Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seit- 4. Personalien. Frankfurt a. M. Der Oberlehrer Dr. Schw arz voni Philanthropin erhielt. den Professortitel. Am 27. '.Februar beging der frühere Direktor tz.es Philanthropin Dr. Baerwald sein 50-jähriges Doktorjubiläum. Königsberg i. Pr. Der Assyriologe Dr. Felix Reiser wurde zum außerordentlichen Pros e s s o r an der hiesigen Universität ernannt. Randegg. 28. Febr. Gestern starb hier im Alter von nahezu 90 Jahren Herr Joseph Bloch. Er lebte lange Jahre im benachbarten Kanton Schafs- Hausen, noch bevor die Gleichberechtigung der Inden in der Schweiz - ausgesprochen war. Seine anerkannte Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit verschafften ihm aber iu dem Maße die Hochachtung seiner Mitbürger, daß sie ihn einstimmig in die Ortsgemeinde aufnahmen, sodaß er einer der ersten Juden war, welche im Kanton Schaffhauscn das Bürgerrecht erhielt. Später erwarb er sich als Syna» gogenrat Verdienste um die Verwaltung der hiesigen israelitischen Gemeinde und war einer der Gründer des trefflichen Ghemiluß-Cheßedvcreines, welcher seine Mitglieder bei Krankheiten und Todesfällen ausgiebig unterstützt. Bis zur letzten Stunde fast war er im vollen Besitze seiner Geisteskräfte. Sein heiterer Sinn erwarb ihm viele Freunde unter Juden und Nichtjuden, welche ihm in zahlreichem Zuge die letzte Ehre crwicsxn. Bartschi« sPosen).^ Auch unsere kleine Gemeinde teilt. das Geschick aller kleineren Gemeinden der Provinz Posen. Tic wohlhabenden und leistungsfähigen Mitglieder der Gemeinde ziehen weg, die Gemeinde wird immer kleiner und kleiner und hat dann zu kämpfen und zu ringen, um sich noch aufrecht zu halten. Einer unserer besten und verdienstvollen wird uns in wenigen Wochen verlassen. Herr Nathan L a ch m a n n, der langjährige Vorsitzende der Gemeinde, geht Ende März von hier nach Posen. Um den überaus verdienstvollen Bürger, der zwei Jahre erster Schöffe der Stadt gewesen, gebührend zu ehren, verliehen Magistrat und Stadtverordneten. Kollegium Herrn Nathan Lachmann das E h ren- Bürgerrecht, Budapest. Der König verlieh den Chefs der Budapester Eisengroßhandlungssirma Hermann A. Frankel u. Söhne, den Herren Gott lieb und Heinrich Frankel in Anerkennung ihrer Verdienste auf dem Gebiet der Volkswirtschaft den erblichen ungarischen Adel mit dem Prädikat de Vaspar. Krakau. Dr. Leon Horovitz, Präsident der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde (und nicht — wie in voriger Nummer berichtet — Präsident der Lemberger Kultusgemeinde) ist gestorben. Er stammte aus einer armen Familie und schwang sich durch seine Tüchtigkeft zu einerangesehenen und reichen Persönlichkeit empor. Aus der Lehrerwelt. Berlin. Hier ist vergangene Woche eine Bereinigung jüdischer Neligionslehr.er Berlins ins Leben gerufen worden. § 2 der Statuten deß neuen Vereins lautet: Die Bereinigung steht aus dem Boden gesetzestreuen Judentums. § 4: Mitglied kann jeder Lehrer und Lehrerin werden, welche sich zu § 2 bekennen und entweder 1) an einer Religionsschule Berlins oder seiner Vororte angestellt sind oder waren, oder 2) als Rabbiner oder Prediger tätig sind, oder 3) als Religionslehrer resp. Lehrerinnen aii öffentlichen Schulen tätig sind. Ter Vorstand besteht aus den Herren Rabbiner Höxter (Vorsitzender), Tr. M. Hildesheimer (Schriftführer), Dr. I. Bleichrode (Kassierer). Die