Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Seite 3. mübeten und in der Westweisheit besonders erprobten Israeliten werden gewiß nicht unversucht lassen, den Bruch des Eises zu benutzen,, 11m eiligst eine Scholle nach der andern abzustoßen. Freilich behält jede Negierung die Freiheit; allein jede Negierung soll doch immer sich dagegen in acht nehmen, daß sie nicht, ihrer Kraft vertrauend, zu Abweichungen von der Regel einstimmt, welche in späteren Zeiten der möglichen Schwäche zu einer vollen Umkehrung führen können. Dazu kommt, daß unsere Akademien, wenn auf ihnen wissenschaftlicher Eifer und gehörige Regsamkeit erhalten werden soll, durchaus nicht bloß als Anstalten für den Bezirk ihres Landes, sondern als allgemeine Bildungsanstalten für ganz Deutschland zu behandeln sind, daß mithin auch aus ihnen das vermieden werden »mß, was in andern Ländern als verderblich angesehen ■ wird. Keine deutsche Regierung hat aber bisher Juden als Professoren auf Akademien angcstellt. Selbst in den österreichischen und preußischen Staaten, wo doch sonst die Israeliten die meisten Rechte haben, ist bisher immer ein solcher Schritt vermieden. Wenn also Heidelberg die erste Akademie Iväre, welche gegen die jetzt mehr als jemals den Israeliten entgegenstehende allgemeine Meinung sich endlich mit einer höchst bedenklichen Neuerung de» übrigen deutschen Staaten gegenüberstelltc, so würden daraus gewiß Mißverhältnisse und Gefahren entstehen, welche wir hier wohl nicht weiter zu entwickeln brauchen. Insbesondere müssen loir noch hier dies bemerken: Unsere Fakultät besitzt unter dem Namen des Spruchkollegii ein Rechtskollegium, an welches jährlich eine Menge der wichtigsten Rechtsfragen und Prozesse zur Beanttvortung und Entscheidung gelangen. Allgemein in ganz Teutschland ist es hergebracht, daß die Professoren jnris extraoräiosrii in der Regel Assessors der Spruchkoltegicn und Schöppenstühle sind. Auf welches Vertrauen haben wir also zu rechnen,, wenn durch die bisher ganz unerhört gewesene Ernennung eines Juden zum Professor jaris extrsoräivarius auswärts die ganze natürliche Besorgnis entsteht, daß hier am Ende gar vielleicht auch Juden iin Namen der transmittierenden christlichen Gerichte das Recht sprechen helfen? Oesfentlichc Bekanntmachungen können uns dagegen nicht retten, denn auf allgemeine Verbreitung derselben ist nicht zu rechnen und über kurz oder lang sind sie wieder vergessen. Tie Bewilligung des bloßen Professortitels würde hier also die größten Gefahren für ein Kollegium zur Folge haben, welches bisher ans allen Teilen Deutschlands fortwährend Beweise des Vertrauens erhielt und durch seinen Eifer und seine Tätigkeit gewiß allen Anspruch darauf hat, daß man höchsten Ortes Anstand nehme zu tun, tvas denen, welche bisher allein die Last tragen und ferner zu tragen haben, nichts als gerechte Besorgnis erregen kann." Ter Senat schloß sich dem gehässigen Votum Thibauts an. Sein Bericht schließt mit den Worten: „Tem Tr. Zimmern steht für seine Anstell,mg an der Universität nichts im Wege, als die Religion: Christ aber zu sein und mit christlicher Liebe und mit christlicher Treue in dem Tienst ihres erhabenen Souveräns, dessen hohes Fürstenhaus zu allen Zeiten durch Ehristentugenden ausgezeichnet war, zu stehen, ist für die Glieder des engeren Senates, und wie sie überzeugt, sein, dürften, auch für alle ihre übrigen Kollegen das höchste, und nur dadurch allein können sie sich des Vertrauens würdig beweisen, tvelches Seine Königliche Hoheit, unser ällcrgnädigstcr Landesherr in sic zu setzen gütigst geruhen." Am 21. Oktober 1821 erfolgte die Ernennung Zinimerns zum Professor ordinarius „noch zur Zeit ohne allen Gehalt und ohne Zusicherung desselben sür die Zukunft." Wahrscheinlich hatte er inzwischen dem Senate und der Fakultät das Opfer des Glaubcnstvechsels gebracht. 