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Neue jüdische Presse · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. Das Bestreben des Hilssvereins seit seiner Begründung ging dahin, durch Einführung von H a u Sindustrien den galizischen Glaubensgenossen Arbeitsgelegenheit zu bieten. Besonders verbreitet ist die Haarnetzindustric. Neu hinzugekommen ist die Herrenkleiderkonfektion, Korbwarenindüstrie, Fabrikation von Metalltäschchen- und Fezquasten. Ein bedeutender Faktor für die jüdische Bevölkerung in Galizien verspricht die Spitzenklöppelei zu werden, welche mit.Unterstützung des Hilfsvereins von einem Berliner Unternehmer in Kolomea eingeführt worden ist. Obwohl erst feit sehr kurzer Zeitmit, dem Unterricht begonnen worden ist, werden bereits 120 Mädchen mit 'diesem Industriezweig beschäftigt. Zu erwähnen wäre noch die Beteiligung an der Hilfsaktion für die marokkanischen Juden mit 2000 Mark, an der Errichtung eines Lehrerseminars für die osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. mit 5000 JL, an dem Bau einer jüdischen Mädchenschule in Haskaien, einer Borstadt Konstantinopels, gleichfalls mit 5000 JL, an einem Kindergarten in Stanislau usw. usw. An der darausfolgenden Debatte beteiligten sich 'die Herren Rabbiner St. Norden-Myslowitz, Schwarz- Berlin, In st iz rat Seligsohn, Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel, Dr. H. Hildesheimer, Senator Fischer- Hannover, Magnus- Leipzig u. a., und es wurden dann die statutengeinäß ausgeschiedenen Mitglieder des Zentralkomitees durch Zuruf einstimmig wiedergewählt. —i— Berlin. Bon Professor Hugo Steiucr in Karlsruhe, einem gebürtigen Prager, hat das Kupfer st ichkabi net der kgl. Museen in Berlin soeben drei Originallithographien erworben und zwar die Blätter „Felsenburg", „Trauwlandschaft" und „Einsiedler". Berli«. Beinahe — ein jüdischer Leutnant! Durch die Presse ging vor einigen Tagen die erstaunliche Mär, daß das in Preußen Unglaubliche wirkliche Tatsache geworden, nämlich, daß ein Jude zum Reserve-Leutnant ernannt sei. Es handelt sich um den Einjährig-Freiwilligen, Feldwebel Dr. phil. Rappaport, wohnhaft in Berlin, der zum Leutnant der Reserve des Grenadier-Regiments Nr. 6 befördert wurde. Wie wir erfahren, ist Rappaport bereits getauft. Es bleibt also hinsichtlich der Fernhaltung der Juden vom preußischen Offizierskorps alles beim alten. Trier, 26. Februar. Durch ruchlose Hände wurden auf dem jüdischen Friedhof in dem Saardorf C ö n e n zahlreiche G r a b d e n k m ä l e r zerstört. Breslau. Statistik. Nach der Volkszählung vom.1. Dezember 1900 gab es in Breslau 175 jüdischchristliche Ehen. Im Juhre 1901 wurden in Breslau 130 rein jüdische und 9 jüdisch-christliche Ehen geschlossen. Posen. Statistik. Im abgelaufenen Jahre wurden hier 10 rein jüdische und 2 christlich-jüdische Ehen geschlossen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Schächtverbot. In der letzten Sitzung des Stadtrates berichtete Stadtrat Dr. Krenn über die Abschaffung des Schächtens der Schlachttiere. Nach einem Referate, in welchem unter anderem eine Schlachtung ohne vorausgehende Betäubung des Schlachttieres vom Referenten als eine höchst tierquälerische Maßregel bezeichnet und darauf Hingeiviesen wurde, daß in anderen Ländern, zum Beispiel in der Schweiz, Sachsen usw., ein Verbot dieser Schlachtart schon längere Zeit besteht, gelangte der Berichterstatter zu folgendem Anträge: Es feie» sämtliche in deir städtischen Schlachthäusern zur Tötung lommendeit Schlachttiere, bevor ihnen das Blut entzogen wird, durch Stirnschlag vollständig zu betäuben. Der Antrag wurde einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Es wird die