Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ilraitkfitrter i Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). HedaKtlo« Wd H-schLft-fieM: Frankfurt a. m.» LerügkerrzMe 32, ide Rlaxperfeldstraße (gegenüber der Neuen I«U). - »-»-r Hepa«-gevep: Karg Heis. Jnsertionspreise: - Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 3. Jahrgang. Freitag» de« 10. Adar scheni 5665 (17. Marz 1905). Ro. 11 Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Das Wesen des-Judentums. — Brief aus England. — Aus allerWelt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Kinder unsrer Zeit, Roman don Jacob Levy. — Familiennachrichten. Das „Frankfurter Israel. FamUienblatt" kostet: Fraukfnrt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle.des „Frankfurter Israel. Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk. 1,02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. .. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleicheu Preise — in Landesmünze umgerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streifbaud-Bezug von der Geschästsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" : in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel —.80, Holland fl. 1,25, Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien Frcs. 2,50 vierteljährlich. Das Wesen des Jndentnms. Von S. M. Mälamed. Was macht das Wesen des Judentums aus? Der Eine, der eine Antwort auf diese Frage herbeisehnt, glaubt in ihr den Urquell seiner Seelenruhe, seines Glückes zu erkennen, der Andere, die Ursachen seiner Leiden zu erfahren. Und, wenn diese Neugierde durch der Zeit Verschwommenheit in den Zustand des Latenten gerückt wird, so entfacht sie zur 'Erkenntnissucht im Moment, wo sich die Erkenntnis bahnbricht, daß die Idee, der man huldigt, das Wesen, welchem man zugetan. Einem Leiden und Weh bereitet. Die Veränderung des Zustandes, der Wechsel der Stimmung und der Verfassung allein genügt, um Probleme aus dem Boden zu stampfen und auf ihre Lösung hinzuarbeiten. So entstehen die meisten Probleme, dann die Lösung dieser Probleme. So hat Harnack noch vor kurzem unter dem Schimpfbombardement der Ultramontanen auf das protestantische Christentum das Problem des Christentum aufgeworfen und es in seiner Schrift „Das Wesen des Christentums" zu lösen versucht. — Und auf die Angriffe des Herrn Delitzsch gegen das Judentum hat Rabbiner Dr. Bäck das Problem des Judentums angeschnitten, und den Versuch einer Lösung- -dieses Problems unternimmt erin seiner soeben erschienenen Schrift „Das Wesen des Judentums".*) Ist die Schrift auch lediglich als eine Antwort an Delitzsch aufzufassen, für Richtjuden bestimmt, so verdient sie doch nichts destoweniger unsere Msmerksamkeit, denn ein offizieller Jude, ein Rabbiner hat sie verfaßt. An der Schrift interessiert uns zweierlei: Zunächst unser Leid und Glück in scharfen Formen bestimmt zu sehen, alsdann, wie uns ein offizieller Jude der Welt vorstellt. Ich sage unser Glück und Leid in scharfen Formen bestimmt zu sehen, denn di «Tatsache, daß das Judentum kein toterBegriff, keine Abstraktion ist, sondern lebende Wirklichkeit, eine Welt, eine Ueberfülle von Realitäten, schließt jede Definition des Judentums ans. Nur einen Begriff kann man definieren, und.wer es unternimmt, eine Welt von Tatsachen, einen Teil der Existenz in die Zwangsjacke einer engherzigen Formel zu pressen, wird nach langer Mühe und Arbeit den Irrtum seines Unterfangens einsehen, es sei denn, man entstellt — — Läßt sich das Judentum und sein Wesen kurzweg definieren? Wir, für die das Judentum kein Mittel zum Zweck, kein Mittel für liberalen Allerweltskannengießerei, sondern eine ganze Welt, „die" Welt, ein Kultursystem ist, dessen ganzer Mechanismus auf einem jüdischen Territorium in Bewegung tritt, wir sein- und bleibenwollende Vollblutjuden müssen diese Frage verneinen. Wer es überhaupt unternimmt, das Judentum und seine ganze Wesenheit in eine Formel zu spannen, versteht entweder das Judentum nicht, oder betrachtet das Judentum nur als eine tote Abstraktion, als einen bloßen Begriff. Daß meine Voraussetzung bei Beurteilung dieser Frage keine falsche war, beweisen die