Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692418--01476-2695992
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 9. Frankfurter Israelitisches Fmmlienblati. Seite 11. Mosesville selbst zählt gegen 100 selbständige, aus eigenem Grnnd und Boden etablierte jüdische .Familien, die sich teils aus Geschäftsleuten, teils aus Geloerbetreibenden rekrutieren. Verschiedentlich hat die Jca versucht, um in ihrer Mitte keine PrivatciZentümer zu haben, deren Besitzungen anzukaufen, was ihr aber bis jetzt noch nicht gelungen ist und voraussichtlich nicht gelingen kann. Tie Verkehrsbedingungen sind die möglichst günstigen. Mosesvilte Central hat unter diesem Namen eine Bahnstation, von der schmalspurige» Zweigbahn Santa.Fe. Von der Nosariobahn grenzt die Station Palacios hart an das Kolonieland. Daher bildet der Ort der Vereinigungspunkt aller umliegenden jüdischen und anderer Kolonien. Tie selbständigen Städtler haben eine Kultusgcmeinde und einen Zionistenverein gegründet, der die ganze Kolonie und alle Zentralbewohner zu seinen Mitgliedern zählt. Sie alle haben auch, mit Unterstützung der Jca, cs dahin gebracht, daß binnen kurzem ein Hospital beendet sein wird, das sicherlich als Muster-Institut dastehen dürste. Verschiedene andere Vereine haben sich gebildet, darunter einer zur Unterstützung jüdischer Emigranten, ein anderer um in momentaner Not durch Darlehen bis zu Doll. 100 gegen gute Garantie seinen Mitgliedern zu helfen. Die Bauern-Bcvölkerung, die in innigem Frieden, unter strenger Beachtung ihrer religiös-sittlichen Vorschriften lebt, setzt sich aus ca. 200 alten Kolonisten, d. h. aus solchen, die schon zwischen 10 und 14 Jahren dort ansässig sind, und ans etwa 300—350 jüngere» Landwirten zusammen. Die ersteren stainmeu meistens aus Bessarabien und Russisch-Pole» und sind, obwohl sie eigentlich nur wenig jüdisches Wissen besitzen, dennoch diejenigen, die am treuesten an den ihnen traditionell eingeimpften Tugend-Lehren festhalten. Von den letzteren, die nun seit etwa 3 Jahren hier sind, sind etwa 200 Lithauer und 50 Rumänen. Was die Litauer anbetrifft, so dürfte es weder in Santa §6 noch in Entre Rios bessere Landarbeiter geben; auch an Intelligenz sind sie ihren andern Bernfsgenossen überlegen. Von Haus aus arm. an Entbehrungen gewöhnt, finden sie sich leichter mit den Strapazen zurecht, die ihre neue Lage unvermeidlich mit sich bringt, als die Rumäne», die, bevor sie das mit allen Naturgabeu ausgestattete Land an der Unterdonau verlasseil mußten, bessere Tage gesehen hatten, aber zur Zeit .die ärmsten aller Kolonisten sind. Ties einsehend, hatte auch die Jca den letzteren einen monatlichen Vorschuß bewilligt, ebenso wie sie es s. Zt. den alten Kolonisten gewährte, die, mit den ersten Transporten herausgekonnnen, gezwungen waren, lange Zeit von den Unterstützungen der Jca leben zu müssen, bis sie mit der Landarbeit beginnen konnte». Jene gemachten Vorschüsse sind heute die indirektedVeranlassung zu den gespannten Beziehungen zwischen Sldministratiou und Kolonisten, was auch viel dazu beigetragen hat, daß wiederholeutlich Kolonisten, teils freiwillig, teils gezwungen, die Kolonie verließen, wovon mehrere jhrer ehemaligen Häuschen, die gegenwärtig von Eingeborenen