Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 7. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. recht in Petersburg haben, das Wohnrecht in Peters-, bürg zu verweigern, abgelehnt. Petersburg. Nach der bekannten Tageszeitung „Stacht Dni" arbeiten die Polizeidepartements gegenwärtig ein Paßgesetz aus, das de» Paßzwang innerhalb Rußlands für sämtliche Russen mi t Au snähme der Juden abschafft. Petersburg. Die hiesige Rechtsanwaltschaft hat beschlossen, daß ihre Mitglieder die antisemitische und reaktionäre Tageszeitung „R o w v j a SBremjo" nicht mehr abonnieren. Proskurow (Gouv. (Podolien) , Das unerhörteundjeglichemRechtsgesühleHohn sprechende Benehmen der russischen Beamtenschast findet durch den folgenden Vorfall wieder einmal eine drastische Beleuchtung. Dem hiesigen Richter waren ein Pelz und eine Uhr gestohlen worden, und als Diebe wurden zwei Christen ermittelt. Während sich nun der Pelz bei den Dieben noch vorfand, hatten sie die Uhr nach ihrer Behauptung an den Juden Moses Wolfzon weiterverkauft. Der Polizeikommissar ließ sich den Juden vorführen und befahl ihm, die Uhr zurückzugeben. Ter Mann beteuerte, daß er keine Uhr gekauft habe und daß ihm überhaupt die beiden Diebe vollständig srcind seien. Da der Mann bei der Beteuerung seiner Unschuld blieb, so ließ ihn der Kommissar mit Ruten peitschen, bis er ohnmächtig wurde. Ws er wieder zur Besinnung kam, da besaht der Unhold noch einmal, ihn mit Ruten zu traktieren. Eher eine Leiche als ein lebender Mensch, wurde das bedauernswerte Opfer nach Hause gebracht. Dänemark. Kopenhagen. Statistik. Dänemark zählt unter einer Bevölkerung von 2lh Millionen Anwohnern 3500 Juden. 1880 war die Zahl der Juden noch 4100. Die VerEnderung dürfte hauptsächlich den Mischehen zuzusprechen sein, denn von 1880—1903 wurden in Kopenhagen (hier wohnen fast sämtliche Inden Dänemarks) 358 rein jüdische und 231 jüdischchristliche Ehen geschlossen. Türkei. Konstantinopel. Zahl der Juden in den türkischen Gebieten. In den Ländern, die jetzt zur Türkei gehören oder früher zu ihr gehört haben, leben gegenwärtig nicht weniger als 2189 090 Jude». Davon befinden sich auf dem Balkan 233 770. in Kleinasien 51 270, in Armenien und Mesopotamien 53250, in Arabien 45 000, in Tripolis 17 500, in Aegypten 21 800 und in Palästina und Syrien 89 612. Von den Balkanstaatcn zählt Serbien 6500, Griechenland 9000 und Bulgarien 33 663 und die europäische Türkei 184 637 Inden. Ferner wohnen auf den Inseln Cypern und Rhodos 5868 Juden. Ueber die Zahl der Juden in Palästina liegen neuere Daten nur aus 10 Städten vor. In Jerusalem bilden die Juden mit 28838 Seelen 62,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten Juden weist demnächst Safed auf, 7144 — 56,35 Prozent der Gesamtbevölkerung. An dritter Reihe steht Tiberias mit 3205 — 63,46 Prozent. In Jaffa wohnen 2970, in Chaifa 8375 uud in Hebron 1130 Juden. Es folgen - Akka mit 130, Ramle mit 99, Gaza mit 75 und Nablus mit 31 Juden und 110 Samarftanern. Im ganzen wohnen in den 10 Städten Palästinas 45 000 Juden unter 21889 Christen und 117 833 Mo° hamedaner. Bon diesen 45000 Juden, zu denen noch 8000 jüdische Kolonisten und zerstreut lebende Inden hinzugerechnet werden dürfen, sind 24438 Aschkenasim, 15 331 Sephardim. Der