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Neue jüdische Presse · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Veite 2._ Geschichtsschreiber Wolf Zawitz. Das Programm ist noch nicht überall eingeführt worden. Ein Lehrerkongreß sollte über seine definitive Giltigkeit entscheiden. Ter Lehrerkongrcß fand bis jetzt noch nicht statt. Warum? Ter „Nurkritiker" hat gleich die Antwoü; rmd zwar die stereotype Formel. Weil Plauni benMlamn der Kulturkommission angehört nfw. Tas mag' hie und da seine Berechtigung haben, ist mitunter auch ein ganz gewichtiges Motiv. Besonders in Rumänien. Ta wird oft Personenkultus getrieben. Es werden nicht selten Leute in jüdische Kommissionen gewählt, von deren Aufgabe sie keinen blauen Tunst haben. Am schlimmsten ist es mit den jüdisch kulturellen- Angelegenheiten bestellt. Wer die „Versorger" dieser unserer heiligsten Sachen kennt, der weiß, wie ttef wir rumänischen Juden diesbezüglich gesunken sind. Wem aber dieser Zustand der Dinge fremd ist, dem wird ein Zeitungsartikel schwerlich den nöttgen Aufschluß darüber verschaffen. Er müßte denn mit Blut geschrieben sein, mit dem Herzblutc unserer Mädchen und Knaben, die dieser Mißwirtschaft zum Opfer fallen. Eine schwierige Ausgabe also, diese so traurigen moralischen Zustände, in denen sich die rumänische Jndenheit befindet, im Rahmen eines Aufsatzes in richtigem und wahrem Lichte zu zeigen. Und weil dem so ist, so wollen wir die früher angeregte Frage nur in so fern berühren, als sie das vorläufige Mchtzustandekommen des in Aussicht gestellten Lehrerkongresses betrifft. Lehrerkongresse werden gewöhnlich nur während der Ferienzett abgchalten, denn dann verfügt der Lehrer über die nötige Muse; er verwendet einen Teil dieser seiner Zeit für Schulfragen in wetterem Sinne. So ist cs überall, in allen Landen, Städten und Gemeinden, wo jüdisch organisiertes Leben vorherrscht. Rumänien allein und seine jüdischen Gemeinden bilden die einzige traurige Ausnahme. Mit dem Beginn der Ferien beginnt der jüdische Lehrer Rumäniens zu hungern. Ter treue Kultusvorstand ist ein wahrer Sohn des Volkes. Er sucht Ersparnisse. „Tos Volk soll mal sehen wie man Oekonomie macht." Und er findet Wege zum Sparen. Ter wackere Präsident ist' ein wahrer Held. Er führt einen Federkampf gegen pie Leute der Feder, gegen die Lehrer. Er taucht seine Präsidentenfeder in die Tinte, und verkündet klipp und klar, schwarz -auf weiß sein Machtwort: Für die Zeit der Ferien erhalten die Lehrer nur die Hälfte ihres Gehalte s. Tiefes Machtwort verfehlt seine Wirkung nicht. Es dringt in die Stube des Lehrers. Es raubt seine Kraft, lähmt seine Unternehmungslust, nimmt ihm Zeit, Geduld und Mut. Er beginnt zu hungern. Mcht allein. Er befindet sich in guter Gesellschaft. Frau und Kinder hungern und fasten mit ihm. Sie tun noch was anders die Armen. Sie weinen... Zn diesem Ferienzustande soll nun der jüdische Lehrer in Rumänien Haus und Familie verlassen, um an einem Lehrerkongresse teUzunehmen. Nichts anlockenderes als das. Hat er ja bereits alles für sich und die Seinen versorgt, nun kann er sich dein Interesse der Allgemeinheit widmen. Unter diesen -Verhältnissen ist es begreiflich, daß ein Lehrerkongreß nicht so leicht zustande kommen kann. Unser Lehrerkongreß hat daher noch nicht stattgehabt. Tos Programm der