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Neue jüdische Presse · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. er dastehe ganz wie aus einem Guß, harmonisch und einig, jüdisch vom Scheitel bis zur Sohle, ein jeder Nerv und eine jede Ader in ihm Jude, so ist die weitere Wirkung dieser Achduß Haschem die Einheit Israels. Gegenüber der Go t t c i nheit: die Volkseinheit. Leider wird diese weitere Konsequenz des jüdischen .Gotteinheitsbcgriffes in neuerer Zeit manchenorts unbeachtet gelassen. Zersetzung und Zerklüftung bemächtigte sich des sprichwörtlich einheitlichen, jüdischen Volkes. Und das hemmt die so notwendige Gesundung unseres Judentums. Es kam das von einem ehrlichen und berechtigten Prinzip, das aber mißverstanden, ins Extrem geführt, zu einem Zerrbild wurde. So ward aus dem ehrlichen Pirnzip ein phrasenhaftes Schlagivort, das doppelt schädlich ist, weil cs eben keine ganz hohle und unwahre Phrase ist, sondern eine halbwahre, eine solche, die das Urteil hes Menschen durch ihre teilweise Richtigkeit besticht und sic überredet, das Falsche mit in den Kauf zu nehmen. Ein solch halbwahres Schlagivort ist jenes, das die Zerklüftung und Scheidung in das einige, Bolksbewußtsein tragen will, weil sic in den Gemütern mancher tatsächlich da ist. Es will gewaltsam nicht nur jede Annäherung hemmen, ja ans-, schließen, sondern die Volkseinheit selbst bestreiten, die Zusammengehörigkeit zwischen den verschiedenen Schichten unserer Nation leugnen) indem es ans die abweichende Keistesrichtung hinweist, die unter ihnen herrscht. Zu solcher ungeheueren Folgerung ist der Gedanke der Verschiedenheit nie ausgeartet. Die Teistesrichtung ivar im Judentum stets verschieden — nie hat das aber die Volkseinheit beeinträchtigt. Es standen zu allen Zeilen zivei Richtungen im Judentum,: einander gegenüber: bald Pharisäer und Sadduzäer, bald Rabbaniten und Chassidim, und noch heute ist die Verschiedenheit zwischen Aschkrnasini und Sefardim, zwischen Chassidim und Misnagdim, zwischen Ost- Und Westjuden da. Nie hatten aber die Aschkenasim die Volksgemeinschaft mit den Sefardiin geleugnet, nie Chassidim und Misnagdim die Volkseinheit bestritte». Denn cs gibt nur ein jüdisches Volk, und es hat eine einheitliche B e st i m m u n g. Einzelne aus dem Volke können dieser ihrer Bestimmung untreu werden, nie und nimmer aber ihrer Bestimmung enthoben werden. Und solange sie ihrer Bestimmung angehören, gehören sie ,auch uns an, und solange sic in dem Volksvcrbande verbleiben, bilden auch sie das Volk. Wir können und sollen die Verschiedenheit der Geistesrichtung betonen, mit Nachdruck unseren Standpunkt verfechten — nie und nimmer haben wir aber das Recht, das Volk als solches zu trennen. Mehr noch als zu dem einzelnen Menschen ist das Verhältnis Gottes zum jüdischen Volke in unseren heiligen Schriften hcrvorgehoben. Haschem der Gott Israels — Israel das Volk.Haschems. Und wie Gott eins und einig ist, so ist auch sein Volk eins und einig. Von Gott bekennen wir: „Haschem echod" — von Israel sagen wir: „Mi keamcho Jisroel gauj echod!" Einheit — welch' erhabener Gedanke! Einheit zur gemeinsamen Arbeit, für die Erhebung des gefallenen jüdischen Volkes. Durch Einigkeit schreiten wir zum Sieg, bewirken wir die äußere und innere Erhebung. Durch gemeinsame Arbeit gelangen wir zu unserem gemeinsamen Ziel! * * ' * Durch drei Kardinaltügenden. so lehren unsere Alten — ist Israel, sind die Nachkommen Abrahams. Isaaks und Jakobs ausgezeichnet: