Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Lette 10 •tcantturter IlraelttiliLe« ftamtltenblart. Jir. 6 jcbc Diskussion von vorne herein verzichtet werden, sie hat anscheinend das Entstehen des politischen Zionismus noch nicht erlebt, sic befindet sich noch im Palästina der. Idee. Ae zlveite Gruppe aber ist tatsächlich tcrritorialistisch, denn indem sic eine Erforschung Palästinas zur Bedingung macht, bereitet . sie sich, da, wenn etwas erst erforscht werden soll, nicht von porne herein schon Bestintmtes angenommen werden kann, auch für die Möglichkeit vor, Last es sich als ungeeignet erweist nnd daß man darauf wird verzichten sollen. Ten beiden obengenannten Gruppen ist nun der irrige Glaube gemeinsam, daß wir Palästina nicht erst erlangen müssen, erbetteln, erlaufen, sei cs auf welche Weise, sondern daß wir es schon besitzen. Hier ist einfach eine Verwirrung der Vorstellungen zu konstatieren, begreiflich infolge der berauschenden Anticipation des erst zu erlangenden Zieles. Charakteristisch für diese Psychologie ist der Ausspruch eines Redners auf dem letzte» Kongresse: „Wozu brauchen wir Uganda, wir habe» ja Palästina!" Hier ist nun der Punkt, wo naturgemäß eine weitere Scheidung im zionistischen Lager cintreten muß. Glücklicherweise gibt es auch solche, die nüchtern genug sind, sich einer derartigen Selbsttäuschung nicht hinzugeben, die ganz genau wissen, daß wir Palästina noch nicht besitzen, und das sind eben die schrecklichen Territorialistcn. (Fortsetzung folgt). „Diamautstadt." Ter Zug unserer dekadenten Literaturepoche, deren künstlerische Erzeugnisse mehr an die Sinne, an die groben Instinkte, an die gereizten Nerven, als an den Geist und das Gefühl appellieren, ist neuerdings auch in die „Judengasse" eingedrungcn. Der mit viel Lärm und Gepolter auf den Schild gehobene überschwängliche und krasse Naturalismus hat nunmehr ein Gebiet betreten, das bis Für Zeit in der Literatur .mit einem gewissen'Nimbus umgeben war: Das jüdische Ghetto. Denken wir zurück an die Ahnen der Ghettogeschichte, an jene Dichter und Künstler, die mit Liebe, Pietät und nicht selten auch init wahrer Meisterschaft, das Leben der Juden schilderten, und vergleichen wir diese mit dem jüngsten Ghetto-Schriftsteller der modernsten Richtung, so weckt in uns namenloses Staunen jene Kluft der Lnrpsindungcn, die zwischen ihnen gähnt. Jene sahen den Schmutz und den Kot der „Gasse", allein sie suchten nach den Perle», die in. ihnen verborgen lagen, sic sahen den faustdicken' Dunstkreis, in den die „Gasse" gehüllt war, aber sie spähten aus nach dem Lichtstrahl und Sonncnglanz, der sich'durch die finstern Ghettomaiicr» mächtig Bahn brach; — der moderne, bloß an das Aeußere haftende Ghetto-Milieu-Schildererdagegen, hat 'nur ein Auge für das Kahle nnd Abgestorbene, für den Schlamm und den Morast, wogegen das Licht in dieser Finsternis, das Schöne in diesem Acußerlich-Häßlichen ihm fremd bleiben. Jene wagten sich an ein Problem heran, das Problem der Unverwüstlichkeit und Lebenszähigkeit des Ghettojuden, der allen Widerwärtigkeiten und sozialen Mißständen trotzte, und kehrten daher das Gesunde und Lebensfähige hervor; dieser sucht mit geradezu pedantischer Gründlichkeit das äußere Bild festzuhaltcn und hastet nur