Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692419--01485-2696003- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 4 Frankfurter Israelitischer FamilienKlatt- Oesterrelch-Uugarn. L. Wie«. Wichtige Erfindung-eines Juden. ®in neues System der elektrischen Beleuchtung von Eisenbahnzügen wurde am Donnerstag, den 23. d. im großen Hörsaale des Wiener elektrotechnischen Instituts im Elektrotechnischen Verein vorgeführt. Es handelt sich um eine nachvöllig neuen Prinzipien gebaute Dynamomaschine, welche in überraschender Weise eines der schwierigsten Probleme bei der elektrischen Beleuchtung von Eisenbahnzügen löst. Der Erfinder Dr. E. Rasend erg, Oberingenieur der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschast, Berlin, besprach zuerst die Theorie der neuen Maschine, die schon bei deutschen und ausländischen Bahnen zur Anwendung gekommen ist, und zeigte dann die Maschine in Tätigkeit. Die Gesellschaft für elektrische Zugbeleuchtung in Berlin, welche das Aystrm ausführt, hatte die nötigen Maschinen und Apparate eigens zu diesem Zweck nach Wien gesandt. Rußland, PeterSbarg. Der neue Justizminister Manuchin sagte bei einer Unterredung über die Lage der jüdischen Rechtsanwälte, daß er bei der Anstellung und Beförderung seiner Untergebenen einen Unterschied zwischen Christen ünd Nichtchristen nicht kenne und daß er nach diesem Prinzipe verfahren werde. Petersburg, Als Novum ist zu berichten, daß in dem eben ausgelaufenen 3. Geschwader einige Juden als Maschineu-Jngenieure Anstellung gefunden haben. Moskau. Die Rechtsanwaltschaft von Moskau hat beschlossen, den Rechtsanwalt Schmakow wegen seiner ungeheuerlichen antisemitischen Ausfälle bei seinem Plaidoyer in dem Homeler Prozesse ihre Verachtung auszusprechen und ihn disziplinarisch zu maßregeln. Minsk (Rußland). Wie bereits im vergangenen Jahre, so lassen auch diesmal die hiesigen Zionisten für die Armen in Minsk Mazzauth backen. Um die Verteilung im großen Umfange zu ermöglichen, wurde eine Mazzo-Maschine angeschafft. Odessa. Tod auf dem Schlachtfeldei Die „Odeski Nowosti" veröffentlicht einen ans C h a r - b i n an einen angesehenen Odessaer Juden gerichteten Brief folgenden Inhaltes:! Eine große Anzahl Juden sind auf dem Schlachtfelde gefallen. Tie jüdischen Toten werden zusammen in einem Massengrabe beerdigt imb über ihrem Grabe wird eine Mazewo errichtet. Jedoch die in den Spitälern verstorbenen Juden werden einzeln und ohne Mazewo — aus Mangel an Geld und Leuten — begraben, so daß also ihre Grabstätte später nicht mehr sestzustellen ist. Man bittet daher, an Herrn Rabbiner Lewin in Charbin Geldspenden zu senden, damit cs möglich ist, den gefallenen Brüdern, unter denen sich viele wegen Tapferkeit dekorierte befinden, ein jüdisches Grab zu geben und ihr Andenken zu sichern. “ Großbritannien. London. Die Einwanderung im Monat Januar betrug 12.581 Seele» gegen 5310 im Vorjahre. London. Feldmarschall Lord Roberts wird ,am 18. d. in der Zentralsynagogc in Great Portland Street in London das Denkmal der im Burenkriege gefallenen jüdischen Soldaten enthüllen. Rumänien. —oll— Bukarest. Die Kirchenkasse in Bukarest hat unter dem Titel „Die Geschichte und der gegenwärtige Zustand der Kulte in Ruin ä n ie n" ein Werk veröffentlicht, das auch eine Anzahl interessanter