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Neue jüdische Presse · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4. __ . den frei geborenen Menschen respektiert, da kommt der aufgespeicherte Zündstoff zur Explosion. Wie ein junges, feuriges Pferd, das nach langer Gefangenschaft wieder einmal an Luft und Sonne kommt, so stürmen diese entfesselten Menschen zügellos in der Freiheit umher; im tieberschwall ihrer Empfindungen sehen sie kein Hindernis und rennen blindlings durch die Gassen, bis sie sich schließlich an einer Mauer die Schädel eiurennen. Ter erste Feind, gegen den sie stürmen, ist der alte Gott ihres Volkes, an den sie selbst einst glaubten. Ihn machen sie zum ersten Opfer ihrer Rache. Gewiß kann man psychologisch vieles begreifen, auch den ungerechten Haß. Älber die bestialischen Formen, die er bei diesen freigelassene» jüdischen Sklaven annimmt, müssen Verzeihung und Mitgefühl vollständig ausschließen. Zum Tag der größten Rache wählten die Sozialisten — die übrigens im Sozialismus noch weniger Bescheid wissen als im Judentum — den Versöhnungstag aus. Schon einige Wochen vor dem Feste kündigten sie auf Plakaten in jüdisch-deutscher Sprache und in hebräischen Lettern einen großen Jom-Kippur-Ball an. In lästernden und höhnischen Redensarten ziehen sie die Vergleichung zwischen den traurigen Gesängen heiserer Chasanim und dem lieblichen Gesang der Soubrettistin 3t und der Operettendiva D, zwischen dem Aasten der gläubigen Inden und dem Schmaus der Sozialisten. In der Tat beginnt dann am Kol-Nidre-Abend das Tanzvergnügen,. das bis zum frühen Morgen dauert. Gegen Mittag wird die Belustigung wieder ausgenommen, bei Musik und heiteren Liedern» bei guten Speisen und Getränken — gewürzt durch sozialistische Reden — amüsiert man sich bis tief in die Nacht hinein. Tas ist ein jährlich wiederkehrendes Schauspiel. Ihre Vergnügungslokale verlegen die tapferen Jünglinge stets in die Nähe einer Synagoge, und so oft das ernsteste Fest der Judenheit hcrannaht, an jedem Fom-Kippnr berichten die Zeitungen von blutigen Schlägereien zwischen jüdischen Sozialisten und orthodoxen Juden. Nun werden die wahnwitzigen atheistischen Misanthropen ihrem Haß ein Heiligtum errichten. Man darf ihre Bersamnilungen nicht etwa auf eine Stufe stellen mit den Andachten der freireligiösen Gemeinde, nein, nach beit bisher gemachten Erfahrungen herrscht kein Zweifel, daß ihr „Tempel" ein Hetzpodium gegen die jüdische Religion und alles Jüdische darstellen wird. Freireligiöse und Ungläubige, die durch Erziehung, Gemütsanlage und Gedankenarbeit zu einer Ueberzeugung gelangen, die vom Glauben der Masse abweicht, gibts unter allen Völkern und allen Nationen. Ihnen verbietet schon ihre Bildung und die Heilighaltung der eigenen, oft schwer errungenen Ueberzeugung, die Gefühle derer zu verletzen, die ihre Weltanschauung auf einer anderen, auf einer metaphysischen Grundlage aufbauen. ./Tie jüdischen Sozialisten in England und Amerika wissen nichts davon, weil sie nicht durch Erziehung, nicht durch eine besondere Gemütsanlage zum Unglauben gelangten, nicht durch Gedankenarbeit, sondern durch ihre» Trotz und ihren.Haß. . Aus alter Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die Leichenverbrennung nimmt von Jahr zu Jahr zu; 1904 war die Summe aller Verbrennungen in Teutschland bereits doppelt so hoch wie 