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Neue jüdische Presse · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 6 des Franksutter Israelitischen Famllienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Die Kunst der Erziehung/ — Die Landfroge im Zionismus. — „Diamantstadt." — Robespierre und die Juden. — Aus alter Welt. —.Personalien. — Aus den Vereinen. — -Sprechsaal. — Bücherschau. — Briefkasten. — Aus der Geschäftswelt. — Vakanzen. — ..Jüdische Jugend." Die Kunst der Erziehung. (Fortsetzung.); In frühester Jugend muß die Erziehung beginnen und zwar zielbewußt, jede Charakteräußerung» falls sie eine gute durch Förderung, falls eine üble durch Vorbeugung, gewürdigt werden. Besonders sind die Lin kindlichen, gemütswarmen Züge zu Pflegen, die stille ungetrübte Heiterkeit, kindliche Treue und das Mitleid. „Es gibt Menschen — sagt Hilty — die dieses wahrhaft kindliche Wesen durch das ganze Leben hindurch behalte» und sie gehören immer zu den besten, manchmal zu den intelligentesten ihres Geschlechtes." Mhnlich sagt Hirsch: „Brav sein ist eine Kunst und nur Uebnng niacht den Meister", und dann spricht es auch der Leitsatz aus: et>»nno«d Isuaar al pi (larko, garn ki jaskiri lau josur mimenno. Erziehe de» Knaben nach Maßgabe feines Weges, noch als Greis wird er nicht davon lassen. Besser ist es die Kinder zum schönen und guten Handeln auzuleiten, ihnen die Lust am eigenen -Tun zu beleben, als mit dem „Tue das nicht wieder" Anmut hervorzurufen. Ebenso sei auch der Tadel kurz und sobald ec geschehen, vergesseil. Tiefen von Pestalozzi schon in anderer Form ausgestellten Satz weiß Hirsch sehr anschaulich zu illustrieren: „Du bist ein Taugenichts, du bist ein Lügner, dir bist ein Dieb sind gefährliche Worte,, die — wiederholt gebraucht — schon manchen zum Taugenichts, zum Lügner machen könikten. Da hast dic wie ei» Taugenichts gehandelt, . da hättest du ja gelogen, ivirkt ganz anders und cmthält schon in dem Vorwurf den mächtigsten Sporn Kr künftigem besseren Verhalten." — Diese elementar bildlichen Erziehuugsluaximc find am besten in einer Familie zu verwirklichen, die von diesem Geiste beseelt ist. Schwer toird das Erziehungsmerk. wo den zarten Kleinen in der Familie Widersprüche des Handelns austauchen, der Familicnverkchr also Schäden hat, während die beste ilnterstützung der Erziehungsarbeit sorgsame, familiäre Förderung derselben ist. Mit deiil schulpflichtigcir Älter beginnt das Kindesgemüt neue Sprossen anzusetzen., Arbeitsleistung, Kamps und Drang zum Wissen füllen den Sinn der Menschenblüte aus. Da heißt, es Zügel anlegen, daß nicht der verderbliche Ehrgeiz gezüchtet wird, und neben Arbeits- und Wissensdrang darf vor allem der Idealismus der Jugend iricht fehlen. Stark ausgeprägt sei aus jeden Fall das Pflichtgefühl. Dank «nd Anerkennung sür geringfügige Leistungen beordern leicht die Eitelkeit und züchten geradezil die Blasiertheit. In dieser Zeit ist die Aufgabe der Familie und besonders der Mutter eine überaus große und tiefgreifende. Verweichlichung auf der einen, Härte statt angemessener Strenge auf der andern Seite verderben nur zu leicht die Erziehungsarbeit Sdk Schule. Bezüglich dieser Fürsorge der Eltern lehrt uns Hirsch: „Glücklich das Kind, an dessen Wiege Vater und Mutter die oft wachen nächtlichen Stunden seiner ersten Lebensjahre zum stille» ernsten Einblick in das eigne Innere benutzen, um aus dem eigenen Leben erst jeden Fehler, jede Schwäche, jedes Unwahre, Unedle zu löschen, auf daß das Kind, wenn es zum Bewußtsein erwacht, in Eltcrn-Wort und -Handlung nur den reinen Spiegel des Nachahmenswerten erblickt." — Und an einer anderen Stelle: „Es sei das Gestern nimmer sür uns da, jeder frische Morgen führe uns den Kindern mit frischer Hoffnung entgegen" .... -- Das Wort Gottes -..bseias apecho tauclial lechem Hn Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen", dieses Gebot der Werktätigkeit, der Arb.it üüd Mühe für alle Menschen, das in seiner Erfüllung dazu berufen ist der ganzen Menschheit Glück und körperliche wie seelische Kraft und Gesundheit zu ' spenden, muß Kindern stets gegenwärtig gehalten werden. Freude an der Arbeit, Verachtung des Müßigganges werden sie dahin