Rest besteht aus 2420 Marokkanern, 1228 Ucineniten, je 530 Perser und Bucharer und 670 Grusier. # Personalien. SchlldveiH (Posen). Frau Helene Schwarz feierte unter allgemeiner Beteiligung der jüdischen Gemeinde ihr 2 5 j ä h r i g e s Jubiläum als Vorsteherin des jüdischen Frauenvereines. NSlar (Hannover)." Der allgemein geschätzte Herr Selig Katzenstein wurde — man kann sagen: ohne sein Wissen und Wollen — in den Stadtrat gewählt. Wien. Am 2. ds. Mts. ' verschied Frau Rabbiner Emilie Fürst, Gattin des Rabbiners der Schisfschul, im Mer von 48 Jahren. Ein Muster altjüdischer weiblicher Tugenden, ausgezeichnet durch hohen Geist, durch einen Idealismus, der sie ganz in der Erfüllung ihrer Pflichten und in der Ausübung von Wohltaten aufgehcn ließ, war sie der Trost ihres Vaters, des Rabbiners von Eisenstadt, der in ihr das einzige Kind betrauert, und eine treue und liebe Genossin ihres Gatten. Wie«. Am 15. Februar beging der Gelehrte und jüdische Dichter und SchriMellcr Markus Weiß manu, seinen 75jährigen, Geburtstag. Jerusalem, 10. Februar. Heute verschied Rabbi R a b i n o w i t s ch T a » m i in. Ter Verblichene, einer der größten Gaoniin der Gegenwart und ein außergewöhnlich prächtiger Charakter, war langfahriger Leiter der Feschiwoh in Mir, die die größte Rußlands ist. Vor etwa zwei Jahren wurde er von der aschkenesische» Gemeinde als Nachfolger des berühmten Gaon Rabbi Joschua Diskin nach. Jerualcm berufen. Er dürfte das 60. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. A«s der Lehrerwett. Berlin. Am 12. ds. Mts. feierte der Oüerkantor Elias Sänger mit seiner Gattin die goldene Hochzeit. trug 10 734 gegen 9 984 im Vorjahre. Mit dem von Freifrau Mathilde von Rothschild beschlossenen Neubau ist nunmehr begonnen worden. Die Verhandlungen mit den städtischen Behörden wegen Abtretung von Gelände, hauptsächlich an der Seite der neuen, an dem zukünftigen Ostbahnhofe gelegenen Straßen, haben den Baubescheid bis jetzt, verzögert. Es ist ein Bau mit 50 Betten vorgesehen, auf dessen .Fertigstellung bereits eine große Anzahl Patienten wartet. An Stelle des verstorbenen Herrn Rechtsanwalt Julius Plotke wurde Herr Dr. jur. Richard Merzbach in die Verwaltung ausgenommen. An Geschenken gingen dem Verein 32 623.40 JL zu. Die Einnahmen und Ausgaben gleichen sich in 49 809,31 M. aus. Rogase« (Posen). Rabbiner Dr. Dünner aus Köln ist einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Lemberg. Herr Z. S. Taubes veröffentlicht im „Wschod" das Projekt des von der galizi- ' d)cii Schulkom inission an gcnomm tuen Planes des zukünftigen jüdischen Religionsunterrichtes, dem wir folgendes entnehmen: Der jüdische Religionsunterricht findet in jeder Klasse zwei Stunden wöchentlich statt. Das ganze Material ist im Lause von 6—7 Jahren durchzunehmen. Der Hauptgcgenstand des Unterrichtes ist das Gebetbuch in hebräischer Sprache und enthält außerdem: 1. Die Lehre über Gott und den Glauben. 2. Das Studieren der heiligen Schrift im Original oder in einer Uebersetzung. 3. Das Erklären der Gebete im Gebetbuche. 4. Die rituellen Vorschriften ür Haus uud Synagoge. 5. Lehre von den Feiertagen. 6. Die Lehre von den Pflichten des Juden. 