Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692419--01483-2696001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Nr. 10. den sic in ihrer Menschenwürde aufs tiefste versetzt wurden. Zudem traf die Abgabe in erster Linie die Armen. Die Reicheren konnten sich ihr ineistcus entziehen, weil sie sich häufig als Agenten in landesherrlichen Diensten befanden oder sich sonst besondere Leibzollbesrcinngcn und Freipässc zu erwirken vermochten, oder auch ihre Korrespondenz von Hanfe ans erledigten und darum nicht genötigt waren auf Reisen zu gehe». Auch die dem Mittelstände Angchörenden, die in den Städte» wohnten und dort Handel trieben, kamen seltener in die Lage, den Leibzoll entrichten zu müssen. Es waren znincist die Armen, und diese wurden natürlich von den Zollwächtcrn noch nebenbei durch allerlei Plackereien belästigt. Ein armer Jude, Vater von sechs Kindern, zeigte für 5Vs Gulden Zollzettcl, die er und sein ihn begleitendes Söhnchen binnen 6 Tagen in de» verschiedenen Aemtcrn und Gebieten entrichten mußte. So brachte er seiner hungernden Familie nicht nur nichts nach Hause, xr hatte auch noch zwei Taler Schulden, obgleich er nur von Wasser und Brot gelebt hatte. Ein anderer armer Jude wurde in der Gegend zwischen Frankfurt und Höchst von einem Husaren als Gelcitszollübcrtreter angefallen. Als er sich außer Stande erklärte zu bezahlen und lieber mit zurückgehen wollte, mißhandelte ihn der Husar durch Hiebe mit seiner stachen Klinge, riß ihm seinen Sack, der kaum sechs Kreuzer wert war, ans der Hand und, als einige Vorübergehende sich näherten, die ihn ermahnten, doch Mitleid mit den. Armen zu haben, sprengte er davon. Bei der Schutzlosigkeit der Juden waren solche Vorgänge alltäglich. .Für das Elsaß wurde der Leibzoll schon vor der großen Revolution, im Jahre 1784, von Ludwig XVI. ausgehoben. Die Urkunde, die. dem Könige alle Ehre macht, sagt, es sei den Gesinnungen, die er gegen seine Untertanen hege, zuwider, gegen einige derselben eine die Menschheit zu erniedrigen scheinende Auflage sortdanern zu lassen. Den Behörden sollte allenfalls der ihnen crlvachscnde Schaden ans der königlichen Kasse ersetzt werden. — In Bayern war der Leibzoll schon 1744 ausdrücklich aufgehoben worden. Allein die Gegenvorstellungen der lokalen Behörden hatten zur Folge, daß die Verordnung nicht ausgeführt wurde. Erst iin Jahre 1799 tvurde er beim Erlaß einer neuen Zollordnung stillschweigend fallen gelassen. In Oesterreich war der Zoll durch Kaiser Joseph II. beseitigt worden. In Preuße» hob Friedrich Wilhelm II. im Jahre 1787 den Lcibzoll auf. Um die Aufhebung des Leibzolles im übrigen Deutschland haben sich besonders zwei Männer verdient gemacht: Israel Fakobsohn, der als Hoi- und Kammeragent des Fürsten von Braunschweig, diesen dafür gewann, den Leibzoll in Braunschtocig zu beseitigen, und der auch in Bade» sich darum bemühte, und noch mehr Wolf Breidenb a ch. Dieser war 1751 in dem Dorse Breidenbach in Hessen-Kassel geboren und kam als armer Junge nach Frankfurt a. M., wo er sich, den rabbi'nischcn Studien widmete, dabei aber hier und da für seine ersparten Kreuzer auch ein deutsches Buch kaufte. Einst kaufte er sich bei seinem. Buchhändler Philidors „Unterricht im Schachspiele" in Gegenwart eines gerade im Buchladcn anwesenden sehr reichen Barons. Nach seiner Entfernung erkundigte sich der Baron nach dem jungen Manne bei dem Buchhändler, der ihn als de» besten Schachspieler Frankfurts rühmte. Breidenbach wurde zu dem Baron geladen, und durch sein geschicktes Spiel und seine geistreiche Unterhaltung erwarb'er sich die Gunst Und Freundschaft des reichen Herr«, dessen Gcldgcschästc er mit der größten Treue und Gewissenhaftigkeit besorgte. Breidenbach erhielt dann auch ein Darlehen von seinem vornehmen Freund, um selbständig ciir Geschäft beginnen zu könne». Er betrieb außer seinem Wcchselgcschäft auch einen bedeutenden Handel mit Juwelen und Schmuckgegenstände», wodurch er sich Zutritt zu den Höfen mancher Fürsten verschaffte.') Durch diese Verbindungen wurde cs ihm ermöglicht, seinen Einfluß zu Gunsten der Abschaffung des Leibzolles geltend zu machen. Im Jahre 1803 begann er seine BcmLhnngen, nachdem er vorher durch einen Aufruf seinen Glaubensgenossen seinen Entschluß mitgeteilt und sie ausgesordert hatte, einen Fond dafür zusammen- ') S. über ihn Grätz, GeschO d. Juden Bd. XI, Note 5. