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Neue jüdische Presse · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seid 4. Frankfurter JsraelitischeD Familienblatt. Nr. 6. mitFrl. Amalie Strauß 50 Pfg. Herr F. R. Zigarrenabschnitte, Staniol und Marken. Herr Heinrich Mayer Staniol. Frau Th. B. 1 Paket Marken. Frankfurt a. M. Am vergangenen Dienstag sprach Herr Abraham Reinhardt in der hiesigen zionistischen Vereinigung über „Aktuelle Kragen im Zionismus". Ausgehend von dem Worte Nordaus „die tiefen Massen des jüdischen Volkes haben das dunkle Gefühl, daß dieser Tod eines Mannes eine nationale Katastrophe bedeutet", bot der Redner ein Bild von der Lage des Zionismus seit Herzl's Tode. Drei Kragen stehen im Vordergründe des Interesses: 1) Die Frage einer eventuellen Organisationsänderung, 2) die Frage nach einer eventuellen Verlegung des Sitzes des Aktionskomitees (Wien oder London), 3) die Krage nach den neuen Aufgaben. Bezüglich der 1. .Frage streifte der Redner kurz die Vorschlägedie von den verschiedensten Seiten -gemacht wurden und ging dann näher ein auf die diesbezüglichen Beschlüsse der letzten Jahreskonserenz und auf die Vorschläge von Bcrthold Feiwel. Jnbezug ' aus die 2. Frage trat Redner entschieden fiir Wien ein. Besonderen Nachdruck legte Redner auf den 3. Teil, die neuen Aufgaben. Er zeigte, daß unseren Aufgaben mit unserem Programm eine ganz bestimmte Richtung vorgeschriebcn ist. Trotzdem höre man gerade in letzter Zeit so oft das Schlagwort „Gegenwartsarbeit", und man meine leider nicht damit die Förderung der Nationalbank, des Nationalfonds, der hebr. Sprachvereine, sondern die Arbeit, die schon .seit Jahren von den großen Wohltätigkeitsinstituten geleistet wird. Diese Aufgaben, deren Bedeutung Redner durchaus anerkennt, solle aber nicht neben diesen, sondern mit diesen geleistet werden, nicht von der Leitung der Partei, sondern von den einzelnen Zionisten erfüllt werden. Deshalb empfiehlt Redner, der Mliance beizutreten, denn nur so können die Zionisten einen Einfluß auf die großen Wohltätiqkeitsinstutionen. Alliance und Jca, im Sinne des Zionismus ausüben. Redner geht dann auf die Ostafrikafrage ein. Auch von gegnerischer Seite werde der Bericht der Expedition mit Spannung erwartet, deim „die Auswanderung steht gewissermaßen vor einer Mauer." Vielleicht wird Uganda eine kleine Bresche in diese Mauer schlage». Wenn es möglich sein wird, daß Uganda unter, den vom letzten Kongreß gestellten Bedingungen, d. h. ohne das Geld, das für Zion gegeben wurde, angenommen werden kann, so müsse man -mit Freuden zustimmen. Wer energisch sei gegen das Bestreben der Territorialisten. die die Ostafrikafrage auf Kosten Palästinas' ausschlachten, vorzugehen.. ' ■'■ 1 ' ‘ J 1 i’P| r*| Redner schloß mit dem Hinweis auf den nächsten Kongreß, von dem wir für alle die Fragen eine Lösung erhoffen. In der Diskussion ergriff als erster Redner Herr Dr. Schwarzschild das Wort und ehrte in warmen Worten das Andenken des Konsul Simon-Hannover. Die Versammlung erhob sich zu Ehren des Verstorbenen. Es beteiligten sich dann noch die Herren Ingenieur Feingold, Fansohn, Redakteur Geis,Dr. Feuchtwanger, Rabinowitsch. D r. M a h e r und I. H i r f ch an der Diskussion und äußerten ihre zum größten Teil mit dem Referenten übereinstimmenden Ansichten. In seinem Schlußwort wies Redner nochmals auf die Gefahr des Territorialismus hin. Wegen der vorgerückten Zeit (es war schon 12 Uhr) konnte die vom Redner einqebrachte Resolution nicht mehr zur Abstimmung gelangen. L Wie«.