sie sind barmherzig, schamhaft und wohltätig (rachmoiiim, bajschonim, gaumlei chassodim). Durch seine heroische Geschichte erwarb sich aber dieses Volk noch eine vierte Tugend — oder ist sie nur eine Zusammenfassung jener drei? — sic heißt: Ahawaß-Jisroel, Judenliebe. Es ist etwas Großes, diese Liebe; durch sie wird das jüdische Volk erlöst werden, wenn sie in den Herzen seiner Söhne und Töchter, lebt, glüht, lodert, diese mächtige Judcnliebe. Die Erlösung dieses Volkes fordert O p f e r, große Opser, mehr als die „incnschensreundliche Mildtätigkeit" zu bringen vermag. Nur jene überwältigende, wahre und ungeheuchelte Judenliebe ist eines solch riesigen Opfers fähig.. Nach. Inden-voll solcher Liebe und Opferbcreitschaft schreit dies Judenvolk und wird sie immer begehren, bis seine Erlösung vollzogen sein wird. Liebe, hingebungsvolle Liebe — wie es das Wort Ahawo ansdrückt — ist für dieses Volk nötig wie Blut für den Körper und Licht für das Auge. Wo ist aber diese erlösungssähige Liebe? Ich sehe sie im Zionsgedanken: sie erfüllte, beherrschte, leitete und überwältigte auch das große Herz seines modernen Schöpfers. Es ist etwas gewaltig Großes, diese Liebe; darum geht der Siegeszng des Zionismus langsam vorwärts, denn die Menschen sind noch voll Eigennutzes und Eigensinns, voll des Unernstes und der Eitelkeit, es mangelt ihnen noch an Opferfreudigkeit und an Zusammengehörigkeitsgefühl. Tiefe und jene treiben noch persönliche Politik, suchen nur eigene Vorteile, sei cs materieller oder geistiger Art, mühen sich nur ab an dem Bau eigener Ruhmestempel, gehen aufgeblasen und hochmütig nnd selbstgerecht ihre eigene Wege, weil sie nur so beachtet werden können. Und sie suchen Gründe abseits stehen zu können von dem großen heiligen Erlösungswerk, ja um es hinecrn, bekämpfen zu dürfen. Sie s u ch e n die Gründe und wo fände mau sie nicht, wenn man sie nur sucht. Und so finden sie sie auch dort, wo man sie zu finde» nimmer geglaubt hätte; nicht nur im skrupellosen, kritischen, spöttelnden Witz, nicht nur in zerschlisseneu, fadenscheinigen Menscheuverbrüderungsphrasen, sie scheuen sich nicht, selbst das Heiligste für das unheilige Beginnen anszunützen, die erhabene Religion Israels zu einer Waffe gegen das große Werk zu entheiligen. Tenn bei ihnen ist nur Hatz und keine Liebe, und wo nur Haß ist, da ist fluch Verblendung und wo keine Liebes ist, da fehlt auch die Scham, die sie sonst zurückhielte, das Heilige gegen das Gerechte zu kehren. Darum aber werden auch an das große volkerlösende, volkerhebendc Werk nur die besten nnd edelsten unseres Volkes hcrantrcten, alle in denen unauslöschlich lebt und lodert die heilige Ahawaß Jisroöl, die alles bezwingende Indenliebe. B. F. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Aus der letzten Reprüsentanten-Bersammlung der jüdischen Gemeinde. Herr M a n h e i m e r bringt den Berka u f d e r M i z w o t h zur Sprache, bezeichnet denselben als unzeitgeniäß nnd störend nnd bittet die völlige Abschaffung dieses Brauches, dessen Ertrag vil sehr geringer sei, in Erwägung zu ziehen. Er regt an, an hohen Feiertagen, die Mizwoth an die Ehrenbcamleu der Gemeinde zu vergeben. In der sich hieran anschließenden Diskussion weist vonr Gemeindevorstand Herr M a r t i n S i i» o 11 zunächst darauf hin, daß eine bereits vor Jahren vom Vorstand gegebene Anregung zur 'Abstellung des Verkaufs keinen Anklang bei den Repräsentanten gefunden hat.. -Der finanzielle Ertrag, der sich in