäck's scheint mit doppelten Blaßen. begründet zu feilt. Zunächst kann man aus dem Boden der Ethik liberalisieren und sich tolerant - allzutolcrant reproduzieren, dann galt cs Herrn Delitzsch, dem die jüdische Ethik so viel Aerger bereitet, zu beruhigen. Und auf Kosten eines blassen, verschwommenen Liberalismus und einer Beruhigung für Delitzsch das Judentum entstellen? Der jüdische Monotheismus wird als ein Produkt des ethischen Empfindens der Propheten dargestcllt. In den philosophischen Packpapierstil übersetzt, lautet dieser Satz-, Der jüdische Monotheismus ist ein Produkt des Hinausprojezierens des prophetischen Jchs in die Außenwelt, also der jüdische Monotheismus —, muß Herr Rabbiner Dr. Bäck, wenn er konsequent sein will, folgern — auch relativ. Aber worin besteht doch das Wesen des Judentums? In der Darstellung des jüdischen Wesens -streift auch Herr Bäck die jüdische Geschichte und greift, wenn auch ungern, auf die Vergangenheit zurück. Der Antisemitismus, der nach Bäck nur auf die Schlechtigkeit der Nichtjuden zurückzuführen und dank der modernen liberalen Aera im Verschwinden bcgrijsen ist, wird kaum erwähnt. Er tvird fast nur als nebensächliche Erscheinung charakterisiert. Aber alles ist berechnet. Gerade die Genealogie des Antisemitismus muß zur Erkenntnis führen, daß das Judentum keine liberale Graunzerei, sondern eine Welt, ein Kultursystcm ist, das sich noch immer gewaltiger entwickelt, ein Kultursystem, in der alle Juden eingeschlossen, aus dem wir nicht heraus können, wie wir nicht aus unserer Haut springen können. Daß wir aus dem Judentum nicht heraus können, sieht auch Herr Bäck ein, aber um sich Bewegungsfreiheit zu schassen, judaisiert er die ganze Welt,- oder verwechselt zwischen Prinianer-Weisheit und Juden-Schule. Das ist nicht das Wesen „des" Judentums, sondern das Wesen des Bäck - s ch c n Judentum Skier aus England. Die Verschmelzung der streng orthodoxen Gemeinde „Bi achsikei Hadaß" mit der orthodox sein wollenden „United Synagogue“ ist nun als fait accompli zu betrachten. Auf einer Versammlung der jSchechitah-Verwaltung, die diese Woche unter Vorsitz von Sir Samuel Montag» stattgefunden hat, wurden die Punkte verlesen, unter welchen diese Verschmelzung ins Leben getreten ist. Da diese Punkte nur ein lokales Interesse besitzen, genügt cs, wenn ich als Resumä derselben konstatiere, daß die „Machsikei Hadaß"«Gemeinde nach der neuen Vereinbarung ihre volle Selbstständigkeit verliert und . **) Willmann, Geschichte des Idealismus, Bd. 1. ***) Der Kamps ums Recht. Von Jehring- Rudolph. . •; i.: . I; jj Q«1 Frankfurter Israelitischer Familienblatt. nur noch ein paar Brocken der Autonomie behält, wie das Recht, 4 Schochtii» ohne Ziistimiiiung der Schcchitah-Berwaltung zu wählen u. dergl. Ob sic diese knappen Reste ihrer frühercu Freiheit auch späterhin bewahren tvird, ist nur eine Frage der Zeit, vielleicht nur weniger Jahre, da sic ihr auch diesmal nur dank der Gnade des allmächtigen Sir Samuel Montag», der als „piilar of orthodox Judaim“ gilt, gewährt wurden Den einzigen Nutzen, den sie ans dieser Vereinigung ziehen kann, ist ihre materielle, pekuniäre Stärkung, ein Nutzen, den man ihr in Anbetracht des harten Kampfes ums Dasein, den sic während eines Jahrzehnts dnrchznmachcn hatte, sicherlich nicht zum Vorivurf machen darf.' Eine strenge und gerechte Kritik wurde diese Woche auf der- Extra-Versammlung der „Federation of Synagogues“ über die Leistung des „Jewisli Religions Educatiön Board“ ausgeübt. Dies geschah durch Herrn Michael L c v y. In kurzen, prägnanten Worten bewies er, daß das Erziehungs-Komitee wohl glänzende Diners veranstaltete und große Summen zusammcnbrachtc, iiichtsabcrfürjüdischeErziehung und Verbreitung jüdischen Wissens getan hat, welche Dinge so unumgänglich - sind für die Erhaltung des Judentums. Den Grund hierfür findet er in dem Umstand, daß an der Spitze des Komitees ein Mann steht, der dem gesetzcstreucn Judentum feindlich gesinnt ist; er beantragt dann folgende Resolution: Der Synagogen-Vcrband als orthodoxe jüdische Körperschaft verweigert jede Unte.