Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692418--01467-2695983
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Seite 2. Auf wenige Jahre der 'Zlrbeit sicht der politische Zionisnms erst zurück: wir mußten uns überzeugen,- daß das Ziel gegenwärtig sich noch in weiter Ferne befindet. Ist das aber ein Grund, sogleich die Flinte ins Korn zu werfen, ganz aufzugcben das historische Anrecht auf unser Land, zu löse» in uns jene innigen Bande mit dein Lande der Väter. Haben uns die wenigen Jahre schon so viel gelehrt, daß lvir sagen könnten: nicht: des Landes, des Volkes wegen sind wir da; wenn uns das alte Land versagt bleibt, so nehme» lvir auch jedwedes andere? Wenn dein wirklich so wäre,, so richte ich an Euch die Frage: Was werden wir tun, wenn nach weiterem Ablauf von wenigen Jahren, sich mit ebensolcher Gewißheit, wie jetzt für Palästina, herausstellt, daß auch die Erlangung eines Territoriums überhaupt eine vergebliche Hoffnung gewesen war? Wird da nicht ebenso, wie wir die Gefühle für Palästina in unserm Innern ausgetilgt hatten, mit gleicher Konsequenz die Notwendigkeit eintreten, baß wir auch alle andern uns verknüpfenden Bande ausgeben, uns flüchten unter die Fittiche der allgemeinen Menschheit, in der Einsicht, daß wir als Volk unser Heil nicht herbei- . führen können? Würden wir uns dann nicht zu sagen gezwungen fühlen, daß wir eine Verbesserung. . unserer Lage als allgemeine Menschen suchen müssen. Was aber wird dann aus dem Judentum werden? Ms der Ewige zu Mose sprach: „Und nun laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme, ich sie vertilge und. dich zum großen Volke mache!" Da erwiderte Mose darauf: „Gedenke Abrahams, Isaaks und Israels." Die Deutung dieser Antwort finden wir im Traktat Berachoth folgendermaßen: Mose antwortete: „Wenn ein Stuhl mit drei Füßen nicht bestehen bleiben kann, wie erst ein solcher mit nur einein einzigen?" Ebenso muß ich euch Territorialisten zurufen: Wenn die Liebe zu Palästina nicht standhaften kann und ihr schon nach wenigen Jahren der Arbeit verzwciselt, wie soll es erst mit der Liebe zu irgend einem unbestimmten Lande Lehen, das noch nicht existiert, nur in der Phantasie vorhanden ist? Wohin wird das führen? Der Assiinilant gleicht mir dem Verzweifelnden, der Selbstmord begeht, indem auch er nicht über die Kraft verfügt, seine Judennot zu tragen, die Mittel sie zu überwinden nicht anzuwenden sich aufrafscn will und so Selbstnlvrd an seinem Judentum begeht, ' um auf diese Weise sich seiner Sorgen als Jude zu entledigen. Der Territvrialismus ist ein eben solcher Ausdruck der Verzweiflung. Zwar "denkt er nicht an Selbstmord; aber da ihm die Kraft und Widerstandsfähigkeit, auch vorläufiges Mißgeschick zu tragen, fehlen, so macht er eilends einen Einschnitt in den Körper des Zionismus und entfernt ein Glied, welches am meisten dem Schmerze ausgcsetzt war. Augenscheinlich ein falsches Heilmittel. Der Schmerz kann dadurch nur vorübergehend gestillt werden. Die Krankheit aber wird sich dann auch über die übrigen Teile des Körpers verbreiten. Man wird Glied um Glied zu entfernen gezwungen zu sein scheinen, bis dann nichts mehr übrig bleibt. Ihr Territarialistcn verzichtet zunächst nur aus das Streben nach dein Lande der Väter. Nachdem Ihr aber eingesehen haben werdet, daß damit die Hindernisse noch nicht beseitigt sind, die am Wege liegen, so wird die Konsequenz von Euch fordern, daß Ihr bereit seid, auch auf alle andern Bestrebungen und Ideale zu verzichten, die uns mit der Vergangenheit verbinden. Was bleibt uns alsdann noch? Man denke nur daran, was uns die Geschichte lehrt! Hier möchte ich nur an Eines erinnern. Als der Reformgedanke blühte, da war cs das Bestreben Friedliindcrs, zunächst nur eine Mittellinie zu schassen zwischen Judentum und Christentum. Tie aber nach ihm kamen, brauchten diese Mittellinie nicht mehr; die Brücke war geschlagen, ohne Zögern und Gewissenspein konnten sie nun ihr Judentum völlig von sich abschütteln. Wer wird da nicht zuriickschreckcn vor dem Territorialismus, daß sei» Ausgang nicht auch der gleiche sei. Zionisten ohne Zion scheinen mir dem Manne zu gleichen, der in sein Haus znrückkehrt, an der Frankfurter Israelitischer FamilienLlatt. Türe aber die Inschrift erblickt: „Nicht zu Hause" und wieder nmkehrt. Man erzählt von einem Schriftsteller, der