Kulturkommission. hat somit noch nicht die Tlpprobation des gesamten Lehrkörpers erhalten, und konnte daher noch-nicht-überall eingeführt-werden. -Wich für Autorisierung der empfohlenen Bücher konnte infolgedessen nichts getan werden, da man zuerst die Begutachtung des Lehrerkongresses abwartete. Doch um die Wahrheit zu gestehen: Hätte der Lehrerkongreß - ja stattgefunden und das Programm wäre von demselben gutgeheißen, so käme dieser Gutachtung doch nicht mehr als eine moralische Kraft zu. Das Programm könnte keiner Schule auserlegt; als vielmehr «»empfohlen werden. Und es würden sich noch immer Leute — wenn auch in geringerer Zahl als früher — finden, Laien, die vom Schulunterricht keine Ahnung haben, die mtt aller Gewalt ihrer Meinungslosigkett in Schulsragen Geltung verschaffen möchten. Die geringe Autorität, die der Lehrer hier zu Lande genießt, trägt nicht wenig zu diesem Zustande der Dinge bei. Diese Geringschätzung — mag auch manches ungerechte Moment mitspielen — hat ihren Erklärungsgrund. — In einem Aufsatze „Aus Frankfurter Israelitisches Familienblatt. einer jüdischen Gemeinde vor fiinfzig Fahren" erzählt uns der berühmte Völkerpsychologe Moritz Lazarus folgenden interessanten Passus: „Zu meiner Zeit trat ein Mann, der bis dahin einen Hausierhandel betrieben und zn dem Verein unter meinem Vater gehörte, plötzlich als Lehrer ans; als mein Vater ihn fragte, wie er dazu komme, antwortete er; „ich habe geträumt, baß ich. ein Lehrer bin;" dies; hat er als Zeichen einer Berufung genommen, und ist Lehrer geworden." So weit Lazarus. Mehr als fünfzig Jahre sind nunmehr verstrichen, seitdem der Hausierer geträumt, daß er Lehrer sei. Und dennoch mutet uns der Fall an, als wäre er erst jetzt geschehen. Das Bild trifft leider noch heute ans einen großen Teil unserer Lehrer-in Rumänien zu. Sie üben diesen ihren Beruf aus, nicht weil sie sich darauf vorbereitet, weil sie eine innere Neigung dazu treibt, sondern weil sie nichts anders mehr zu tun haben, weil ihr Lebensschifflein an den Klippen des Daseinskampfes zerschellte. Nicht aus den: Lehrerseminar kommen sie in die Schule, sondern ans der Schule des Leidens, wo ihnen die Aussicht auf jede andere Existenz genommen ist. Es sind Reste ans dem alten Bes ha nndrasch, wo sie einen Teil ihrer Jugend verbracht und von wo aus sie als Luftmenschcn in die ihnen so fremde Welt des Lebens traten, um nach vergeblichem Abniühcn als Träumer, als Schiffbrüchige, als klagende Ruinen in die Lehrstätte Israels, i» die Erziehungsanstalten unserer Jugend einznkehren. Wie sic dazu kommen? „Sic träumten, daß sic Lehrer seien". Doch noch mehr trifft dieses Bild auf einen Teil unserer Schulaufscher zu. Darunter verstehe ich jene Leute, die in der Eigenschaft von Mitgliedern des sogenannten Schulkomitees sich berufen fühlen, in Angelegenheiten des jüdischen Unterrichtes sich zn mengen. Weil oft solche sogenannte Schulkomitees nicht weniger als aus Fachleuten zusammengestellt sind, bedeuten sie flir die Schulleitung das größte Hemmnis. Nickst mit Absicht. Jedenfalls ist dies nicht überall der Fall, aber aus Unwissenheit, ans Mangel an Kultur und „bau ton". Auch die wenigen guten Lehrer, über die wir verfügen, sind infolge solch unberufener Aufseher in ihrer ehrlichen, gut gemeinten Arbeit gestört. Man muß dem Treibe» solcher Leute mit