sämtlichen Synagogen und Fcst -- g o t t e s d i e n st e n auf etwa 3000 Jt. gährlich stelle, könne im Verhältnis zum Etat der Synagogen selbstverständlich gar nicht in Betracht kommen. Andererseits ständen der 'Abschaffung des Verkaufes wiederum Schwierigkeiten entgegen, insofern, als zum Beispiel bei Einsegnungen die Angehörigen berücksichtigt werde» müssen, ferner auch die regelmäßigen Besucher der Synagogen nicht übergangen werden dürfen. Tas Ziel der völligen Beseitigung sei jedoch ein erstrebenslvertes und, wenn eine diesbezügliche Anregung seitens der Repräsentanten gegeben werden sollte, werde der Vorstand gern bereit sein, in Verhandlungen hierüber einzutretcn. Betreffs der Synagogenplätze sei gegen früher eine Herabsetzung des Preises eingctrrten, vielleicht könnte man nach dieser Richtung noch weiter Vorgehen. Eine ganz zuverlässige Ausstellung aller Kosten für eine Synagoge werde aus dem Grunde nicht möglich sein, weil die Gcneralkosten, wie die Rabbinergehälter, nur iu einer gewissen Proportion auf die einzelnen Synagogen verteilt werden können. Herr Hirsch tritt ebenfalls für die Einstellung des Verkaufes der Mizwoth ein, während die Herren Loewenthal und Weinberg bestreiten, daß sich in der jetzigen Praxis — die Mizwoth werden für eine Mark an die in einer Liste vorher eingetragenen Petenten vergeben — Mißstände ergeben haben, und die Beibehaltung des jetzigen Modus befürworten. Professor K a l i s ch e r billigt die jetzige Methode, die durchaus nicht als unwürdig bezeichnet werde» könnte, Justizrat Tr. Simon bittet ebenfalls, an dem alten Herkommen, das eines gewissen ethische» Hintergrundes nicht entbehre, nicht rütteln zu wolle». Gcheimrat Blumenthal, welcher die Häufung der Mizwoth an einem Tage aus eine Person bemängelt, beantragt, die Frage in einer Kommission zu beraten, Justizrat T r. S i m o u wünscht diese Durchberatung im dritten Ausschuß. Herr M a n h c i m e r tritt noch einmal für völlige Abschaffung ei», er wünscht den Verkauf auch nicht „zu herabgesetzten Preisen". Ein Antrag B t a s ch k e bittet de» Gemrindevorstand, die vereinigten Syiiagogenvorstüiide zur gutachtlichen Aeußerimg und schriftlichen Berichterstattung anszufordern. Dieser Antrag, zu dessen Gunsten die vorher genannten Anträge Blumcuthal und Simon zurückgezogen werden, wird mit großer Mehrheit angenommen. Tie Ko m m i sj i o » zu r Be s ch a f sung des K o s ch e r s l e i s ch e s schließt in diesem Jahre mit einem M inderverbrauch von Mk. 2047,60 ab. Ter Referent weist aus den Akten der Kommission zahlenmäßig nach, daß der Gebrauch an K o s ch e r f l e i ch sehr z u r ü ck g e g a g e n ist. In der D i s k u s s i o n bestätigt Herr Jacob» noch einmal seine jüngst bei der Krankenhausvorlage genlachte Angabe, daß der B c r b r a u ch a u Koscherfleisch » nt das Dreifache z u r ü ckgegangen i st. Geheimrat B l u m c n t h a l glaubt den Rückgang des Konsums auf die hohen Preise zurückzusühreu zu müssen, ivelche die unter Aufsicht des Rabbiiints stehenden Schlächter für das Fleisch berechnen. Professor B l a s ch k c gibt zu bedenken, daß infolge der Aufhebung der Fleischbeschau voraussichtlich eine Menge Fleisch von auswärts eingcsührt werde und sich dadurch eine Verminderung des Konsums bei hiesigen Schlächtern zeige. Berlin. Im Zentralpolizeiblatt wurde dieser Tage eine Liste von 34 ans Berlin ausgewiesenen „lästigen" Ausländern veröffentlicht. Zu einem wesentlichen Teile sind es Ausländer jüdischen Glaubens. Unter