die Schwäche hatte, seinen eigenen Namen zu vergessen. Was tat er? Er schrieb ihn auf ein Täfelchen, das er immer bei sich trug, damit es seiner Erinnerung diene» sollte. Einmal aber v:rgäß er auch, das Täfelchen. Da war er in großer Verlegenheit. Auch wir liefen während der 2000 Jahre des Exils Gefahr, unfern Namen zu vergessen, wenn wir nicht unsere Täfelchen und alle heiligen Erinnerungen mit niis getragen hätte», die ein Mittel waren, gegen die Krankheit der Vergeßlichkeit. Wenn wir nun aber das Täfelchen wegwerfen, lvcr wird uns alsdann noch an uns selbst erinnern. Spinoza erklärte, daß alles Gottheit sei und leugnete das Dasein Gottes; der Territorialismus erklärt jedwedes Land für geeignet und leugnet ein ausschließliches Erez Israel. Wie feinsinnig und tief ist der Gedanke unserer Weisen, die Gott folgende Worte an die Welt in den Mund legen: In der Beschränkung besteht das Wesen und das Dasein der Dinge, die unendliche Ausdehnung aber ist die Vernichtung, das Nichtseiende, das Nichts. Wen» wir unseren Gesichtskreis auf Palästina beschränken, dann nähern wir uns dem Sein; indem wir aber unseren Blick, in unabgrenzbare Weiten lenken, irgend ein unnennbares Land unser Ziel ist, so könnten wir der Vernichtung cntgegengchen. Allerdings können wir mit Hilfe des Pilpulgeistes, der uns ei» Erbteil des Beth Hamidrasch ist, auch für den Territorialismus eine Begründung finden. Wir könnten ihn als ein Heilmittel auffassen, das der Krankheit vorausgeschickt wird. Für diejenigen nämlich, die nur die Liebe zum Lande zu Zionisten gemacht hat, die Gefahr laufen, ihren Zionismus zu verlieren in dem Augenblick, wo sich mit Gewißheit die Unmöglichkeit der Erlangung Palästinas ergeben sollte. So wären die Territorialisten diejenigen, die eine Mauer innerhalb der Mauer aufsühre», indem sie' cs aussprechen:!vir sind ein Volk auch ohne Palästina. Auch mit einer Talmndstclle wäre dieser Gedankenschluß auszustattcn; Kethuboth heißt cs: „Erez Israel soll sich in Zukunft über alle Länder verbreiten".' Ich will es Euch daher sagen: So Ihr von dem ehrlichen Willen erfüllt sind, unserem Volke zu helfen, so gehet hinaus und arbeitet: durch Eure Arbeit werdet Ihr dann zur Wahrheit gelangen. — Als Maimonides in seinem Kommentar zu den Lehren unserer Weisen nach besonders prägnanten Erklärungen suchte, sah er schließlich ein, daß der Stil und die -Poesie der Weisen selbst die deutlichste und schönste Erklärung abgeben. . Als Gott über das jüdische Volk Klage führte, da rief ihm Hosea zu: Vertausche es mit jedem andern Volke, du Ivirst kein besseres finden. So sehe auch ich die Territorialisten schließlich zur Einsicht gelangen, daß kein Land sich für uns besser eignet, als Erez Israel. Zum Schlüsse sage ich Sud}, die, Ihr von warmem Eifer fiir die Sache unseres Volkes erfüllt zu sein scheint: Seid 'vorsichtig mit Euren Aussprüchen, auf daß unser Volk sich nicht in zwei Teile spaltet, denn 'wir sind noch arm an Kraft. Wir müssen uns davor hüten, ein noch ungeklärtes, unbestimmtes Wort unter das Volk zu werfen, das imstande wäre, die .Flamme des Zwiespaltes zu entfachen. Deshalb. sollen Eure Worte doppelt und dreifach wohlüberlegt sein; dann werdet Ihr würdig sein, die Schüler Herzls genannt zu werden, der mit seiner lautern Gesinnung Frieden und Freundschaft unter allen Parteien stiftete. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Am 26. Februar fand im Hotel Prinz Albrecht die dritte ordentliche Generalversammlung des Hilfsvcreins der Deutschen Juden statt. Der Präsident des.Hilfsvereins, Herr James Simon, cröffnete die gut besuchte Versammlung Nr. 9. und gedächte znnää)st mit warnten Worten der im abgelausenen Jahre dahingcschiebeneir Mitglieder des Zentralkomitees Salomo» Forchheimer, Alphons, Jacobsohn und des erst vor kurzem verstorbenen Konsuls A. M. Simon, des Mitglieds des Zentralkomitees 'in Hannover. Einen Nachruf hielt der'" Präsident ferner dem verstorbenen Generalsekretär des Hilssvcrcins, Herr» Willy Bambus, dessen Verdienste er mit Worten höchster Anerkennung würdigte. Hierauf gab der Vorsitzende einen kurzen Uebcrblick. Er konstatierte mit Genugtuung die großen Sympathicen, deren sich der Hilssvercin allgemein crsrent und der Förderung, die er namentlich durch die Logen, wie auch durch wohlmeinende Haltung der Presse erfahren