Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692418--01470-2695986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. dem lauten Lache», die immer „vom Juden" beim Getreidekauf betrogen wurden und deshalb sehr häufig in Berlin waren, um sich ein bischen zu zerstreuen. lind die jüngere Beamtenkategorie, die Herren utit den Schmissen int Gesicht und dem auswärts gedrehten Schnurrbart. Manche davoir hielten Borträge in konservativen und sonstigen christlichen Vereinen, donnerten über das Gift, das dem Volke in Theatern, in Büchern, in Zeitungen gereicht wird — „das Volk verliert seine Ideale, wird verjudet, wir konservativen Männer müssen zusanlinenstehen!" — sic selbst aber fröhnten den modernen Genüssen in schlimmstem Maße. / Der hat einen Landrat in der Sippe, und jener eine» Regierungspräsidenten zuin Schwager und alles das bildet eine unzerbrechliche konservative Leiter, die einzelnen Sprossen mit Antisemitismus fest geschraubt, und auf dieser Leiter will Hugo in de» Ministersessel klettern. - Es gibt Za in dieser Partei viele hochachtbare, angesehene Männer, aber die minderwerten Schreier- Verstehen hier, wie so vielfach im Leben, sich vorzudrängen und den Ton anzngcbe». Die älteren Damen in diesen Kreisen sind jetzt sehr fromm geworden. Mit salbungsvoller Miene und frommem Augenaufschlag wunder» sie sich über die Langmut des Himmels dem Zeitgeist gegenüber. Bei den jüngeren Frauen befinden sich ebenfalls viele streng kirchlich gesinnte. Sehr werktätig erweisen sic ihre Wohltaten vorzugweise den Frommen, am liebsten verschenken sie Bibeln. Die jungen Mädchen sind vorläufig weder konservativ noch bigott. Ein Ball mit flotte» Leuknants ist ihnen lieber als die ganze Mission mit ihrem Anhang; unter diesen Mädchen fühlt sich Erna am wohlsten. Die junge Frau erfüllte ihre gesellschaftlichen Pflichten' tadellos. Sie hatte sich in ihre neue Stellung ganz hineingelebt. Eine herzlichere Aussprache mit ihrem Mann fand nicht statt, jedes schien einer -solchen auszuwcichen. An den wenigen Abenden, wie so keinen gesellschaftlichen Pflichten zu genügen hatten, loar Erna abgespannt und blieb gern zu Hause, lvährend Hugo Verabredungen mit Freunden hatte, denen er sich nicht entziehen konnte. Wenn er dann zu später Stunde heim kam, schien seine Frau zu schlafen, und er hütete sich, sie zu wecken. Heinrich führte ein flottes Studentenleben. Er besuchte seine Schwester häufig, meistens in den Mittagsstunden, wo er seinen Scbwager selten antraf. Wenn er ihn sah, wurde er von ihm auf die freundlichste Weise', eingelade», seine Mendgesellschaften zu besuchen, was Heinrich. immer bestimmt ausschlug. „Ich langweile mich in Euren steifen Soireen," sagte er, und Hugo mußte den Grund gelten lassen. Die Taufe seiner Schwester betrachtete er als die notwendige Folge des ersten Schrittes. Die Aufforderung seines Schwagers, ebenfalls überzutreten, beantwortete er mit einer ganz gefunden Grobheit. Heinrich studierte Jura und Nationalökonomie, er hielt es aber für seine Pflicht, sich nicht durch allzueifriges Studium aufzureiben. Cr war ein eifriges Mitglied der freien wissenschaftlichen Vereinigung und wirkte init Feuereifer, wenn auch ohne Erfolg, für die Gleichstellung der Juden in der Berliner Studentenschaft. Er hatte viele Freunde, schloß, sich niemals aus, und ging oft später zu Bett, als feine Mutter ahnte. — Es war ganz abscheuliches Wetter. Ter Sturm schleuderte die Regenschauer in kurzen Stößen gegen die Scheiben, sodaß