- Im Czernowitzer Tagvlatt vom 2. Februar kann man folgende Zeilen lesen : Jüdische Ansiedelungen in Palästina. „Einer der Führer der zionistischen Bcwcguno in Jassy (Tr. Lippe? die Red.) wurde vom zionistischen Aktionskomitee verständigt, baß in den letzten Tagen von der türkischen Regierung ein grobes Terrain in Palästina gekauft wurde, auf welches man eine Zahl von Juden ansiedeln wird, die gegenwärtig bereits in Palästina ansässig find. In der neuen Kolonie sollen Banmwollpflanrungen, sowie Fabriken für die Verarbeitung der Baumwolle erri-lNet werden. Tas erwähnt- Terrain hat 100000 .Francs gekostet, die aus dem jüdischen Nationalfond gezahlt wurden." (Z.) Italien Außer der bereits gemeldeten Trauerfeier für Theodor Herzl in Mailand, fand auch, veranstaltet von der zionistischen Ortsgruppe in M o d e n a „Carlo Corrioliani" im großen , Tempel daselbst -eine Eünnernngsfeier für den toten Führer statt. Redner war wiederum Gg. Advokat Roberto As coli ans Ancona. Anwesend waren zahlreiche italienische Abgeordnete, der Präsekt Komm. Frola, viele Univcrsitätsprofessoren und viele andere. Rach der Rede sprach der Oberrabbiner einen Psalm und die Askava für den Toten. Am 26. Dezember hielt die blühende zionistische Ortsgruppe Ma ila n.d ihre Generalversammlung ab. Es wurde die Errichtung einer Aaitationskommission . beschlyßen. Der Verkauf von Nationalfondsmarken «nd. die.Sammlungen für den Nationalsonds wurden organisiert. Am 1. Januar hielt die junge, aufstrebendezionistische Ortsgruppe Florenz ihre 1. Generalversammlung ab, Zum Vorsitzenden wurde gewählt Prof. Gino Arias, 1 Vizepräsident, 2 Kassierer, 1 Sekretär, 13 Beisitzer, darunter Bildhauer Beer, Obcrrabbiner Dr. Margulies, 3 Professoren, 2 Advokaten, 1 Arzt. Pros. C h a y e s wird Agitationsvorträge halten. Tie zionistische Ortsgruppe R o n^, wurde am 21. Februar 1904 mit 40 Mftgliedern gegründet und zählt jetzt deren 100. Agitätionsabende sind in Vorbereitung, an welchen sprechen werden Pros. Levi- Mortara, Prof. Arias, Advokat Ascorelli, Aldo Sorani und Rabb. Panzieri. In Mailand erscheint ein junges Blatt, dem trotz seines-begrenzten Interessentenkreises eine, schöne Zukunft bevorzustehen scheint. Der Bolletino del gruppo sionistico milanese. Als erste Nummer erschien eine pietätvoll gehaltene, sehr gut ausgestattete H e r z l n u m m e r, mit.Illustrationen und Beiträgen von Rabb. Daute A. Lottes, Oberr. Dr. Margulies und viele andere. G Feuilleton. G Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levh. Fortsetzung.) Auf dem Heimweg begann Hugo: „Na Erna, Du hättest in der Tat nicht so sehr empfindlich zu sein brauchen. Tu hast ja eine förmliche Entrüstungsrebe vom Stapel gelassen." „Da Du mich nicht verteidigt hast, mußte ich selbst für mich reden. Oder soll ich mich noch sür die haarsträubende Taktlosigkeit der Deinen bedanken?" „Aber Erna, welche Worte! Du lebst bei uns in der christlichen, nicht mehr in der jüdischen Welt, und die Meinen vergessen eben immer, daß Tn Jüdin bist. Das ist ja ein unangenehmer Zustand, wir werden in Gesellschaft stets zittern müssen, ob und was über Deine Glaubensgenossen gesprochen wird." „Es wäre doch tiestraurig, wenn Deine Gesellschaften immer über Juden schimpfen würden. Früher schilderst Tu sie anständiger, vorläufig glaube ich auch noch besser von ihnen." „Das sind Spitzfindigkeiten. Doch verlassen wir jetzt dieses Thema. Wir wollen verreisen und uns erholen, und da soll alle theologische Erörterungen der Teufel holen." Erna lachte unwillkürlich. Tic Laune war ihnen doch verdorben, und sie gingen, zum ersten Male in ihrer Ehe, verstimmt und einsilbig heim: beide fühlten etwas fremdes zwischen sich treten.