7. Bekanntmachung mit den wichtigsten Ereigmssen der jüdischen Oieschichte. Der Unterricht im Beten beginnt schon in der ersten Klasse. Es wird den Lehrern zur Pflicht gemacht, den Kindern die Bibel, die bei den Juden die Grundlage des Glaubens ist, gründlich zu erklären. Der Unterricht in jüdischer Geschichte hat erst in der 6. und 7. Klasse zu erfolgen. Der Plan des Religionsunterrichtes ist für die Knaben und Mädchen derselbe. - Brüx (Böhmen). Am 2. Februar wurde der Vater des hiesigen k. k. Landcsgerichtsrates Eduard Schütz, Herr Direktor i. R. Salomon Schütz, unter Beteiligung der angesehensten Kreise der Stadt zu Grabe getragen. A. Schütz tvar lange Zeit in Böhmen und Mähren als Lehrer tätig: seine Haupttätigkcit aber entfaltete er aber erst in Czernowih, wo er 24 Jahre als Direktor und Rcligionslehrcr an der deutsch-israelitischen Knaben- und Mädchenschule wirkte. Infolge seiner pädagogischen Tüchtigkeit wurde er 1875 zum Mitgliede der staatlichen Prüfungskommission für Volks- und Bürgerschulen gewählt. Er veröffentlichte eine Chronik der Schule in Czernowitz, die in diesem Jahre ihr 50jähriges Jubiläum feiern wird, sowie zahlreiche pädagogische Schriften, in denen er sich als Meister des Stiles bewährt. Entradai» (Siebenbürgen). Zum Nachfolger unseres verewigten Rabbiners wurde heute sein Schwiegersohn Rabbiner A b r a h a ni I. F r e n n d gewählt. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Mitteilung der Nationalf o u d s - K o m in i s s i o ii der Frankfurter Zionistische n Bereinigung. Statt Telegramm zur Hochzeit Jakob-Rachelsohn 90 Pfg. Herr W. David statt Telegramm zur Verlobung von Herrn I. Lewh mit Frl. Rotschild 50 Pfg. Gleichzeftig teilen wir mit, daß wir eine größere Anzahl von Sammelbüchsen für den Nationalfonds erhalten haben. Die Sammelbüchsen, die in sehr geschmackvoller Weise hcrgestellt sind (Form eines Buches mit Aufschrift „Jüdischer Nationalsond" in hebräischer und deutscher Sprache, blau-weiß und zum Hinlegcn und Aufhängen eingerichtet), stellen wir jedem gratis zu. Bestellungen nimmt entgegen, schriftlich oder mündlich, Herr Abr. Reinhardt, Rödcrbergwcg 87, sowie die Geschäftsstelle dieses Blattes. Pretzburg. Herr Samuel Bettelheim, der gewesene Präsident des ungarisch-zionistischen Landeskomitces reiste aus Berufung des Aktionskomitees nach Wien und legte dein Aktionskomitee die Gründe seiner Demission von dieser Stelle dar. Olleichzcitig referierte er über den gegenwärtigen Stand der zionistischen Organisalion in Ungarn. Das Ergebnis der Besprechung war, daß Herr Bettelhcii» sich bereit erklärte, die Leitung der Partcigeschästc wieder zu übernehmen und die dritte Landeskonferenz riuzubcrufen. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein Gumpertzsches S i e ch e n h a n s hat im abgclaufciicn Geschäftsjahr 1l männliche und 27 weibliche Personen verpflegt: davon sind eine männliche und sechs weibliche Personen gestorben. Die Gesamtzahl der Pflegrtage be- Berlin. Der Verein zur Bekleidung armer jüdischer Kinder, dessen zweites Gechäftsjahr mit dem 31. März d. I. abläuft, hat in ' rer kurzen Zeit seines Bestehens recht Nennenswertes geleistet. Ueber 500. Kinder sind vollständig eingekleidet und ausgerüstet worden, und dafür sind über 6000 JL verbraucht. Und trotzdem die Mitgliederzahl beinahe 300 beträgt, stehen die Einnahmen