an der Schale, die sein .Auge sieht, ohne in den Kern zu dringen. Ein oder der Ghetto-Schilderer der letzten Kategorie ist Hermann Heijermans, dessen neuester Roma» „Diamantstadt"*) uns vorliegt. Der Roman ist auf dem Untergründe eines Diamantenschleifer- Streiks, der sich in Amsterdam, der 'Diamantenstadt, abspielt, aufgebaut. Sämtliche Diamantenschleifer — mit Ausnahme der Shipsmaker, das sind Leute, die die kleinen, schwer zu schleifenden Stückchen bearbeiten, — sind Juden. Somit ist die ganze Handlung in ein spezifisch-jüdisches Milieu hineingetragen. Heijermans, selbst ein Sohn des Ghetto, unternimmt es, in diesem Romane, diese Umgebung, wie er sie mit leiblichen Augen geschaut, mite i-n ein geradezu überspannt. konsequenten Naturalismus zu zeichnen. Zeichnen! Das ist das richtige Wort für Heijermans Manier, das Ghetto zu schildern. Er zeichnet bloß, er kopiert, treu und gewissenhaft, Seite für Seite, Strich fiir Strich. Seine Bilder sind gar oft ein treuer Abklatsch der Natur, ohne zugleich das Spiegelbild ihrer Seele zu sein. Heijer- ' mans' Naturalismus ist dogmatisch, eine Art mate- "*) Verlag Egon .Fleischet n. Co., Berlin 1901. rialistischer Ghettoauffassung. Er schwelgt förmlich im rein Stofflichen..- Der Mensch ist ihm nur eine Summe von Fleisch und Blut, und er vergißt, daß der Mensch auch ein Hirn besitzt, das eine Summe von Gedanken, und ein Herz, das eine Summe von Gefühle» bildet. Daher liest sich auch der Roman wie eine kühle, mit kaltem Herz und wenig Verstand ausgearbeitcte Studie eines leichensezierenden Arztes, ivic eine in der Nacht verfertigte Elnkubratiön eines grübelnden und düstcluden Stubengelehrten. Daher ist Heijermans ein geschickter Photograph, ein ausgezeichneter Retouchierer, aber ein schlechter Maler- Dichter,' da er weder künstlerisch-gestaltend noch schöpferisch-bildend ist. Es wurde behauptet, daß die Milieu-Schilderunge» Heijermans, des Holländers, an die holländischen Maler der modernen Richtung erinnern. Mit Nichten. In Heijermans „Tiamantstadt" finden wir keine grauen Nebellichter, keine Neinbrandtischen Tämmerstinnnungen, sondern alles ist grau in Grau, ja, schwarz in Schwarz — nächtlich. Man nehme einmal folgende Schilderung einer Sackgasse in Amsterdam: „Es war die .giftige unheimliche Finsternis, die nach dem fauligen Wasser zu stolperte und auf das Sackgäßchcn nnd die Häuser und das Wasser und die Wohnungsruinen gegenüber an der Gracht ticfschwarzc Betrübnis senkte, s ch w a r z e Betrübnis auf den Bretterschuppen, aus die verfallende Scheune, ans die steif getrocknete Wäsche, auf die Latten an den Fenstern — s ch w a r z c Betrübnis, schwarz >vie die Nacht unter dichtblättrigen Bäumen, s ch w a r z wie Fledermausslug, schwarz wie Sargdeckel, im Dunkel eines Totcnwagcns — schwarz wie Schlamm und-Schmutz an verwitterten Wände», an bewachsene» Dachpfannen, f d) warz wie die Treppchen an de» altersschwachen Stufen usw." Ist das etwa ein Bild der modernen holländischen Malerschnlc? Würde nicht vielmehr «in solches Bild, statt mit angehäuftcn plconastischen Redensarten mir de», Pinsel eines Malers ausgejührt, einen dick-schwarzen Farbcnklecks ergeben? Heijermans besitzt auch eine große Vorliebe jür das Faule und Stinkende, für das Eklige und bis zun, Brechen Erregende. Erkommt aus dem Schmutz und Kehricht nicht heraus. 