Sitzungen finden an jedem ersten Dienstag im Monat statt. Zu den wissenschaftlichen Vorträgen sind Gäste ohne Einführung willkommen. Bisher sind dem Verein 21 Lehrer und Lehrerinnen beigetreten. Fernere Beitritts-Erklärungen werden an den Vorsitzenden erbeten. Mönche«, 26. Febr. Das Kultusministerium hat angeordnet, daß die Ortsschulbehörden der Distriktsschulbehörde und der Tistriktsverwaltungsbehörde (Bezirksamt, Stadtmagistrat) Anzeige zu machen haben, wenn in einer durch Kinder einer anderen Konfession bisher nicht besuchten Konfessionsschule solche Kinder ausgenommen werden. Zweck der Anordnung ist die Sicherstellung des Religionsunterrichtes der konfessionellen Minderheit. Eger (Böhmens. Jubiläum einer Schule. Tie isr. Elementarschule feiert am 30. April d. I. das 50jährige Jubiläum ihres Bestandes. Zu dieser Feierlichkeit will die Direktion sämtliche gewesenen Schüler des Instituts einladen und in einein herauszugebenden Gedenkbuch die Namen unddie gegenwärtige Stellung derselben verzeichnen. Sie ersucht dieselben daher, sie mögen ihre gegenwärtige Stelle, ihre Adresse usw. dem isr. Lehrkörper in Eger angeben. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr- 9. X. Budapest, 23. Febr. Rabbinerpromotion. In der Synagoge der Landes-Rabbinenschule fand heute Vomittags um 11 Uhr die feierliche Promotion der Kandidaten Dr. Martin Katz, Dr. Ludwig K o h n und Dr. Heinrich Urbach zu Rabbinen statt. Ans den Vereinen. Frankfurt a. M. Montefiore-Berein. Herr Lehrer I. B. Levy sprach am letzten Mittwoch über „Wilhelm Tell" und führte die sehr zahlreich erschienenen Mitglieder zunächst in die Vorgeschichte des imposanten Freiheits-Dramas ein. Auch die Entstehung und Exposition des Werkes erklärte der Herr Referent in sehr interessanter und fesselnder Weise; er wird am nächsten Mittwoch mit der Charakteristik der auftretenden Personen sowie mit der Beurteilung des Gesamt-Eindruckes sortsahren. Deutz bei Köln. Hier besteht seit 100 Jahren ein Verein unter dem Namen Che'wra H a ch - nassat Kalla, welcher es sich zur Aufgabe gesetzt hat, bei vorhandenen Mitteln die Hochzeit sowohl wie die Ausstattung der Töchter der Mitglieder zu spenden. Am 15. Februar d. I. war der Verein wieder in -der Lage, 2 Mädchen ausstatten und eine Doppelhochzeit feiern zu können, welche in der allcrschönsten Weise und zur vollkommenen Zufriedenheit aller Auweseudeu verlief. Ter Vorsitzende Herr C o ß m a n n Bier hielt die Begrüßungsrede. Kantor und Lehrer Herr Blumen thal gedachte in züydender Rede des Wohltätigkeitssinnes der Mitglieder des Vereins und hob die Verdienste des Vorstandes um die Chewroh hervor. Die Chewroh, die vor ca. 10 Jahren nur 27 Mitglieder aufwics, zählt heute 76 Mitglieder. Königsberg. Das israelitische Waisenhaus für Stadt und Provinz versendet soeben seinen 44. Jahresbericht. Der Neubau der Anstalt ist bereits unter Dach gebracht und soll im September d- I. bezogen werden. Die Zöglingszahl der Anstalt betrug am Ende des vorigen Jahres 31, darunter waren 17 schulpflichtige Knaben, sieben schulpflichtige Mädchen, sechs Knaben in beruflicher Ausbildung und ein Mädchen, das für ihren Beruf vorgebildet wird. Drei Zöglinge kamen im vergangenen Jahre zur Entlassung, zwei Knaben, von denen der eine seine Gesellenprüfung als Bau- und Wirtschaftsklempner bestanden, der andere zum Uhrmachergehilsen