Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5. behelligt sprechen. Indes wird das passive Verhalten der Polizei als böses Omen gedeutet. Gestern versuchten einige Polizeifpitzel,dieMassengegendieJudenauf- K u h e tz e n, indem sie ein Gerücht von der Ermordung eines Geistlichen verbreiteten, sie wurden jedoch von den Ausständigen gemißhandelt. Hieraus sah sich einer der Anführer der Streikende» veranlaßt, vor einer mehrere tausend Köpfe zählenden Menge folgendes zu erklären: „Laßt Euch von. den Bütteln nicht irreführeii und behandelt die Juden wie Brüder. Sie sind unsere Leidens- und Gesinnungsgenossen, reicht ihnen die Hände zuin gemeinsamen Kampf gegen das autokratische Regime". Es erschollen die Rufe: „Nieder mit dem Zarismus! Hoch die Revolution!" Jetzt bekommt die russische Regierung ihre Quittung für Kischinew; der Volksunwille läßt sich nicht mehr auf das ewige Opferlamm, die Juden, ablenken, denn endlich beginnt das Volk einzusehen, wer eigentlich an seiner Lage schuld ist. Italien. (oj Rom. In Ancona wird ein neues Hospital beim Goldonitheater erbaut. Ter Ingenieur Edoardo Almagis spendete zwecks Beschleunigung des Baus 50 000 Lire. In Mailand starb vorigen Monat der Ingenieur Ginlio Pisa, testamentarisch bestimmte er 100000 Lire siir die Restauration des Castells Sforza, 100000 Lire für das naturhistorische Museum, 25 000 Lire für die Kunstakademie, 25 000 Lire für eine Kleinkinderbewahraustalt, 0 Lire für jüdische Zwecke. Tie Bausumme für den neuen T e m p e l in Modena beträgt 300 000 Lire. In M o r a n o am Po wurde der dortige B ü r - gcrmeister Sr. MarcoSacerdote (ein Jude) zum Ritter des Ordens der italienischen Krone ernannt. Dänemark. Kopenhagen, 30. Jan. In der heutigen Sitzung des Folkcthings wurden bei der Wahl des Präsidenten 96 Stimmen abgegeben, von denen 61 auf den bisherigen Präsidenten Trier — Trier ist Jude —. fielen, während 35 Zettel unbeschrieben waren. Trier erklärte, daß er, da die Lage sich nicht veränderte, seitdem er das Folkething gebeten habe, ihn des Postens eines Präsidenten zu entheben, cs ablehuc, die Wahl anzunehmen. Amerika. New-Nork. Das Komitee des Repräsentantenhauses für die E i n w a n d e r.u n g befürwortet eine Bill, wonach jährlich nicht mehr als 80 000 Einwanderer aus einem und demselben Lande zugelassen werden sollen. Personalien. Berlin. Der bekannte Berliner Ohrenarzt Professor D r. I a c o b s o h n, Versasser eines gediegenen Lehrbuches der Ohrenheilkunde, .ist im Alter von 52 Jahren g e st o r b e n. Er war ein Sohn des ehemaligen Klinikers und leitenden Arztes arn jüdischen Krankenhause, Professor Heinrich Jacobson. . : Berlin.' Dem Geheimrat Dr. Lieber mann und dem Geheimen IustizratDr. Rießer wurde der Kronenorden 2. Klasse allerhöchst verliehen. ' Hannover, 1. Februar. Am Sonntag verstarb Herr Konsul M o r i tz Simon au den Folgen eines linglückssalles. Er hatte am Freitag in seiner Wohnung ein Bad nehmen wollen, dabei explodierte der Spirituskessel, und die Flammen verbrannten ihn an Arm und Rücke». . Mit dem Dahingeschiedenen ist ein edler Mann im besten Sinne des Wortes dahingegangen. Für immer ist sein Name mit der weit über Deutschlands Grenzen hinaus vorbildlich wirkenden israelitischen Erziehungsanstalt ' in Ahlem verknüpft. Cr war ihr Stifter und Leiter. — Es war im Jahre 1893, als er zu Ahlem die israelitische Erziehungsanstalt