es im gemütlich erwärmten und erhellten Zimmer doppelt heimisch war. Hugo schob seine» Teller zurück und stand mit einem Seufzer der Behaglichkeit auf. Erna hielt ihn mit einer bittenden Geberdc fest. „Nun Kind, Tu befiehlst?" „Hugo, bitte, bleibe heute bei mir: ich bin immer so allein." „Aber Närrchen," sagte er, sie am Kinn fassend, „ich' bin doch sonst immer bei Dir, was ficht denn heute an?" „Ach Hugo, am Tage bist Du im Bureau, abends sind wir in Gesellschaft, und wenn >vir keine Verabredung haben, gehst Du allein aus und kommst zu später Stunde zurück. Ich schlafe ja nicht, wie Tu zu glauben scheinst." Sie . umfaßte ihn und weinte. Er machte ein unbehagliches Gesicht. „Aber Liebchen, rege Dich doch nicht auf. Es geht eben in meiner Stellung nicht anders, ich niutz den Verkehr mit meinen Freunden kultivieren, und die Stunden, die ich der politischen Tätigkeit zu widmen habe, so wie heute Wend, sind sehr wichtig. Wir können eben nicht wie Philemon und Bancis leben." „Ich will doch nichts Unbilliges verlangen. Aber sieh', Hugo, ich habe doch nur Dich, mein Bruder verläßt ja bald Berlin. Ich will Dir Dein Heim so gemütlich machen, >vie Du es Dir als Bräutigam immer ausgemalt, ich lese Dir vor" ... Er lachte auf. „. . . und dann ziehe ich Schlafrock und Pantosscln an, Grete holt Dir eine geblümte Nachtjackc und eine Haube mit großen Bändern." Sie mußte unwillkürlich lachen. „Nein Erna, das darfst Tu nicht verlangen. In unser» Klubs sind manche jung verheiratete Ehemänner: keiner bleibt zu Hause. Lasse Dir Mama oder Liska kommen, wenn Tu Dich langweilst." „Hugo, ich fühle mich wirklich nicht wohl, bleibe bei mir. Du mein Gott" — sagte sie, die Hände zusammenschlagend — „wie öde wird das lange, lange Leben sein, wenn Tu mich immer bei den mir feindlicheü Menschen allein läßt!" Er stand hastig auf. „Liebes Kind, Szenen sind mir ein Gräuel, ich lasse Dich deshalb jetzt allein. Ich muß in der Tat fort, zu einer wichtigen Besprechung habe ich -mich für heute Abend fest verpflichtet. Gute Nacht." Und fort war er. Erna aber sank ins Sofa zurück und weinte bitterlich vor sich hin. Kapitel 21. In einer feinen Weinkneipe riß der Portier dienstbeflissen die Tür auf, als Hugo nahte. Er nickte nachlässig und ging die teppichbelegte Treppe hinauf. Auf der Tür des Korridorabschlusses glänzte ein Messingschild mit der Aufschrift „geschlossen» Gesellschaft". Ein Diener in einfacher schwarzer Livree öffnete und Hugo trat ein. In dem Bibliothekzimmer traf er einen Herrn, der die Zeitung weglegte und Hugos Gruß mit nachlässiger Freundlichkeit erwiderte. Dieser Herr hatte einen sehr schneidigen rötlichen Schnurrbart, einige wenige Haarstreifen sorgsam auf dem sonst kahlen Schädel geordnet, so daß es nach etwas aussah, und trug ein Monocle. Hugo setzte sich schweigend neben ihn und trommelte mit dem Finger auf den Tisch. „Sie scheine» etwas verstimmt, lieber Rode, ist etwas passiert?" „Meine Frau beklagt sich, daß ich sie vernachlässige, und sie hat auch, weiß Gott, recht. Ich lasse sie zu viel allein." „Aber das kann Ihnen doch keine Gewissensbisse verursachen, wir bleiben doch auch selten bei unseren Frauen daheim." „Das wohl, aber Eure Frauen haben Kinder, Verwandte, sind schließlich froh, wenn sie Euch einmal los sind. Aber meine Frau hat nur mich, sie schließt sich so schwer an andere an." „Ja, lieber Rode, dann muß Ihre Frau Gemahlin sich eben mehr zu den anderen herablassen. Sie verkehrt ja mit Ihrer Frau Mama und