'Das Judcnviertel in Amsterdam ist ihm ein „verfaulter Winkel", voll von Schmutz und Gestank, die Häuser sind in dunstige Schatte» gehüllt, „verwittert und schmutzig", die „plumpen" Dächer sind „bemoost und schmutzig", die Jndciiquarticre sind „braun und schinntzigfarbig", das Grün au den Bäumen ist „staubig und schmutzig", ja selbst der Himmel erscheint wie „ein „milchig trüber Deckel, der. über den Giebeln und Dächer» liegt". Und so geht cs weiter fort in nimmer endendem Schmutz und Gestank. — Ist das etwa holländische Malerei? Und erst seine Jndentypen? Diese haben wahrhaftig mit den ©cuiälbcn der modernen holländischen Malerschnlc Ivenig gcnieiu. Es genügt, auf den Landsmann Heijermans', den berühmten Josef. Israels hinzuweisen. Israels malt den Ghettojude», den hungcrigeu nnd verkommenen, mit Liebe nnd künstlerischem Ernst. In seine» meisterhaften Bildern tritt neben der äußeren Erscheinung auch das innere Seelenleben zuin Vorschein. In Heijermans' Schilderungen hingegen sehen wir den Juden nur als Produkt seiner Verhältnisse; aber vom Spezifischen in ihm, ivas sich in allen Lebenslagen nicht verleugnet, entdecken wir keine ' Spur. Seine jüdischen Figuren sind zumeist Schemen, die auf jüdische Namen hören und von denen uns Heijermans glauben machen will, daß sie Juden sind. Heijermans gehört zu denjenigen Schriftsteller», von denen Maxim Gorki behauptet, daß sie schädliche Gesellen seien, weil sie Gedächtnis und Aufmerksamkeit der Leser mit Photographien von belanglosem Kleinkram ans einem ereignislosen Leben anfüllen und unfähig sind, das Leben so darzustellen, daß seine Wirklichkeitsschilderungen rächende Scham und brennendes Verlangen crlvecken, neue Daseinsformen für Vas Leben zu schassen. Heijermans'Schilderungen. wecken in uns weder „rächende Scham" noch sittliche Entrüstung, noch jenes Gefühl von Furcht und Mitleid, das die Tragik erzeugt. Was sie in uns erwecken, ist: Ekel uni»Ab s ch eil. Seine Personen sind degenerierte, verkommene Individuen, die, in Schmutz nnd Finsternis auferzogen, im ekligen, stinkenden Schmutz versumpfen, weil ihnen der innere Freiheitsdrang mangelt. Sie sind weder erbarmungswürdig noch bemitleidenswert. Und als im Schlußteil des Romans eine Feuersbrunst ausbricht, der einige solche Individuen zmn Opfer fallen, überkommt uns ei» Gefühl, «ls sei hier etwas weggefegt woiden, was wert war, daß es untergeht! m Sainmh Et Hel. ‘ Robespierre und die Juden. - Aus dem Ungarischen des Emil Abränhi sim Budapest: Naplö), von Dr. F. I. ‘ Tie Nationalversammlung hat kurz nach ihrer Konstituierung die berühmte Erklärung der Menschenrechte herausgegebcn. Ter 10. Paragraph lautete: „Niemand ist an der freien Betonung seiner Meinungen zu hindern. Auch nicht in der Betonung seiner religiösen Ansichten. Vorausgesetzt, daß diese Anichten nicht gegen das Gesetz verstoßen." (Dieses „vor- ausgesctzt" ist der stete, unbequeme. Begleiter der Freiheit. Es ist ein schlauer Griff, daß die Macht uns immer mahnend an den Kragen gehen kann,, wenn wir uns etwa einen Augenblick in dem Glauben befänden, wirklich frei zu sein.) Eine konkretere Form nahm die Sache an, als in der Eonstitnänte, in der gesetzgebenden