Aufgabe des Wiener israelitischen Kultusvorstandes sein, gegen diesen Beschluß, welcher die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gewissensfreiheit bedroht, an maßgebender Stelle zu protestieren. Wie«. Preisausschreiben. Das Komitee der Dr. Moritz Rappaport-Stiftung veröffentlicht die folgende Preisaufgabe: „Das Jtldentum zu Ende des jüdischen Staates." Es sollen die politischen, sozialen und religiösen Verhältnisse, welche zu Ende des jüdischen Staates bestanden, dargelegt und die Bedingungen nachgewiesen werde», welche den Bestand der jüdischen Religion auch nach dem Untergange des jüdischen Staates und unabhängig von demselben ermöglichten. Als Preissumme für die beste Schrist wurden 3p00 Kr. bestimmt. Tie Preisschrist ist bis längstens 31. Dezember 1907 an das Sekretariat der israelitischen Kultusgemeinde Wien (1. Bezirk, Seitenstettengasse Nr. 4) konvertiert, mit einein Motto versehen, zu überreichen. " Prag. Zur Leichenverbrennungsfrage. Am 22. Dezember 1904 ist in Prag Herr JUDr. Moritz L i ch t e n st c r n, Advokat, gestorben. In seinem letzten Willen sprach er u. a. den Wunsch aus, daß nach dem Wleben sein Leichnam in Gotha verbrannt und die Asche in einer Urne iit seinem bereits bereiteten Grabe neben den» Grabe seiner verstorbenen Gattin beigesetzt wird. Diesem Wunsche wurde keine Folge gegeben, und die Beerdigung fand nach dem üblichen Ritus statt. Am 21. Januar 1905 richtete die Gesellschaft zur Leichenverbrennung in Prag („Sporlecenstvo pro spalovani mrtvol v Praze") an das Bezirksgericht für die Mtstadt und Josefstadt folgende Zuschrift: An das löbliche k. k. Bezirksgericht für die Alt- und Josefstadt in Prag! Das „Spolecenstvo pro spalovani mrtvol v Praze", vertreten durch seinen Präsidenten, den Herrn MilTr. Heinrich Zahor in Prag Nr. 459—1, macht aus die letztwillige Verfügung des Herrn JUDr. Moritz Lichtensteru aufmerksam. Herr JUDr. Moritz Lichtensteru, Advokat in Prag, hat' in seinem letzten Willen die Verfügung getroffen, daß sein Körper verbrannt werden soll. Derselbe ist in Prag Nr. 416—1 am 22. Dezember 1901 gestorben. Trotz seiner Verfügung wurde er auf dem israelitischen Friedhof in Strasnic beerdigt. Die Sache ist dringend, damit der Ausrede, als ob aus sanitären Rücksichten es vielleicht später nicht zulässig sein wird, vorgebeugt werde. In Anbetracht des § 57 des kais. Patentes vom 9. August 1815, Nr. 208 R.-G., erlauben wir uns, auf diese Angelegenheit aufmerksam zu machen. Prag am 21. Januar 1905. Dr. Friedr. Zahor." Das Bezirksgericht für die Alt- und Josefstadt in Prag, Wt. X erledigte die Eingabe der Gesellschaft für die Leichenverbrennung in Prag mit der folgenden Zuschrift: „Aus die Eingabe vom 21. Januar 1905, Jouru- Nr. 21, wird folgende Verständigung gegeben: Dr. Moritz Lichtensteru, welcher am 22. Dezember 1901 gestorben ist, hat im,Nachhange zil seinem Testament den Wunsch ausgesprochen, daß 1. sein Leichnam im Krematoriuni in Gotha verbrannt und 2. die übriggebliebene Asche in eine Urne gelegt und aus dem neuen israelitischen Friedhof tit Strasnic in einem eigenen, ihm gehörige» Grabe, welches neben dem Grabe seiner Gattiir liegt, beerdigt wird. Ferner bestimmt der Verblichene im Detail die Aufschrift ans dem bereits bestehenden Monument, die eventuelle Anbringung einer Gedenktafel daselbst, seitens des Vorstandes der Landesjudenschast, den mit dem Leichenbegängnis auf den Friedhof in Strasnic verbundenen Aufwand, die Grabrede, die Erhaltung des Grabes, des Monuments usw., und spricht auch u. a. den Wunsch aus, daß das Leichenbegängnis mit allen rituelle» Ceremonien yorgenolnincir lvird und gibt der festen Ueberzeiiguiig Ausdruck, daß diesem