1901. Von den 1381 im Jahre 1904 verbrannten Leichen waren 1050 evangelisch, 142 katholisch, 108 jüdisch, 44 freireligiös und 37 unbestimmt. Metz. Dienstag, den 17. Januar fand hier eine von den Vorsitzenden sämtlicher jüdischer Vereine einberufene, gut besuchte Versammlung statt. Nach kurzen Ansprachen der Herren Tr. Jules Meyer und Raphael Vernarb hielt Herr Arthur Meyrowitz aus Berlin einen Vortrag über den „Hilfsverein der Deutschen Juden, seine Ziele und Aufgaben." Der Referent wies auf die besonderen Aufgaben hin, welche dem Hilssverein in der Gegenwart zusalle» Und betonte insbesondere das freundschaftliche Einvernehmen zwischen dem Hilssverein und der Alliance Jsraslite Universelle. Herr Dr. Sylvain Weil behandelte dasselbe Thema in französischer Sprache. In der darauffolgenden Diskussion wurde von den Rednern allgemein die Tätigkeit des Hilfsvereins anerkannt und es wurde Frankfurter Israelitisches Familienblatt. beschlossen, ein Provinzialkomitee für Lothringen zu bilden, dem fast alle Anwesenden sofort öeigetreten sind. Oesterreich-Ungar«. Wien. Assimilationsblüten. Ein krasser Fall, von Assimilationssucht hat sich nach dem „Jüd. Volksbl." vor einigen Tagen hier ereignet und dazu nach pikanter Weise in den geheiligten Hallen der israelitischen Kultusgemeinde. In der (Generalversammlung des Mädchen- und Frauenvereines „Bikur Chaulim" wurde vom Vorstande der Antrag gestellt, den Namen „Bikur Chaulim" in „Krankenbesuch" umzuwandeln. Tie Väter dieses Vorschlages, Julius alias Isaak Leuchtmann und Journalist Porges vertraten den Antrag. In ganz harmloser Art erörtert Herr Leuchtmann — und so überzeugend spricht er, man sieht, es kommt von Herzen — wie er noch vor 15 Jahren in Frankfurt Isaak geheißen habe, nun aber Julius heiße, wie auch jeder anständige Koh», der in Budapest in „bessere" Kreise kommen will, sich „Komlos" nenne. In besserer Gesellschaft könne man nicht von „Bikur Chaulim" reden, während „Krankenliebe" in feineren israelitischen Familien bald ein bekannter Name werden würde. Herr Porges bewies ebenso scharf, daß die Presse ihre Blätter dem „Bikur Chaulim" nicht, widmen .könne, ein Verein „Krankenbesuch" sei leichter hinein; u schmuggeln. Der 'Antrag wurde selbstverständlich und zwar mit erheblicher Majorität angenommen. Pretzburg. Die Preßburger Zeitung" schreibt: Den Bäckern der israelitischen orthodoxen Konfession entfallen infolge der für das Bäckergewerbe bis Montag Früh sechs Uhr gütigen Sonntagsruhe bei 170 Tage Arbeitszeit: 52 Sonntage, 72 israelitische Feiertage und 52 Montage, da in der Provinz Nachmittags nicht gebacken wird. Diesem Uebelstanbe wollte der Preßburger Bäckermeister Simon Rosenfeld abhelfen und ließ sich durch Vermittlung des Redakteurs Julius Steiner vom hauptstädtischen Advokaten Johann Radocza dem Handelsminister Hieronymi vorstellen. Bäckermeister Rosenfeld ersuchte, Sonntags von 10 bis 12 Uhr die Bäckerarbeit zu gestatten. Handelsminister Hieronymi nahm dies Ansuchen mit besten Aussichten entgegen. Großbritannien. London. Der .Hajehudi" verzeichnet die Nachricht, daß ein Komitee sich mit der Gründung einer größeren Anzahl jüdischer Lesehallen süc das Ostend Londons befaßt. Rußland. Moskau. Wie die Tageszeitungen bereits berichteten, haben die in Rußland hochgehenden Wogen der Freiheitsbewegung einen der erbittertsten und einflußreichsten