Versainmlung, auf die „Toleranz" die Rede kam. Ein Passus der auf die Erklärung der Menschenrechte Bezug habenden Vorlage lautete folgendermaßen: „Ter Gottesdienst gehört in den Machtkreis, der Polizei. Sie allein hat das Recht und die Bcugnis, die Ausübung jedweder Religion zuzulassen oder zu untersagen." Mirabeau griff diesen Passus mit großer Vehemenz an. „Ich will nicht etwa" — so sprach er — „Toleranz predigen. Das Recht der schrankenlosen Religionsfreiheit ist so heilig in meinen Augen, daß ich das Wort „Toleranz" als Ansdruck dieses' Rechtes für eine Tyrannei halte, Tie bloße Existenz des Wortes „Toleranz", das also auch sein Gegenteil, die „Intoleranz" voranssctzt, ist ein wahrhaftes Attentat gegen die Gedankenfreiheit." In der nächsten Sitzung hat Mirabeau noch entschiedener betont: „Man spricht hier von einer herrschenden Religion. Was verstehen Sie unter einer herrschenden Religion. Ich verstehe dieses Wort'nicht und wäre demjenigen dankbar, der es mir erklärte. Sie verstehen darunter eine solche Religion, die die übrigen unterdrückt. Sie hassen doch aber die Unterdrückung. Sie haben ja das Wort „Unterdrückung" deutlich genug gekennzeichnct. Oder verstehen Sie darunter die Religion des Königs, des Herrschers? Nun aber steht dem Könige nicht das Recht zu, über die ltzcwisse» zu herrsche». Oder aber die Religion der Mehrheit? Ta verwahre ich mich auch dagegen. Religion ist: Meinung. Diese oder jene Religion ist das Ergebnis dieser oder jener Meinung. Und eine Meinung kann nicht in dem Zujammenzählcn von Stimmen bestehe». Der Gedanke ist unser. Ter Gedanke ist unabhängig und. läßt sich nicht in Ketten legen." So donnerte der Titane Mirabcau. Aber in dieser Versammlung ivar die Partei der vergangenen Zeiten noch sehr mächtig; Erzbischöfe, Bischöfe, Fürsten, Marquis und Vicomtes, ergänzt noch durch die Deserteure des Tier's etat. Diese Herren saßen an der rechten Seite des Saales und nahmen die Revolution noch nicht ganz ernst. Aus die schwersten Anschuldigungen war von ihrer Seite oft nur ein leicht hingeworfenes, elegantes Bon-mot die Antwort. Bor erschütternde» Katastrophe» ist oftmals ein teils frivoler und teils dumpfer Seelenznstand wahrzunchmen. Bei einem Schiffbruch verursacht das Konstatieren. der Gefahr — wie diejenigen, die mit heiser Haut davongckommen sind, berichten — nicht allso-- glcich allgeineines Entsetzen. Ein Teil der Reisenden blickt teils staunend, teils lächelnd auf die erschrockenen Mitreisenden, wie wenn sie nicht begreifen könnten, daß auch sie an der Schwelle des Todes stehen. Es ist jetzt etwa 105 Jahre her, da eine sonderdar ausschende Deputation vor den Schranken der Nationalversammlung gestanden. Ihr hagerer Körper war mit einem Kaftan bedeckt, ihr bleiches Gesicht verriet die Spuren langer Leiden. Diese schlecht aüSsehenden Gestalten waren Jüden aus Elsaß und Lothringen, die nach Paris' und Versailles gekommen waren, um die »nächtige. Versammlung um Erbarmen für ihre armen Glaubensgenossen anzuflehen. Sie gaben ein Gesuch ein an die Mitglieder der Assembler nationale, in welchem sie die Verkünder des Menschenrechtes folgendermaßen anslehten: . „Hohe Versammlung! . Jtn Namen des höchsten Wesens, das die Urquelle'alles Rechts und aller Gerechtigkeit ist —