bringen, den,fMam- Monismus", die Jagd nach dem Gelbe, als das Grundübel unserer gesellschaftlichen Deklassierung zu erkennen. „Also," sagt Hilty, „vor allen Dingen dürfen die Kinder keinen Respekt vor dem bloßen Reichtum bekommen und Namen wie Rothschild oder Myrgän und Rockefeller müssen ihneti ganz so gleichgültig sein, wie Hinz und Kunz." Sowohl für Eltern als auch für die Kinder selbst, ist es in der Erziehungsarbeit störend, wenn der Gedanke der Verheiratung, besonders der Töchter, schon frühzeitig ventiliert wird. Hilty wirst selbst die Frage auf, ob denn diese in Kürze hier geschilderte Art der Erziehung nicht zu einer Weltentfremdung sühre und beantwortet die Frage, ob man mit solchen Grundsätzen auch durch die Welt komme, wie folgt: . „Ich kann hier aus der Erfahrung eines längeren Lebens mit ja antworten; man kommt so gut oder sogar besser durch, als mit der entgegengesetzten. Freilich nicht, wenn man unter Durchkommen etwas anderes als eine arbeitssame Existenz versteht. Für Müßiggänger und Genußmenschen passen diese Ansichten nicht." Der Wohlanstand, die sogenannte Höflich k e i t sei nichts Gemachtes, sondern er sei die Folge eines guten gegen jedermann freundlich gesinnten Herzens; die weiteren auf dieses Gebiet bezüglichen Einzelheiten könne» füglich übergangen werden, ebenso wie Vieles etwas breit Ausgesponnenes der letzteren Kapitel. „Der Verkehr mit echten guten Mädchen schadet dcn Knabcn garnichts, im Gegenteil, er ist für sie ein Schutz gegen weniger Geeignetes." „Die Hauptsache ist und bleibt, daß der Geist der Kinder gegen das Gemeine unempfänglich erhalten wird." Die Neurasthenie unserer Tage führt Hilty außer aus Vererblichkeit und soziale Umstände auf die Unbesriedigung zurück/ auf die Verzweiflung au dem inuner ausbleibeudeu Erfolge im Leben derer, die keine innere Befriedigung, ncit einem Worte teilte Religion, kennen. (Schluß folgt.) Die Landfrage im Zionismus*) von Z. O. Nacht, l. Will man einen ' gegnerischen Standpunkt bekämpfen, so ist es gut, nicht nur einen feindlichen Blick darauf zu werfen, sondern auch einen freundlichen, d. h. es ist gut, sich seinen eigenen Standpunkt vor Augen zu halten, auf daß man in der Bekämpfung des andern' sich nicht ins eigene Fleisch schneide. Auf solche Weise wird man nicht nur das Trennende der beiden Meinungen kn die Betrachtung ziehen, sondern auch das,-worin sic übercinstimmen. Vielleicht stellt es sich dann heraus, daß das Gegensätzliche sich auf ein Minimum reduziert, das daun viel leichter' erwägen läßt, ob man zustkminen oder ablehnen soll. Wir wollen untersuchcu, ob das, was man, dem Territorialismus (das Suchen nach einem beliebigen Lande für das jüdische Volk) inr besondern vorwirft, nicht den Zionismus im allgemeinen trifft und daun sehen, wie diese Fehler sich in Vorzüge verwandeln. Vergegenwärtigen wir uns das E n t st e h e n d e s politischen Zionismus und das, wogegen er besonders in der Anfangszeit vor allem anzukämpfen hatte. Eswäre vollkomme« falsch, zu behaupten, daß nur Haß und Feindschaft gegen.das Judentum gegen ihn kämpften. Wir wollen nicht leugnen, daß auch mancher gute Jude damals als Gegner des Zionismus auftrat. Wnuderbarerweife mit den gleichen Argumenten und Befürchtungen, die heute auch gegen den Territorialismus laut werden. Auch damals galt es ja, sich von Manche,» zu trennen, was heilig geworden war. Wir Juden gewöhnen uns trotz allem doch sehr leicht an neue Zustände, mögen sie noch so traurige sein, und gewinnen sie sogar lieb. Ob wir während der 1800 Jahre des Exils nichts für uns tun konnten oder wollten, einerlei, es steht sest, daß auch diese Tatenlosigkeit uns zur Tugend werden konnte. Wir um» *) Wie die nachstehenden Ausführungen zur Evidenz zeigen, reden sich die Territorialisten, indem sie suchen, ihren Standpunkt zu beweisen — ohne es zu wollen — in eine Gegnerschaft zum Zionismus hinein und merken dabei nicht, daß sie unbewußt im Fahrwasser der Gegner segeln. Dies sei nur beiläufig bemerkt! — Wir werden noch in einem besonderen Artikel zu der Frage des Territorialismus Stellung nehmen. Zur Aufnahme des vorliegenden Artikels hat uns die Ansitz veranlaßt, daß zur Klärung einer Frage eine freie