Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 9. Seite 10. Die letzten Segenswünsche gehen im Beifallssturm Verloren. Bevor man zur Konstitution des Präsidiums schreitet, zeigt es sich, wie lückenhaft der Parlamentarismus hier vertreten ist. Es herrscht ein gegenseitiges Ueoerschreien, das an Wertheuten erinnert. Der einfache Antrag, der rabbinifchen Leitung einige Laienbeisitzer zu geben, die wie R a b b i n e r Reich- Buoape,r meint, auch vom Präsidium ernannt werden können, wirtt wieeineLunteausdieBombe. Zeoer zetert im Namen der Friedensidee'gegen den anoeren. Man macht sich gegenseitige Komvtnnente über Ehrlichkeit und bespuyt sich verdächtig, man ermahnt zur Besonnenheit und macht den Eindruck des Kopfverlierens. Tie Rede des Ungworer Gaons, bei dem jeder Schritt Würde i,t, wirkt etwas beschwichtigend. Aber nur für wromeute, denn nach der Aufsoroe^ung des Präfioenren Reich zur Abstimmung, g e h t d e r Sturm v on neuem los. Man kann zu ftiiicm Resultate kommen. Es hat den An,a>ein, als ob die „Majorität" unbewußt Objlruttion rrecben würde. Endlich gewinnen die Bejchwichtiger die Oberhand, der Worlfüyrec der Opposttion, D r. Rave ß- B. Gyarmar, giot die Erklärung ab, daß die Opposition, obwohl die Wahl nicht nach Anhörung re>p. tegarer Borregung der üvrigen Anträge geschehen i,c, sich der LvErensuUßerung der Majorirar beuge. Uno die'Borg eh er von Pro „bürg, Großwardein und Pest sind die für die Le.tuug der Berhandlnng gewählten Vizepräsidenten. Das Wort als erster zur Tagesordnung bekommt der zum Schrift,ührer ernannte tzerr M o rten-Papa. «r verrunoet — wie jeder in der Einleitung — den ^rieben und sieht in dem Ltatuten- Lntwurf nichts als Menscyenarveit. Die,e trage noch dazu den Stempel, dag sie nicht auf der Hohe der Zeit stehe. Er will bieg unter ungeheurem Lärm beweisen. Seine gewaltige Stimme durchdonnerr das Gebrüll mit den Beweisen, daß dem ENcwurs solche jtarüinal,ehlcr anhaften, die einfach avsuro sind. War ja Die Zu,ammenoerusuug auch schon eine ganz merkwürdige, da Gemeinoeu die einige Taujeno Mitglieder haben, nicht besser vertreten sind, als irgeno ein „Dorsjifckjuw" mit vier BarbaEm. Er übergibt den georuuterr Entwur, der Papaer Gemeirwe, der durchweht unddurchdrungen vom Geiste der Orthodoxie, gewiß den Anspruch Hai, als Beratungsgrunvlage zu dienen — da aoer versagen ihm seine tOiOiiaien Stimmmittel. Man slürint aus ihn los. Die Bertreter der unterlänoer cha>>iüischen Richrung wollen in ihm, wegen seiicer Beinungelung und Kritir einen Ketzer sehen. Er wird von alten Seiten umrobt und hält mit eisiger Ruhe allen mit der Behauptung stand: „Sie sind leine Malochim!" . . . Der eine Sturm wird vom nächsten ab gelöst. Go löste in -N.-Somiut beantragt dag man das Statut vom Anfänge bei einer neuen Kommis,io» durchberaie mW dann erst voccege. Er wiro vom Gao n aus Großwardein, der der Spiritus recior der Bewegung ist, in einer flammenden Philippika widercegt. Er verwahrt sich gegen den Ton, den man gegen die ehrwürdigen Berrretcr der Thora, die iyr ganzes Sein dem Dienste der Emuno h selbstlos weihen, anschlägt. „Es ist wahr, daß wir Menschenwerr, Unvollkommenes geliefert haben. Das ist aoer noch kein Grund, unverrichteter Dinge zn weichen. Wir müssen mit Taten der Welt gcgenüber.reten und Talen von diesem Kongreß dem Iiwentum bringen. Wir müssen, ist sein Antragden 31ec Ausschuß durch 18 aus den chassidi/cheu Gegenden des Landes stammende Delegierte ergänzen, die uns bis morgen den Wahlmodns des Präsidium und den übrigen die Vertretung der Orthodoxie betreffenden Paragraph auszuarbeiien und vorzulegen hat. Wir schreiten