res Vereins in keinem Verhältnis zu seinen Ausgaben und nur dringende Gesuche können Berücksichtigung inden. Ostrowo (Posen). Unter sehr reger-Beteiligung 'einer Mitglieder fand am 5. er. unter Leitung >cs Vorsitzenden, Herrn Kgl. Ockonomie-Kominissionsrats D. G o l d st e i n, eine Generalversammlung des hiesigen israelitischen Mildtätigkeits- Vereins statt. Laut Erstattung des Jahresberichts zählt der «Verein 103 Mitglieder, deren Jahresbeiträge 309 Mark ergeben; außerdem weist das Spendenverzeichnis eine Einnahme von 242,9p Mark nach. Das Vereinsvcrmögen ist auf 8107,96 Mark angewachsen. © Feuilleton. © Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Lev h. (Fortsetzung). Die ganze Familie Berger war nun in Berlin, Heinrich als flotter Student, seine Eltern auf Besuch bei ihrer Tochter. Das Verhältnis zu ihren: Schwiegersohn war andauernd gut, dieser hatte aber leider aus seinem Büreau soviel zu arbeiten, daß er sich seinen Schwiegereltern nur wenig widmen konnte. Frau und Fräulein Rode ließen es an der nötigen Höflichkeit nicht fehlen, und so waren die Eltern glücklich, weil ihrer Tochter das Leben der vornehmen Welt erschlossen war. Frau Berger erzählte ihrem Manne mit wichtiger Miene: , „Vorhin zeigte mir Hugo die Liste der Eingeladcnen. Auf seiner Soiree werden wir nur mit Leuten der besten Gesellschaft zusammen sein." ,/Ob wir uns in dieser Gesellschaft heimisch fühlen werden, ist noch abzuwarten. In kausmämiischen Kreisen gefällt's mir besser." „Und ich werde hier erst in der mir zusagenden Sphäre sein. Hugo soll stolz auf seine Schwiegermutter werden. Heinrich wird auch Bekanntschaften anknüpfen, die ihm förderlich sein können." „Wenn Heinrich sein Studium vollendet und seinen Doktor gemacht hat, wird er in mein Geschäft eintreten, uni es zu übernehmen, wenn es an der Zeit ist. Eine schönere Zukunft erstrebt er nicht, und die Protektion, die ihm zu dieser verhelfen soll, nämlich die mcinige, ist ihm sicher." Sie sah ihn mit einem hochmütigen Blicke an. „Ich muß also auch für die höhere Laufbahn Heinrichs sorgen?" und rauschte aus dem Zimmer. Zur selben Zeit saß Erna bei ihrem Mann, in das «Verzeichnis der Eiiigeladenen blickend. Sic lächelte unwillkürlich. „Hugo, vorhin unterhielt ich mich mit Mutter über die Soiree, zu der wir Dich ziii» erstenmal eingeladen. Denkst Du noch daran?" „Gewiß, Kind. Ta hielt ich Euch alle für rin bischen überspannt. Das bei uns verkehrende Publikum steht geistig doch höher." „Bei uns waren zu verschiedenartige Elemente." „Das gebe ich zu. Aber den wahrhaft vornehmen Ton vermißt man doch bei Deinen Glanbcnsgcnossen." „Stuf derselben Soiree war aber ein Glaubensgenosse von Dir, mein lieber Hugo, der einzige Betrunkene, der entfernt werden mutzte, und der gehörte der vornehmen Gesellschaft an." „Liebes Kind, Du wirst verletzend." „Nur seitdem cs Dir Vergnügen macht, meine Glaubensgenossen zu verunglimpfen." Der Eintritt des Mädchens unterbrach das unerquickliche Zwiegespräch. Am Gesellschaftsabcud erschienen die Taincii Rode, die Hugo gebeten, seine Frau bei dem Empfang der Gäste zu unterstützen, frühzeitig. „Meiner Mutter und Schwester sind die Gäste alle persönlich bekannt. Tu wirst mir für diese Anordnung dankbar sein" sagte Hugo leise zu seiner