Fräulein Schwester sehr förmlich; meine Frau und alle Damen würden ja mit Vergnügen innigere Beziehungen anbahncn, dies scheitert aber an dem passiven Widerstand Ihrer Frau Gemahlin." „Weit es die Damen als einen Sport betrachten, bei meiner Frau so viel über Inden zu rede». Wissen Sie, lieber Krafft, was meine Frau behauptet?" fuhr er mit höhnischem Lächeln fort, „verbietet einmal den Damen das-Sticheln über Inden und Jüdinnen, dann können sie den Mund nur noch zum Konfektcssen öffnen." Krafft biß sich auf die Lippen. „Run ja, wenn Ihre Frau Gemahlin so empfindlich wie eine Mimose ist, muß sie sich auch wie eine solche zurückziehen. Aber brechen Sie jetzt auch Lanze» für die Juden?" „Ich liebe sic so wenig wie Sie, obgleich ich wahrlich keinen Grund znm Hasse habe. — Ich habe aber andere Sorgen, die ich Ihnen als meinem Freund anvertraucu darf. Mein Einkommen reicht nicht mehr." „Ah," psiff Krafst durch die Zähne. „Hat Ihr Herr Schwiegerpapa nicht Wort gehalten?" „Gewiß, auf die nobelste Weise; aber es langt eben nicht." '„Dann ersuchen Sie doch den Schwiegervater um Zuschuß." „Das möchte ich vorläufig noch nicht. Ter Mann hat eine ganz verfluchte Manier, einen auszusrage», und ich kann ihnr doch nicht sagen, daß Eure liebenswürdige Gesellschaft so kostspielig ist. Wisse» Sie mir keinen Rat, mein Einkommen, meine Zinsen zu vergrößern? Sie sind ja so etwas au einer Bank." .Herr von Krafft, der einen Direktorposten an einer jüngst gegründeten Kolonialbank bekleidete, fragte ihn: „Wie haben Sie Ihr Vermögen denn angelegt?" „Mein Schwiegervater bot mir an, mein Geld zu verwalten und garantierte mir dann fünf Prozent Zinsen. Da ich dies jedoch nicht wünschte, kaufte er mir sichere Staatspapiere, die mir drei bis dreieinhalb Prozent bringen." _ „Das .ist zu wenig, sie müs'en Ihr Geld anders anlegen." „Ich will aber sicher gehe», nicht spekulieren." „Ich pflichte Ihnen darin bei, aber eben ist die Gelegenheit günstig." Krafft richtete sich lebhaft auf. „Ich muß leider wieder etwas von Juden sagen. Sehe» Sie, die Banke», die fast alle unter jüdischer Aegide existieren, sind sicher, verdienen viel Geld, aber nicht für die Aktionäre. Wir haben Gesellschaften, die ganz ohne Juden sind, die ihren Verdienst in der Tat den Aktionären zukommen lasse», anstatt den Direktoren und Aufsichtsräten fürstliche Tantiemen zu zahlen. Dort legen Sie Ihr Geld an, dort verdienen Sie bis zu zehn Prozent und brauchen sich nicht bei jeder Pulle Sekt, die Sie mit der kleinen Eora trinken, zu tragen, ob es auch die Mittel Ihres Schwiegervaters erlauben." „Hören Sie einmal, ich traue der Sache nicht recht. Alle judenreinen Banken sind bis jetzt verkracht." „Das war früher, als wir das Geschäft noch nicht kannten. Jetzt sind wir jüdischer als die Juden. Ich nenne Ihnen beispielsweise die Glaustädter Bank, die, ganz ohne Juden, fest wie ein Fels dasteht. Kaufen Sic Aktien von dieser Bank und Sie verdreifachen Ihr Einkommen." „Besuchen Sie mich und ich zeige Ihnen, daß ich den größten Teil meines Vermögens darin angelegt habe." „Nun, dann kaufen Sie mir, aber bald, denn ich brauche Geld." „Gut," sagte Krafft phlegmatisch und notierte sich den 'Auftrag in einem kleinen Büchelchen. „Nun wollen wir hinüber gehen," fuhr .Krafft fort, schob seinen Arm iir den Hugos, und die Herren begaben sich in ei» anderes Zimmer, aus dem ihnen Stimmengewirr und Gläserklingen entgcgentönte. (Fortsetzung solgt,! Aus -er Geschäftswelt. Das E r st e F r a n k f n r t e