ausgebildet worden, und ein Mädchen, das sich der Wirtschaft gewidmet. Demgegenüber wurden vier Kinder, drei Knaben und ein Mädchen, neu ausgenommen. Dem speziellen Rechnungsabschluß entnehmen wir, daß die Verpflcgungskosten für Erwachsene und Zöglinge im Hause sich durchschnittlich auf 49Va Psg. pro Avpf und Tag gestellt und die durchschnittlichen Gesamtausgaben für ein Kind Pro Jahr auf 740 JL Exod. Kap. S0r Vers 14. Jeder, der zu den Gezählten hinübergeht, von zwanzig Jahren aufwärts, soll eine Gotteshebe geben. Nicht soll die jüdische Kindheit dem Heiligtum, das Mannesalter aber der selbstischen Karriere des Brotsuchens überantwortet werden und so der Egoismus des Mannes die Weihe der Kindheit verdrängen. Nicht spricht das jüdische Heiligtum: Laßt die Kleinen zu mir kommen. Auf die Großen wartet es, auf den Ernst und die Kraft des männlichen Lebens und Strebens. Mit dem Mer, in welcheiu der Mensch, wie man spricht den Beruf bekommt, an sich zu denken und für sich zu streben, ruft das jüdische Heiligtum uns in seinen Dienst, der. jüdische Mensch wird Mann für Gottes Gcsetzesheiligtum und auch sein Ansichdenken und Fürfichstreben, soll dem Heiligtume des Gottesgesetzes zu Gute kommen, soll ein Denken sein an dies Heiligtum und ein Strebe» für dies Heiligtum. (S. R. Hirsch Kommentar.) Kaum jemals ist ein Weisheitsgedanke mit größerer Treffsicherheit und packenderer Eindringlichkeit in Worte gebracht worden, als der Begriff des zur Schekelleistung verpflichteten jüdischen Menschen in der angeführten Kommcntarstelle. Das sind goldene Worte, die goldene Früchte tragen müßten. Keine Zeit lebt so sehr in planloser Begriffsverwirrung über die Berufspslicht des herangewachsenen jüdischen Menschen, als gerade unser Zeitalter des krassesten Materialismus und unverkennbaren Egoisnius! Mit welch -spöttischem Lächeln wird selbst in den sich für gesetzestren erachtenden Kreisen oft auf die „Phantasten" und „Idealisten" herabgesehen, die so alt geworden sind, und nicht verstehen wollen, daß man auch einmal 5 gerade sein lassen muß, um in der Welt voran zu kommen — Karriere zu machen. „Das jugendliche Festhalten am Buchstaben der Wahrbeit war ja sehr das Gewissen - befriedigend, aber das können nur Kinder ausführen, die den Ernst des Lebens nicht kennen" — Wer hat das nicht mit Bedauern oft sich sagen lassen müssen? „Es ist ja sehr erhebend sich bei jedem Gedanken, bei jeder Tat, ihre Konsequenz vor Augen führen und die Spreu vom Weizen sondern zu wollen, aber dazu fehlt doch schließlich die Zeit, wenn das KindeSalter überschritten ist und man es im Leben zu etwas bringen will!" — Ist das nicht eine stehende Redensart? Wieviele jüdische Menschen haben sich wohl schon einmal in stiller Stunde gefragt, welchem Anteil an den sogenannten „Erfolgen" sich der Glückliche, dem sie gelungen, selbst zuzuschrciben hat, und welchen der waltenden Fürsorge Gottes? Wieviel Fügung, wieviel Zufall, wieviel Glück, oder wie man sonst das Gelingen durch Gottes Hand nennen mag, inüßte darin jeder Einzelne von seinem Konto streichen — und wie winzig klein bliebe das eigene Verdienst im Vergleiche zu der ganzen'vollbrachten Tat? Und je besser'bas Gedächtnis ist für jede Wohltat die der jüdische Mensch als „wahres Kind unserer Zeit" ausübt, umso schlechter ist es in bezug auf die Wohltaten, die er einzig seinem Gotte zu danken