nachher zur Wahl und unsere Vertretung wird dann die Statuten ausarbeiten. Wenn man eine Sitzung, bei der sich das Präsidium erhebt, die Delegierten auseinander losspringen und die Debatte nur mehr von gesrirulierenden, sich gegenseitig kapazitierenden Gruppen auf der Straße sortgeführt wird, als beendet betrachtet, dann müssen wir konventionell vom Schluß der ersten Sitzung sprechen. Das war um 1 Uhr. In der Nachmittagssitznng wird der Vorschlag deS Großwardeiner Rabbiners nach wildstürmischen Szenen angenommen. Nachmittagssitznng vom 27. Februar 1908. Um fünf Uhr wird die Sitzung eröffnet, die mit der Vorstellung der neugewählten Vizeptäsidenten beginnt. In ihrem Namen sagt Herr Lasar Gest e t t n e r - Pregburg in wenigen Worten Dank, worauf man zur Fortführung der Debatte über den Antrag des Großwardeiner Rabbiners bezüglich der Erweiterungdes31erAusschussesdurch 18 Mitglieder die den Wahlmodus nsw. ausarbeiten sollen, schreitet. Die große Spannung hatte in der ersten Sitzung ihr Ventil gefunden. Nicht nur die Stimmbänder haben von ihrer Elastizität eingebüßt, sondern auch die Sprecher selbst. Als erster hat das Wort D r. R ä v e g, der als Präses der B. Gyarmater- Gemeinde die oppositionelle Führung beim Kongreß an sich gerissen hat. „Wenn wir keine andere Tatsache aufzuweisen hätten, als daß wir sind, daß wir leben und leben wollen, haben wir Delegierten auch schon Gewaltiges geleistet uno dür,en zufrieden lein. Darunl kein Lvorc der Kritik nach oven und lein Wort des Dadels gcgeilüder der Leitung, sonoern Dunk aus ganzer seele für diese Lac! Was oas Statut betrsisi, Daran ist zu mangeln. Aller vei der Selbstto,lglcit un,erer Führer ist zu erwarten, dag sie nicht eher von llanne» ziehen, bis sic mii uns gemein,am oiese gehler behoocii haben weroen. Einen Gegensatz, wie er aus oem Statut herauszulesen ist, zwßlljen Rabbmar und Gemeuive kann es ja nicht geuen. Leun mit dem Vcr>ump,en ver Geineinoe, siult der N.jmdus des Ravbiuats in die Pfütze. Diese Selllstverjtumiilluirg ivwecipiicijL aem Jn.ere„e der Ravbnier. Darum machen sie sich oen Amrag des Ravbmer Großioacdein zu eigen, avcr mit oer Präzislecuug, dag dieser erweiterte Ausschuß 6 Rabbiner uno t2 Laien, die sämtliche Schattierungen vertreten, ausnchme liiill diesen läge es ov, das große Wert zur all- ,eiligen Bcfrieoigung zu vollbringen." Rabb. Reich-Pest gibt die feierliche Erklärung daß die Gaoniin, lvie immer, interesselos für die heilige Sache gearbeitet harten. Das tomine auch im ganzeil Wesen des ENlwur,es zum Au»- uruck, wo mau mit alier Enrschieoenhelt die Autonomie der tleiiien Gemeinde, Die die Schutzburg der ^.hora ist, wahrt. Wir haben leine Hierarchie, und von Oben wiro mau in das innere Lcllen der orch.-jud. Gemeinoeu nicht eingreifen. Rabb. Fuchs-Größwardein weist mit Entrüstung eine andere Allsicht bei den Rabbinern als die, für die Emunoy zn wirken, zurück, die „Emunoh", das ist die Achse, um die sich, alles zu ureheu hat. Einzelne Interessen müssen verstummen, Organisacion uno Autonomie treten in den Hintergruno, iveiin von „Emunoh" die Rede ist. Und die -uabvonim sind mit den Interessen der Eniunoh identisch. Traurig wäre cs, loeicn die 12 von Räveß bcan,ragte» Laien berufen wären, ein Gegen- oder uevergewicht gegen die 8 Rabbinen zu bilden, darum fort mit diesem Antrag. Die Grenzscheide zwischen rein administrariver uno abstrakt religiöser Scheioung ist schwer zu finoen, da beioe vom Schulchan Aruch ihre Lellensirasi saugen, darum muß der Rabbiner uverall der Erste uno Entscheioende sein, damit er, oer Berufene, die fjahne der Orthodoxie marellos oeioahre uno nicht unter