Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZlrnitkfHtrter Srsnltturl s. m.. Leiligkreuzgaffe sr, Lcke Llaxxerfeldstraße (gegenSber -er Neuen ZrU). Herausgeber: Aals Geis. 3. Jahrgang. Freitag, den 2«. Adar 5665 (3. März 1905). No. S. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile.. 100 .. Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- i .... Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). i ■ - -- funiliriblatt. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Neue Lieder — alte Töne. — Die Landftage im Zionismus. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Exod. Kap. 30, Vers 14. — Feuilleton: Kinder unserer Zeit, Roman von Jacob Levy. — Aus der Geschäftswelt. — Bücherschau. — Briefkasten. — Vakanzen. Neue Lieder — alte Töne. Um ein neues Blatt scheint sich die Geschichte der Menschheit vermehren zu wollen — ein neues Blatt alten Inhalts. Was sich am Ende deS 18. Jahrhunderts in Westeuropa zugetragen hat, das — so hat es den Anschein — wiederholt sich jetzt am Anfang des 20. Jahrhunderts im Osten Europas. Es kommt nicht auf die Form, auf den Umfang der Revolution an; Revolution ist Revolution. Man behalte im Auge die Zeit und Volksverschiedenheiten! Tie entrechtete Menschheit des 18. Jahrhunderts errichtete Barrikaden und gelangte auf diesem Wege zu ihren Rechten; die entrechtete Menschheit des 20. Jahrhunderts veranstaltet Massenstreiks, Verkehrsstockungen, verübt Massenterror und gelangt auf diesem Wege zu ihren Rechten. Das temperamentvolle französische Volk errichtet Barrikaden, das lässige, langsame russische Volk streikt. Wir unterlassen es, unsere Behauptung mit Beweisen zu belegen. Ein Blick auf die gegenwärtig in Rußland herrschende Situation genügt, um sie zu bestätigen. Alles spricht — wenn nicht heute, dann morgen — für die Erreichung des Zieles. Auch die Henker selbst — wie immer am Rande ihres Abgrundes — bemühen sich, ihren Sturz zu beschleunigen. Seit Jahr und Tag wußte das absolutistische Regime seinen inneren Verfall mit seinen äußeren Erfolgen zu verdecken. Ta zettelte es leichtsinniger Weise einen äußeren Krieg an und zeigte vor aller Welt, daß auch sein einziges, so hoch gepriesenes Organ, die Armee, dank ihrer schlechten Leitung nichts taugt. Und so schwand das Prestige nach außen, der alte Deckmantel des inneren Verfalls ist dahin und entblößt mit allen seinen Gebrechen steht der Absolutismus vor aller Welt da und muß für immer von der Oberfläche verschwinden. Mein all' dieses geht uns als Juden erst in zweiter Linie an; was uns in erster Linie angeht, das sind die Millionen unserer russischen Brüder: Und wie steht es lyit denen? Auch die Geschichte der Juden scheint sich um - ein neues Blatt vermehren zu wollen — ein neues Blatt alten Inhalts. Was sich am Ende des 18. Jahrhunderts bei der Emanzipation der Juden Westeuropas ' zugetragen hat, das scheint sich jetzt mit den Juden Osteuropas zuzutragen. Die Lage der '. westeuropäischen Juden von damals war äußerst verzweifelt, es erhoben sich vereinzelte Stimmen humaner Christen sür ihre Befreiung. Die Idee der _ Menschlichkeit wuchs und die Stimmen vermehrten sich und wurden immer lauter. Die Stunde der Befreiung rückte heran. Jetzt chatte seitens dex Juden etwas geschehen müssen! Aber anstatt einheitlich und entschlossen in ihren Forderungen nach Gleichheit und Menschenrechten vorzugehen, traten sie zaghaft und nur einzeln hervor und gaben so ihren Feinden, an denen es zu allen Zeiten nicht mangelte,- Grund, sich der Emanzipation der Juden zu widersetzen. — Doch das Buch der Geschichte ist offen; lese, wer will! All' dieses ist jetzt in zweiter Auslage im Osten zu sehen. Die Juden von Borisoglebsk petitionieren an das unter dem Zwang der Verhältnisse plötzlich reformsüchtige Ministerkomitee und verlangen gleiche Rechte mit ihren übrigen Mitbürgern. Dasselbe tun die Juden Riga's und Jekaterinoslaw's. Wäre da nicht einheitliches Vorgehen geboten. Allein nicht die materielle Seite der gegenwärtigen Lage unserer östlichen Brüder wollen wir behandeln, vielmehr haben wir hier die ideelle im Auge. Bedeutungsvolles bereitet sich in Israel vor! Seine Burg, das jüdische Zentrum, das dem ganzen Volke Kraft, Stärke des religiösen und nationalen Gefühles verlieh, ist im Stürzen begriffen. Die Mauern des Ghettos sind im Fallen und in den dunklen Städten sott das Licht der Freiheit, Freiheit des Menschen, einziehen. Wird nichtdieses