r G e b ä n d e ° « n d Gl a S - R e i ii i g u u g s - Institut von A n g u st R ü g e r hat sich seit seiner Gründung im Jahre Ü-s:i zu einem großstädtischen Institute ersten Ranges entwickelt und zählt heute allein 1600 ständige A b o n n e n t e n. Der iiiiermüdlichen Arbeitskraft, verbunden mit Intelligenz und Redlichkeit, winkt auch in unserer Zeit des Kapitalismus noch der Erfolg: Herr Aug. Rüger hat es wieder einmal glänzend bewiese». Tie meisten Staats- und städtischen Institute, die Billen der höchste» Herrschaften und die ersten Geschäftshäuser Frankfurts werden, heute der sachkundigen .Hand Herr» Aug. Rüger's und seines zahlreichen geschulten Personals anvertraut, — und wo sein Heer hinkoinmt, da verschwinden Krankheit und Tod bringender Schmutz und Staub und die Leben atmende Sauberkeit glänzt als allgewaltige Gebieterin. P a l ü st i n a - H a n d e l s g e f e l l s ch a s t m. b. H., Hamburg. Die erste ordentliche Versammlung dieser Gesellschast fand am 28. Februar d. I. unter dem Vorsitz des verrn 2 all y M. M a i n z statt. Vertrete» waren kt) Gesellschafter mit HO Stimmen. Ter Vorsitzende erstattet Bericht über das abgetausene Geschäftsjahr, welches nur die 3 Monate der Organisation umfaßt und legt die Jahresbilanz vor, aus welcher sich erweist, daß de» Handlungs- und Organisations-Unkosten in .Höhe von ca. 11000 Mark, Gewinne auf Waren- und Zinsen-Konto in Höhe von 8000 ,/£ gegenüberstehen, erster«: also zum großen Teil bereits hereingebrachr find. Tic Gesellschaft beschließt, den pedenten Saldo von ca. 2000 .,IL auf neue Rechnung vorzutragen und erteilt Vorstand und Beirat die erbetene Decharge. Tie statutenmäßig durch das Los ausgeschiedene» Mitglieder des Beirats Herren Sally M. Mainz und E in i l M a g » u s, ebenso wie die beiden Rechnungsprüfer .Herren I. K r o n h e i m e r und A. B l e i ch r ö d c r werden durch Zuruf wieder gewählt. Bucherfchan. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Tie erste Nummer der vom Bureau sür Statistik der Juden, Berlin-Halensee. Westfälische Straße 10, herausgegebenen „Zeitschrift sür Demographie und Statistik der Juden" (Ter Aboiinemeiitspreis beträgt 0 ,A für das ganze Jahr, 3.50 .11. für das halbe Jahr.) ist soeben erschienen. Die Zeitschrift bringt im Hauptteil größere Originalabhandlungen. im „Statistischen Archiv" zuverlässige, quellenmäßig belegte statistische und demographische Nachrichten über die Juden auS aller Herren Länder. Ter eiuleiieude Artikel „Z u r physischen Anthropologie derIude u" stammt aus der Feder des Berliner Anthropologen Professor v. Lus ch a n , bekanntlich einer ersten Autorität aus dem Gebiete des jüdischen Rasseuproblems. Der Kopenhagener Statistiker Julius S a l o in o n ist mit einer Abhandlung über die M i f ch e h e » i n Kopenhagen, D r. Arthur R u p p i u ist mit einer solchen über die Kriminalität von I n - dcu und Christen in Deutschland vertreten. Sehr reichhaltig ist das „Statistische A r ch i v", das Mitteilungen über die BevölkerungSziffer, die Bildungs- und Berufsverhältnisse, die Bevölkeruugsbeweguila, die Einwanderung der Juden aus Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Italien, Dänemark, den Bereinigte» Staate», Indien nsw. enthält. ^_ Briefkasten. D. E. Ter jüngst verstorbene, berühmte Maler Adolf Menzel, war ei» ausgesprochener Gegner des Antisemitismus. Bekannt ist seine Freundschaft init Berthold Auerbach, für dessen Bolkskalender er in seiner ersten SchafsenSzeit tätig war.