Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692419--01482-2696000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. i ♦ it < " 1 -—-I Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. sAbonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). ' __-_' ' Frankfurt a. M.. LeiligkreuzMe 32. Lcke Llapxerjeldstraße (gegenüber -er Neuen Zeit). -HH- Hepattsgebev: cheks. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile. ioo Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Taufend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 3 Jahrgang. Freitag, -e« 3. ^Ssr 8vde»i 566S (1V. Marz 1905). Ro. 10. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Selbsterkenntnis. — Die Aushebung des Judenleibzolles. — Aus der Zeit — für die Zeit- — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Kinder unsrer Zeit, Roman von Jacob Levy. — Vakanzen. —Familiennachrichten. Das „Frankfurter Israel. Familienblatl" kostet: . Frankfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk. 1,02 einschließlich Bestellgeld pro Merteljahr. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleichen Preise — in Landesmünze umgerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streifbaud-Bezug von der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes": in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel —.80, Holland fl. 1,25, Frankreich, Schweiz. Belgien, Italien Frcs. 2,50 vierteljährlich. - Selbsterkenntnis. Wenn in einigen tausend Jahren gleich den Täfelchen aus babylonischer Vorzeit fragmentarische lleberreste unserer Zeit entdeckt würden und unter diesen Resten sich eine Statistik des jüdischen Gemeindelebens in Deutschland vorsände, so würden dann die Gelehrten jener fernen Zukunft sofort den selbstverständlichen Schluß ziehen, daß in unserer Zeit das Judentum in Deutschland ein Glanzperiode gefeiert habe. Wie sollte man auch zu einem anderen Resultate kommen? Zahlen beweisen und die Zahlen unserer Zeit stellen fest, daß die 580 000 Juden des Deutschen Reiches ungefähr 2000 Kultusbeamte und viele Hunderte von Vereinen ihr Eigen nennen, die allesamt nur die eine Aufgabe haben, ihre Zeit und ihre Kraft der Psege und .Förderung des Judentums zu widmen. Jetzt denke man sich nun die Ueberraschung, so einer jener Gelehrten nun plötzlich auf Grund der Entdeckung eines weiteren stummen Zeugen unserer Tage seinen Zeitgenossen die Mitteilung macht, jede siebente von Juden geschlossene Ehe sei eine M i.s ch e h e gewesen. Diese beiden Mitteilungen können doch unmöglich ein und derselben Zeitperiode angehören! Und ein zukünftiger Professor Delitzsch wird seine Brille auf die Nase setzen, sein gelehrtestes Gesicht machen und das Urteil fällen, es müsse in dieser zweiten Urkunde nicht 1905, sondern 1105 heißen, damals bedrohten die Kreuzfahrer das Leben der' Juden und um sich zu retten, verehelichten wahrscheinlich viele Juden ihre Kinder mit Christen. In diesen: Widerspruche — nach außen ein reich entwickeltes jüdisches Leben und nach innen der Zerfall — ist bereits die Lösung des Rätsels enthalten, denn dieser Widerspruch ist das beste Charakteristikum der deutschen Judenheit, die mit sich selbst Blindekuh spielt, die ein Dasein der Selbsttäuschung führt, der Welt gegenüber einen großen Aufwand zur Schau trägt und in Wirklichkeit mit Unterbilanzei: arbeitet. Nur ein Mittel gibt es gegen den Prozeß des Zerfalles, der Auslösung: Selbsterkenntnis. Ehrlich sein, nicht fragen, ob inan es dein Nachbar recht mache, sondern nur die eine Richtschnur kennen, in treuer Pflichterfüllung es sich selber recht zu machen. In zwei Lager inüfseir wir uns scheiden: das eine Lager uinfaßt jene, denen die Zukunft des jüdischen Volkes gleichgültig ist — sie ejlen ihrem sicheren Ilirtergange zu — und in dem anderen Lager sammeln sich alle, die dem jüdischen Volk, das eine Vergangenheit hat, auch eine der Bergairgenheit loürdige Zukunft bewahren wollen. Dort stehen die jüdischen Selbstmörder — verzweifelnd an sich, lege» sie Hand an ihr elendes, unehrliches Judenleben —; hier sehen wir in aufrechter Haltung mit stolzem Haupte und klarem ruhigen Auge alle Männer in Israel. Wer es also ehrlich mit dem Judentunl ineint, der lasse Gedankenlosigkeit und Jndisferentismus endlich einmal bei Seite. Im ehrlichen Streben nach denr Erkennen der Wahrheit, prüfe er ernst sein Denken und Handeln als Jude; er