- Kapitell?. Heinrich Berger war mit seinem Freund Haus Lukas in Heidelberg. Tie jungen Leute waren seelcnvergnügt. hatten gemeinschaftlich eine hübsche Wohnung, hörten gleiche Vorlesungen und waren überhaupt fast unrertrenulick. „Heinz, wir werden aktiv bei der Frankoborus'ia." Einige Tage später kam Hans heim und saate in _ großer Aufregung: „Heinz, es ist eine fatale Geschichte, sie wollen Tich als Inden nicht aufnehmen." . Heinrich - erwiderte gleichmütig: „Tann lassen sie es bleiben. Ich dachte es mir, desbalh babe ick auch persönlich keinen Schritt für die Aufnahme getan." Hans wurde also Fuchs bei den Fraiikohoruisen und war setzt nicht mehr soviel mit Heinrich zusammen. Wieder nach einigen Tagen kam Hans nach Hause und stotterte in sichtlicher Verlegenheit. „Heinrich, ich habe Dir wieder eine Eröifnilng zu machen, die mir in der Tat schwer wird." > „Nun beraus damit, alter Junge, - was kann denn das schlimmes sein? Hast Tn etwa Schnlden gcmackt?" ,N»in. wäre cs nur das! Mer sic verlangen — es fällt mir wirklich schwer, zu sagen — baß tcfi hen insimen jüdischen Verkehr ausgebe, — daß ich ausziehe." „Und was hast Tu ihnen geantwortet?" fragte Heinrich langsam. „Tu mußt nickt böse sein, aber ich konnte wirksich nickt anders. Ick habe bereits ri»e andere Wohnung, das beißt, sic habe» sie mir ohne mein Taznttm gemietet." „Hans, jetzt kennen wir uns sckan zehn Jahre. Neu» Jahre lang waren wir in der Klasse zusamme». ’u .Hanse waren wir immer beieinander. Tu kennst Deine neuen Freunde erst einige Tage, und dafür kannst Tu mich ovfcrn!" „Ja Heinz, das ist ja alles richtig, aber Tn tstst dock ein Jude, ick, ei» Germane: nun, wir können ja dock Freunde bleib-n " „Brecken wir ab. Ick gebe jekt aus und hoffe, keim Nachhausekommen die Wohnung geräumt zu finden." .! „Heinz . . ." „Ich denke, wir haben ausgesprochen miteinander", die Stimme Heinrichs überschlug sich, er nahm seinen Hut und eilte hinaus. Der Jüngling war so aufgeregt, so erbittert, daß er am liebsten laut geschrieen und getobt hätte. Er lief in den Wald, um keinen Menschen zu sehen. ... Die Ideale Heinrichs von dem frischen, fröhlichen Studentenleben, von der Freundschaft mit den Kommilitonen, schwanden rasch. Er war mißtrauisch geworden und suchte keinen innigeren Verkehr, weil er eine Abweisung fürchtete. Er spielte seit einigen Abenden Schach mit einem jungen' Männe, der sich ihm als Student Torn vorgestellt. Dorn, der im vierten Semester Medizin studierte, konnte Heinrich viel interessantes von den verschieschiedenen Universitäten, die er besucht, erzählen Plötzlich sagte er: „Wie kommt es, daß ich- Sie immer allein sehe; haben Sie gar keine Freunde, keine Bekannte hier?" Heinrich, der froh war, sich einmal aussprechen zu können, erzählte was ihm mit seinem Freunde Hans passiert. „So bin ich mißtrauisch geworden, weil ich in jedem Kommilitonen