Wunsche nachgekommen wird. Wie man aus dem Gesagten ersieht, war es der Hauptwllusch des Verstorbenen, daß seine Ueberreste neben dem Grabe seiner ihm im Tode vorangegangenen Gattin auf dem Friedhöfe in Strasnic beigesetzt werden, und daß für ihn dieser Wunsch wichtiger war, als der Wunsch hinsichtlich der Leichenverbrennung in Gotha. Es war auch das Bestreben der Erben, diese beiden Wünsche des Verewigten präzis zu erfüllen uild es ist nicht ihre Schuld, daß sich Hindernisse in den Weg legten, welche in -den gegebenen Verhältnissen unüberwiudlich waren. Nach der Zuschrift des Oberrabinats der israelitischen Kultusgemeinde in Prag vom 22. Dezember 1901 ist es im Sinne der israelitischen Religions-Vorschriften ausgeschlossen, die übriggebliebene Asche von einer iin Sinne des Testaments verbrannten Leiche aus einem Judenfriedhofe zu bestatten. In einer anderen Zuschrift vom 21. Dezember 1901 teilte die israelitische Beerdigungs-Brüderschast in Prag mit, daß sie einesteils im Falle der Leichenverbrennung sich am Leichenbegängnisse nicht beteiligen, den Leichenwagen iricht beistellen werde, anderesteils auch die Bestattung einer Urne auf dem israelitischen Friedhofe nicht zulasse. Bei einem solchen Sachverhalt ist es natürlich, daß wenn man beiden Wünschen des Verstorbenen nicht uachkommeu konnte, jener Wunsch erfüllt wurde, an welchem mehr gelegen war, und es blieb den Erben nichts übrig als jenem Wunsche des Verblichenen nachzukommen, daß er neben seiner Gattin zum ewigen Schlaf bestattet wird." X. Budapest. Die Direktion der Salgo- Tarjaner Kohlenbergwerksaktiengesellschaft hat der isr. Religionsgemeinde in Petrozseny zum Baue eines Tempels und einer Rabbinerwohnung einen Baugrund im Wert von Kr, 20000 und überdies für Kultuszwecke einen jährlichen Beitrag von Kr. 600 votiert. Ter Direktor dieser Gesellschaft der sich nicht schämte, in Ungarn jüdischen Gemeindezwecken etwas zukommen zu lassen, ist selbstverständlich — Christ und heißt I o h a n n v o n A n d r e i c s. K. Ezernowitz. An der Czernowitzer Universität studieren gegen 700 Studenten: davon sind 217' griechisch-orthodox, 88 röm.-katholisch, 5V griechischkatholisch^ 26 evangelisch und 280 jüdisch: der größte Teil der jüdischen Studenten gab als „Nationalität" im Nationale ebenfalls „jüdisch" an. — Landespräsident Tr. v. Bleyleben spendet für das „Kaiser Franz Josef-Jubiläums-Waisenhaus sür Israeliten" in Czernowitz das Bildnis des Kaisers. Rußland. Petersburg. Wie die hiesigen Zeitungen berichten, wird demnächst vom Ministerium des Innern eine Kommission zur Regelung der Lage der Juden in Rußland einberusen iverdeu. An den Beratungen sollen teilnahmen Vertreter der großen jüdischen, Gemeinden Rußlands und Vertreter der jüdischen Kolonien und der großen Bildungs- und Wohltätigkeitsinstitutionen. Tie Aufgabe der Kommission wird feilt, über die Besserung der Lage und der Zustände der jüdischen Bevölkerung zu beraten. Das Ministerium hat bereits das nötige Material gesammelt und wird die Kommission einberufen, sobald die, Kommissionsberatungen in Angelegenheiten der anderen Konfessionen und Nationalitäten beendet sind. Petersburg. In einer Sitzung des Ministerkv mite es erklärte der Ministerpräsident Witte, die Regierung habe bisher übersehe», daß der Hauptabhilssweg nicht Repression, sondern die Verhütung der Grundursachen des Nebels sei. Tie Gesetzgebung arbeitete bisher zu langsam und entsprach nicht den sozialen Bedürfnissen. So sei die Arbeitergesetzgebung verzögert worden durch die Annahme, die russischen Arbeiter seien noch nicht im Entwickelungsstadium. Andere beunruhigende Elemente seien die Studentenschaft wegen der Aushebung der