mächtige, glitzernde Licht das kleine, stille Licht des Judentums verdrängen? Ein Hinweis auf die Juden Westeuropas genügt, um zu sehen, wie traurig es mit dem- Judentum ohne Ghettis bestellt ist. Sollte es wirklich den östlichen Juden so ergehen, wie den westlichen — oder noch schlimmer, indem sie doch ein jüdisches Zentrum nicht mehr haben, aus welchem sie neue Säfte zur immerwährenden Verjüngung ziehen? Nein, das darf nicht und soll nicht geschehen! Tie Orthodoxie Rußlands muß endlich die Augen ösfnen, muß endlich sehen, daß über ihrem Haupt eine große Gefahr schwebt; sie muß rechtzeitig Mittel und Wege suchen, der bevorstehenden Katastrophe vorzubeugen. Bor allem muß sie unter sich einig werden. Tie Lischko Haschechauro, die Mannen des Hapeles müssen ihre Hetzarbeit gegen treue Gesinnungsgenossen einstellen, sie müssen sich insbesondere ihren eingebildeten Schrecken vor dem Zionismus herausräuchern. Tie Orthodoxie bedarf der Hilfe der nationalen Juden, denn die Konfession allein hat unmöglich die Kraft, gegen die Emanzipation Stand zu halten; das kann nur die Religion mit dem Nationalismus bewerkstelligen. Tie Orthodoxie von heute befindet sich in viel günstigerer Lage, als die Orthodoxie zu Zeiten der Emanzipation. Damals krankten die sogenannten Liberalen am Kosmopolitismusdusel. Mes, was sich liberal nannte, glaubte kindlich an die befreiende, humane Kraft der Kultur. Bon Unterschieden kultureller oder nationaler Natur wollte niemand ein Wort hören; es gab nur eine Nation, eine Religion — die Menschheit und die Aufklärung. Die jüdischen Liberalen schworen auf diese Phrase. Wo konnte da von einer besonderen jüdischen Religion und jüdischem Volkstum die Rede sein? Religion überhaupt galt als Finsternis, als Kinderkrankheit, Judentum als Ghettvübel. Heute ist die Zahl solcher pseudolibecalen Fantasten sehr gering und kein wirklich gebildeter, vernünftiger Mensch nimmt sie mehr ernst. Wir sind uns wohl der großen Schwierigkeit, unsere- Ueberlieferung auf fremden Boden und noch dazu bei einer plötzlich eingetretenen Emanzipation zu erhalten, bewußt; allein bei vernünstigem Borgehen seitens der Orthodoxie kann Ersprießliches erzielt werden. Die Orthodoxie darf nicht in den alten Fehler der Gesetzestreuen zur Zeit der Emanzipation der westeuropäischen Juden verfallen, sie darf sich nicht wie einst schmollend in ihren engen Winkel, in ihre „daled Amaus schel Halocho" zurückziehen; sie muß gerüstet auf den Plan treten und mit der Jugend für die Rechte der Befreiung stehen, damit sie der Jugend Vertrauen einflößt und so auf sie einwirkt. Tie Orthodoxie Rußlands muß sich des Ernstes des Momentes bewußt sein und dafür Sorge tragen, daß sich der Auszug aus dem Ghetto nicht schlimmer als der seinerzeitige Einzug in das Ghetto gestaltet. Schalmaun. Die Land frage im Zionismus von Z. O. Nach t. II. Die Erkenntnis, daß wir als Volk eine Einheit sind, trotz der Zerstreuung in alle Enden oer Welt, gründet sich auf unserer gemeinsamen Geschichte, vor und während der Diaspora. Worin besteht nun das uns zusammenhaltende Band? Wer wird es leugnen, daß an der Spitze aller Erinnerungen, die unsere jüdische Seele erfüllen, diejenige an unser heiliges Land steht? Mit ihm sind wir durch ein unzerreißbares Band verbunden; trotz der 2000jährigen Trennung von der Scholle ist es immer nur ein Ort gewesen, dem unser Herz gehörte, dem unser sehnsüchtiger Blick sich zuwandte. Martyrium, Blut und Tränen haben im Laufe der Jahrhunderte dieses Band fester gefügt; die Erinnerung an und die Hoffnung auf Palästina, ist ein Teil von uns selbst geworden, den wir nicht aufgeben dürfen, ohne uns selbst aufzugeben. Lange, lange war dieses Gefühl nur nach innen gerichtet, jeder Jude lebte auch in der Fremde gleichsam noch aus der Scholle der alten Heimat; dieses Empsinden aber war der in Asche sorgsam bewahrte Funke, der einmal alle zur Vereinigung ihrer Kräfte und zu Taten entzünden sollte. Viele von uns, nicht die schlechtesten, hatten ihr Antlitz bereits vom Volke abgewendet. Sie glaubten den Gedanken an das Volk bereits erstickt, aber der .lebendig Begrabene pochte bald wieder Mächtig in ihrer Brust und forderte einen Ausgang. Der Zionismus erstand, er erweckte die Toten wieder und rief die Verirrten zurück; sein Ziel wurde: Rückkehr ins' heilige Land, auf daß das Volk wieder von seiner Mutter Erde sich Kräfte saugen und von Neuem in altem Glanz sich entfalten sollte. il