den 17 russischen Staatsangehörigen, die als lästige Ausländer rubriziert werden, besoldet sich auch ein Kind im Alter von sieben Jahren. Hauiburg. Mißglückter Synagogendiebstahl. Ter Tapezier Sch., der über Hamburg nach Amerika auswandern wollte, besaß nicht die genügende» Mitte! und konnte sie auch nicht durch Almosen zusaiiimenbringeii. Er soll nun versucht haben, aus dem Wege des Diebstahls die Mittel zur Reise „übern großen Teich" zu erhalten. Als er sich eines Tages zum Gottesdienst in der portugiesisch-jüdischen Gemeinde-Synagoge eingefundcn hatte, vernahm ein Beamter ein verdächtiges Geräusch, und als er sich umdrehte, sah er, daß Sch. sich an der Opferbüchse zu schassen machte. Mit den Worte»: „Räuber, was mache» Sie da?" stürzte der Beamte auf Sch. los und sah, daß das Schloß von der Opferbüchse bereits losgebrochc» war. Der nun wegen versuchten schweren Diebstahls angcklagte Sch. bestreitet, sich in diebischer Absicht an der Opferbüchse zu tun gemacht zu haben, was ihm aber nicht geglaubt wird; er wird zu 1 Fahr Zuchthaus verurteilt. Hannover. Das Testament des Konsuls S i m o n. Wenn cs noch eines Beweises für die hochherzige Gesinnung unseres vor kurzem verstorbenen Mitbürgers bedurft hätte, so wäre er durch das nun erössnete Testament erbracht. Selbstverständlich haben die nächsten Verwandten der großen Hliiterlasse»- schaft entsprechende Erbteile und Vermächtnisse erhalten. Ter verbleibende Rest, der an drei M i l - l i o n e n M a r k betragen wird, ist für wohltätige und gemeinnützige Zwecke bestimmt worden. Insbesondere ist durch das Testament eine Stiftung errichtet mit der Bestimmung, „Hand- und Fabrikarbeit, Handwerk, Landwirtschaft, Garten- und Obstbau unter den Israeliten in größerem Umfange zu verbreiten". Dieser Zweck soll erreicht werden durch Unterricht israelitischer Kinder in Handsertigkeit, Garten- und Obstbau, und durch Ausbildung von Lehrern, die den Kindern jenen Unterricht erteilen sollen. Ferner sollen bedürftigen israelitischen Arbeitern, Handwerkern, Landwirten und Gärtnern, zwecks Ausübung ihres Berufes, Unterstützungen in Form von niedrig- oder garnicht verzinslichen Darlehen gewährt werden. Tie vom Verstorbenen vor 12 Jahren gestiftete israelitische Erziehungsanstalt Ahle m und der neben ihr unter besonderer Verwaltung stehende Hilsssonds für ehemalige Lehrlinge dieser Anstalt erhalten je 100 (MK* .//• Noch ist eine Bestimmung zu erwähnen, welche besonders alte deutschen Gärtner interessieren wird. Tie vom Konsul Simon errichtete große Stiftung soll nämlich einen Teil ihrer Einkünfte für allgemeine Zwecke des (Karten- und Obstbaues verwenden, wobei der Testator wohl in erster Linie Zuschüsse an die'in - Teutschland bestehenden Garten- und Obstbaiivereine im Auge gehabt hat. Ter hiesige israelitische Wohltätigkeitsverein erhält ein Legat von 10000 .!(. Für den Religionsunterricht in ärmeren kleinen jüdischen Gemeinden sind jährlich ä00 ..lf. ausgesetzt, die dem deutschisraelitischen Gcnieiiidebuiide zur Verfügung gestellt werde». Bezüglich des Legats für die Erzieh» it g s» anstatt z ii A h t e in sagt der Verstorbene in seinem Testament wörtlich: „Ich beschränke »ach reiflicher Ueberlegung meine Zuwendung auf diesen verhältnismäßig geringfügigen Betrag, weil ich den dauernde» Bestand der 'Anstalt nur dann für gesichert halte, wenn sie. von allen Glaubensgenossen als Gemeingut betrachtet und unterstützt wird."

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