Freiheitsfeinde in Rußland, den Großfürsten Sergius über Bord gespült. Großfürst Sergius mußte, selbstredend nur aus Gesundheitsrücksichten, seinen einflußreichen Posten als Generalgouverneur von Moskau aufgeben. Mit ihm zugleich wurde auch sein willfähriges Werkzeug, der Moskauer Polizeipräsident Trepow gegangen. Tie Moskauer Juden dürfen erleichtert aufatmen, da Großfürst Sergius ein erbitterter Judenhasser war, der die seiner Macht unterstehenden Juden wie selteg ein Antisemit gepeinigt hatte.*) Warschau. Ein Bild des Elends. Wie groß das Elend in Rußland jetzt ist, davon gibt folgende iin „Hazofeh" erzählte Prozeßverhandlung ein anschaulich trauriges Bild: „Was hat Ihnen der Angeklagte gestohlen?" frug der Friedensrichter den Kläger. „Seit einigen Tagen," antwortete der Gefragte, „kam der Angeklagte täglich früh morgens in mein Geschäft und verlangte Gegenstände zum Kaufe, von denen er wissen mußte, daß sie in meinem Geschäfte nicht zu haben find. So oft er dann das Geschäft verließ, machte ich die Bemerkung, daß entweder ein Laib Brot oder 1—2 kleine Wecken fehlen. Anfangs wollte ich nicht glauben, daß er der Dieb sei, ich hatte auch keinen Verdacht auf ihn, da sich jedoch diese Fälle wiederholten, fing ich an, ihn aufmerksam zu beobachten, und richtig habe ich ihn in flagranti erwischt . . ." „Außer Brot hat er Ihne» nichts gestohlen?" frug nun der Richter. „Nichts!" „Was sagst du dazu?" frug nun der Richter den Beschuldigten. „Herr Richter!" brachte der Angeklagte stammelnd hervor, „ich habe die Brote tatsächlich gestohlen. Doch mögen Sie mir glauben, Herr Richter, daß ich davon auch nicht einen Bissen gekostet habe. Sollte ich auch Hungers sterben, ich könnte kein gestohlenes Brot genießen. Aber meine Kinder darben seit Wochen und ich brachte es nicht übers Herz, zuzusehen, wie die kleinen Würmer dahinsiechen und nahe daran sind, Hungers zu sterben . . ." „Ihr habt doch Wohltätigkeitsanstalten, welche fetzt Brot an eure Armen verteilen. Warum wandtest du dich *) Tie Reaktion hat sehr schnell wieder Oberwasser gewonnen. Trepow ist vorgestern zum Gencralgouverneur von Petersburg ernannt worden. Anm. d. Redaktion. Seite 3. nicht an diese?" warf der Richter ein. „Es ist wahr!" antwortete der Angeklagte. „Aber diese Anstalten verteilen das Brot nur an Arbeiter, welche jetzt arbeitslos sind, ich aber war kein Arbeiter, sondern nur Verkäufer auf der Straße. . ." Ter Richter faßte ein Herz und entließ den Angeklagten mit einer Rüge. Ldefsa. Die jüdischen Theater in Rußland wieder gestattet. Wie ein hiesiges Blatt meldet, wendete sich der Schauspieler Fischsohn an den Zähren mit der Bitte, er möge die von der Regierung vor zwanzig Jahren geschlossenen jüdischen Theater wieder gestatten. Der Zar befahl sofort, daß den Inhabern solcher Theater bei der Wiedereröffnung keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Gur (Polen). Einen großen, fast unersetzlichen Verlust hat der Chassidismus durch das Wleben des „Girer Rebbe" (Rabbi Alter aus Gur bei Warschau) erlitten, der am 5. Schwat in seinem 59. Lebensjahre gestorben ist. Mehr als 30 Jahre hat er anrtiert. Er war der bedeutungsvollste und populärste unter den gegenwärtigen chassidischen Rebbeim. Diese Popularität verdankt er nicht nur seiner hervorragenden Persönlichkeit und seinem großen Wissen auf jüdischen und auf profanen