- stütznng dem jüdischen Erziehungs-Komitee, welches zu seinem Leiter einen Herrn tvählte, der öffentlich gegen die fundamentalsten Prinzipien des Judentums auftritt. Sir Samuel Montag», welcher das Präsidium inne hatte, schloß sich in einer noch schärferen Kritik Herrn M. Levy an und empfahl, den Passus „einen Herrn" in der Resolution durch „zwei Herren" zu modifizieren. Nach einer heißen Debatte und nachdem Herr Levy sich mit der Modifikation des Präsidenten einverstanden erklärt hatte, wurde die Resolution fast einstimmig (nur 3 Stimmen waren dagegen) angenommen. Diese Resolution wendet sich hauptsächlich gegen M r. Claude Montef i o r e, der noch sehr gern den altersgrauen Reform- Zopf trägt und ein unversöhnlicher Feind des Zionismus und des orthodoxen Judentums ist. — Die Herren D r. Boden hei mer-Köln und Dr. Koke sch-Wien weilen jetzt in London. Der Zweck ihres hiesigen Aufenthalts ist, wie offiziell mitgcteilt wird, die Erlangung der Sanktion als juridische Person für den jüdischen Nationalfonds seitens der englischen Negierung. Diese juridische Person soll nicht die jüdische Kolonialbank repräsentieren, wie man vorher beabsichtigte, sondern eine speziell zu diesem Zwecke ins Leben gerufene Gesellschast. Wie ich ans zuverlässigster Quelle erfahre, soll der Nationalfonds vor kurzem für 10000 Pfund Sterling Boden in Palästina angckauft haben, welche Summe von der dort tätigen Anglo-Palestine Company vorgestreckt wurde. Aus der gleichen Quelle erfahre ich, daß ein anderes, besseres Angebot der englischen Regierung bereit sei für den Fall, daß der Bericht der Uganda-Expedition nicht genügend befriedigen sollte. Diese Gerüchte entbehren aber noch der Bestätigung. Der bekannte elfjährige rusisch-jüdische Geigenspieler M i s ch a E l m a n n. der vor kurzem mit so großem Erfolg in Berlin und Kopenhagen ausgetreten ist, hält sich jetzt in London auf, wo er in Queens Halt einige Tschaikowsky-Konzcrtc geben wird. Großes Aufsehen erregt hier ein anderer jüdischer Junge ans Rußland, den man „d e n j ü n g st c n C h a s a n der Welt" nennt. Moses M i r s k i, der nur 8 Jahre alt ist, verfügt über eine starke, gut ausgebildete Stimme und betet so hinreißend vor, wie man solches sonst nur bei großen russischen Chasonim hört. Dr. J. M. S.-d. Aus aller Wett. Deutsches Reich. 0. Frankfurt a. M. Angesichts des bevorstehende» Purims e st es, da die -Freude am Spenden erhöht wird durch Pflichterfüllung, möchten wir unsere edlen..Brüder auf-das Deutsch- I s r.-Ki n d erh c i m zu Diez Hinweisen, das sich cincr segensreichen Tätigkeit, die weite Kreise umfaßt, erfreut. Biele arme und verlassene Kinder, darunter solche, die durch ihre Geburt schon unglücklich sind, finden hier liebevolle Pflege, streng religiöse Erziehung und eine gute Schulung, die sie befähigt, einst im Leben ihren Weg zu finden. Viele ehemalige Zöglinge, die, hätten sie hier nicht Aufnahme gefunden, im Elend verkommen wären, erfreuen sich jetzt einer selbständigen und geachteten Existenz. Dieses Institut verdient allseitige Unter- ' stützung, und man darf wohl hoffen, daß wenn Purim Kindermund für die Armen bittet, wenn Kinder, die sich liebender Eltern und eines glücklichen Heims erfreuen, an die Erwachsenen herantreten und für ihre nicht in gleich glücklicher' Lage sich befindenden kleine» Kameraden eine Gabe heischen, keiner sich zurückhalten wird, sein Scherflein für das große und heilige Werk der Waisenpslege, wie sie im. „Kinderheim" geübt