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Neue jüdische Presse · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 9 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Ungarischer Brief. — Die Landes- Gcueralversammlung der ungarländischen Orthodoxie. — Die jüdischen Kolonien in Argentinien. — Aus der Zionistischen Bewegung. — Aus aller Welt. — Bücherschau. — Letzte Berichte. Ungarischer Brief. Die Reichstagswahlen sind vorbei. Ter Kampf, der über das Wcitervcrbleiben des Kabincts Tiszci entscheiden sollte, hat das Schicksal desselben endgültig entschieden, indem er seinen unvermeidlichen Sturz herbeiführte. Das Kabinct, das nur noch provisorisch die Geschäfte der Regierung weiter sührt, wird in einiger Zeit einem neuen Ministerum Platz machen müssen. Ist nun jeder Ministcrwechscl hierzulande, wie auch anderswo, nicht ohne Bedeutung für die allgemeine Lage der Juden, so ist es die neue Gestaltung der Tinge in Ungarn — denn wenn die Zeichen nicht trügen, handelt cs sich in diesem Falle nicht nur um einen Kabincts-, sondern um einen Systemwechsel — umsoweniger, als der größere Tri! der ungarischen Judenheit eben vor der Schaffung eines endgültigen Organisationsstatuts steht. In welchem Zusammenhang die in der lebten Zeit stattgehabte Landesversammlung der ungarischen Orthodoxie zu dem Sturze des Ministeriums und so zu den Wahlen steht, ist nicht schwer festzustcllen. da man doch in der Annahme nicht fehlgeht, das; der nunmehr abgehende Kultusminister zu den Wünschen und Bestrebungen der orthodoxen Judenheit jedensalls Stellung genomnren hat. Da man bis nun in völliger Unkenntnis darüber ist, wer in dem demnächst zu bildenden Kabinet das Portefeuille für Kultus und Unterricht erhält, so kann man auch nicht bestimmen, ob die etwaigen Beschlüsse der Landesversammlung auch praktische Konsequenzen cinfziiweifcn haben werden. Ebenso ist man im Unklaren darüber, wie es in Zukunft mit der hochwichtigen Frage des Schiedsgerichts in Gcmcindeangelegenheiten wird, mittelst dessen Eliminierung der Minister Berzeviczy vor einiger Zeit — Erlaß vom 23. November 1904 — der sogenannten Autonomie der jnd. Gemeinden einen argen Stoß versetzt hat. Zn dem Verlaufe der Wahlen in radikalnational-magyarischem Sinne haben die Juden, irre auch die anderen Landbewohner, aktiv und passiv beigetragen. Ties zeigt sich auch in der Partcistellung der jüdischen Abgeordneten, die übrigens in dr alten Anzahl 21 zurückkamen, indem die Majorität — 11 — der 48er Unabhängigkeits-Partei (Kossuthianer) angehören. Von den übrigen 10 gehören 3 anderen Parteien der Opposition an, während in der alten Gouverneinentalpartei der Liberalen nur 7 sind. Allgemein wird es getadelt, daß die jüdische Kultusgemeinde Budapest in der verflossenen Wahlkampagne für einen Kandidaten der Regierungspartei — cs war dies der aeaenwärriac Minister Hieronymi — in einer Weise Stellung genommen hat, wie es einer Religionsgcmeinde gewiß nicht zusteht. Ter Vizepresident der Gemeinde richtete an die an den Gemeindeschulen wirkenden Lehrer ein Zirkular, worin sie aufgefordert werden, ihr Stimmrecht gegen den Kandidaten der Demokraten Vazsonyi geltend zu machen. Letzterer ist die Antwort nicht schuldig gcbliebe», und er beantwortete die Regierungsfreundlichkeit der Kultusgemeinde mit einem geharnischten offenen Briefe, der