Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. 1883 die Vertreibung vieler Juden aus Rußland stattfand; sie sorgte damals nicht nur mit ihren reichen Mitteln, sondern auch mit' persönlicher Opferwilligkeit für die zahlreichen Flüchtlinge, die längere Zeit in Berlin verweilten. Ihr verstorbener Gemahl war durch seine große jüdische Gelehrsamkeit und Frömmigkeit bekannt. Allenstei« (Ostpreußen). Fabrikbesitzer Ladendorff, Repräsentant der jüdischen Gemeinde, ist am 12. d. Mts. infolge eines Schlaganfalles plötzlich gestorben. London. Am 4. Januar verschied David Muk ata, in seinem 77. Lebensjahre, ein Mann, den man niit Recht den „König derWohltater" nennen durste. In allen philantropjschen Vereinen Londons war er bekannt und wurde er verehrt als der unermüdliche Geber und Berater. Nie hat er einen Bittsteller leer von sich gehe» lassen, nie hatte er irgend einer guten Sache seine Hilfe verweigert. Der Schmerz über den Verlust dieses bescheidenen und im weitesten Sinne selbstlosen und opferfreudigen Mannes wird in allen Schichten der Londoner jüdischen Bevölkerung aufs tiefste empfunden. G Feuilleton. G Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Er erwiderte mit vollkommen ruhiger Stimme: „Ich wünsche Ihnen von Herzen, gnädiges Fräulein, daß das Leben Ihnen nur die sonnige Seite bieten möge." Er hielt nuir, nach einigen gleichgültigen Worten mit seiner Nachbarin, eine brillante Tischrede und entzückte die Gesellschaft durch seinen Geist und Humor derart, das; er der Mittelpunkt des ganzen Kreises wurde. Beim Abschied sagte er der Faniilie Berger: »Jetzt werde ich int ganzen Winter keine Gesellschaft mehr besuchen, meine wissenschaftlichen Arbeiten litt, n zu sehr darunter." Zu Herrn Berger gewandt fuhr er fort: „Ich bitte, meinen auf Morgen angekündigten Besuch nicht zu erwarten, ich habe die Auskunft, um die ich Sie bitten wollte, bereits erhalten." Mit einem kurzen Grus; war er verschwunden. Die Damen hüllten sich fröstelnd in ihre Pelze und man eilte heim. Zu Hause angelangt, machte Herr Berger den Vorschlag, noch eine Tasse Kaffee zu trinken, und er fand begeisterte Zustimmung. Der belebende Trank war auf der Maschine rasch Bereitet Der Vater sagte, an seiner Tasse nippend: '„Ich begreife Doktor Weil nicht. Erst Littet er mich um eine Audienz, und nach einigen Stunden besinnt er sich eines anderen. Ich ahnte ja, was er will, aber jetzt ist mir alles unverständlich. Vermagst Du mir Ausschluß zu geben, Erna?" Sie konnte ein Erröten nicht unterdrücken. „Ich kann nichts darüber sagen." „So werde ich morgen den Dottor selbst befragen. Ich schätze ihn so hoch, daß ich nichts störendes zwischen uns dulde." Die Mutter, der Erna auf dem Heimwege ihre Aussprache mtt dem Doktor anvertraut, sagte: „Du brauchst den Doktor nicht zu fragen, Erna hat durchaus taktvoll gehandelt" Der Vater inquirierte weiter: „Ich will alles wissen, Erna; hat sich der Doktor Dir erklärt?" „Nein, Vater, aber er deutete mir eine Er- Wrung an. Da ich ihn als Ehrenmann hochachte, ihn aper nicht liebe, und deshalb die Seine nieinalc werden kann, lies; ich cs nicht zu. einer Erklärung kommen und schnitt ihm zugleich jede Hosfnung ab." „Mögest Du nie bereuen, einen Mann, auf ben jede Frau, jede Familie stolz