eröffnete Und sie niit 200 000 ausstattete. Seitdem hat sie sich unter seiner unermüdlichen Arbeitskraft immer weiter ausgedehnt und steht heute als ein imposantes Musterinstitut und Musterschule sür Landwirtschaft und Handwerk da. Simons Tod ist ein schwerer Verlust nicht nur sür die Sache edlen Wohltuns, sondern auch des tatkräftigen Handelns im Dienste der Jugenderziehung. Deshalb trauern nicht nur seine Stammesgenossen um ihn, sondern alle, die für sozialen und nationalen Fortschritt arbeiten. Weit über das Mittelmaß ragt Simons Bedeutung. Sein Herz war groß; aber gleich groß war seine praktische Betätigung. Ilnzählige hat Simon durch die Macht seiner Ileberzeugung gewonnen. Schwierigkeiten überwand er. Selbstlosigkeit und Menschenliebe waren seine Charakterzüge: ein wirklich guter, vornehmer Charakter, ein Mann schlichten Wesens und Handelns, der das Herz auf dem rechten -Fleck hatte. Die Erinnerung an ihn wird bei allen fortleben, die ihm im Leben näher treten konnten. ' Frankfurter Israelitisches Fannlienblatt. (3.) Hoffenheim i. Baden. 31. Jan. Von einer erhebenden und ergreifenden Feier habe ich Ihnen zu berichten. Am letzten Schabbos feierten dahier die Michael Ro s en feldsch en Eheleute die goldene Hochzeit, aus welchem Anlaß denselben große Ehrungen zu teil würden. Mittags erschienen im Hause des Jubelpaares der Großh. Oberamtmann von Sinsheim und überreichte im Aufträge des Großherzogs und der Großherzogin Höchstderselben Bildnis: zwei prachtvolle in Goldrahmen gehaltene, naturgetreue Bilder. Dem ersteren schlossen sich an der Bürgermeister und der Gemeinderat in Corpore, der Vdrstand der Zynagogengemcinde nebst den Synagogenräten, der israelitische Lehrer und der evangelische Geistliche. Nach einem Hoch auf den Kaiser und einem solchen auf den Großhcrzog wurde auch ein Toast von Herrn Pfarrer Gräbener auf die Jubitare ausgebracht. Sichtlich ergriffen war das von einer Kinder- und Enkelschar umgebene goldene Hochzeitspaar. Ihren Abschluß fand die schöne Feier im Gotteshause, wo Herr Lehrer und Kantor Schiff in einer mit vielein Beifall ausgenommenen Rede noch die Jubilare feierte. Für die der Gemeinde aus Anlaß dieses seltenen Festes von dem Sohne, Herrn Mbert Rosenseid; Vorstand der israelitischen Gemeinde in Bühl, überreichten Geschenke, ein prächtiges Thoramäntelchen und eine schöne Schulchandecke, dankte unser Vorstand, Herr Moses Reis, sowie Herr Lehrer Schiss. Mit dem neuen Mäntelchen wurde die von Herrn A. Heumann I am Schabbos Rausch-chaudcsch Schwat gespendete Thora-Rolle geschmückt. Möge es unserer Gemeinde vergönnt sein, noch viele solcher Freudentage in ihrer Mitte begehe» zu können. Mackenheim i. Elsaß. Am 16. Januar beging F r au Ach, geb. Kohn ihren 90. G e b u r t ä t a g. Die Jubilarin, Tochter des Westhofener Rabbiners Mordcchai Hacobein s. A., besitzt staunenswerte Kenntnisse in Bibel und Talmud. Ihr Gesundheitszustand ist noch ein derartig vorzüglicher, daß sie noch regelmäßig das Gotteshaus besucht. Kolberg. Am 21. Januar verstarb der Rentier Hermann Bernhardt, der den Feldzug von 1864, insbesondere das Gefecht bei Düppel und den Uebergang nach Alsen initgemacht hatte. Ter Verstorbene war viele Jahre Stadtverordneter und bis vor kurzen! Brandineistcr der Feuerwehr: auch >var er Mitbegründer und Vorstandsmitglied des jüdischen Knrhospitals. Breslau. Oberpostsekretär