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Neue jüdische Presse · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitische Familienblatt. Nr. 6. Die Märchenreinhett des Judentums.^) Vor kurzem erschien in der „Rundschau" an leitender Stelle ei» Aussatz „Häusel und Gretcl", in dem der Verfasser über den Mangel an Märchen ini jüdischen Schrifttum nach Art der Hexe mit dem knabberbaren Häuschen und ähnlicher süßer oder bitterer Ilninöglichkeiten ein elegisches Klagelied anstimmt, welches er in tiefster Zerknirschung in den Worten gipfeln läßt: „Wir müssen mit Beschämung (!) und tieftraurig (!) eingestehcn, daß uns ein Märchenbuch mit jüdischem Milieu fehlt." — Ich glaube nur im Sinne des echten, klassischen, von allem assimilatorischen Beiwerk gereinigten Judentums zu reden, wenn ich behaupte, daß dieser Tadel unbewußt ein Lob unseres Volkes enthält, daß das vermeintliche Armutszeugnis ei» Reichtumszeugnis oder doch: Reifezeugnis in sich schließt: und ich glaube kein Paradoxon, sondern umgekehrt in echt jüdischem Sinne zu sprechen,, wenn ich das „Geständnis" des Angeklagten — Pardon: „Klägers" auf den Kops stelle und sage: Wir dürfen mit Stol? und hoher Freude auf die bedeutsame Tatsache Hinweisen, daß das Judentum keine Märchenbücher kennt! Tas Volk des Gesetzes soll im Leben nur der Gerechtigkeit, in Lehre und Geistesarbeit nur der Wahrheit dienen! Tas Märchen aber ist nichts anderes als die poetisch legalisierte Unwahrheit! Tic Erzählung bietet Wahrheit, die Sage Wahrheit und Unwahrheit gemischt, das Märchen aber ungcinischtc Unwahrheit! Oft schon ist von einsichtigen Pädagogen die Frage erörtert worden, ob es pädagogisch ratsam oder auch nur zulässig sei, Kindern Märchen zu erzählen. Tenn „hart beieinander" wohnen für das Kind Poesie und Leben. Und das Kind, das Märchen hört, lernt gar zu leicht, selbst 'Märchen zu ersinnen, erst zu poetischen, und dann allmählich auch zu — „praktischen" Zwecken, d. h. kurz und klar gesagt: zu lügen! Ist schon die Uebcrmittelung des vorhandenen nicht-jüdischen Märchen-Materials an jüdische Kinder äußerst bedenklich (ich meinerseits würde sagen: unzulässig), so ist die Forderung nach Produktion neuen jüdischen Märchen-Materials a limine abzuwcisen. Es ist allezeit der höchste Stolz der jüdischen Weisheit und Geistesarbeit gewesen, daß sie nicht im Dienste der Göthe'schen „Göttin", dem „Schoßkinde Jovis", der Phantasie, stand, sondern im Ticnste der Wahrheit und der Tatsachen! Und die strenge Fernhaltung aller Phantasie-Arbeit bot allezeit eine der besten und stärksten Bürgschaften für die Zuverlässigkeit und Autorität der jüdischen ^Gcschichts- und Gottcslchre! Auch die hagadischen Elemente des Talmud, sowie die Midraschim bieten mit Nichten bewußte „Märchen", sondern in gutem Glauben verarbeitete Erzählungen, deren realer Kern auch objektiv in den meisten Fällen unzweifelhaft ist. Tiefer strenge Wahrheitssinu, diese nüchterne Phantasie-Feindschaft, diese tiefe Abneigung gegen „Erfindungen" und alles „Fabulieren", die unerschütterliche Tatsachenireue, die nichts „hinzufügt", sind die granitfesten Grundlagen der jüdischen Tradition gewesen, die die mündliche Lehre durch die Jahrtausende tragen konnte! Und diese Granitbasis darf nicht durch Märchensand, der darüber sich lagert, ihre Fundamentierkrast cinbüßen! Gesegnet