Daten über die jüdische Bevölkerung des Landes enthält. „Eine erste religiöse jüdische Gemeinde — so heißt es in dem Werke — finden wir in Jassy iw Jahre 1792, wo sie aus einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Gläubigen bestand. Die letzten Teilungen Polens in den Jahren 1793,und 1795 hatten zur Folge, daß die Einwanderung der Inden in die Moldau derart stieg, baß cs bereits im Jahre 1803 in allen Distriktshauptstädten mit Ausnahme von Fokschani religiöse mosaische Gemeinden gab. Trotzdem betrug die Zahl der Juden in der Moldau im Jahre' 1803 nicht mehr als 12,000. Bon da an stieg ihre Zahl durch Einwanderung fortwährend nnd belief sich im Jahre 1900 auf 200,000. In die Muntenia kamen die Juden später und größtenteils aus der Moldau. Im Jahre 1860 gab es in der Muntenia nicht mehr als 9000 Jüden, während im Fahre 1900 ihre Zahl 68,000 überstieg. Die rituelle Organisation der Juden ist bekannt. Ihre geistlichen Leiter sind, wie man weiß, die Rabbiner, und in Bukarest gibt es zwei Großrabbiner. Dann gibt es als religiöse Rangstufen noch Prediger, Hahams und Kantoren. Die jüdische Kirche hat in Rumänien 303 Synagogen und 240 Bethäuser, in denen 492 Rabbiner und 76 Rabbinatsgchilscii tätig sind." Das Werk reproduziert hierauf die Zissern der Volkszählung von 1899, denen es blos einen approximativen Wert beimißt: Die Bevölkerung Rumäniens beträgt 5,956,690 Einwohner (nach der Behauptung des früheren Finanzministers Herrn Costtnescu 7 Millionen) die sich der Religion nach folgendermaßen verbellen: 5,451,787 Orthodoxe, 266,652 mosaisch, 149,667 Katholiken, 22,749 Protestanten, 44,732 Mohammedaner, 5787 Armenier, 15,094 Lipowener und 222 anderer Religionen. Personalien. Sprendlingen (Rheinhessen). Aus Anlaß des 90. Geburtstages unseres ältesten Gemeindemitgliedes Herrn Leopold Metzger fand in der hiesigen Synagoge eine erhebende Feier statt. Berlin. Der Titel .Professor" wurde dem Oberlehrer Dr. Moritz Schäfer verliehen. SarlSrnhe i. B. Die hiesige israel. Religionsgesellschaft erlitt verflossene Woche einen schweren Verlust. durch das Hinscheiden ihres langjährigem eifrigen Mitglieds, des Herrn Fabrikanten Max Würzburgers. A. In Heidelberg, wo er Heilung von einem schweren Leiden suchte, verschied er am 27. v. M. Zu der am 1. d. M. hier stattgehabten Beerdigung waren Freunde und Bekannte ans Nah und Fern, besonders aber auch sehr zahlreiche Nichtjuden, mit denen er im Verkehr gestanden, erschienen. Se. Ehrwürden Herr Rabb. D r. Schiffer verlieh in seiner nach Form und Inhalt meisterhaften Leichenrede dem Schmerz der Religionsgesellschast über de» herben Verlust dieses edlen Mannes, beredten Ausdruck, hervorhebend, seine innige Frömmigkeit und insbesondere seine vielseifige, reichliche Wohltätigkeit, strenge Rechttichkeit in Handel und Wandel gepaart mit rastloser Täfigkeit, ferner noch mit besonderen« Nachdruck sein gewissenhaftes nnd eifriges Wirken als 20jähriges Mitglied der Chewrah-Gemiluß-Chese. In dem Verblichenen betrauert die Gemeinde ein wahrhaft frommes, edles Mitglied, die Armen nnd Bedürftigen einen warmen Freund nnd Unterstütze:. Nach dem Herrn Rabbiner sprachen zwei Verwandte im Namen der Familie. Von der Liebe und Verehrung für den Entschlafenen zeugt auch, daß außer seinen Verwandten und Freunden, viele