Landsberger erhielt den Rote» Adlerorde» 4. .Klasse. Güttingen. Geh. Justizrat Professor Dr. Frensdorfs erhielt den Krouenorde» 2. Klaffe. Stratzburg i. Elsaß. Professor Dr. Breßlau erhielt den Krouenorde,i 3. Klaffe und Professor D r. Landauer den Roten Adlerorde» 4. Klasse. Bouyhad lUngarn). Jochanan Galanüauer einer der Gründer der hiesigen orthodoxen Gemeinde, ist an den Folgen einer Cscmtwn gestorben Von Beruf Kaufmann, wirkte er viele Jahre hindurch unentgeltlich als Mohel. Paris. Der Generalinspektor der Brücken Auguste Michel-Lsvy ist zum Professor der Naturgeschichte am College de-France ernannt worden. Derselbe ist auch Mitglied des israel. Konsistoriums zu Paris. Das Kolleg zählt 6 jüd. Professoren: I. Oppert für Assyriologie, M. Breal für Philologie, Maurice Lövy für Astronomie, Sylvain Lövy sür Sanskrit und M. Bergson für Philosophie. Aus der Lehrerwelt. Crefeld. Unserem früheren Oberrabbiner Dr. Horowitz, 'welcher jetzt in Düsseldorf seinen Wohnsitz hat, wurde anläßlich seiner Pensionierung von Sr. Majestät' dem Kaiser der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen. Altona. Das selteneFest der 65. Wiederkehr des Hochzeitstages feierten der 98jähr. Rabbinatsassessor. der hochdeutschen Jsraelitengemeinde in Altona Herr I. M. Cohn (Rabbi Jekef) und seine Frau Sophie, geb. Stern. Ter Jubilar ist in Altona geboren, erhielt den ersten Unterricht im elterlichen Hanse und lernte bei hervorragenden Rabbinern in Nürnberg. Nach absolviertem Studium kehrte er nach Altona zurück und wurde zum Beisitzer des Rabbinats - Kollegium und des damals noch unter Oberrabbiner Jakob Etttinger s. A. bestehenden jüdischen Gericht gewählt. Er war auch als Klans-Rabbiner tätig. Cr selbst und seine 85iähr. Frau erfreuen sich großer geistiger und körperlicher Frische. Gelegentlich dieser seltenen Feier wurden dem ehrwürdigen Paare Viele Sympathiekundgebungen dargebracht. Im Laufe des Tages sprach ihm Herr Ober-Rabbiner T r. L e r n e r mit dem Vorstand, die Glückwünsche der Jsraelitengemetnde aus. Mit Rücksicht auf das hohe Alter des Jubelpaares wurde der Ehrentag im engsten Familienkreise gefeiert. Seite 3. Karlsruhe. Herr Stiftsrabbiner Blumg r u n d ist nach Hamburg als Klausrabbiner der Wallich'schen Stiftung berufen worden. Schönlanke (Posen). Die durch den Tod des bisherigen Inhabers freigcwordene Stelle eines Rabbiners der Synagogengcmeinde soll demnächst zur Besetzung ausgeschrieben werden. Baden (Oesterreich). Am 6. Februar feiert Se. Ehrwürden Herr R a b b-i n e r W i t h e i m R c i ch das Jubiläum seiner 25 j ä h c i g e n A in t -smirks a m k e i t in Baden. Entradam (Siebenbürgen). Rabbiner M. I. L ö w der angesehenste Rabbiner SiebeiibürgenS, ist am 24. Januar im Alter von 81 Jahre» verschieden. Bereits als Bocher hatte der Verstorbene eine erstaunliche Summe jüdischer Gelehrsamkeit in sich ausgenommen, er war ein Talmid vom Chasam Sauser und vom Jcriaus Schlaumau. Nahezu 50 Jnpre stand er a» der Spitze des Entredamer Rabbinntsbezirkes, sein Leben war dein Studium der Gotteslehre und seiner Betätigung geweiht, er hinterläßt mehrere Charifaiis- und Hoineletik-Mannikripte. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. M o n t e f i o r e - B e r e i n. Am Mittwoch, den I. Februar cr., begann Herr Rechtsanwalt Dr. R. M e r z b a ch seine Vorlesungen Über das „H a n d e l s r e ch t". Ter Herr Referent verstand es in meisterhafter Weise, die zahlreich erschienenen Mitglieder mit den Grundlagen zunächst des allgemeinen Rechts in klarer und knapver Form vertraut zu machen. Wie sehr die Behandlung der 1 verschiedensten Rechtsfragen die Zuhörer anrcgte, bewiesen nach Schluß des Vortrages viele Anfragen an den Herrn Referenten, welcher sämtliche Fragesteller zufrieden zu stellen wußte. Am nächsten Mittwoch wird Herr Dr. Merzbach den „Handelsstand und die Handelsgeschäfte" zum Gegenstand seiner Betrachtungen machen. Frankfurt a. M. An, Sonntag, den 29.Januar cr. fand die ordentliche Mitgliederversammlung des „T a l m n d - T h o r a" - B e r e i n s im Hörsaale der Synagoge am Börneplatz statt. Nach dem Bericht des Kassiers hat der Verein auch im verflossenen Jahr einen weiteren Aufschwung genominen. Tic Vorträge, welche am Freitag abend, Sonntag vormittag und Tienstag abend stattfiiiden, waren sämtlich gut besucht. Zn großem Tanke ist der Verein den .Herren Jacob Posen, Hermann Schwab sowie Tr. I. Heinemann verpflichtet, welche durch ihre bereitwilligst übernommenen Borträge sehr zur Hebung und "Ausgestaltung des Vereins beigetragen haben. Zu Vorstandsmitgliedern wurden die Herren Alfred Geiger, Dr. I. Heinemann, M. Meyer, Emanuel Lehmann, S. Frank jr. wiederrefp. neugewählt. Ingweiler i. Elsaß. Nachahmenswert! Hier hat sich ein „Handarbeitsverein zu Gunsten der jüdischen "Auswanderer aus dem Osten Europas" gebildet.^ Präsidentin ist Fräulein Zelle Netter. Hamburg. Der Verein zur Unterstützung dürftiger i f r a e l i t i s ch c r Familien in Hamburg hielt seine diesjährige Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn E. E a t - in a n n ab. Aus dem Bericht des Vorsitzenden geht hervor, daß der Verein im verflossenen Jahre für Verteilung von Lebensmitteln (Fleisch und Mehl), die zu den Sabbat- und Festtagen au bedürftige Familien verteilt wurden, 1866 Mk. verausgabt hat. Aus der zionistischen Bewegung. Frankreich. Die Federation zioniste de Franco beschloß in einer Sitzung am 25. Tezember, die zionistische- Agitation auf die Synagogen und alle jüdischen Korporationen in Paris auszudehnen. Am 17. Tezember veranstaltete der Verein Bar Kochba in Pari» einen Schekel tag. Als Agitationssto'f diente die Verlesung der Broschüre von Scholem-Alechem: „Warum müssen die Inden ein eigenes Land haben?" Auf Initiative des Tr. A. Marmore! wurde das voriges Jahr begründete S t e l l e n v e r m i t t - lungsbüreau reorganisiert. Neue Kräfte» entnommen dem jüdischen Ärbeiterstande, wurden hcrangezogen. Ebenso wurden verschiedene Fleischer und Schneidermeister in den Vorstand kooptiert. In Paris wird von den Zionisten die Gründung eines Asyls f ü r r n s s i s ch e T n r ch w a n d e r e r angestrebt, das den Namen Theodor Herzl tragen soll. (K—1.) Philippovel (Bulgarien), den 29 Jan. Der zionistische Hahn. Anläßlich einer vorige Woche stattgehabten Festlichkeit im hiesigen zionistischen Klub wurde Verschiedenes durch Losen an die Gäste verteilt. Unter den zu gewinnenden Gegenständen befand sich auch ein Hahn, den merkwürdigerweise der Schochet gewann. Dieser widmete den Haiin dem Nationalfonds! Ein junger, begeisterter Zionist kaufte für eine hübsche Summe den .Hahn und bereitete damit seinen Freunden eine Mahlzeit. Jeder betrachtete es als S'chns, etwas vom zionistischen Hahn zu genießen.