wird, beizutragen. Berlin. Alliance Israelite Universelle. Am 6. März fand die Generalversammlung des Berliner Lokal-Komitees statt. Nachdem Rabbiner D r. Weiße in einer Ansprache die Bedeutung der Alliance hcrvorgehoben hätte, erstattete der Schriftführer Justizrat D r. H. M. Cohn den Bericht über die Tätigkeit der Alliance, insbesondere in den letzten beiden Jahren. Die Alliance hat zur Zeit in 125 Elementarschulen 34 000 Schulkinder. Neu errichtet Ivurden im Jahre 1903: eine Knaben- und Mädchenschule in B a s s o r a h (Golf von Persien), die Mädchenschule in M o u a st i r und 2 Schulen in C h i r ä z; 1904: eine Knaben- und Mädchenschule in Janina, eine Mädchenschule in A i d i n, ein Kindergarten in Jerusalem. Mit Beginn des neuen Schuljahres werden eine Knaben- und eine Mädchenschule in S f a x (Tunis) und R o d o st o eröffnet, sowie eine Schule in K e r m a n ch a h (Persien). Sobald die Verhältnisse in Maroco sich'gebessert haben, sollen Schule» in Meqninez, Alcazar und M a z a g a n begründet werden. In T a n t a h (Egypten) erfolgt die Eröffnung der Schule, sobald das von der Gemeinde errichtete Schulgebäude vollendet ist. Vorbereitungen werden ferner getroffen, um in Jemen Elementar- und Handwerkerschulen zu errichten. Die Mliance hat im letzten Jahr für die Schulen 900 000 Fr. ausgegeben, wozu noch 600 000 Franken Beiträge der Gemeinden und Schulgelder kommen. Die Gemeinden bauen und unterhalten ferner die Schulgebäude, sofern diese nicht aus besonderer Schenkung errichtet werden. Als Beispiel der letzteren Art erwähnte der Vortragende die vom früheren Präsidenten,' Herrn Goldschmidt, erbaute deutsche Schule in Konstantinopel, und die jetzt fertiggestellte neu erbaute Schule in Jerusalem, ein Geschenk der Baronin Hirsch. Die letzte derartige Schenkung ist ein Geschenk des Herrn Kadooric in Hongkong, welcher zur Erbauung einer Bagdader Schule für etwa 900 Schulkinder das Geld gestiftet hat. Für das von der Alliance unterhaltene Rabbinerseminar in K o n st a n t i n o p e l hat die dortige jüdische Gemeinde jetzt ein Haus geschenkt. Die Mliance hat im vergangenen Jahr ein Gut von 1800 Hektar in Mgier angekauft, ans welchem srühere Schüler der Ackerbauschnle von Djedeida als Kolonisten angesiedelt werden. Besonders segensreich hat sich das erst wenige Jahre bestehende Schulwerk in Persien erwiesen, wo mit der Errichtung der Schulen, die zu frühen Heiraten und die nicht seltenen Fälle von Polygamie verschwinden und die Ehescheidungen an Zahl rapide abnehmcn. Insgesamt beträgt das reguläre Fahresbndget der Alliance, d. h. die Beträge, die sie einschließlich der Zuschüsse der Gemeinden usw. verausgabt, w e i t üb e r 2 M i l l i o n e n F r s. In das Jahr 1904 fällt die Eröffnung der neuenBiblioth ekderAllianceinAuteuil, wohl der größten jüdischen Bibliothek, die zuletzt durch den Ankauf der großen Bibliothek von. Bernhard Lazare vergrößert wurde. Die 'Tischlerarbeiten zu dieser Bibliothek sind ausschließlich von den Seminaristen - des Lehrerseminars der Alliance gefertigt, die Tischlerei war ein Geschenk des verstorbenen K o n s u l S i m o n, der ein eifriges Mitglied des Zentral-Komitees der Alliance gewesen ist. Als einzelne größere Aktionen der beiden letzten Jahre. erwähnte der Vortragende die Tätigkeit in Rumänien (Unterhaltung von Schulkantinen und Darlehenskassen), und die Sammlungen für Kischinew, aus deren Ergebnis noch im letzten Jahr 115000 Fr. zur Beihülfe an jüdische Gemeinden in Rußland, 100000 Fr. zur Beförderung von russischen Auswanderern aus Galizie n gezahlt wurden. Zu dem gleichen Zweck wurden auch kleinere Beihilfen an einige jüdischen Gemeinden in Deutschland, wie z. B. Gollub (Westpr.) geleistet, auch das Berliner Lokalkomitee hat in einer Anzahl von Fällen russische -