sein kann, zurückgewicsen zu haben. Bei ihm hätte ich Dich geborgen gewußt." „Vater, ich kann ihn nicht lieben. Ich fühlte auch nicht die Kraft in mir, die Pflichten einer Dottorsgattin zu erfüllen. Wir wären beide unglücklich geworden." „Wenn das Leben Dich nur nicht in eine härtere Schule nimmt!" Zu seiner Frau gewandt fuhr er fort: „Achte auf Dich und auf Deine Tochter, das; Eure überspannten Ideen sic nicht unglücklich machen." Heinrich, der inztvischen auf dem Sopha cingeschlafen war, wurde geweckt und die Familie begab sich zur giuhc. Erna nahm ihre Mutter mit in ihr Zimmer und schüttete ihr das Herz ans. Sie gestand, daß sie den Assessor Rode liebe und niemals einen anderen heiraten würde. „Hat er Dir denn seine Liebe gestanden?" „Noch nicht. Aber aus jedem seiner Worte, in jeden« Blick von ihn; lese ich, das; er mich liebt." „Deine Wahl mißfällt mir nicht, und ich glaube auch, daß sic Vater sy,apathisch sein wird, er hält viel von dem Assessor. Doch gibt es noch manches zu bedenken. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Schlafe nun aber ruhig, mein Kind, cs wird alles gut werden." Kapitel 14. Ein halbes Jahr ist vergangen. ~ Es ist gekommen, wie es kommen mußte, der Assessor Rode hat um die Hand Ernas angehaften. Er sagte zu ihrem Vater: „Mir steht eine glänzende Laufbahn bei der Regierung offen. Ihr Fräulein Tochter wird die Stellung einnehmcn, die ihrem Geiste, ihrer Schönheit gebührt. Ich werde jetzt befördert und nach Berlin versetzt, jetzt kann ich meiner Gemahlin eine Stellung in der Gesellschaft bieten, und deshalb, verehrter Herr, habe ich jetzt den Mut) um Ihr Fräulein Tochter zu werben." „Mer der Unterschied in der Religion! Ich weiß, Herr Assessor, wie inan in Ihren Kreisen über die Juden denkt, und meine Tochter wird ihren Glauben nicht wechseln." Der Assessor erwiderte mit feinem Lächeln: .Meine Kreise sind viel toleranter, als man glaubt. Wir haben manche Jüdin in der exklusivsteil Gesellschaft. Und ich Iverde Ihre Tochter niemals mit eüiem Glaubenswechsel Plagen, da mir die Konfession ganz gleichgültig ist." „Aber lvic werden Ihre Angehörigen, Ihre Mutter und Schwester die Jüdin aufnehmen?" Der Assessor nahm einen Brief ans der Tasche und reichte ihn Herrn Berger. „Hier die Antwort." Herr Berger las laut: „Lieber Sohn, Ivir werden Deine Erwählte von ganzem Herzen als Tochter und Schwester begrüßen. Deine Frage, ob wir die Andersgläubige lieben können, ist eigentlich demütigend für uns. Du weißt doch, daß wir nicht an Formen hängen, und ich das Mädchen, das meinen Sohn beglücken wird, mit voller Mutterliebe umfangen werde." Cr gab de» Brief zurück und sagte: „Dies hebt mein letztes Bedenken. — Ta ich nun die Veranlassung Ihrer wiederholten Besuche ahnen mußte, war es ineinc Pflicht, Sie näher kennen zu lernen, und so erfuhr ich auch, daß Sie Schulden haben." Ter junge Mann erhob stolz sei» Haupt. „Tas sind —" Herr Berger unterbrach ihn. „Ich weiß, daß cs keine Spiel- oder 'sonstige Kovalierschulden sind. Mir wurde ferner bestätigt, was mir auch meine Menschenkenntnis, mein Herz von Ihnen gesagt, daß ich Ihnen mein Kind anvertrauen darf, und so heiße ich Sie als Sohn willkommen. Eine Mitgift von einer halben Million wird Sie in den Stand setzen, Ihren