so manche bittere Wahrheit enthielt. Die stehende Rubrik in allen jüdischen Zeitungen, alle etwaigen Nobilitierungen . von Juden in aller Herren Länder getreu' zu verzeichnen, erfährt ihre hauptsächlichste Bereicherung aus dem Amlianzeigcr der Länder der Stefanskrone. Diese häufigen Baronisierungen, Adelserhebungcn, Erteilung von Hof- und König!. Ratstiteln, wie auch der verschiedenen Knopflochzieren erster, zweiter und dritter Güte — wohlgemerkt gegen Entrichtung einer nicht unansehnlichen Taxe, die je nach der Höhe der Auszeichnung fixiert wirb — sind aber wirklich von zu wenig Bedeutung für das Judentum, als daß sie den Anspruch erheben könnten, den Lesern der jüdischen Zeitungen als regelmäßige Beilage . aufgetischt zu werden. - Diese Registrierung hätte nur dann Sinn, wenn sie, die Auszeichnungen nämlich, als das Judentum und Juden chädigende Momente angeführt würden. Tenn, so eigenartig dies auch klingen mag, diese „Auszeichnungen" der Juden, sic bringen den Glaubensgenossen der Ausgezeichneten nur Schaden. Ter alte Adel ärgert sich, daß so viel unedles, nicht blaues Blut in ihren bis nun streng abgeschlossenen Kreis cinzndringen versucht und weist die neuen Ritter all dieser möglichen und unmöglichen Orden schroff ab. Tie gute bürgerliche Gesellschaft aber wendet sich niit llnwillen von Elementen ab, denen es nicht genügt, als Menschen unter Menschen zu gelten, die die Befriedigung ihrer Eitelkeit darin finden, sich durch eitle und leere Titel und Ordensbänder über ihre Nebenmenschen überhebcn zu können. Beider Unwillcn aber, der alten Aristokratie sowohl, die ihre Stammbäuinc noch auf die gute alte Zeit des Raub- Rittertums zurückführen kann, wie auch der bürgerlichen Gesellschaft, macht sich Luft in Hohn, Spot» und dgl. Auslassungen über die Inden im 'Allgemeinen. Der diesem Unwillen entspringende Hast macht sich hinwieder fühlbar an den Juden allgemein, d. h. an den Juden, die die hohe Sprosse der Titel- und Ordcnsleitcr nicht erklommen haben. Bon jüdischem Gesichtspunkte wäre es daher sehr wünschenswert, wenn dieser Handel mit Auszeichnungen von den Juden nicht mehr betrieben würde. Man muß cs der Budapestcr ncologcn Kultusgemeinde lassen, daß sie immer auf der Höhe ihrer Aufgabe steht, wo cs sich darum handelt. Einmal bahnt sie die Renaissance des Judentums an, indem sie die christliche Firmung in Form der Mädchenkonsirmation cinführt. Wie weit ihr die Herbeiführung dieser Renaissance bis nun gelungen ist, lehren *üe vielen Mischehen in Budapest, die von Woche ni Woche in rapider Weise steigen. Um nicht zu sprechen von den Austritten aus der jüdischci' Religion, über welche cs keine verläßliche Statistis gib», da die meisten diesen ihren heroischen Schrit' womöglichst zu verheimlichen suchen. In neuerer Zeit nun hat die Kultusgemcindc nebst ihrer regen Tätigkeit in Sachen der Wahlen in anerkennender Weise auch Gelegenheit genommen, wieder e'was zur Hebung der ReUgiosit't und des Sviiagogeiibeincbes ’it tun. Sie bestellte bei einem jungen talentierten Schriftsteller, der sich mit der Uebersetzung heb-äischcr Dichtungen beschäftigt, eine An-ahl von Gebeten un» Gesängen in ungarischer Sprache, die nun in de- Liturgie ihren Platz finden sollen. Zweck d'eser Neuerung ist, die Leute zu häufigerem Besuch der Synagogen zu veranlassen. Nun h"t'e aber die