oder Jntrusos bewohnt sind, Zeugnis ablegeu. Infolge jener Darlehen ist die Schuld Einzelner bei der Gesellschaft übermäßig angewachsen. Anstalt aber bei der Fixierung der jährlichen Rückzahlungsraten den mehr oder weniger günstigen Ausfall der Ernte bei den einzelnen Kolonisten in Betracht zu ziehen, hat die Administration, angeblich auf höheren und höchsten Befehl, die Kolonisten mit aller Strenge uird unter Zuhilfenahme aller ihr zu Gebote stehenden Mittel zur Zahlung der Jahresquoten angehalten. Zweifelsohne waren sich die Herren am grünen Tisch in Paris nicht klar über die Wirkungen, als sie Derartiges anordneten; denn von dem Momente ihrer Verordnung an bis zur Ausführung derselben muß die Berechnung, daß eine gute Ernte bei den hiesigen, speziell in Santa F6, auftretenden eigentümlichen und plötzlichen atmosphärischen Veränderungen ins gerade Gegenteil Umschlagen könnte, sehr in Betracht gezogen werden. Daß aus diesem schroffen Vorgehen der Verwaltung fortwährend Reibereien entstehen, ist selbstverständlich. Selbststverständlicher ist aber noch, daß dadurch die Produktionskrast der Kolonisten bedeutend vermindert und ihnen die Lust zur Arbeit, die doch schon die Hälfte des Erfolges ist, genommen wird. Was die Litauer anbetrifst, so wären diese allerdings imstande, ihren Verpflichtungen nachzukommen, doch auch da sucht die Administration die Lage zu erschweren, indem sie sie zur Zeichnung neuer Kontrakte, dereir Bedingungen etwa folgende sind, bestimmen möchte: Jeder Kolonist verpflichtet sich, während der Tarier von 20 Jahren jährlich die Summe von Doll. 5 per Hektar der Jca zu zahlen, und wird alsdann nach Wlanf der 20 Jahre Eigentümer des betr. Grundstücks. Das wäre ja — abgesehen davon, daß der Preis von also Doll. 100 per Hektar, gelinde ansgedrückt, bedeutend über dem aktuellen Werte des Bodens in Santa ge stünde — noch annehmbar, würde in dem gleichen Kontrakte die Jca sich nicht das unumstößliche und uneinklagbare Recht zuerkeunen, nach eigenen! Gutdünken und Ermessen jede» Kolonisten, noch nach Bezahlung selbst der 19. Jahresrate, wenn er ihr aus dem einen oder änderen Grund nicht mehr passen sollte, einfach und ohne Gewährung der geringsten Entschädigung von seinem Lande auszustoßen!!! Um die Kolonisten zur Annahine derartiger Bedingungen zu zwingen, hat sich Herr Dajan, Agent der Jca, sogar dazu hinreißen lassen, 30 rumänischen Familien den monatlichen Zuschuß ohne weiteres vorzuenthalten, bis nach Zeichnung des Kontrakts! Aus diese Art konnte er dieselben tu der Tat zur Unterschrift bewegen: aber bei den Litauern wolfte ihm solches nicht gelingen, lieber leisteten sie Verzicht auf jedweden Vorschuß, als daß sie sich mit Hab und Gut der Gesellschaft auf Gnade und Erbarmen ergaben. Die Folgen dieses willkürlichen Vorgehens sind iroch abzuwarten. Daß man von dieser Handlungsweise in Buenos Aires nicht sehr erbaut war, scheint daraus hervorzugehen, daß Herr Direktor Moß nach Mosesville eilte, um eine beiderseitig zufriedenstellende Regelung der Kontrakts-Frage persönlich einzuleiten, und wir können ruhig sagen, er tat sein Möglichstes, um ein Einverständnis zwischen beiden Parteien herzustelle»; ja, er ging so weit, einen Revers in Aussicht zu stellen, worin