1826 ging Zimmern nach Jena, wo er 1827 zum Obcrappellatiousgerichtsrat ernannt tvurdc. Es darf hinzugefügt iverden, daß er als Romanist sehr geschätzt war und daß sein Lehrbuch noch heute vielfach zitiert und benutzt wird. Tie Familie Zimmern ist eine alte und wcitvcrzioeigte unter den Juden in Süddeutschland. Eines ihrer Mitglieder ist gegenwärtig sogar — Tomherr in Speyer. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Der Polizeipräsident giebt bekannt: „Die aus Anlaß des vorjährigen Laubhütte n sc st es auf dem Hofe des Grundstücks Linienstraße 111 erbaute und mit Tannenreisern bedachte Holzlaube war am 24. September v. I. durch ein brennendes Lampion in Brand geraten. Da sie nur etwa ei» Meter von zwei mit Oessnungen versehenen Gebändcfrontwänden entfernt stand, so hätte sich das Feuer bei weiterem Umsichgreifen leicht den benachbarten Gebäuden mitteilen können. In Zukunft toird daher die vorübergehende 'Ausstellung von Lauben der gedachten Art polizeilich Frankfurter Israelitisches Familienblatt. nur geduldet iverden, wenn die feuerpolizeilichen Sicherheitsrücksichten vollständig gewahrt sind, insbesondere, wenn die Lauben von Gebäudeumfaisiingswänden mit Lesfnungen mindestens fünf Meter entfernt bleiben und eine feuersichere Bedachung erhalten." Berlin. Der geschäftsführende Ausschuß des „Hilfsvercins der Deutschen Judeu" hat in seinen letzten Sitzungen eine größere Anzahl von Bewilligungen votiert, die auch für die Allgemcinheit von Interesse sein dürsten. Für eine Reihe von jüdischen G e,n c i n d c n in Rußland, welche wie Mohilew, Bichow, Alexandria usw. durch Exzesse, sowie für die Gemeinde Leclvo-Galatz in Beffarabien, welche durch eine M i ßernte stark mitgenommen wurden, hat der Hilfs- Verein zur Linderung der großen Not unter unseren dortigen Glaubensgenossen die S u in me v o n M a r k 20 0«) bewilligt. Znr Einführung einer neuen Indüst r i e i n G a l i z i e n ist einem Berliner Unternehmen ein unverzinsliches Darlehen von Mark 6000 gewährt worden. Zur Begründung einer Herberge in Königsberg, für welchen Zweck der Erwerb eines eigenen Grundstücks gemeinsam »nt dein .Hilfsverein für kranke russische Israeliten sich als zweckmäßig erwiesen hat, sind dem dortigen „Schutzkomitee" des .Hilfsvereins im ganzen M a r k 8000 einmalig ü n d M a r k 1000 jährlich zur Verfügung gestellt worden. Es ist sodann eine Reihe von Bewilligungen sür Schulzwecke anzusühren. Für ein zu begründendes L ehre r s e in i n a r sür die osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. hat der Hilssverein einen e i nin a l i g e n Beitrag von Ai a r k 5000 sowie einen jährlichen von M a r k 1000 zunächst sür 10 Jahre ausgeworfen. Zn den Baukosten einer M ä d ch e n s ch n l e in Heskieu (Konstantinopel) steuert der Hilfsverein Mark 5000 bei. Ten bereits bestehenden Kindergärten des .Hilfsvcreins in Jaffa und Jerusalein ist für das Jahr 1903, 4000 Fr. für einen neu zu begründenden Kindergarten in S a f f e d 1500 Fr. bewilligt worden. Einer Reihe von Schulen in Rumänien wurden gleichfalls Beiträge votiert, ebenso ist der Or-Thora-2chnle in Konstantinopel der Jahresbeitrag von 1000 