eigenen Augen zugesehen haben, um die Tragweite dieses elenden, verkommenen Zustandes ermessen zu können. Trotz solcher ungünstigen Zustände hätten in vorletztem Jahre mehrere unserer Schulen noch vor der osiiziellen Annahme des Programmes einen Teil der in denselben anempfohlenen Bücher eingeftihrt. Das. ist mir aus Privatbriefen bekannt. Die -Gelder für diese Bücher mußten die arnren Schüler hergeben. Die arme», barfüßigen Kinder mit ihren blassen Lippen, eingefallenen Wangen und traurigen! Micke. . Ein Teil des Schuljahres war bereits verstrichen. Die Kinder wurden unterdes nach den in der Schule eingeführten Büchern unterrichtet. Da kam aus einmal «in ministerieller Erlaß, der alle nicht autorisierten Bücher als Lehrmethoden verbietet, eine Verfügung, die viele unserer Schulen hart trifft. Tenn die meisten und besten hebräischen Lehrbücher rühren von ausländischen Autoren her, deren Autorisierung die Regierung nicht gestatten will. Die jüdische Schule ist in ihren: tiefsten Kern getroffen. Dem jüdischen Unterrichtswesen ist eine blutende Wunde geschlagen worden, eine Wunde, deren gefahrdrohender Charakter schon-jetzt den Freunden und Förderern des Hebräischen die bittersteil' Klagetöne entlockt. Es mögen hier nur einige Worte angeführt werben, die der bekannte hebräische Schriststeller, Herr Mabaschan im Hinblick auf diesen Erlaß an mich richtete: „Fa wohl, es ist ein großes Weh, das über uns gekommen. Ich weiß, nicht auf welche Weise man dieses Gesetz .... rückgängig machen könnte. Dieses Fahr wird für den hebräischen Unterricht ein Hungcrjahr sein. Doch sorgen wir wenigstens für die Zukunft." - Die rumänische Jndenheit befindet sich in einer krttischen Situation Der Ernst der Sache leidet keinen Aufschub. Rasche Hilfe ttlt not. Wird sie auch geschehen? Unsere sogenannten „Ossiziellen" haben bis jetzt nichts getan, was zu dieser Hoffnung berechtigen würde. . I» der Gemeindestnbe ist noch kein Verständnis für diese brennende jüdische Frage vorhanden. Unsere Gemeinden sind eben noch nicht „er- _Nr. 7. obert". Nur in zionistischen Kreisen scheint man den Ernst der Sache zn erfasse». Die Zionisten waren auch hier die ersten, die diesem moralischen Uebcl einigermaßen abzuhelfen suchten. Konnte nicht gleich alles für den hebräischen Unterricht getan werden, so sollte doch wenigstens etwas geschehen.^ Und so wurde denn ans dem-letztest'Kongreß zn Gälatz die Herausgabe eines hebräischen Meschichtshuches in jüdisch nationale,ii Sinne beschlössen. Allein bis jetzt ist dieser Beschluß nicht in die Tat umgesetzt worden. Noch mehr. Das Geschichtsbuch ist bereits fertig. Die Kulturkommission hat das Manuskript geprüst, und ihr Gutachten zu Gunsten desselben abgegeben, doch wurden leider noch immer keine Schritte eiiigeleitct, um die Autorisierung des Buches zu bewerkstelligen. Und so ist denn alles, was in bezug auf Bcssergcstaltung des hebräischen Unterrichtes geschehen sollte, äusgcblieben. D i e j n d i s ch c S ch » l c, die einzige Stätte, der Leben, jüdisches Leben c n t st r ö m e n sollte, i st einer Ruine ähnlich. Wird jemals neues Leben ans dieser Ruine blühen? Die Antwort darauf können nur die. Zionisten geben. Sic haben sich an das jüdische Crziehungswerk gemacht. Das haben sie aus den Kongressen zu Jassy und Galatz in den Worten edelster Begeisterung