Unterstellung unter die akademischen Gesetze, sowie die Juden wegen ihrer unerträglichen materiellen Lage insolge einschränkender Gesetze. Petersburg. Der russische Justizminister hat außer den in der letzten Nummer erwähnte», eine weitere Anzahl von Rechtsauwaltsgehülfen in verschiedenen Gouvernements zur "Advokatur zugelasse». Auch die anderen Ministerien haben in den letzten Wochen deik Jude» verschiedene Erleichterungen gewährt. Moskau. Die. hiesigen Blätter berichten von einer furchtbaren I u d e n h e tz e, die am 20. Februar in F e o d o s i a (Stadt von 17 000 Einwohnern an der Südostküste der Krim) stattgefunden hat: Danach brach in Feodosia ein Arbeiterstreik aus, der mit einer großen Demonstration vor dem Stadtamte begann. Plötzlich ertönte in der Menge der Ruf: „Haut die Juden!" worauf das Volk sich durch die Stadt zerstreute und eine furchtbare Judenhetze begann. -Bis Truppen zur Herstellung der Ordnung erschienen, gab es an 50 Töte und Verwundete. Ju der Stadt herrscht nicht allein unter der jüdischen, sondern auch unter der christlichen Bevölkerung eine furchtbare Panik. Tie Besitzenden verlassen die Stadt. Jekaterinoslaw. Am l9. Januar beriet die jüd. Gemeinde über den Vorschlag der „Jca", in Jekateriuoslaw ei» Auswanderungsbureau zu gründen. Die Bersannnlung lehnte das Anerbieten der Jca mit der Begründung ab, daß die Juden Rußlands demnächst eine radikale Aenderung ihrer Lage erwarten, wodurch die Auswanderung von selbst aufhören wird. Riga. Die hiesigen Juden sandten folgendes Telegramm an den Präsidenten des Minister-Komitees ab: „Die Unterzeichneten Juden aller Stände aus der Stadt Riga ersuchen Ew. Exzellenz, daß bei den Beratungen des Ministerkoinitees wegen der Reformen, deren die Bürger Rußlands bedürfen, auch au die endgültige Lösung der Judenfrage in Rußland herangetreten werden möge, und zwar sind die llnterzeichncteir der Ansicht, daß eine Lösung der Judeusrage mir dann möglich ist, wen» der Weg der vollständigen Gleichberechtigung der Juden mit den ander» Bürgern Rußlands beschritten wird. Nur eine solche Lösung kann sowohl für Rußland wie für die Jude» von Segen sein. Eine Klarlegung unserer Bedürfnisse und Wünsche in dieser Hinsicht zu geben, dazu sind nur die Vertreter der Juden im Stande und wir ersuchen daher untertänigst, daß bei der Berufung der Vertreter verschiedener Stände zu der Reformarbeit auch jüdische Vertreter herangezogen werden mögen." Eine Petition ungefähr desselben Inhaltes sandte auch die Gemeinde in Jekaterinoslaw ab. Italien. —s— Rom. Zum Andenken anTheodorHerzl wurde in Florenz bei der letzten Monatssitzung des jüdischen JugcndvereineS „Mekiz Nirdain i m" seine Rede zur Eröffnung des 2. Kongresses durch Ir Aldo Sorani vorgelesen: ihr wurde mit andächtigem Schweigen gelauscht, das sich dann in begeisterten Zurufen auflöste. Anläßlich seiner Hochzeit spendete der j ü d i s ch e Bürgermeister von Fanglia Sr. Alessandro Cassuto 1000 Lire für die Armen seiner Gemeinde. Tr. A. Cividalli wurde zuni Privatdozenten au der Universität Modena für gerichtliche Medizin ernannt. In ganz Italien fanden Gedächtnisfeiern für die verstorbenen Rabbiner Eudo Lolli und Auge l o Fornari statt. Der Präsident der R ö m i s ch e n Gemeinde, Cav. A n g e l o Sereni wurde von« König in Audienz empfangen, um ihm den Tank für seinen Besuch des neuen Tempels abzustatteu. Ter König sprach bei dieser Gelegenheit von den schmählichen Lebensbedingungen, in denen dir Juden vor der Gründung der italienischen Monarchie leben uiiißten. Zum Präsidenten der Handelskammer in B e n e - d i g wurde einstimmig Tr. G i » l i o E o c n gewählt.

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