auf 1500 JL für das Jahr 1905 erhöht worden. Zur Anstellung eines Schächters und Lehrers in Esch kssche hir am Knotenpunkte der Anatolischen Eisenbahnen, hat der Ausschuß einen 3 u schuß von 600 Fr. bewilligt. Zur Ausbildung einer Kindergärtnerin, die später in Pal ü st i n a wirken soll, wurde ein jährlicher Zuschuß von 600 JL, für die Bekämpfung des Mädchenhandels 300 JL bewilligt usw. usw. Dieser kurze Auszug aus dem Protokoll der letzten Sitzungen beweist auf's diene, wie außerordentlich groß die Ansorderungen sind, die aus allen Ländern des Ostens an den Hilssverein der Deutschen Juden fortwährend gestellt werden. Tie Leitung des Hilfsvereins wird aber nur dann in der Lage sei», diesen Anforderungen dauernd und wirksam zu genüge», wenn ihn alle Kreise der deutschen Judenheit, soweit sie materielle Opfer zu bringen in der Lage sind, in seinen Humanitären Bestrebungen unterstützen. Karlsruhe. Wanderbibliotheken für israelitische Gemeinden. Der großherzogliche Oberrat der Israeliten hat zur Verbreitung von Wissen und Bildung der israelitischen Bevölkerung, namentlich aus dem Lande, Wanderbibliotheken errichtet. Da die versügbaren Mittel nicht ausreichen» um allen Gemeinden dieses erbetene und erwünschte Bildungsmittel zuteil werden zu lassen, so wendet sich der Grvßh. Oberrat der Israeliten an die israelitischen Familien des Landes mit der Bitte, in ihrem Besitze befindliche, entbehrliche Bücher der Wanderbibliothek überlassen zu wollen, zunächst jedoch Verzeichnisse der abzugebenden Bücher (ausgeschlossen sind Schulbücher, veraltete Werke und Zeitschriften) dein Sekretariate des Großh. Oberrats der Israeliten in Karlsruhe zu übersende». 'Auch nimmt das Sekretariat Geldbeiträge zur Beschaffung von Büchern, welche mit dem Namen des Spenders bezeichnet werden, entgegen. Bamberg. Der jüngst hier verstorbene Erzbisch o f D r. I o s e f v. S ch o r k war ein entschiedener Gegner des Antisemitismus. In welchem Geiste er wirkte, davon gibt eine Ansprache Zeugnis, die er gelegentlich der Vornahme der Firmung in F ü r t h im Juni 1892 hielt. Er ermahnte darin, sich nicht bet dem Hasse und der Hetzerei gegen die Andersgläubigen zu beteiligen. Tiefe Hetze fei eine Schmach für unsere Zeit und verstoße gegen den Geist des Christentums in schärfster Weise. Hannover. Eine Millionenstiftung. Der jüngst verstorbene Philanthrop MoritzSimon hat zwei Millionen Mark zu Stiftungen sür humanitäre Zwecke hinterlassen. Breslau. Eine Stiftung von 500000 Mk. hat — wie bereits in voriger Nummer berichtet — Frau Bertha 2 ch o t t l ä n d e r, die frühere Inhaberin der altbekannten Maniisakturwarengroßhandlung B. Werner, aus Anlaß ihres 85. Geburtstages, den sie am Donnerstag, 2. Februar, geseiert hat, errichtet. Die vorläufigen Bestimmungen hierüber sind folgende: Bon dem Stammkapital sollen 200 000 JL abgezweigt werden und deren Zinse» alljährlich dein .Hauptkapital zngesügt und durch Zins ans Zins angesämmelt werde», bis der Stiftungs- Fonds die Höhe einer Million Mk. erreicht hat. Die Zinsen der restlichen 300000 JL sollen dazu verwandt iverden, um armen Frauen die Mittel zu einer Badereise oder zu ihrer Rekonvalecenz zu gewähre». Tie Verwaltung soll durch ein Kuratorium geführt iverden, welches aus 5 Mitglieder» besteht, von denen 3 der Familie der Stisterin, 2 dein Vorstände der Synagogen-Gemeinde angchören. — Die Stiftung der Frau Bertha Schottländer ist nicht die erste ihres Hauses, sie reiht sich würdig an der Stiftung, welche ihr verstorbener