Tatsachen. Aus genannten Gründen habe ich die Bäcksche Schrift in die Hand genommen und sie mit Eifer gelesen. Da ich zuerst meinen Augen nicht traute, las ich sie zu wiederholten Malen, und als ich die ganze Nichtigkeit, Konfusität des darin im Tone der moralischen Wochenschriften Gesagten begriff, da sah ich, daß meine Voraussetzungen durchaus mit den Tatsachen übereinstimmten. Was Herr Rabbiner Dr. Bäck, Vogelsteins Nachfolger in Oppeln, in seiner Schrift über das Wesen des Judentums zu sagen weiß, läßt sich im Wesentlichen folgendermaßen zusammenfassen: Und der Doktor Neologicus sprach also: „Die Bekennerschaft, der jüdischen Religion macht die Jubenheft aus. Wer glaubt, der ist Jude. Die jüdische Religion ist nur in dem Maße national umgrenzt, wie der Buddhismus, Katholizismus, Protestantismus und andere religiösen Ismen. Die jüdische Religion sei zwar eine gestiftete, man müsse aber als moderner (!) Mensch von jeder supernaturalistischen Auffassung der Offenbarung absehen. Der jüdische Monotheismus, ein Produkt des ethi¬ *) Das Wesen des Judentums von Tr. Leo Bäck, Rabbiner in Oppeln. 167 Seiten. 1905. Verlag von Louis Lamm, Berlin C. 2. Brosch. M. 2, eleg. geb. M, 3. scheu Empfindens der Propheten ist lediglich ethischer Natur. Frommes Handeln ist die Nrwesenheit jüdischer Religiosität. In welchem Grade der Jude die Inkarnation des ethischen Empsindens und ethischer Gesinnung ist, geht schon daraus hervor, daß Spinoza sein Hauptwerk Ethica benamste. Das Judentum trägt den Keim in sich, im geeigneten historischen Moment sich zu einer Weltreligion zu entfalten. Beweis: „Chazaren". Schon der bloße Gedanke der Auserwählung bürgt für die Richtigkeit der Auffassung einer Missioir des Judentums unter den Völkern. Der Gedanke von einer Mission des Judentums bildet ein Hauptelement im Judentum." Was noch der Verfasser im letzten Kapitel seiner Schrift über die Erhaltung des Jlldentums zu sagen weiß, ist so verschwommen, daß man aus dem Gesagten nicht klug werden kann. Oder ist es Diplomatie? Was uirs Herr Rabbiner Dr. Bäck in dieser Schrift vorträgt, ist bekannt, nur haben es seine assimilatorischen Vorläufer in feinerer, scharfsinnigerer Weise vorgetragen. Es ist also ganz undenkbar, daß Herr Doktor Bäck die Wsicht hatte, den assimilatorischen Kohl aufzuwärnien! An einer Stelle in dieser Schrift heißt es: „Es gibt Leute, die die israelitische Religion vor Israel suchen". Mer auch ohne diese direkte Wendung an Delitzsch würden wir aus der Schrift entnehmen können, daß sie an Delitzsch gerichtet ist. Und fürwahr! Dos an einem düimen Kiel eines liberalen, freisinnigen Allerwelts-Konfessionalismus hängende Jsraelitentum ,Hreußisch - staatsbürgerlichen" Gepräges scheint von dem durch Delitzsch heraufbeschworenen Wirbelwind hinweggeweht werden LU wollen. Und ha man zu feig ist, konsequent zu sein — zu wenig Mut besitzt, den Bankrott des preußischen, staatsbürgerlichen Jsraelitentums zu erklären, beharrt man auf der Erhaltung des Status guo. Als Mittel zur Erhaltung des Status quo sollte die Bäcksche Schrift dienen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, an dieser Stelle nachzuweisen, in welchem Grade die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens die personifizierte Verwesung ihres Judentums darstellen, wie und in welchem Maße ihr Einpeitscher Bäck Tatsachen entstellt, die Wahrheit übergegangen hat, denn wir müßten da mit dem ABC des Judentums beginnen; aber einiges aus den Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Bäck möge hier in eine kritische Beleuchtung gerückt werden. Herr Dr. Bäck will absolut das Judentum relativ aufgefaßt und begriffen wissen. Wie verhält sich diese Behauptung zum Wahren und Tatsächlichen? Nicht nur ist der jüdische Monotheismus absolut, sondern auch die andern Grundelemente des jüdischen Kultursystems. In der Rechtsnorm „Aug' um Aug'" macht sich im jüdischen Recht die Idee des Wsoluten geltend, wie in der Mischen Ethik „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" die Idee des Absoluten zu konstatieren ist. Und, daß auch die Idee des Absoluten im Judentum von nichtMischen Kennern des Judentums aner-