Hausstand ohne materielle Sorgen zu gründe». Mache» Sic meine Tochter glücklich, sic verdient cs." Der junge Mann sagte, die Hand Herrn Bergers ergreifend, bewegt: „Ich bin glücklich, in Ihnen meinen leider früh verlorenen, liebevolle» Vater wiederzufinden. Glauben Sie mir, das; ich nur für das Glück meiner geliebten Erna leben tverdc." — Tie Hochzeit wurde in Berlin, dem künftigen Wohnort des jungen Paares, glänzend gefeiert, und dabei hatte Frau Berger endlich die Genngttliing, in höheren Kreisen als gleichwertig anerkannt zu werden. Ein dicker Hauptmann machte ihr sogar den Hof. Bald schrieb das junge Paar glücktrunkene Briefe nach der Heimat. Heinrich bestand das Abituricntenexamen und nahm nun in dem üblichen Abituriciltcnkomillcrs Abschied von der Schule. Tie Professoren sahen ironisch drein, die Väter lächelten, etwas säuerlich, als der Redner der Schüler feierlich erklärte, daß sic von jetzt an — da sic Männer geworden — nur noch dein ernsten Ttndium leben würden. Die jungen Leute, die schon etlvas heiter wurden, gaben begeistert ihre Zustimmung und schlvoren dabei, ewig Freunde zu bleiben. Beil» Heimtveg, der morgens ziemlich früh cr- 'olgte, gingen Heinrich und sein Freund Hans Arm in Arm, aber — es muß leider ausgesprochen wciden — ziemlich schwankend. Die beide» jungen Leute, die neun Jahre lang zusammen das Gymnasium besucht hatten und immer Freunde waren, wollten auch aus der Universität sich nicht trennen. Sie beabsichtigte», vorerst nach Heidelberg zu gehen und natürlich zusammen zu wohnen. „Heinz, wir lassen uns in dasselbe Korps aufnchnlen, worin auch mein Vater war." „Ja," nieinie Heinrich bedenklich, „ich würde wohl gern, aber ich glaube, das; sic keine Juden aufnehmen." „Ach Unsinn, bei unserer Enipsehlung und der Deines Schwagers wird niemand daran denken. Dich zurückznwcise»." _ „Das würde mich sehr freuen, selbstredend iverde ich mich nicht aufdrängen." Philipps der fast mit zur Fainilie zu zäblcn war, sttidierte an der technischen Hochschule zu Charlottenburg. Herr Berger, der den jungen Man» im Interesse seiner Fainilie versichern lassen wollte, schickte ihn zu diesem Zivcck zum Inspektor Meyer. Dieser stutzte und erkannte den Helden des Kneifers wieder. Nr. 4. Als er nun hörte, daß Philipp nach Charlottcnburg wollte, lächelte er und sagte: „Jetzt kann ich Ihnen den Finderlohn abstatte». Ich habe eine Schwester in Charlottenburg, die mit ihrem Mann in kinderloser Ehe lebt und Sie au; meine Empfehlung gern in Pension nehmen wird. Nöttg hat sie es. gottlob nicht, aber sie hat Zeit, Raum und Bedienung, und da Herr Berger Sie empfiehlt, kaust ich Sie auch empfehlen. Sie werden das Elternhaus nicht vermissen." Philipp sagte froh überrascht zu, und erzählte später vergnügt seinen Eltern, wie ihm der Kueifcr ' noch nach so langer Zeit genützt habe. - So wurde es im Sommer still im Berger'schen Hause. Kapitel 15. In einem' eleganten kleinen Wohnzimmer, saß Frau Erna Rode mit ihrem Gemahl beim Frühstück. Die junge Frau sah gliihstrahlend aus. Ihre Gestalt war voll erblüht, ihr Auge leuchtete. Ihr Gatte sah ihrem anmutigen Walten vergnügt zu, plötzlich ergriff er ihre Hand und küßte sie und den vollen Arm lange und bedächtig. „Hugo, Tu bist unverbesserlich," schalt sie, „ich