hervorragende Geschäftsfreunde, die Angestellten und Arbeiter seiner im benachbarten Eggenstein befindlichen Fabrik und der vollzählige Gemcinderat dieses Ortes, der Bürgermeister an der Spitze ihm die letzte Ehre erwiesen. Möge unsere in letzter Zeit so schwer hejmgcsuchtc Gemeinde viele solch braver, edler Männer zählen. Altona. In der hochdeutschen Israeliten gemein.dc fanden die Wahlen eines Vorstandsmitgliedes und zweier Mitglieder des Repräsentantenkollegiums statt. Für den nach Hamburg verzogenen Viehkommissionär Lloy wurde Rechtsanwalt D r. M. L e v i zum Borstandsmllglied gewählt. Die ausscheidenden Mitglieder des Repräsentanten-Kollegimns, Privatier Hertz, Jsaacs und Dr. med. Franck wurden wiedergewählt. Weimarschmiede«. Einer der angesehensten und verdienstvollsten Männer unseres Ortes, Herr David N u ß b a u »i, ist im Alter von 51 Jahren verschieden. Der Verblichene war 24 Jahre lang Mitglied dgr Gemeindeverwaltung, 12 Jahre Beigeordneter des Bürgermeisters und 20 Jahre hindurch Vorstand der israelifischen Gemeinde. Seinen Bemühungen ist es zu verdanken, daß die hiesige, fast dem Verfall anheimgefallene Synagoge v. I. gänzlich renoviert werden konnte. Prag. In seinem 78. Lebensjahre' verstarb der kaiserl. Rat Seligmann Elbogen, einer der hervorragendsten Industriellen Oesterreichs. Mit ihm ist eine der markantesten Persönlichkeiten der Prager Geschäftswelt und Gesellschaft dahingegangen. Die, Teilnahme, die die Vielen, die ihn gekannt haben, beim Vernehmen der Nachricht von seinem Tode empfinden werden, wird aber an« stärksten sein bei der großen Zahl jener, die in dem Toten einen jener Menschen verlieren, die ein großes erworbenes Vermögen großherzig dazu verwendeten, den vom Glück minder Begünsttgtrn den Lebensweg zu erleichtern. Lemberg. Dr. Heinrich Gottlieb, Mitglied des Kultusvorstandes nnd ehedem Vizepräsident der Lemberger Wvokatenkammer, ist verschieden. Die jüdische Intelligenz hat in ihm Zeinen ihrer vornehmsten Repräsentanten verloren. Aus -er Letzrerwelt. Prag, 1. März. Der Minister für Kultus und Unterricht hat dem israelittschen Religionslehrcr ans Staatsgymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag (Altstadt), (welches 70 pCt. jüdische Schüler hat) dem Rabbiner.Nathan Grün den. Titel Professor verliehen. Grün ist ein hervorragender Kenner der Geschichte der Juden in Böhmen nnd als Autorität, auf dem Gebiete der Geschichte der Prager Iüdengemeinde anerkannt. Budapest. Rabbiner Dr. Moritz Klein, der als Schriftsteller auf dein Gebiete der jüdischen Wissenschaften, wie auch als Kanzelredner sehr bekannt ist, feiert im Mai d. I. das Jubiläum seiner vierzigjährigen Rabbinerschast ünd seiner - fünfundzwanzij,jährige» Täfigkeit als Rabbiner inNagybecskerck. Nr. 10. © Feuilleton. © Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. I (Fortsetzung). I» dem elegant eingerichteten Saale befanden sich efiva zwölf Herren von aristokratischem Aussehen. und verschiedene Damen in stark ausgeschnittener' Balltoilette. Einige Herren unterhielte» sich leise, andere. machten den Damen angelegentlichst den Hof. Beim Eintritt der Beiden rief einer der Herren: „Jean, die Karten!" Im Nu hatte der Diener den Spieltisch arrangiert. - - Unterdessen hatte eins der Mädchen, eine kleine üppige Blondine, sich