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. zuschießcu. Der Fürst zu Isenburg, war der erste, Ivclchcr in diesem Jahre den Leibzoll anshob. Ihm folgte der Kurfürst von Kurhessen, der ebenfalls für das ganze Kursürstcntuiu den Leibzoll abschasfte allerdings mit der Einschränkung, daß er gegen solche auswärtige Juden, in deren Wohnort die kurheffischen Jude» diese Abgabe noch entrichten müßten, rctorsionsweise (!) beibehalten werden sollte. Der eisrigeu Tätigkeit Breidcnbachs gelang cs, auch bei anderen Regierungen Erfolge zu erzielen, so bei dem Landgrafen von Hessen-Homburg, bei dem Kurfürsten Rcichscrzkauzlcr Karl von Dalberg, dem infolge des Friedens von Lüneville Rcgcnsbnrg, Aschaffenburg und Wetzlar zugefalleu war, bei dem Herzog von Mecklenburg. Unterm« 24. August 1804 wurde auf Breidcnbachs Fürbitte auch in der freien Reichsstadt.Frankfurt der Lcibzoll ausgehoben. Nach und nach folgten auch die übrigen deutschen Staaten. Das Verdienst, das Breidenbach sich um feine Glaubensgenossen erwarb, ist um so höher anzuschlagcu, als er sich mit seiner Person stets bescheiden im Hintergrund hielt und. keinerlei Dank nnd Anerkennung für seine Leistungen beanspruchte. Selbst in dem Aufruf, den er an die Judeuheit erließ, war sein Name nicht genannt, so daß man lange Zeit in der weiteren Oefsentlichkeit gar nicht wußte, welchen Anteil er an der Beseitigung dieser entehrenden Abgabe hatte. Auf Breidcnbachs Veranlassung suchte auch ein christlicher Schriststellcr, .F ranz Joseph K. S ch e p p l e r, beider Rechte Doktor, kurfürstlich reichscrzkanzlcrischcr Oberlandesgerichtsrat, die Oessentlichkeit sür diese Angelegenheit der Juden zu interessieren. Er verfaßte eine Schrift: „Ueber die Aushebung des Jndenleibzolls, nebst einer skizzierten Geschichte der Juden, ihre Schicksale und staatsrechtlichen Verhältnisse, besonders in Tcutschland, und einer moralischen, rechtlichen und politischen Beurteilung der Abgabe des Leibzolls insbesondere, mit Urkunden." Im Eingänge bemerkt er, daß Brcidenbach ihn Mit dem Geiste nnd Fortgang seiner eifrigen Negotiationen bekannt gcinacht, ihm die Resultate derselben mitgeteilt und ihn gebeten habe, diesem Gegenstände seine Feder zu widmen. Der erste Teil der Schrist gibt einen Ueberblick über die Geschichte der Jude» seit ihrer Unterwerfung durch Pompejus. Der Verfasser sagt: „Die ganze Geschichte der Inden nach ihrer Auflösung als eigene Nation und seit der Zeit ihrer Zerstreuung in alle Weltteile, besteht eigentlich bloß in der Geschichte ihrer Verfolgungen, ihres Drucks und der von ihnen erpreßten Abgaben und Schatzungen". Im zweiten Teil iverdcn die Schicksale der Zirde» in Deutschland behandelt. Es werden die Verfolgungen zur Zeit der Kreuzzüge und des schwarzen Todes erwähnt, die Anklagen der Brunnenvcrgistuug, der .Hostienschändung usw. aufgeführt, und der Verfasser meint mit Recht, daß der Rcligioushaß nur die zweite, die erste Triebfeder der Jndenverfolgungcu aber die Habsucht gewesen sei. Daß die Geistlichkeit eine» so wütenden Eifer gegen die Juden zeigte, will er auch damit begründen, daß diese von dem Zehnten befreit waren. Während der christliche Untertan seiner Kirche, „von ihrem ersten Oberhaupt bis zum letzten Menschen hinaus", zinsbar ivar, gab diese als fremd angesehene Menschenktassc „keinen Zehnten von all ihrem Erwerb und keinen Pfennig für alte ihre Sünden, ivcder bei lebendigem Leibe, noch nach deni Tode". Im dritten Teile der Schrift wird dann erörtert, wie die Lage der Juden sich milder gestaltete. Als die erste Urkunde aus neueren Zeiten, die „einen hoheü Geist von Duldung und Humanität" gegen die Juden atmet, erwähnt Scheppler eine sürstlich-onolzbachische Verordnung, wonach die in dem dortigen Territorium sich befindenden Juden von dem Lcibzoll befreit sein sollten: diesem sollten nur die fremden Juden, die zu Hochzeiten, Beschneidungen und Begräbnissen sich einsändcn, unterworsen sein. Weiter wird dann die Geschichte der Aufhebung des Leibzolles in den verschiedenen deutschen Gebietsteilen ausführlich erörtert. Der vierte Teil enthält eine „moralische, juristische und politische Beurteilung der Abgabe des Judenleib- oder Personenzolls".