er sich bereit erklärt, die Kontrakte innerhalb drei Jahren dahin abzuändern, daß die Jahresrate der ersten 6 Jahre 2, die der nächsten 0 Jahre Doll. 2,50, und die der restlichen Jahre Doll. 3 per Hektar betragen sollte. Doch auch - hierauf wollten die Litauer, und zwar mit Recht, nicht eingehen. Gegenwärtig nun weilen fünf Delegierte von Mosesville in Buenos Aires, die von den Kolonisten autorisiert sind, die Kontraltfrage friedlich zu lösen. Rabbiner Tr. 3C. Hoff m a n n. Aus der zionistischen Bewegung. Budapest. Die iür die nächste Zeit in Aussicht genommene Landeskonferenz der ungarischen Zionisteit ist aus verschiedenen Gründen auf Monat Mai verschoben worden. Sonntag, den 19. Februar fand die konstituierende Versamntlnng des neugegründeten „Dr. Herzl Zionistenvereins" statt. Die grösste Auswahl in Lederwaren jeder Art, sowie vie e Neuheiten moderner Taschen, Pompadours etc. zu bekannt billigen Preisen bei Hook de Scbönü'abe, Stetimeg 7. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Liffa i. Pose«. Den Rückgang der jüdischen Gemeinden in der Provinz Posen beleuchtet sehr drastisch der folgende Bericht über die Schulverhältnisse in Liffa: In kurzer Zeit hat es unsere Stadt dahin gebracht daß sie bezüglich der Zahl der Lehranstalten die meisten Posener Städte übertrifft. Das hier bestehende Comentusgymnasium ist eins der ältesten und berühmtesten Gymnasien der Provinz Posen. Wirkte doch hier laitge Zeit der große Pädagoge Comentus Neben dieser Lehranstalt hatte unsere Stadt im Jahre 1840 eine evangelische, eine katholische und eine jüdische Elementarschule. In der jüdischen Schule wurden nur die Knabe» von drei Lehrern unterrichtet; die Mädchen dursten die öffentliche Volksschule nicht besuchen. Wollten jüdische Eltern ihren Töchtern dennoch eine Schulbildung angedeihen lassen, so mußten sie die Mädchen in Privatschnlen schicken, deren fünf oder sechs vorhanden .waren, von denen die Killersche die berühmteste und besuchteste war. Etwa ums Jahr 1845 wurden an der jüdischen Volksschule sechs Klassen mit sechs Lehrern eingerichtet. Run erhielten auch die Mädchen Unterricht, die Gesamtschülerzahl betrug 450. Nach dieser Blütezeit kam ein schneller Rückgang. Heute zählt die Schule 74 Schüler, die voit drei Lehrern unterrichtet werden. Die evangelische Schule hatte 1845 etwa 500 Schüler, die von fünf Lehrern in fünf Klassen unterrichtet wurden. Die Schülerzahl stieg schließlich so schnell, daß bald neue Klassen eingerichtet und neue Lehrkräfte angestellt werden mußten. Jetzt werdeir itahe an 1200 Kinder in 18 Klassen von 17 Lehrerit unterrichtet. Die katholische Schule hatte 1845 etwa 200 Schüler, die von 2 Lehrerit in 2 Klasse» unterrichtet wurden. Die Schülerzahl wuchs auch stark und stetig, sodaß heute 13 Lehrer gegen 900 Schüler zu unterrichten haben. 1874 wurde die Königliche Präparandenanstalt eingerichtet. Heute zählt diese 80 Schüler, die von 4 Lehrern vorgebildet werden. Letzte Berichte. Wien, 2. März. Schächtverbot-Debatte wurde um 4 Wochen verschoben, da Bürgermeister Dr. Lueger einen vierwöchentlichen Urlaub antrat. Biicherschau. Was wollen die Antisemiten? Bon Di\ jur. et phil. Leu z. Akrain. 127 Seiten Mk. 2.