Gemeinde, bevor sie an eine solche Neuerung herantritt, doch erst Gelegenheit nehmen sollen, über den Erfolg demselben in denjenigen Gemeinden nachzufragen, in deren Synagogen schon in deutscher Sprache gesungen und gebetet wird. Tie Auskünfte würden besagen, daß auch diese Synagogen genau so vor Leere starren, wie auch vorher, und daß auch die deutschen Gesänge es nicht vermocht haben, die leeren Bänke der Prachtbauten zu füllen. Und auch die ungarische» Gesänge werden dieses Wunder nicht vollbringen können. Tie Neuerung ist nur geeignet, das einzige Band, das die neologe Judenheit noch einigermaßen zusammenhält, zu lockern und schließlich zu lösen. Es ist diese Einführung nur ein neuer Ring in der Kette der Mittel und Mittelchen, die endlich zur vollständigen Loslösung vom Judentum führen. Wenn dies — was immerhin nicht ganz ausgeschlossen — das Streben der Kultusgemeinde Budapest ist, so kann man sie zu ihrem neuen Schritt nur begrüßen. Di-. P. Die Landes-Generalversammlnng der nngarlandischen Orthodoxie. Unter den denkbar ungünstigsten Auspizien hat man der Eröffnung dieser Versammlung der ung. Orthodoxie entgegengesehen. Und das Bild, das noch am 26. d. M. die von dem Vorsteher der orth. Gemeinde Klausenburgs einberufenc Vorkonferenz geboten hatte,, wobei die oppositionelle Tendenz zum vehementen Ausbruch gekommen ist, war nur danach, die Hoffnung - auf dramatische Scenen und wilde Kämpfe zu steigern. Tenn merkwürdig, diese im vitalsten Interesse der Gcsetzestreuen» zur Regelung der gefährdeten A u t o n om i e, zur G r a b l c g u n g d e S F o r t w u r st ein« f Y st c in S, zur F e st i g u n g der g i ch t b r ü ch i - ge n O r g a ii i f a t i o » und zuletzt zur Rc u w a h l des L a n d e s p r ä f i d i u m s einberufeiic .Konferenz, hat nicht nur außerhalb der Orthodoxie, bei den Männern der Assimilation, deren festeste Burg eine Bresche erhalte» hat, feindliche Angriffe hervorgeriise»: auch starre Vertreter des konservative» Prinzips, bei denen die „indische Orthodoxie" heiligste „Confessio»" ist, haben mit Anrempelniigen gegen die Einberuser dieser Versainiiilnng, den vrovisorischc» :>Ier Ausschuß, der den Statutcneiitwnrs ansgcardeitet hat, nicht hinter der Mauer gehalten. Uebcrhanpt war bri der Vorkonferenz und schon aus der Preßpolcmik lange, lange vorher deutlich zu erkennen, das: sich in sehr vielen großen orth. Gemeinden eine Antagonic gegen die Leitung von Oben herausgebildet hat, die im scharfen Gegensatz eines großen Teils der Laien zu den „geistlichen Führern" zum Ausdruck gekommen ist. Wo sich diese beiden Eleineiilen gefunden haben, da gab es Feuer und Ausbruch wilder Leidenschaft, wie er bei den Angriffen cingefchworener Feinde nicht vehementer sich zeigen kann. Ter von selbstbewußter Autorität diirchdriliigeircii MciunngSäiißeriing stemmte sich der harte Balbatimschädel mit Starrsinn entgegen, das; es oft den Anschein auskoiiimen ließ, das; hier von einer Vereinheitlichung oder gar vom friedlichen Anscinandergchcii zu reden einfach Ammeiimärchcii sei. Tie ganze Atmosphäre wird am charakteristischsten durch die in einer glücklich stillen viertel Stunde vom Stampsener Rabbiner angebrachten Rede charakterisiert, der die Vorkonferenz beschworen hat, es ja nicht so ergehen zu lassen, wie weiland Victor Hugo, »er anläßlich einer ihm dargcbrachten