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Neue jüdische Presse · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisch^ FamÜienblatt. Nr. 5.' KtrrÄer unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. ' (Fortsetzung.) ' Ein dankbarer Blick belohnte Erna. Liska aber seufzte: „Papa hätte nicht mehr in die jetzige Welt gepaßt." Erna sagte erstaunt: „So kann ich mir aber Papa.garmcht vorstellen." Tie Mama wehrte ärgerlich ab: „Liska beleidigt ja, Papa mit diesem sentimentalen Unsinn. Laß aber nicht zu lange auf Dich warten, Hugo, wir haben heute abend Gäste. Wir erwarten Herrn Professor Schwepp und Frau Pastorin Langstadt mit Tochter." „Hu, eine fromme Gesellschaft, da werden wir uns rasch empfehlen, Schatz." Frau Rode lächelte: „Fürchte Tich nicht, Erna, Hugo hat ein Vorurteil gegen den Professor, wül er verschiedene Male gesagt: „Ei, Herr Assessor scheinen wieder vielen Durst zu haben." Abends saß die Gesellschaft um den runden Tisch, wie aus einem Chodowicki'schen Stich gezaubert. Ter Professor, ein runder, freundlicher Herr mit weißen Haaren und funkelnden Brillengläsern, welcher Frau 'Erna eifrig den Hof machte, und Frau Pastorin Langstadt mit ihrer Tochter, Strümpfe für Heidenkinber strickend. Man plauderte angeregt über Berlin und dessen Sehenswürdigkeiten und machte Pläne, wie die junge Frau alles besichtigen müsse. Plötzlich wandte sich die Frau Pastorin an Erna: „Werden Sie morgen ein Stündchen für mich übrig haben, liebe junge Frau, ich möchte als Supplikantin zu Ihnen kommen." „Gewiß," war die artige Antwort, „mit ganz besonderem Vergnügen werde ich Sie bei uns sehen, ich bin der Veranlassung dankbar, welche sie auch sei." „Ach, die Veranlassung ist ja eine gottgefällige. Ich mochte Sie als Mitglied der Mission zur Bekehrung der Juden werben." Erna lachte laut. „Auf diese Mitgliedschaft werde ich allerdings verzichten." „Türste ich mich nach dem Grund erkundigen?" „Weil ich mich für die Bekehrung der Juden durchaus nicht erwärmen kann, verehrte Frau Pastorin; wenn Sie andere, vielleicht Wohltätigkeitsvereine protegieren, so wird es mir eine besondere Genugtuung gewähren, wenn Sie mich als Mitglied aufnehmen. Damit sind Sie mir stets willkommen." Tic Pastorin lächelte stechend. „Auf dem Pfade der Charitas werden wir schon zusammenwandeln, liebe junge Frau." Hugo, der aufmerksam zugehört, sagte nicht ohne Genugtuung: „Ja, Frau Pastorin, meine Frau hat ihr Köpfchen ganz philosophisch geschult." ' Fräulein Langstadt bemerkte mit honigsüßer Stimme: „Ties ist eine Rüge, aber kein Kompliment. Ein Frauenkopf darf nicht philosophisch grübeln. Tie Frau soll nur Liebe zu Gott und ihren Mitmenschen im Kopfe und Herzen haben." Ter Professor, der sich über diese Wortplänkeleicn zwar amüsierte, aber der jungen Frau, die ihm sehr gut gefiel, zu Hilfe kommen wollte; sagte: „Unserer gemütlichen Versammlung am Teetisch sollten derartige Erörterungen doch fern bleiben. Ta sich die Damen noch zu wenig kennen, könnten dadurch leicht Mißverständnisse entstehen und den herzlichen Verkehr, der sich doch bilden soll; beeinträchtigen. Wir wollen lieber einen gemeinschaftlichen Ausflug besprechen." Tie Stimmung blieb ober etwas frostig; recht bald erhob sich die Frau Pastorin