prüfe auch ernst das jüdische Leben, das sich in Synagoge, Schule und jüdischen Vereinen abspielt. Er wird dann erkenne», daß die deutsche Judenheit lieben ihren vielen Organisationen eine als erste nötig hat, eine Organisation aller Juden zur Erhaltung des Judentums, das uns überliefert ward von unseren Vätern. Es ist bald vor der zwölften Stunde! Der Auflösungsprozeß nimmt seinen Fortgang; urvölligen BernichtungiErkennet Euch, erkennet Euere Führer, die sich und Euch bisher getäuscht! Erwachet, ehe es zu spät ist! Die Aufhebung des Judenleibzolles. Bon Rabbiner Dr. I. Unna- Mannheim. In einer Zeit, in welcher die „bildlichen" Reden des Dreschgrafen Pückler in der Reichshauptstadt ein geneigtes Publikum aus den"„besseren" Kreisen finden, mag der .Freund des Fortschritts sich damit trösten, daß die Kultur nur langsamen Schrittes vordringt, und daß erst ein Jahrhundert verflossen ist» seitdem einer der schmachvollsten Ueberreste des Mittelalters, der sogenannte Judenleibzokl, hinweggeräumt wurde. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begannen auch in Deutschland die Ideen der französischen Revolution an Boden zu gewinnen. Auf die Dauer konnte man sich dem freieren Winde, der von Westen her wehte, doch nicht ganz entziehen. Scho» bei der Reichsdeputation in Regensburg hatte im Jahre 1802 der Turn- und Taxis'sche Regierungsadvokat Christoph Grund „in: Namen der deutscheir Judenschaft" eine Bittschrift überreicht, man möchte die lästigen Beschränkungen, unter denen die Juden senkten, aufheben, die Ghettos üffpen und die .Fesseln lösen, welche ihre Bewegungsfreiheit hemmten; man möchte sie der Ehre würdigen, durch die Erteilung des passiven Bürgerrechts mit der deutschen Nation ein Volk auszumachen. Die Inden wiesen auf bas Beispiel hin, das Frankreich und die batavische Republik durch die Emanzipation gegeben hatten. Mit besonderen: Nachdruck betonte man das Entehrende des Leibzolles, „welcher den Inden aus der Reihe der vernünftigen Wese» unter die Tiere versetzt." Die Petition, die der Reichsdeputation sogar von dem angesehensten Mitgliede, den: kurböhmischen Gesandten, überreicht wurde, hatte keinerlei Erfolg. Im Gegenteil; es schien, als ob die Aussicht, daß die Lage der Jude» sich besseri: könnte, ihre Gegner nur noch inehr allsgestachelt und sie veranlaßt hätte, der Gefahr bei Zeiten eirtgegenzutreten, um das drohende nationale Unglück der Emanzipation womöglich noch abzuwendei:. Den» es erschienen in den Jahren 1803 und t80t eine ganze Anzahl von Schmähschriften gegen die Juden, deren Verfasser mit de» hergebrachten Gründen gegen die politische und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden zu Felde zogen. Besonders waren es zwei Juristen, Kralzow und G r a t t e n a u e r, die alle Beschuldigungen der früheren Zeiten wieder erneuerten und durch ihre von giftigen: Hasse erfüllten Schriften die seit Lessing und Mendelssohn etwas zurückgedrängte Feindschaft gegen die Juden aufs neue ansachten. GrattenauerS Schreibweise erinnert an den wüstesten Radauantisemismus unserer Tage, und es ist charakteristisch, daß seine Schrift „Wider die Juden" in kurzer Zeit fünf Auflagen erlebte. Indessen erstanden den Juden auch literarische Verteidiger, wie der. Kammerassessor und Freiherr von Kosmann in einer Schrift „Für die Juden" und der Freiherr von Diebitsch in seinen „Kosmopolitischen unparteiischen Gedanken über Juden und Christen, erzeugt durch bas Werk „Wider die Juden"." Auch begannen die Juden ihre Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen, und es sind vorzugsweise einige satyrische Schriften, welche die judenfeindlichen Literaten in-treffender Weise lächerlich machten. Der erste entscheidende Schritt zur Emanzipation, dje Aufhebung des Leibzolles, ließ jedoch nicht mehr lange auf sich warten. Der Judenleibzoll war eine Einrichtung, die nur in Deutschland bekannt war. Er betrug in manchen Distrikten 20 bis 40 Kreuzer und mußte beim Betreten eines jeden neuen Territoriums von neuem entrichtet werden. Wenn man bedenkt, daß damals in Deutschland fast 1800 „Souveräne" existierten, so begreift man das Drückende dieser Abgabe. Es konnte Vorkommen, daß ein reisender Jude au einem Tage drei, vier und mehr Territoren durchwandern, also ebenso vielmal den Leibzoll erlegen mußte. Am meisten wurde aber das Schimpfliche des Zolles von den Juden empfunden, durch