sei die Märchcnscindschast unseres Volkes, — denn sie ist nichts anderes als das Negativ seiner Währheitssreundschaft! Fängt das Märchen an, so weiß Niemand mehr mit absoluter Sicherheit, wo die Wahrheit aufhört, und wenn „Chanuah und Scheumiel" zu Trägern von Märchcncrzählungen degradiert werden,, könnte das Kind nur zu leicht sich gewöhnen, auch die „Originale" allmählig als *) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem in Berlin erscheinenden „General-Anzeiger f. d. Gesamt-Interessen d. Indent." Rabbiner Samson Raphael Hirsch-s.A. äußerte sich über dasselbe Thema in feisten Schriften: „Wir halten Märchen sür die ungeeignetste Nahrung sür des Kindes Geist und Phantasie. Wir sind zu kurzsichtig einzusehen, welchen Nutzen es haben dürste, unsere Kinder von vornherein mit Vorstellungen über die 2Mt und Tinge der Welt zu erfüllen, die der Wirklichkeit so sehr entgegenstehen, von einem Wolf, der die Großmutter auffrißt und nun, mit.Nachthaube bekleidet der kleinen Enkelin wartet." märchenhaft zu belächeln, und ebenso unsere Erzväter und so weiter; nnd mit Nichten würde dieser Gefahr nur das Stinb ausgesetzt feilt, sondern auch die Kinder Israel! Tas Märchen ist seinem Wesen nach spezifisch antijüdisch! Tic Tatsache, daß die Ausschaltung der Märchcnphautasie ans dem Werkzeugkasten her .'jüdischen Geistesarbeit "deren Produktionsgrenzen' in künstlerischer Richtung sehr eiupfindlkch einengt,'! ist'grade vom Standpunkt jüdischer „Gcgcnlvartsarbcit" bezw. Volkspädagogik überaus erfreulich! Unsere Kinder brauchen, wahrlich keine neuen „Märchenbücher", um vor „falscher Ghetto-Sehnsucht" und „lebensmüden Todesgedanken" bewahrt zu werden! Mehr als alles Märchen-Material aller Völker lvirken auf unsere Kinder die gewaltigen Tatsachen der jüdischen Geschichte, der Staats-, Volks- und Kultur-Geschichte in ihrer unerhörten, vollkommen beispiellosen Fülle, wuchtigen Plastik, kaleidoskopartig bunten und doch realen Mannigfaltigkeit! Tie Kinder, die alltäglich daran erinnert werden,' daß sie die Träger glorreichster Traditionen sind, daß sie auf eine Familiengeschichte von vierzig:.Jahrhunderte,: zurückblicken, daß ihr Geschichtsbereich gleich einem „Märchenreich" vom Euphrat bis zum Ebro, von den Pyramiden bis zum Kölner Tom sich erstreckt und doch Wirklichkeit ist, sie werden „Hänsel und Gretcl" leicht missen, — „das häßliche junge Entlein bei Andersen" auch! Taß auf dem Gebiete des historiographischen (und biographischen) Jugendunterricht's gründlichst Wandel geschaffen werden muß, das sei unserem Märchenforderer ohne allen Vorbehalt konzediert! Tiefe berechttgte Forderung ist nur ein Teil in der Gesamtforderung der Reform des jüdischen Jugend-' Unterrichts. Aber wie immer diese „Schulreform" sich entwickeln, welche neue Unterrichtsmethoden und Bildungsmittel gewählt werden mögen — Gott bewahre uns vor jüdischen Märchen und erhalte uns unser Judentum in seiner reinen Wahrheit, — märchenrein! - M. de Fange, Tr. jur. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M- Mischehen. Im Jahre 1004 wurden in Frankfurt 32 E h e n geschlossen, bei welchen nur der eine Teil der Eheschließendcn jüdisch war, und zwar waren evangelisch-jüdisch 9, jüdisch-evangelisch ll, katholisch-jüdisch ß und jüdisch-katholisch 6 Fälle. , ' Berlin, 1. Febr. Der Landtag hatte am letzten Montag wieder einmal eine In d e n d e b a t-t e. Ter Abgeordncie der Freisinnigen Volkspartei G y ß - ling führte namens seiner Politischen Freunde Klage über die ungleiche Behandlung der Richter jüdischer Konfession gegenüber denen anderer Religionsbekenntttissc bei der Beförderung in höhere Richterstellen. Von 1879 bis 1900 seien nur 3 jüd. Richter zu Oberlandesgerichtsräten befördert worden. Auch bei der Regierung xind im Militär zeige sich dasselbe System. — Justizminister Schön st edt erwiderte auch diesmal — wie immer — kurz und bündig, daß er es ablehne, auf die Anfrage des Redners einzugehen, denn die Ernennungen gehören zu den Vorrechten der Krone. Berlin. Nach dem neuen Handelsverträge mit Rußland werden die deutsche» Handlungsreisenden jüdischer Religion den christlichen gleichgestellt. In den neuen Bestimmungen über das Paß- und Lcgitimationswcscn heißt es nämlich: „Tie Gültigkeitsdauer des Paßvisa wird in Rußland auf einen Zeitraum von sechs Monaten erstreckt. Tie Bestimmung erstreckt sich auch auf das Paßvisa der deutschen Haudlungsrcisenden mosaischer Religion. Tie Gebühr für die Erteilung der Auslandspässe an die in Rußland wohnenden Teutschen wird den Betrag von 50 Kopeken nicht übersteigen.". Berli«. Das jüdische Genesungsheim in Lehnitz soll in diesem Jahre'gleich nach Mitte Februar wieder eröffnet werden. Meldungen um Aufnahme weiblicher Patienten können an das Bureau des Vereins, Große Präsidentenstraße 3 I, gerichtet werden. Karlsruhe 1. B. Ein Gasthofbesitzer an einer Eiscnbahnwechsclstation ließ, wie wir bereits früher berichteten, auf sein Firmaschild neben der Bezeichnung des Gasthauses die Worte „Judenfreies Haus" anbringen. Ter Bezirksrabbiner von Karlsruhe legte im Namen der Judenschaft Beschwerde beim .'Ministerium .gegen. diese die ' Israeliten beleidigende Aufschrift ein/ was zur Folge hatte, daß der Wirt ausgefordert wurde,: diese. anüsemitische Kundgebung zu entfernen. Ter Wirt aber protestierte dagegen. Ter Prozeß dauerte gegen sechs Monate und wurde nun der „Fr. St." zufolge zu Ungunsten des betreffenden Wirtes entschieden, der neben der Entfernung des Vermerks noch die Kosten zu. bezahlen hat.' "; Oesterreich-Ungar«. "K. Praß, 27;;Januar. Die' Prager Altneüschnle i u Gefah r. Nirgends vielleicht empfindet man das brutale Fortschreiteu der modernen baulichen Entwicklung der Städte' schmerzlicher als bei einem Gang durch den sogenannten Assanierungsrayou. Wo inan einst, über den Altstädterring kommend, hinter der russischen Kirche in jenes unvergleichliche Gewirr des altberühniten Ghettos trat, stößt man jetzt auf Trümmerhaufen, halbfertige Straßen, hiniinclhohe Ziilskasernen. Eine breite Avenue wird voni Altstädterring aus in Verbindung mit einer neuen Moldaubrücke den Prospekt auf die Anlagen am linken Ufer erschließen, glänzende Schauläden werden sich dort ausbreiien, wo. noch vor wenigen Jahren finstere Hoseingänge, vergitterte Fensterlöcher und drohend herabhangende Dachrinnen den Fremden un Zeiten der furchtbarsten Verfolgungen erinnerten." So wie auf der einen Seite die Notwendigkeit zugegeben werden muß, aus diesen Kranlheitskeime tragenden, finsteren Gäßchcn gesunde, lichte Straßen zu'machen, so versteht man andererseits den Schmerz derjenigen, die mit dein Innersten ihres Herzens an den alten Herrlichkeiten dieses