verkündet. Mögen sie nicht aus halbem Wege stehen bleiben. Möge dem großen Worte auch die große Tat folgen. Die jüdische Tat, die dem jüdischen Volke eine jüdische Jugend sichert. Der erste jüdische Prttmtdozent in Deutschland. In dem Essay von Professor v. Lilienthai: „Heidelberger. Lehrer des Strafrechts (Festschrift, Heidelberg)" finden wir bisher gänzlich unbeachtet gebliebene Mitteilungen, durch die die Frage, „wer der erste jüdische Privatdozent in Teiitschlanb" >oar, ihre Beantwortung findet. Ter sehr wertvolle Bericht lautet: Am 30. Mai 1821 wurde vom Ministerium dem Senate der- Universität mttgeteilt, daß.nran höchsten Ortes geneigt sei, den Privatdozenten Tr. Zimmern zum außerordentlichen Professor zu ernennen, wenn demselben nichts als seine Religionseigeiischaft entgegenstche. Toch wünsche man vorher , die Ansicht des Senats und der Jnristenfakultät über diese Anstellung zu vernehmen. Tie juristische Fakultät erstattete darauf folgenden - (von Thibaut, dem damaligen Tekan, abgefaßten) Bericht an de» -Senat: „In dem Reskript des Hohen Ministerii des Innern vom 25. August 1818, wodurch dem-Tr. Zimmern die venia legendi erteilt ward, heißt es nach dem danialigen einstimmigen Anträge unserer Fakultät ausdrücklich: Die ^aoulta? lexenäil werde ihm mit dem Bemerken erteilt, daß er nach den damaligen Staats- . Verhältnissen keine Hoffnung habe, als- Professor ordinarius oder extraordinarius oder als Beisitzer des Spruchkollegii angcstcllt zu Iverden. Unsere Fakultät wünscht nun lebhaft, daß es auf immer bei diesem Beschlüsse bleiben möge, obgleich sich der Tr. Zimmern bisher durch seinen Charakter, seine gelehrten Kenntnisse'und seine Geschicklichkeit sehr ausgezeichnet hat. Schon die Konsequenz scheint es zn fordern, daß ein durch einen Ministerialbeschluß so klar ausgesprochenes Prinzip nicht gleich ivenige Fähre nachher wieder zurnckgenommen werde, ohne daß sich die Umstände ans irgend eine Art geändert haben. Es sind aber nach wie vor die dringendsten Gründe zur Rechtfertigung unseres obigen Wunsches vorhanden. Solange nämlich. unsere Staaten den Grundsatz annehmeii, daß die Rechte von Juden besonders in Beziehung auf die Berwalttrng des Staates möglichst zn beschränken seien, und daß man sie z. B. namentlich von allen Richterämtern, Wahlkollegien und ständischen Versammlungen ausschließen müsse, und solange die unmittelbar znm Staatsdienst bildenden höheren Wissenschaften vielfach mit der christlichen Religion Zusammenhängen, solange ist cs unnmgänglich erforderlich, daß ,nan, wie es schon so oft gesagt ist, unsere Akademien ganz als christliche Lehranstalten behandelt, und insbesondere in Beziehung auf die Rechtswissenschaft, welche in so vielfacher Hinsicht durch das Christentum begründet ist und überall damit in Verbindung steht. Will man der Humanität wegen da und dort einmal einem Israeliten bas Recht, Privatvorlesungen zst halten, erteilen, so mag dies als etwas Unwesentliches geschehen. Eine solche kleine den Ehrgeiz nicht anreizende Gunst wird wenig Kompetenten herbeiführcn. Allein wie man de» so hoch gehaltenen Titel eines akademische». Prozessors auch an Juden austeilt, wird der Andrang unfehlbar von allen Seiten erfolgen, und die durch ihren Reichtum schon bald allmächtigen, stets uner-

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