und ihre Tochter, und dadurch wurde der Anspruch allgemein. Erna nahm herzlichen Wschied von ihren Verwandten, verabredete mit ihnen ein Zusammensein für den folgenden Tag, und so schied man. Kapitel 16. „Wie hast Tu Dich unterhalten, Liebchen?" fragte Hugo. „Sehr gut. Ich finde aber die Pastorsdamen ungenießbar. Sind diese ftommen Tomen alle so salbungsvoll?" Hugo lachte. „Sind Eure ftommen Frauen nicht so?" „Keineswegs, sie sprechen niemals von der Religion und find weltlichen Freuden durchaus nicht abhold." „Ich liebes Kind, das ist hier eine andere Sache. Diese Pastorin ist ein sehr tätiges Missionsmitglied, sie wirkt überall und möchte die ganze Welt fromm machen." „Ach, da könnte ich mich ja fürchten. Weiß sie überhaupt, daß ich Jüdin bin?" ■> „Das muß ich doch bezweifeln. Sonst wäre es doch eine seltene Taktlosigkeit, Tich für die Bekehrung der Juden interessieren zu wollen." „So, dann nmtz i(| sie bei nächster Gelegenheit darüber aufklären." Hugo schwieg, eine Weile, dann sagte er: „Liebes Kind, wenn Tu nicht gerade danach gefragt wirst, brauchst Tu Dein Hebräertum nicht urbi et orbi zu verkünden." „Tos werde ich gewiß nicht tun, weil ich es überhaupt nicht passend ^finde, in Gesellschaft von Resigion zu reden; übrigens werde ich ebensowenig meine Konfession verheimlichen. Diese wird aber auch in Teinen Bekanntenkreisen kein Geheimnis sein." „Tos stimmt, liebes Kind. Ich selbst habe mit Stolz erzählt, baß eine schöne Tochter Judas die Meine wird, aber dies wird rasch vergessen, und so werden harmlose Bemerkungen, die Tich vielleicht verletzen können, nicht ausbleiben. Wenn Juden erwähnt werden, geschieht dies leider seltenin gutem Sinne." „Ich weiß dies. Liebster. Mein Vater sagte mir dies schon voraus. Wenn aber die böse Welt mich verletzt, wird Deine Liebe mich trösten und stärken." Er zog ihren Arm fest an sich und küßte sie. Tie Zeit verfloß dem jungen Paar wie im Paradiese. Sie wurden überall eingelaben, die junge Frau erregte durch. ihren Geist und ihre Schönheit Bewunderung. Tie Bekannten Rodes sagten häufig: „Tiefer verfluchte Kerl, der Rode hat doch riesiges Glück. Tiefe Jüdin, die ihm so immensen Reichtum mitgebracht, ist auch ein reizendes Geschöpf, die ihn, hol' mich der Teufel, wirklich lieb hat." Hugo hatte in der letzten Zeit einigemal nervöses Kopfweh und freute sich auf die Ferien.. 1 Er kam eines Mittags nach Hause und rief seiner Frau entgegen: „Liebchen, unserer sofortigen Abreise steht nichts mehr im Wege. Ich nahm mir schon jetzt Urlaub, mag der Staat sehen, wie er fertig wird." Sie schmiegte sich an ihn und sagte: „Jetzt sollst Tu Dich aber auch erholen. Erst reisen wir nach Hause und dann an die See. Wir suchen ein ruhiges Dörfchen auf, wo Du nur mich und das Wasser siehst." Er scherzte. „Tvs halst Du ja nicht aus. Du bist jetzt so an die Huldigungen gewöhnt, daß Tu ohne einen Stab Verehrer nicht mehr existieren kannst." Sie lachte: „Wie magst Tu Dein armes Weib so verspotten!" Nach Tisch sagte Hugo: „Wir wollen zur Mama fahren und feierlichen Abschied nehmen. Ich glaube, sie will mit Liska auch an die See, aber ihre Wege sind nicht unsere Wege!" rief er pathetisch. Ein Schatten flog über Ernas Antlitz. „Hugo, ich, weiß nicht, was die Teinen