Viertels, das eine Stadt für sich bildete, hangen und zusehen müssen, wie ein Kleinod nach, dem anderen fällt. Vorige Woche konnte ich Ihnen melden, daß der Bestand des alten jüdischen Rathauses in Frage gestellt sei. Und jetzt liegt wieder ein Ausruf an die Oeffentlichkeit vor. Tie berühmte Altneu schule, dieses hehre Heiligtum der Präger Jndens ch a f t, dieser Bannerträger seiner Geschichte ist neben dem Rathaus in Gefahr verstümmelt zu werden. Tas Rathaus! Ein alter, ehrwürdiger Bau init der seltsamen Fassade,..mit dem merkwürdigen Uhrtürmchen. Beide wirken * wie ein jüdisches Alt- Nürnberg. Tas letztere soll.niedergerissen werden. So soll dieser wundervolle Ghettowinkel dem Lineal zum Opfer fallen. Freilich an die Schul wägt sich die Assanierung nicht heran. Ein Alter von mehr als 600 Jahren flößt doch Respekt ein. Aber die vorbeisührende Straße soll um l1/? Meter erhöht werden, sodaß die Wirkung dieses Bauwerkes verloren ginge. Tas Rathaus mit der angrenzende» Hofsynagoge soll aber, wie bereits gemeldet, niedergerissen werden, vielleicht um einigen Zinskasernen Platz-zu machen. Ter (christliche) Klub der Freu»de Altprags, der zumeist .ans tschechischen Künstlern und Schriftstellern' besteht, wendet sich nun an alle jüdischen Korporattonen, an den Prager Stadträt nnd die ganze Oeffentlichkeit, diesen eminent historischen.Teil der „berühmten Prager Judenstadt", so weit als möglich, zu erhalten, und schlägt ein Preisausschreiben für die beste Lösung dieser Frage vor. Außer einem gewissen, wehmütigen Gefühl empfindet man auch Verwunderung darüber, das; der Appell von christlicher an die jüdische Seite gerichtet wird. Entweder ist das eine bemerkenswerte Jnteressenlosigkeit der maßgebenden jüdischen Kreise, oder es sollte vielleicht, um ein jüdisches Hervortreten zu vermeiden, Politik getrieben werden; also. österreichisch-jüdische Politik, die natürlich wie immer ' verfehlt ist. Budapest. Bon 1874 im ersten Halbjahr 1904. bewilligten Namensmagyarisrerungen entfielen 1079 auf Juden.) Liptützentmiklüs. Am 22. Januar wurde unter großer Beteiligung der Gemeindemitglieder die ordentliche Generalversammlung der Liptöer isr. Kultusgemeinde abgehalten. Zum Vorsteher wurde wieder - Hermann Stark, zum Vizevorsteher Dr. Bernhard Kux und zum Kassier Adolf Strauß gewählt. — Es wurde beschlossen, den niedergebrannten Tempel nach dem Plane des Budapester Architekten Leopold Bairmhorn wieder anfzubauen. Rußland. Petersburg, 26. Januar. Unter den bei den Krawallen Erschlagene,» sind bis jetzt 7 als. Juden agnosciert und auf dem jüdischen Friedhose begraben worden. Hömel. Das Urteil in dem bekannten Prozeß wegen der Jüdenexzesse wird auf Ende dieser Woche erwartet. Odessa. Der Minister des Innern hat dermMagistrat mitgeteilt, daß unter den demnächst; aus 4 Jahre zu wählenden Stadtverordneten 8 Juden sein müssen^ ohne daß aber die Zahl der Stadtverordneten erhöht wird. Lodz, 29. Jan.' Hier wurden große Versammlungen abgehalten.' Auf dem Magistratsplatz sammelte sich in den Nachmittagsstnnden eine'viele .tausend Mann starke Menge aw, die Hochrufe auf die Revolution ausstieß. Es traten Redner auf, die in flammenden'Worten die Streikendem zum Kampf 'gegen' die Autokratie anfforderten. Me Polizei, die sich Daneben befand, ließ sie un-

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