Hugo genähert. „Warum bist Du so lange geblieben? Du wußtest doch, daß ich nach dem Ballet im zweiten Akt frei war." „Ich konnte nicht früher von Hause fort." Ein anderes Mädchen sagte vorwurfsvoll: „Seht diese Ungeheuer, da bleiben sie bei ihren Frauen und lassen uns warten." Alles lachte. Ein Herr näselte: „Meine Herren, ich bin Ihnen Revanche schuldig. Sollen wir mit unserem lleinen Jeu beginnen." Ein anderer Herr ries: „Gegen Werdcnfels als Bankhalter kommen wie nicht auf, bei seinem fabelhaften Glück wird er uns rasch ausgezogen haben." „Bitte, meine Herren, möge doch die Bank übernehmen wer will; es ist mir wirklich gleich." Hugo sagte ungeduldig: „Voran! Werdenfels, machen Sie keine Schosen, wir wollen anfängen!" Das Mädchen flüsterte Hugo zu: „Ich habe meine Börse vergessen, kannst Du mir einige Kronen leihen?" Er lachte. „Gerade wie in Monaco!" und gab ihr ein Portemonnaie. Die Gesellschaft, die sich durch einige Gläser Sekt gestärkt, setzte sich uin den Tisch, und nun wurde gejeut, bis die Uhr die zweite Morgenstunde anzeigte. Die Herren legten keine Aufregung bei den Wcchsclsällen des Spieles an den Tag, sie blieben immer die vornehmen, aristokratisch erzogenen Männer. Die Mädchen dagegen konnten sich nicht so gut beherrschen. Die Leidenschaft des Spieles zeigte sich bei ihnen in de» bleichen Gesichter», tu unartikulierten Lauten, in krampfhaft zusannnengezogenen Händen. Die Gesellschaft erhob sich. Hugo nahm Krafst auf die Seite und sagte ihm mit gezwungener Ruhe: „Wir wollen den Einkauf der Papiere nun bald vornehmen. Ich muß nun sofort mein Einkommen vergrößerir, denn ich habe heute Mend fünftausend Mark verloren." „Donnerwetter, das ist Pech. Sie gingen aber auch zu scharf ins Zeug. Nun, Sie werden schon soviel verdienen, daß Ihnen das nichts ausmacht." Die Herren, die vom überreichlichen Sektgenuß eine» schweren Kopf hatte», wollten noch ein Cafe besuchen. Cora hing sich in Hugos Arm. „Komm, ich fürchte mich, allein über die Straße zu gehen." „Närrchen," lachte er, „ich werde Dich wohlbehalten nach Hause bringen." Die anderen Dame» hatten ebenfalls ihre Beschützer, und so machte man sich einträchtig auf den Weg. Wie sie in das mit Menschen gefüllte. Wiener Case eintraten, Hugo mit seiner Begleiterin, die noch immer an seinem Arm hing, voran, sah er Heinrich mit einigen Kvinmilitone» an einem Tische sitzen. Unwillkürlich zuckte er zurück, cs war aber zu spät, Heinrich hätte ihn gesehen. . Die Studenten kamen von einem Kommers und lvaren noch etwas sehr fröhlich, Heinrichs Kopf war aber im Nu so klar, als hätte er nur Wasser getrunken. , Er. sprang auf und ging ans, seinen Schwager zu, das Mädchen, dessen Qualität ihm und niemandem zweifelhaft sein konnte, gänzlich ignorierend. Bevor er etwas sagen konnte, faßte ihn Hugo am Arm und flüsterte ihn« zu: „Schweig, ein Zufall —" Heinrich antwortete ihm verächtlich: „Hugo, schäme Dich, Du bist ein Schurke!'/ . Dann wandte er ihm den Rücken nnd ging luieder auf seinen Platz zurück. Hugo sah ihm mit Verbissener Wut nach, bahn sagte er zu seiner Begleiterin, die dem kurzen Zwiegespräch verständnislos zugehört hatte, „Komm!", und eilte im Sturmschritt dem Ausgange zu. - . Seine anbete Gesellschaft hatte inzwischen Platz genommen, nur Klafft war bei ihm geblieben und