—. C. I. E. Bolckmann, Rostock i. M. 1905. Man braucht in der Regel dem Ob'ekt nicht erst noch z>t erzählen, was das Subjekt will, denn das Objekt spürt die Wirkungen des Subjektes am -igeueu Leibe und ist deshalb schon von selbst ge- 'wungeu, die Ursache kennen xu lernen, dessen Wirkung -s ist. Bo» diesem Gesichtspunkte aus kann uns Juden die Behandlung der Frage ,.Was wollen die Antesimiten?" nicht mehr sein, als e>'ne Bestätigung dessen, was wir selbst denken. Nichtsdestoweniger wünschen wir dem vorliegenden Buche Eingang und 'reundlichste Aufnahme beim 'üdischen Publikum. Ein Ebrist, dem auch nicht die Spur jüdischen Bstckes in 'einen Adern nachzusagen ist, sagt hier nicht nur den Antisemiten, sonder» auch den Juden Wahrheiten; 'X zeigt den Juden, daß sie ihr Judentum nicht als stnen Geburtsiebler, sondern als einen Geburts- 10 n » g zu betrachten haben: sie dürfe» stolz auf ihr Judentum sein. Und wenn sie seine'wegen leiden, wenn sie Märtyrer für das Judentum sind so stoben >ie in einer Reihe mit allen Großen der Menschheit, °-ie — verkannt von ihren Mitmenschen — fit*en *itr ihre Treue, die sie einer guten und edlen Sache bewahrten. Wir werden in einer der mWe» Nummern Proben aus Ukraiuy's Buch bringen. An dieser Stelle soften wir nur noch darauf binw-ike». daß man bei der Lektüre des Buches die Autorschaft ' i n e s C h r i st e n , dem bei a'ler Vertrau'heit mit Judentum und Juden doch noch gar mancherlei fr-md bl-ibeu muß und dem de-balb manche irrp"mliche 'lnschanungen in die Feder fließen messen, nicht aus bem Auge verlieren möge, wen» auch der Autor eine 'olche F"-ll>' von M'te-ia^ mit S chle nt> is -i sammen- 'elxagen hat und sich einer solchen Objektivität be- 'wibigt, daß er sich die Bewunderung des Lesers wwirbt. Berel» „Mekor Chajim". Sonntag, den 5. März cr., abends 6 Uhr, Schützenstraße 2: Vorlesung des Herrn Oberlehrer A. W e y l aus „I o s u a". Berel» zur Pflege südliche» Wissens (Tlferes Bachurim) Sonntag, den 5. März, abends 8V, Uhr. Hermeswog 25/27: Referat des Herrn Gerichtsreferenbar /A b r a b a m H o r o v i tz über „Strafprozessuale Normen desjüdisch-talmüdischen Rechts." ' i > n Montefiore, Berel« zur Pfkeae der Ideale« Interessen jüdischer sanfter Lente (E.B.). Mittwoch, den 8. März, abends 8% Uhr, Seilerstraße 22: Fortsetzung des Vortrags des Herrn Lehrer I. B. Levy über „Wilhelm Tell." Berelniftuuft zur Pflege jüdischer Lebeusanschauunft jRachalath Zwi). Mittwoch, den 8. März, abends 8% Uhr, Schützenstraße 2, ehemals „Loge zur Morgen'-öthe". Die jüdischen Speisegesetze: Die Weihung des Prosangenusses. Referent: Herr Leopold Oppenheimer. _ 1 ' ff 91. P. Bais-Hamidrasch. Sonntag, 5. März. 6 Uhr abends, Rechneigrabenstraße 12: Hesped des Herrn Bermann-Telz auf Rabbiner Eliah David Rabinowi^- Jerusalem. Gäste willkommen. Israelitischer Mädchenklub FahrgWMie MS. W Jeden Abend von!'A-10 Uhr gefiffhet. *31 Verein Motltßjiocc, Seiletstvasse 22 prt. Vereins- JLoealltäten geöffnet täglich von 12—3 und 6—11 Uhr Samstag and Sonntag den ganzen Tag. Wir empfehlen die der heutigen Auflage beiliegenden Prospekte: „San-i-Oesellncbaft m. h. H., Cleve“ u. der „Verla«f»h»chhandlung€. J. E.Yolkmann, Bostock i. M.“ der Beachtung unserer Leser.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.