Gebieten, sondern auch seinem System iin Chassidismus. Wie bekannt, zeichnet sich der Chassidismus dadurch aus, daß er statt Tauroh — Auwodo setzt, d. h. statt Taurohforschung — Gottesdienst, weshalb er ja auch von dem Wilnaer Gaon in den Cherem getan wurde. (Beiläufig bemerkt, unterscheidet sich auch die Art des Betens von der der „Misnagdim" (d. h. der unsrigen), denn der Misnagid betet in ernster, zuweilen in Tränen aufgehender Andacht und der Chosid dagegen in heiterer, zuweilen mit Jubel und Tanz begleiteter Stimmung.) Der Dahingeschiedeue nun nahm eine vermittelnde Stellung ein, indem er das Taurohstudium auch für den Chosid zur Pflicht machte. Seine Richtung die von seinem Vater begründet war, fand wohl anfangs große Gegnerschaft, verbreitete sich aber nach und nach immer mehr dank seiner bedeutenden Persönlichkeit. Sein Nachfolger wird nach chassidischer Gewohnheit, sein ältester Sohn; derselbe — Rabbi Awrohom Mordechai — hat bereits einen Ruf als Gelehrter. Zu der Bestattung Rabbi Mter's waren seine Anhänger aus allen Teilen Polens herbeigeeilt. Der Bahre folgten mehr als 20000 Menschen und es dauerte über drei Stunden bis der Zug an einer Stelle vorübergezogen war. Da der Friedhof vier Stunden von Gur entfernt ist und die Beerdigung des Mittags stattfand, so erlebte man das interessante Schauspiel, diese viele» Menschen unter freiem Himmel das Minchagebet verrichten zu sehen. Alt-Bychow (Gouv. Mohilno). Anläßlich der Rekrutenaushebung faiide» hier Krawalle statt, bei denen die hiesige so wie so schon arme jüdische Bevölkerung selbstverständlich als Opfer bluten mußte. Die Soldaten plünderten und zerstörten die jüdischen Läden, — und was von der Zerstörung verschont blieb, wurde dem Feuer preisgegeben. Ter Schaden wird auf 200000 Rubel geschätzt. Die Not ist sehr groß, rasche Hilfe dringend nötig, da viele hungern. Argentinien. Buenos-Aires. Landankäuse der Jca. «Die Nation", die populärste Zeitung Argentiniens, schreibt: Eines der größten Geschäfte, die in den letzten Tagen abgeschlossen wurden, ist der Ankauf von 90000 Hektar Land seitens der „Jca". Ter Eigentümer dieses Bodens hatte ihn 1879 von der Regierung für 16 000 Pesos gekauft, und nunmehr hat ihm die „Jca" 3200000 Pesos dafür bezahlt. Die „Jca" steht gegenwärtig auch noch wegen der Erwerbung von weitere» 135 000 Hektar in Unterhandlung. Palästina. Jerusalem. Diesen Winter grassieren hier Scharlach und Influenza. Ta die Krankheiten epidemisch auftreten und viele Opfer fordern, so hatten kürzlich die Rabbonim eine» allgemeinen Fasttag augcsetzt; auch werden an jedem Montag und Tonnerstag Slichaus gesagt und Schaufor geblasen. Tas allgemeine Komitee der aschkenaiischen Gemeinde hat mit den Aerzte» eine Abmachung getroffen, daß jeder mit einer von ihm ausgestellten Bescheinigung versehene Patient kostenfreie Behandlung genießt und wenn nötig 4,50 Fr. wöchentlichen Baarzuschuß erhält. Personalien. Berlin. Am 19. Januar ist hier die^Großgrundbesitzerin Frau Ernestine Stein, geborene Haberman», die Mutter des Philosophen Prof. Dr. Ludwig Stein (Bern), im Alter von 70 Jahren verschieden. Frau Stein, die seit vielen Jahren in Berlin ihren Wohnsitz hatte, war eine Dame von ungewöhnlichem Wohltätigkeitssinn, den sie namentlich in hervorragender Weise betätigte, als im Jahre

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