Gatte, der Kaufmann Marcus Schottländer, vor vielen Jahren gegründet hat. Aus derselben werden jedes Jahr an« 9. November 1500 JL an Arme verteilt. Hattstabt i. Elsaß. Die hiesige israelitische Gemeinde hat in letzter Zeit große Aenderungen durchgemacht. Der allseitig beliebte Kantor H. Weitl, der auch ein vorzüglicher Sänger ist, wurde nach Brunrath berufen. Nun hat die Gemeinde auch noch eine neue Berwaltungskommission erhalten. Ta der srühere Präsident derselben vor einiger Zeit sein Ehrenamt freiwillig niedergelegt hatte, wurde eine Neuwahl erforderlich. Diese fand vor einigen Tagen statt und wurde nicht nur ein neuer Vorsteher, sondern sogar eine ganz neue Kommission gewählt, bestehend aus den Herren Marx Bern heim, Präsident, 'Jules 2ncas. Adorf Levy, Henri Kirsch und Abraham Roth. Oesterreich-Ungarn. Krakau. Hier wurde eine Toynbeehalle ins Leben gerufen und in den Vorstand derselbe» die olgenden Herren gewählt: Dr. Hilfstein (Präses), Dr. Gottlieb (Vize-Präses) und Dr. Vogler (Sekretär). Es sind bereits viel 'Mitglieder beigetreten. (8.) Budapest. Die Zahl der Juden unter den neu gewählten Abgeordneten des ungarischen Landtages beträgt 21; 11 gehören der 48er, 7 der liberalen, 2 der demokratischen und 1 der neuen Partei (Banjsy) an. Prag. Hochsynagoge und isr. Rathaus. In der letzten Sitzung der zweiten Sektion der Ze n - t r a l k o m m i s s i o n für Kunst- und historische Denkmale in Wien wurde aus Antrag des Referenten Prof. Nenwirth beschlossen, sich nur dann mit der geplanten Demolierung des im Josesstädter Assanierungsrayon der Stadt Prag gelegenen Hauses Nr. 101 (Hochsynagoge) einverstanden zu erklären, wenn der angestrebte Zweck der Assanierung absolut durch kein anderes Mittel als durch Demolierung der Hochsynagoge oder der gegenüberliegenden, unter allen Umstände» zu erhaltenden Alt-Neusynagoge zu erreichen wäre. Dagegen legt sie gegen den weiter beabsichtigte» Abbruch des israelitischen Rathauses auf das entschiedenste Verwahrung ein, da dasselbe sür die Geschichte der Prager Judeilgemeinde ein hochwichtiger, architektonisch interessanter Bau von unbestreitbar malerischer Wirkkung ist. (8.) Tiakovar (Kroatien). Anläßlich seines 90. Geburtstages sprach bei dein Bischof Straßm a y e r eine Deputation der jüdischen Gemeinde unter Führung ihres Rabbiners D r. Ludwig Roth vor und wurde von dem hochwürdigen Zerr» aujs reundlichste einpsangen. Der Rabbiner schloß seine Ansprache mit den Worten: „Ich spreche im Namen jener Religion, die seit Jahrtausenden erhabene ethische Ideale verkündet, und die die patriotische Treue und Hingabe höher als alles Uebrige hält." Der Bischof dankte gerührt und sagte in seiner Antwort: „Tie jüdische Religion ist die älteste monotheistische Religion, und ich schätze sie wegen ihrer Anhänglichkeit an ihre religiösen Ideen hoch. Tie religiösen Ideen des jüdischen Volkes sind dazu berufen, der Menschheit immer mehr und mehr gute Dienste zu erweisen." Großbritannien. London. Lord Nathaniel v. Rothschild hat Unterhandlungen mit der Regierung von Canada eingeleitet, um die Begründung einer großen j ü dis ch e » K o lo n i e inManitoba und in dem Nordwestgebiet herbeizusühren. Die kanadische Regierung ist bereit, die Kolonie begründen zn lassen und zwar unter de» günstigsten Bedingungen für die Juden, welche dorthin auswandern wollen. :! j >. | ch! Petersburg. Wie .Der Fraind" erfährt, hat der Senat den Vorschlag des Gouverneurs, der studierenden Jugend, deren Eltern kein Aufenthalts-