dieser Flagge Feindes Kontrevanve geschmuggelt werde. Tr. Rev <- ß verioahrt sich gegen jede Nebenabsicht. Er habe leioer seine Orthodoxie nicht aus oem Talmud und der Bibelwelt geschöpft, da sein Milieu diesem fremd war, aber aus der jüdischen Geschichte und Ueberlieserung habe er die seljenseste Ueberzeugung gewonnen, daß nur das orthdoxe Judentum zutunsissicher ist, und darum sei er orthodox. Hirsch, Gemeiiweoorsteher Klausenburg's, will im Namen von 50 orthodoxen Gemeinden gegen den Kongreß protestieren, wird aber vom entfesielteii Sturm am Sprechen behindert. Er erzwingt sich doch für einige Momente Gehör, aber nur um unverständliche Worte im Gebrause zu ersäusen. Einem weiteren oppositionellen Redner G o l d - steln-Somkut geht es nicht viel besser. Rabbiner R c i ch fordert zur Wstimnlung auf. Eine entschiedene Majorität gibt durch Beisallbezeugung das Identifizieren mit dem Antrag Fuchs kund. Als dann noch einige Hitzkopfe von der Opposition an dem Resultat zweifeln wollen, will das Präsidium auf Aufforderung des Weizener Rabbiners, die namentliche Abstimmung, „u m diese werten z u brandmarken, die in einem solchen Tone zu sprechen wagen." Tie Opposition zieht hieraus ihre Anträge zurück, woraus sich dann die ein st i m m i g e A n n a h m e der Erweiterung des Ausschusses und Schluß der Sitzung ergibt. 2. B e r h a n d l u n g s t a g. 28. Februar 1905. Zu all den Anremplern und Naserümpsern gegen die Tätigkeit des Kongresses haben sich neue Elemente hergegeben. Ein Teil der ungarischen Presse und hauptsächlich, der von Juden redigierte, benutzt ganze Spalten, um mit Gift und Galle gegen die Orthodoxie Stimmung zu machen. Tie Herren Preßlinge finden die Beschäftigung der Kvngreßler mit der ungarischen Kultur viel zil minimal und zetern gegen dieses unmagyarische Kastanträgertum, das so zähe sicki der Amalgamierung (sprich Entjudung) entgegenstemmt. So war ein Teil des heutigen Tages mit Protestkundgebungen erfüllt, die sich einzelne Delegierte und mit besonderer Wucht und niederschmetternder Kraft D r. R ö v ä ß gegen diese Journalstimmen leisteten: „Wir sind jüdische Ungarn und ungarische Juden. Stur die Konfession trennt uns vom Kernpatrioten nsw." Dann trat das Merkwürdige ein. Oberrabbiner Glaser -Klausenburg meldet sich zum Wort. Er will seinen oppositionellen Standpunkt von der religiösen Seite beleuchten, wird aber von den vom Weizener Rabbi ne r und von Daniel Weiß (der auf Biador hört) kapazitierten Delegierten einfach niedergcbrüllt. Er will sie im Namen der Thora, deren „Kowaud" er als in ihrem Dienste ergrauter Jude verkörpert, beschwören. Es hilft nicht. Weizener N a w -kommandiert „Herunter" und „Schweigen" und eine Majorität folgt fanatisiert. Bleich entfernt sich der Klausenburger Gaon, und mit Würde. Man merkt cs ihm an, daß er da noch nicht das letzte Wort gesprochen hat. Rabb. Schreiber -Bercgszon beantragt Modifizierung der Statuten im tonservativen "Sinne. Kein „Mcchalel Schabos" solle fortan ein Ehrenamt in der Gemeinde einnehmeu dürfen. „Jede Gemeinde solle ii ii r von einem Delegierten vertreten sein." Und zuletzt spricht er sich überhaupt gegen irgendwelche Erweiterung der Ausschlüsse, im Sinne des Großwardeiner Rabbiner, aus. Man solle sofort das Präsidium wählen und diesem alles überlassen. Eine kleine Verletzung der Form sei bei der obstruierenden Tendenz des Kongresses nicht von Belang.. Ta der Großwardeiner Raw von seinem Antrag nicht lassen will, wird die Sitzung behufs Feststellung der 18 Ergänzungsmänner suspendiert. Nach Wiedereröffnung wird das Resultat verkündet, wobei sich ergibt, daß man mit der