hat. Tie Zahlder Mitglieder ist von 6500 aus 8 5 0 0 gestiegen; die reguläre n E i n n a h itt e n des Hilfsvereins aus Mitgliederbeiträgen und Spenden sind von 45 000 Mark auf rund 70 000 JL gewachsen. Die große Hilfsaktion, welche zu Gunsten der russischen Juden vom Hilfsverein eingeleitet worden ist, hat es erforderlich gemacht, daß der Redner, Herr James Simon, eine Spezialsammlung für diesen Zweck veranstalten mußte. Die Sammlung beschränkte sich auf einen kleinen Kreis wohlhabender Glaubensgenossen in Berlin und ' ergab die Summe von 108000 Jk Die Gesamteinnahmen des Hilfsvereins im Jahre 1904 betrugen 209 931 Jk; die Ausgaben 194 503 Jk Das Vermögen des Hilssvereins betrug am 31. Dezember 1904 einschließlich der Baron von Cohn-Oppenheim-Stiftung für Schulzwecke die Summe von 6 8 8 03 0 Jk Herr D r. Paul Nathan erstattete hierauf in längerer Rede den Geschäftsbericht: Tie Tätigkeit des Hilfsvcreins galt im abgelaufcnen Jahre in erster Reihe den In den Rußlands, die sich durch die sattsam bekannten Verhältnisse in einer außerordentlich traurigen Lage befinden. Die Hilfsaktion war zweierlei Art. Zunächst mußte die Notlage einigermaßen gelindert werden; zu diesem Zwecke wurden 50000 ftL verwendet und zwar erhielten: Warschau 10 000 Fr., Wilna 10 000 Franken, Odessa 100Ö0 Fr., Lodz 5000 JL Ferner wurden 10000 Jk fiir den gleichen Zweck dem -Petersburger Komitee überwiesen. Zu erwähnen wäre noch eine Spende von 2000 Jk für die durch Krawalle geschädigten Glaubensgenossen in Smjela, eine solche von 4100 Jk für die Mgebrannten in Wilkomir usw. usw. Andererseits war die Hilfsaktion darauf gerichtet, für die große Masse Derjenigen, die zum Wanderstab greifen müssen, Erleichterungen auf ihrer mühevollen Reise eintreten zu lassen. Es ist bekannt, welchen Unzuträglichkeiten die j ü d i s ch e n A u s Wandereran der preußisch-russischen Grenze ausgesetzt waren. Diesen: Nebel,ist durch die Begründung einer großen Organisation von Schutzkomitees für dur ch reis end e rus s is ch e Juden an den wichtigsten Uebergangsplätzen von Memel bis Ratibor gesteuert worden. Nur der freiwilligen aufopfernden Mitarbeit zahlreicher Glaubensgenossen in den Grenzstädten, an den Eisenbahnknotenpunkten und in den Hafenplätzen ist cs zu danken, daß diese Aufgaben den Auswanderern gegenüber gelöst werden konnten. Durch persönliche Verhandlungen mit den maßgebenden- Faktoren der' Regierung sowohl wie der Schisfahrtsgesellschaften ist cs gelungen, eine Reihe von Erleichterungen für die auswandernden Glaubensgenossen zu erzielen. Um die ohnehin schon. geplagten Auswanderer vor Ausbeutung durch Subagenten und Wirte zu schützen, sind in Plätzen, wo sich dies als besonders notwendig und zweckmäßig erwies, besondere Herbergen begründet worden, so in 'Tilsit und in Königsberg. . Die Bestrebungen, die planlose jüdische Auswanderung zu regulieren, führte zu einer.internationalen Konferenz in. Frankfurt a. M., auf der alle großen indischen Organisationen Europas vertreten waren. Der Hauptersolg dieser Konferenz ist die Begründung eines Zentralbureaus für jüdische Auswanderuirgs - Angelegenheiten in Berlin. Aus dem Gebiete des Schulwesens galt die Tätigkeit des Hilfsvereins in erster Reihe der Türk e i und den Balkanstaaten. Dabei ließ sich der Hilssvercin von dem Gesichtspunkt leiten, überall dort zugleich die Verbreitung der deutschen Sprache unter den Juden zu fördern, wo sich dies für unsere Glaubensgenossen nach deren eigener Ansicht aus Gründen des wirtschaftlichen Fortkommens als notwendig und zweckmäßig erwies. Es wurden Schulen gegründet resp. unterstützt in Sofia, Philippopel, Konstantinopel, den anatolischen Kolonien und einer Reihe von Schulen in Rumänien. Ganz besondere Aufmerksamkeit hat der Verein den Schulverhältnjssen in Palästina zugewendet. Um dem großen Mangel an geeigneten Lehrern im Orient abzuhelfen, hat der Verein die Begründung eines Lehrerseminars in Jerusalem beschlossen, welches am 5. Mai 1904 feine Lehrtätigkeit bereits begonnen hat. Ter Hilfsverein unterhält ferner in Palästina 3 Kindergärten, von denen sich 2 in Jerusalem und einer in Jaffa befindet. Die Eröffnung eines 4. Kindergartens in Saffeb steht bevor. Es besteht die Absicht» im Anschluß an. diese Kindergärten Normalschulen; zu errichten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.