verschütte ja den Kaffee." Mit diesen ernsten Worten jedoch zugleich hatte sie ihn umfaßt und lehnte ihre weiche Gestalt an ihn, ihm innig in die Augen schauend: ' „Hugo, jetzt sind wir schon acht Tage zu Hau'e. Ist es denn nicht wonniger wie in den langweiligen Hotels?" „Wo man sich vor jedem Kuß umschauen muß," iihr er scherzend fort. Sie nickte errötend und zustinimend. „Hugo, Schatz,' bist Tn mit Deiner kleinen Frau auch glücklich?" „Unsagbar glücklich, sodaß ich den neidische» finsteren Mächten etwas opfern möchte, um mir mein Glück zu erhalten. Und Du, mein Lieb, hast Tn kein Heimweh?" „Mein Heim ist bei Dir, bei Dir lebe ich, bei Dir sterbe ich." Er klopfte ' an, ein schmuckes Dienstmädchen trat ein. - „Ein Brief für die gnädige Frau." Er. fragte neugierig: „Wer schreibt Dir' denn schon, Schatz?" „Eine Einladung von Mama; höre: Wir bitten Dich und Deinen Liebste» ans heute Mittag zu uns. Du bleibst auch den ganzen Tag bei uns und Tein Gemahl kann Dich abends abholen, wenn er nachmittags auf sein Bureau muß." Er lachte. „Mama versteht'» zu kommandieren." Frau Gerichtsrät Rode saß in ihrem altmodisch gcmüttiche» Zimmer mit einer Häkelei beschäftigt. Ihre Tochter Liska ging hier und da ordnend auf und ab. - . ' Die beiden Damen sahen sich ausfallend ähnlich, beide große Gestalten mit vornehme», kalten Zügen, die bei der Tochter noch durch einen gewissen verbissenen Zug verschärft waren. Das Mädchen blieb stehen. „Mama, ich kann mir nicht helfen. Mit dieser Erna ist etwas Fremdes itt unser Dasein getreten. Ich glaube nicht, daß diese junge Person zu uns paßt oder überhaupt zu uns gehören will." „Liska," sagte ihre Mutter streng, „ich ersuche Dich ernstlich, Teine Ausdrücke zu mäßigen. Hugo ist durch seine Heirat so überaus glücklich, das; e», eine Sünde wäre, an der Liebe seiner jungen Frau zu zweifeln. Du glaubst Hugo noch immer als ältere Schwester bevormunden zu können; die Zügel sind aber Tir und auch mir entwunden, wir müsse» vorder jungen Frau zurückstehe»." Liska's Lippen zitterten. „Mama, ich denke weiter für Hugo'» Karriere. Die übergroße Toleranz ist nicht mehr angebracht. Die Beamten des christlichen Staates sollen christliche Familien haben." „Liska, wolle nicht Vorsehung spielen. . Beunruhige die jungen Leute nicht in ihrem jungen Glück, sei gütig gegen Erna, daß sie Dich als Schwester liebt und Tir vertraut, daun wird alles ohne Zwang, ohne Kampf kommen, wie es kommen soll." Liska lächelte. „Mama, Tu bist weise." „Gewiß Törin. Was Tu heute nicht Hugo sagen sollst, wird er später vielleicht Tir anvertrauen." — Hugo und Erna traten ein, fröhlich wie der junge' Tag, Erna von Schwiegermutter und Schwägerin mit einer herzlichen Umarmung willkommen geheißen. Erna legte flink ab und eilte mit Liska hinan», ihr tausend wichtige Neuigkeiten erzählend, die mit nachsichtigem Lächeln angehört wurden. Das Mittagessen verlies sehr lustig.durch. die Neckereien der jungen Leute und den Witz Ernas, der den ernsten Damen häufig ein'Lächeln entlockte. „Ich muß einige Stunden aufs Bureau; was beginnt Ihr solange?" „Wir bleiben hier, Mama zeigt mir die Bücher und Andenken vom seligen Papa und erzählt mir von ihm; überhaupt ist cs hier so lieb, das; ich garuicht fort möchte." (Fortsetzung folgt).