gegen mich haben. Ich füble, daß sie nur gezwungen freundlich mit mir sind. Ich komme ihnen so herzlich, mit wahrer, Liebe entgegen und finde nur frostige Höflichkeit. Besonders kann Teine Schwester ganz schrecklich sein mit ihrem ewigen: „Tu fühlst nicht mit mir; ich kann dies von Tir nicht verlangen; unsere Denkweisen liegen eben zu weltenfern auseinander." Weshalb richtet sie solche Schranken zwischen uns auf?" Hugo sah sie unbehaglich an. „Närrchen, Tu siehst zu schwarz. Meine Schwester ist eben eine alte verbitterte Jungftau geworden Sie, die etwa zehn Jahre älter ist als ich, hat mich mit erzogen. Sie ist meine zweite Mutter und nun selbstredend auf' Tich. eifersüchtig. Mama und sie müssen nun zurückstehen, und das kränkt eben die beiden Damen." Erna sagte traurig: - „Sie sehen doch, daß ich Tich glücklich machen will. Wenn sie Tich in der Tat lieben, müssen sic mich schon um Deinetwillen ein bischen gern haben, aber sie sind mir feindlich gesinnt. Nun, wir beide haben uns lieb, und so werbe ich dies auch überstehen." Sie kamen zu den Tamen Rode und wurden wie immer, sehr zuvorkommend empfangen. „Wir wollen Wschied von Euch nehmen, liebe Mama. Meine Ferien haben schon heute begonnen, morgen reisen wft." „So, das ist ja schön. Wie sind denn Eure endgülttgen Pläne?" „Erst reisen wir zu den Eltern nach Frankfurt und dann an die See, wir haben den Ort noch nicht gewählt. Erna sucht eine Insel, wo es langweilig ist, um meine Nerven in der Ruhe zu stärken." „Tas ist recht", meinte Frau Rode mit billigendem Kopfnicken. „Ihr könntet aber auch zu uns nach Borkum kommen, wohin wir mit der Pastorsfamilie Langstadt zu reisen beabsichttgen." ,,Sollen wir auf acht Tage, Schatz?" fragte Hugo zögernd. „Nein Hugo,dazu wirst Du mich nicht veranlassen wollen. Nach Borkum, wo der Antisemitismus seine Orgien feiert, gehe ich nicht." ,,3fc, das kann doch Dich nicht berühren?" „Wie, wenn die Juden verhöhnt werden, wenn das Gesindel das Borkumlied johlt, das soll mich nicht berühren? Das gilt doch auch mir!" „Nun, dann reisen wir eben nicht hin." Liska sagte: - „Wir dachten in der Tat nicht an die Tendenz Borkums, sondern es zieht uns nur die Gesellschaft der uns eng befteundeten Familie Langstadt, der Wellenschlag und das billige Leben an. Jetzt können wir es nicht mehr rückgängig machen. Ich finde es aber doch zu empfindlich von Tir, Erna, wenn Du Hugo abhalten willst, seine Mutter und Schwester zu besuchen." „Ich hindere Hugo durchaus nicht. Euch zn besuchen, nur'werde ich so lange bei meinen Eltern bleiben." Hugo legte seine Sttr» in Falten und sagte: „Erörtert doch, keine Angelegenheiten, die ich allein zu besttmmen habe. Es wird nichts geschehen, Erna, was Tein Empfinden verletzen könnte." Frau Rode stand auf und wandte sich an Erna: „Komm mit mir, Kind, ich will Tir alte Spitzen schenken." _ Kaum hatten die Tamen das Zimmer verlassen, begann Liska: „Hugo, wenn Tn Deine Frau nicht besser unserer Zeit entsprechend bilden kannst, wirst Tn wohl' auf jeden Verkehr— außer mit Juden — verzichten müssen." Hugo sagte finster: „Lasset meine Frau in Ruhe. Ihr habt sie mit' Eurer Taktlosigkeit sehr verletzt." „Hugo, es muß einmal ausgesprochen iverden, derärttge Verstöße, absichtliche oder