Ovation, vom Balkon herab zur huldigenden Masse das Wo:t spricht: „Tas ist die Generalprobe mciiicS Leichcnzuges." Auch hat das Schauspiel einer Secession nicht gefehlt. Beim Angriff des Borftebcrs der B Gya« mater orth. Gemeinde gegen die An'.ichambragepolitik und Berfteckenfpicl-Aktion der bisherigen Le tung wird unter n n g e h e ii r e m 01 e t ö s e ein Auszug v c r a n >t a l t c t, an dessen Spitze der junge Rabbiner aus Nova.k, das Reich Gottes auf Erden vcrlretend, die Stürmer und Dränger führt. Und chließ.ich herrscht eine latente Animosität der allen, in Ehren und Kämpfen ergrauten Garde gegen die Ich vordrängendcn jüngeren Seclcnhirten, wofür der achtzigjährige Rabbiner aus Bcrmes mit seinen wuchtigen Angrisfen gegen diese , juiice» Bielredner" bei der Borkonserenz ein klassisches Beispiel gab. Tie Eröffnung w a r trotz allem über a l l e Erwartungen imposant. Eine uiiendiche Zahl von ehrwürdigen Patriarchcngestalte», die stolz und würdig dem Saal zuwallt, wird überall mit Begeisterung und Ehrfurcht empscingcn, von jedem mir hei iger Scheu begrüßt. Sie füllen den Saal bis ins kleinste Winkelchcn. Ihre Tracht besteht vorwiegend im seidenen Faltciimantcl und dem breitrandigen Sammthnt. Ter Bart bedeckt bei den meisten die halbe Brust. Und viele sind im Besitze solch klassisch orientalischer Züge, daß man sich stundenlang an ihnen verträumen könnte, um ästhetische Studien anzustellen. Dazu hat man aber keine Zeit, denn in jedem Moment tötet der neue Eindruck den Vergangenen. Tie Estrade wird besetzt. Ter 3lcr Ausschuß, z» dem unter anderen die Rabbiner von Ungarn: Budapest, Großwardein, Cisenstadt, Hnszt, Weizen :c. Preßburg fehlt —, ist versammelt. Ter Budapest«: c O b e r r a b b i n e r, eine majestätische Erscheinung, hat das Wort. Unter lautloser Stille eröffnet er den Kongreß hebräisch. Und dies ans rein diplomatischen Gründen, da er und viele Delegierte der ungarischen Sprache nicht mächtig sind, der Chauvinismus in unserem Lande aber durch eine deutsche resp. Jargoneröfsnnng verletzt sein würde. Er sagt unter anderem: „Gelobt sei der himmlische Vater, der uns einen Tag erleben ließ, an dem sich soviel Thora in einem Saal zuscrmmensindet. Eine solche Versmiimlung hat es in Ungarn noch nicht gegeben. Preisen wir 0wtt, daß Er uns diese Zeit erleben ließ. Und seien wir des großen Momentes würdig. Bedenken wir, daß eine Welt auf uns herabbiickt. Tas kritische Auge der Zeit spürt all unseren Taten nach. Geben wir uns groß und der Name Gottes wird verherrlicht. Es wird ein gewaltiges „Kidusch haschem" sei».. Unser heutiges Ziel ist nicht neu. Tie '-Autonomie war bereits 1871 durch allergnädigstc Königliche Scinction gesichert. Wir wollen eine Mauer dem allesvcrnichtendcn Zeitgeist cntgegciitnrmen, ans alten Steinen der heiligen Thora. Was unsere Väter begonnen haben, das wollen wir vollenden. Tie Welt schont ans uns und wir blicken ans zu Gott. Er wird uns helfen. Er wird Friede, Eintracht und Liebe bei uns walten lassen. Tenn nur so werden wir unser Ziel erreicht und für die Zukunst gewirkt haben." Nach stürmischer Hnldiguiigskiiiidgebung für das gekrönte Haupt, an das auch eine telegraphische Begrüßung abgeht» schließt Herr Rabbiner Reich mit dem j'hi Rozaun schetischere Schcchina bemaasc jodenu

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