Diskussion nur von Vorteil sein kann. Anm. d. Redakt. gaben sie mit Romantik, die immer ein Zeichen von etwas Fehlendem ist, das sie in Träumen ersetzen soll. Die Tatenlosigkeit wurde uns ein heiliges Gut, das wir nicht aufgeben z» dürfen schienen, ohne uns selbst aufzugebeu. Man scheute sich nicht, die große Messiasidee in ihren Dienst zu stellen, deren Verwirklichung.aus diesem Grunde nicht mehr als das Produkt allmählicher Entwicklung erscheinen durfte, sondern vom Bolksgemüt in etwas täglich und stündlich Erwartetes umgeprägt wurde. Die so geartete Messiasidee war — das muß betont werden — dadurch, daß sie uns eine gemeinsame Hosfnuna gab, in Zeiten, wo wir nichts für uns tun konnten, wie keine andere geeignet, uns seelisch einigende Band abzugeben. Mer sie wurhtz zur Hemmung in dem Augenblick, wo es hieK sich zu Taten aufzurafsen. Es ist noch nicht gar lange her, wo der erwachende und ininier mehr um sich greifende Zionismus sich gegen diejenigen zu wehren hatte, die ihn mit der Messiasidce bekämpften,. die das gleiche gegen den Zionismus aus» sprachen, wie die Nur - Palästina - Ziöiiistcii heute gegen den Territorialismus: Man raube dem Volke den erhabensten Glauben, durch den cs in Zeiten schwersten Martyriums zusammengehalten wurde, der Zionisncus sei eine Verzweiflungstat, wehe, wenn seine Hoffnungen sich nicht verwirklichen sollten; denjenigen, die an ihn geglaubt, würde dann nur noch die Assimilation als einzig mögliche Rettung erscheinen. So argunrentierte man danrals, aus den« einzigen Grunde, weil wir uns anschicktcn, den ncißverstandenen Mejsiasglauben durch den wahren zu ersetzen, weil w« an Stelle der Lethargie den Willen zur Aktivität schasse» wollten. Für diefes Verbrechen wurden wir Bolksversührer, Volksverräter genannt. Nahmen wir dem Volke nicht noch mehr? Nahmen wir ihm nicht ein Palästina und setzten ein anderes an dessen Stelle? 1800 Jahre lang hatte der Jude aus srenldem Bode» geirrt, Palästina aber im Herzen getragen. Es war ein eigenartiges Palästina, ähnlich jenem umgestalteten Messiasglauben. Mitten in allem Jammer und Leid durfte der Jude im Familienkreise in alte» Erinnerungen schwelgen, durfte er in der Phantasie den Jordan rauschen hören, durch die Cedern von Libanon sich anwehen lassen. Dieses Palästina war ihm sicher (auch ohne Autoiromie), nieinand konnte e» ihm rauben. Warum begnügten wir uns nicht damit? Wäre das nicht schon die kluge Beschränkung gewesen, die uns unsere Weisen auempfohlen? Ter politische Zionismus aber kam und »ahni uns dieses Gedanken-Palästina, indem er von nun ab seinen Besitz abhängig machte von; dem Gelingen oder Nichtgelingen diplomatischer Arbeit. Das Palästina, das wir bereits besaßen, gaben wir hin zu Gunsten eines andern, das ivir erst erlange» sollten, und dessen Erlangung bei aller zuversichtlichen Hoffnung doch immerhinin Frage gestellt war. Wer das alte Passivität-Palästina dabei noch behalten zu können glaubte, der gab sich einfach einer Täuschung hi». WaS heute also dem Territorialismus vorgewocfe» wird, das beging tatsächlich schon der politische Zionismus am Anfangs seines Entstehens. Tie Liebe zu Zion, die bis dahin inr Volke gelebt hatte, ward nun tatsächlich schon damals zu Territorialismus, indem der Zionismus/ statt mit der Idee sich zu begnüge», auf wirkliche terra, auf ein wirkliches Land sein Augenmerk richtete. An jenem großen Dkarktstein jüdischer Geschichte, auf dem denkwürdigen ersten Kongreß, als wir es aussprachen, daß unser Ziel ist: die Schaffung einer „öffentlich-rechtlich gesicherter Heimstätte," wurden wir zu Landsuchern, denn auch Palästina hatten wir noch nicht: wir mußten es erst suchen! Dessen war man sich wohl nicht gleich ganzklar; mit der Zeit aber begannen sich die Geister zu scheiden. Und so haben wir denn vorerst, unter de» ausschließlich für Palästina Cintretenden zwei Hauptgruppen zu unterscheiden. Die eine mit dem Motto: „Me nackten Felsen Palästinas sind mir lieber,- als die fruchtbarsten Ebenen jedes andern Landes"; die zweite, die eine Untersuchung Palästinas aus seine Tauglichkeit hin sür notwendig erachtet. Mit der ersten muß einleuchtenderweise auf

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