hätte. Je weniger man sich an eignes Unrecht erinnert , wissen will, umso genauer hält man sich das kleinste „Versehen" seines Mitmenschen gegenwärtig, um es ihn stets bei Gelegenheit fühlen zu lassen. Solche Gesinnungen zeitigt und muß das vollständige Aufgehen im Strebe» nach Erwerb hervorbringen. Kein Wunder, daß selbst die edelsten Rcsitztümcr, daß sogar das herrlichste Kleinod des Juden, der Schabbos, selbst dort, wo er praktisch be- S wird, seine zauberkräftige, ' lebenserquickende :aft vielfach verloren hat. „Ter Schabbos erschwert dem gesctzestreücn Juden das Geschäft", ist eine stereotype Redewendung und wird oft genug und sogar dort gebraucht, wo man für seine Beobachtung anerkennende Worte findet. Wer aber könnte den Segen ermesse», bei: der treue Sabbathüter gerade aus seiner Erhaltung genießt! Nicht nur den psychischen und physischen Genuß — sondern den ganz realen materiellen Gewinn an Lebensgütern, den er aus seiner treuen Pflichterfüllung gegen das Sabbatgesetz erntet! Freilich, wer sich persönlich jeden Ersolg zuschreibt, wer in der Liebkosung seines erworbenen materiellen Besitzes gleichzeitig seine eigne Ilnternehmiingskraft als den glückspendenden Gott anbetet, dem muß die Einhaltung des Sabbats insbesondere ein Hemmnis in seinem Vorwärtsstürmen bedeuten. Ihm ist dann" der Sabbat in seiner ganzen Größe und Bedeutsamkeit eben nur ein Geschenk Gottes für die Kinderzcit und die Tage der jugendlichen Begeistcrungssäljigkeit. Im Mannesalter muß er sich eben so gut mit ihm abfinden, als es geht. Dank weiß er ihm nicht. In diesen Tagen ergeht an die jüdische Gesamtheit wieder wie alljährlich der Ruf des Gotteswortes zur Leistung des halben Schekels. Einst diente er, wie es das Gesetz vorschreibt, zur Unterhaltung des Heiligtums — als Sühne für die Seele jedes Einzelnen in Israel. Wie alles was in das Hciligtnnr gelangte rein und lauter sein mußte, so sollte durch die Schekelspende bedeutet werden, daß der irdische Besitz, dem sie entstammte, in - Lauterkeit und Reinheit der Gesinnung und Tat erworben worden sei, daß die nicht eingelieferte zweite Hälfte ebenfalls den „schem kaudesch" die Bezeichnung „heilig" tragen dürfe. Darum ist uns der halbe Schekel auch in unserer Zeit mehr als eine Armenunterstühung und eine Liebesgabe für das heilige Land. Er muß den Gedanken auch heute noch zum Ausdrucke bringen, den der Schriftvers uns giebt. Jeder der zu den Gezählten hinübergeht, jeder der den Tummelplatz der Jugend verläßt, um als Mann auf der Weltenbühne stark und gerüstet im Kampfe mit Unwahrheit und Unreinheit zu bestehen, der dokumentiere alljährlich neubelebt und gehoben, daß er mit bestem Gewissen seinen halben Schekel darbringen kann — als eine Gottes hebe, daß sein Schassen und Streben seinen Gipfelpunkt findet in der Hingabe seines ganzen irdischen Daseins an das Heiligtum des Gottcsgesetzes. Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob LevY. (Fortsetzung). Kapitel 20. H.ugo gehörte zu den jungen Regierungsbeamten, denen eine große Karriere prophezeit wurde. Er galt als streng konservativ, war auf die Kreuzzeitung abonniert und verkehrte selbstredend nur mit Leuten seiner Richtung. In seinen Salons sah man die Herren mit den fest anliegenden Brillen, dem beständig milden Lächeln auf den glatten Zügen, und die Männer mit dem massiven Unterkiefer, der Sportvorstecknadel und