- Der Verfasser faßt seine Ansicht dahin zusammen, daß diese Abgabe unmoralisch, ividcrrechtlich und schädlich "sei und daß es daher eine vollkommene Pslicht sür jeden Staat sei, seine jüdischen Untertanen unbedingt. davon zu entbinde». Er begründet diese Ansicht durch viele treffende Bemerkungen, die auch heute noch nicht unzeitgemäß geivorden sind. Durch die Aushebung des Leibzvllcs, meint er auch, würden die Inden selbst sich nach nnd nach von der Idee losrcitzen, sich sür Fremde oder »och sür eine eigene Nation zu halten, und ihre Vorurteile wurde» nach und nach verschwinden, wenn sic, weniger von allgemeiner Verachtung gedrückt, mehr ihre Menschenwürde fühlen würden. Im letzten Teile der Schrist werden die Urkunden mitgctcilt, welche sich ans die Aufhebung des Judculeibzolles beziehe». Die letzte derselbe», welche die Abschasfung des Leibzolles in Hessen- Darmstadt zum Gegenstand hat, ist vom 20. Januar 1805 datiert. In anderen Territorien stand die Aushebung bevor. Die erste Etappe aus dem Wege der Gleichberechtigung war die Aufhebung des Leibzolles. Aber cs bedurfte »och langer und mühevoller Arbeit, bis alle die Schranke», ivelche das Mittelalter ausgcrichtct hatte, beseitigt waren, und der Grundsatz der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz wenigstens theoretisch in Deutschland allgemeine Anerkennung fand. Ans der Zeit — sür die Zeit. Gedanken eines gesetzcstreuen Inden.*) Der Kernpunkt der jüdischen Weltanschauung ist der Begriff der G o t t e i n h e i t, die die ganze jüdische Welt- und Lcbensanschaunng umfassen und gestalten soll. Dieser Begriff von der Einheit Gottes von Achduß Haschem wird viel zu wenig beachtet. Und doch finden wir gerade in diesem Einheitsbcgriff den Urgrund des jüdischen Bewußtseins. Ter jüdische Gottcinheitsbegrisf ist kein leerer, abstrakter, transzcdentaler oder kosmischer Monotheismus, hervorgegangen aus dem praktische» Vercinsachnngsbedürfuis des menschlichen Verstandes, also ans einem mathenratischcn Bequemlichkeitsversahren — wie die moderne psychologische Begründung des Monotheismus lautet — vielmehr ist derselbe ein ethischer Gedanke, der sich an das moralische Bewußtsein des Menschen wendet, sich in es hineinpftanzt, cs ganz durchdringt, um cs ganz zu beherrschen, vom Grund aus zu gestalten, um im Menschen, in seinem Gemüt nnd seinem Verstände, eine Einheit zu schaffen, um hier sein treues Abbild zu finden. Und das ist für die rechte Erfassung des Judentums sehr wichtig, ja vor allem maßgebend und besonders sür unsere Zeit zur Beherzigung zu empfehlen. Wie eine Vielheit der göttlichen Regierer in der kosmische!, Welt Abgötterei ist, so ist es auch die Vielheit der Herrscher in der menschlichen Gedankenwelt.. Ter Jude soll ein ganzer nd einheitlicher Mensch sein. Es ist darum cine bedenkliche Verirrung, jene Ausfassng gewisser Kreise, welche den jüdischen Menschen in zwei Hälften — Mensch und Jude — teilt und so einen gegensätzlichen Dualismus in seinem Innern heraufbeschwört. Es soll nichts Menschliches im Juden sein, das nicht jüdisch wäre. Soll uns das ganze Judentum bewußt werden, so dürfen wir nicht aus ihm unkonsequenterweise nur das sogenannte charakteristisch Jüdische herauswählen und das Menschliche dazu aus der nichtjüdischen Fremde holen, das oft unjüdisch ist. Es schafft das cine verworrene Gedankenwelt, die weder ein reines Judentum noch ein reines Menschentum darstellt; es wird das immer nur ein Knäuel von verschiedenartigen und zusammenhanglosen Begriffen bleiben, das niemals zu einer folgerichtigen, einheitlichen Weltanschauung sich kristalisieren wird. Z n einheitliche», ganzen Juden will uns aber der jüdische Gotteinheitsgedankc erziehen. Darum ist zum ersten Tagesgebot erhoben worden, das Lesen des Schema, zur Bewnßtseinführnng dieses Gedankens der Gotteinheit, der Achduß Haschem, darum ist das erste Lallen des jüdischen Kindes wie der letzte Hauch des jüdischen Greises jenes Bekenntniswort: „Höre Israel, Hasch c m unser Gott, Hasche m i st Einer!" * * ' * Wie der Gotteinheitsgedanke in dem Juden die Einheitlichkeit seines , eigenen Jchs bewirken soll, daß *) Siehe Nr. 14 und 16 vor. Jahres.