unabsichtliche, werden immer mehr Vorkommen, von uns und von anderen Leuten. Wenn Erna nicht Christin wirb, kann sie aus dem Zustand des Beleidigtseins nicht herauskömmen, und dann stelle Tir erst Deine Vereinsamung in der Gesellschaft vor." „Ich finde einen wahren Kern in dem, was Du sagst; ich habe jedoch meiner Frau versprochen, keinen Glaubenswechsel von ihr zu verlangen." „Hat Erna Dich so fest mit den Schlingen ihrer dunkeln Locken gefesselt, daß Tu keinen Willen mehr hast? Tu verlangst es zu ihrem eigenen Besten. Und Hugo — wir wollen Dich nicht verjvdm lassen. Wenn ich nicht für Tich dächte und handelte, würdest Du wohl später mit dem Gelbe Teiger Frau ein Getreidegeschäft im Osten kaufen und den Tempel besuchen." „Nun, Tn hast doch das Geld meiner Frau, bis jetzt noch nicht verachtet. Nun laß' mich jetzt in Ruhe, Tn hast mich um meine gute Laune gebracht." Liska schwieg, zufrieden mit dem Eindruck, den ihre Worte auf ihren Bruder gemacht. (Fottsetzung folgt). Ans der Geschäftswelt. Wohl laum dürste eine Versicherungsart nächst der Feuer-Versicherung so sehr einem allgenieinen Bedürfnis Rechnung tragen, wie die V er sicher - un g gegen Wa'sserleitungsschäden. Dieser Versicherungszweig hat infolge der sich immer mehr steigernden Wasserleittlngsschäden in letzter Zeit eine fast ungeahnte Verbreitung gefunden. Seit einigen Jahren beschäfttgt sich auch die „Frankfurter Transport-, Unfall- und Alas- Versicherungs-Akt.-Ges." in Frankfurt am Main mit der Versicherung gegen Wasserleitungsschäben. Sie betreibt diese Branche mit vorzüglichen und sehr liberalen Bedingungen zu billigen angemessenen Prämi ens ä tz e n; die Schadenregulierung erfolgt bei der „Frankfurter" nicht durch eigene Reparaturwerk stätten, vielmehr werden die von der Gesellschaft zu bezahlendes Reparaturarbeiten durch am Platze ansässige Handwerker vorgenommen, die Gesellschaft tritt also nicht selbst als Unternehmerin auf neben ihrem Versichcrungsgeschäft und macht infolgedessen den Handwerkern ihren Verdienst nicht streitig. Tie auch in hiesiger Stadt und Umgegend in letzter Zeit wiederholt vorgekommenen großen Schäden sprechen deutlich für die Notwendigkeit der Wasserleitungsschäden-Bersicherung; wir erwähnen nur einige: Während der Weihnachtsfeiertage wurde das neue Bankgebäude der Diskonto-Gesellschaft am Roßmarkt von einem großen Wasserschaden heimgesncht. Anfang Januar wurde das Kurhaus des Herrn Dr. Friedländer auf der Hohe Mark bei Oberursel zum wiederholten Mal von einem Wasserschaden betroffen. Zn gleicher Zett wurden im Kolonialwarengeschäst des Herrn S. Hammerschlag, Brückhofftr. 3, ein recht bedeutender Posten Waren durch den einfachen Bruch ' eines Wasserrohres beschädigt, wofür der Versicherte, seine Entschädigung, wie wir hören, bereits am Tage, nach per» Schaden von der „Frankfurter" erhalten hat. 1 Namentlich Inhaber von Warenlagern und Besitzer von Gebäuden sollten den Abschluß von Wasserleitungsschäden-Versicherungen recht ernsthaft in Erwägung ziehenzumal jetzt nach Anfhören des Frostes die durch letzteren geschwächten Rohre infolge der wechselnden und ständig wärmer werdenden Witterung sehr häufig platzen und dadurch Wasserleittlngsschädendie

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