einen Korpsbnrschen vermuten muß, der mit keinem Juden Verkehren wird. Weiß ich doch nicht, wie Sie jetzt denken, da Sic nun wissen, daß ich Jude bin." - Dorn antwortete phlegmattsch: „Ich gedenke mit Ihnen den Verkehr deshalb nicht abzubrcchen, denn ich bin auch Jude." Heinrich sah ihn erfreut an und reichte ihm die Hand. „Ich habe in Ihnen keinen Glaubensgenossen vermutet." „Ich mauschle auch nicht", snhr Dorn fort, „aber Sie dürfen das Kind nicht mit dem Bade aussckütten. Man wird doch nicht gerade von Jedem zurückaewiesen."' „Was mir aber Hans getan, werde ich nienials vergessen." „Das Benehmen Ihres Freundes ist wohl zu begreife». Er hört von den Kommilitonen, daß die Inden in den Korps gänzlich ausgeschlossen sind, daß sie im Stubentenleben einen Fremdkörper bilden, daß der Umgang mit ihnen verpönt ist. Er batte ui wählen zwischen dem Korps, der Freundschaft und dem Verkehr mit seinen christlichen Genossen cinerseiis und dem Juden anderseits." Heinrich sagte finster: „Ich habe nicht Lust, immer als Paria zu leben. Man wäre aus dpr aanze» Misere heraus, wenn mau sich taufen ließe." Dorn anttvortete ruhig: „Was halten Sie von dem Soldaten, der sein Regiment in sckleckter Positton sieht und zum Feinde desertiert? Ich nenne den Man», der seine 'Kameraden, seine Fahne feig verläßt, einen Schuft." . Heinrich schwieg eine Weile, bann rief er: „Sie haben Recht. Er giebt aber auch noch edler denkende Menschen. - Mein Schwager besivielsweise ist ein Cbrist in' höherer Beamtenstelsnnq. >oaar in der- Reichshauptstadt. Meine Schwester ist Jüdin geblieben, er ist meinen Eltern ein lieber Sohn und mir ein lieber Bruder," „Wie lange ist Ihre Frau Schwester vermählt?" „Seit etwa vier Monaten." „Hm, also nock die Honigmonde." ,.Ja, und im Wintersemester studiere ich in Berlin. Tort iverde ich bei meinem Schwager mit der kesten Gesellsckasi verkehren, die ebe»tn wenia einen Unterschied zwischen Inden und Christen finden, wie mein Schwager." „Ich zweifle ebenkalls nicht, daß' bei Ihrer Famisie alles in eitel Toleranz g'ä»ren w'rd. Aber die .sturückiekuilg der Juden werden Sie auch bei den Berliner Studenten sindew. —Das sind aber in der Tat eiaentümlicke Gespräcke für Studenwn, denen -iaentsick ieder finstere Gedanke fern bl-iben sollte. J'ck lade Sie ani moraen abend zu der Kneibe einiger Medsiiner ein. Ta sollen Sie Ihre .ante Lonne wiederfinben und Ivir werden nur unter uns Juden sein." Heinrich sagte freudig zu. Zur festgesetzten Zeit holte Torn ihn ab, sie ginge» in die-Kneipe, wo sie sckvn etwa ein-halbes, Dutzend Studenten in fröhlichem Gespräche trafen. Ter junge Jurist wurde willkommen geheißen, undda war er, der so lange einsam gewesen, wirklich glücklich. Er erschloß sein Herz ganz seinen neuen Frennden und fand .nun, bei Wein und Gesang, endlich die Poesie des Stndentenlebens, um die er seine Kommilitonen so sehr bcneibet hatte. Beim Heimweg ui sehr vorgerückter Stunde, als sich die anderen Studenten von sinn und Torn getrennt, fragte ihn letzterer, wie er sich unterhalten. - Heinrich blieb stehen, faßte Torn am Arm und rief: „Ich bin so glücklich. Ivie lange nickt mehr, und ick glaube", setzte er lei'c hinzu. „so wahrhaft vergnügt kan» ich mir noch bei Jude» sein." Kapitel 18. Das junge Ehepaar Rode war von seiner Reise zurückgekehrt. KKW

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