Hinzuziehung des Dr. Revsß zu Konzessionen an die Opposition sich bereit erklärt. Als Unikum verdient erwähnt zu. werden, daß I c i n k c f M e i l c ch Bauet als ehrwürdiger Rabbiner von Maros U j v ä s o s, mit Sstz und Stimme an den Beratungen teilnimmt. Er ist 1? Jahre alt; IV2 Jahre Rabbiner; ledig, fast noch ein Kind und sagt, daß er immer das tue, was sein Vater, der Gaon von Tees, zu tun heißt. Budapest, 1. März, 6 Uhr 25 Min. Nachm. Frankl einstimmig gewählt und beschlossen, daß derjenige, der den Sabbath entweiht, in die Laudesvcrtretung nicht, wählbar ist. Die Mischen Kolonien in Argentinien*). Mosesville, die Stammkolonie der Jca, kann wohl als Musterschöpsung für ein sozial-ökonomisches Unternehmen bezeichnet werden. Hier kann man sehen, was der eiserne Wille, den zu stählen die jüdische Religion als Mittel zu ihrem historischen Zweck sich vor allem zur Ausgabe macht, fertig bringen kann. Vertrieben aus dem Lande der Dunkelmänner, wo noch gegenwärtig jenes mittelalterliche Losungswort, „der Jude wird verbrannt", die Staatsparole ist, kamen jie vor mehr denn einem Jahrzehnt herüber, die ersten Pioniere jüdischer Kolonisation, nichts mit sich bringend wie das Bewußtsein des freien Menschen, und den Willen, ohne Verletzung ihrer Ueberzeugung, ohne Verleugnung ihrer Stammeseigenschasten, durch ihrer redlichen Hände Arbeit allein sich und ihren .Familien eine neue Existenz zu gründen in dem Lande der Zukunft: Slrgentinien. Neues Land, neue Verhältnisse, neue Arbeit. Schwere Jahre hatten .sie durchzumachen und bittere Enttäuschungen zu erfahren. Um so erfreulicher ist es heute, dieses kleine Städtchen zu sehen, das hier mit Hülfe und Organisation der Jca entstanden ist. Ca. 500 jüdische Familien haben hier ini Laufe der Jahre eine Kolonie zur Blüte gebracht, die in keiner Weise hinter anderen Ansiedlungen zurücksteht. Ausgedehnte Weizenfelder, Leinanpslanzungen, Kleegesilde, Viehzucht zeigen, daß die Einzelleistungen jüdischer Kolonisten sehr anerkennenswerte sind. Die Kolonie ist in Gruppen cingeteilt, jede 1 Kilometer von einander entfernt. Zu jeder Gruppe gehöre» vier Haushaltungen. Kleine aber nette Häuschen, . umgeben von einem kleinen Geniüsegarten, hier und da auch schattige Baumanlagen, zeugen davon, daß die Bewohner Hand in Hand mit der Unternehmung bemüht waren, und es zu Stande gebracht habensich hier ein gemütliches Heim aufzuschlagen. Die Unternehmung selbst hot die alten Lehmhäuschen, die sie s. Zt. den Kolonisten gab, nun fast überall durch solide Ziegelsieinhäuser ersetzt, und diese wiederum sind von den wohlhabenderen Kolonisten aus eigenen Kosten vergrößert worden. Schulen und Bethäuser sind eingerichtet, die für die geistige Erziehung der Jungen und Mten sorgen sollen und auch recht gut besucht werden. Ja die Zentralstation besitzt sogar eine Synagoge, so Prächtig ausgestattet, daß selbst Buenos Aires sich einer solchen nicht zu schämen brauchte. *) Tie nachstehenden Ausführungen entnehmen wir der Nummer vom 21. Januar er. der in Buenos Aires erscheinenden Tageszeitung „Argentinisches Tageblatt". Wir können aber nicht umhin, zu bemerken, daß uns die Schilderung der Lage der Kolonien als zu rosig erscheint; insbesondere ist uns die große Toleranz der Jca der Religion und sogar dem Zionismus gegenüber auffällig, da, wie unsere Leser aus dem Leitartikel der vorigen Nummer ersehen, ihr Verhalten in dieser Hinsicht in Palästina gerade das entgegengesetzte ist. Auch die von dem Autor geschilderte Kvntraktstreitfrage legt nicht gerade Zeugnis von einer ruhigen Entwicklung der Kolonien und Zufriedenheit ihrer Bewohner ab. Anm. d. Redakt,