Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite 2. Bestrebungen für eine jüdische Kolonisation im Orient. Der Verein „Lemaan Zion" in Frankfurt, der „Esra" in Deutschland und beispielsweise die „Fca" in Paris, arbeiten in einem ganz ähnlichen Sinne und auf Grund ähnlicher Voraussetzungen. Es ist also sicherlich nicht Zionismus. — Daß aber die Zionisten hier sehr wohl mittun könnten, und hoffentlich im vollen Umfange dieses Programms auch bald werden, das kann von denen, die unbeeinflußt durch Voreingenommenheit und Schlagworte sich mit der Lösung jüdischer Probleme befassen, sicherlich nur mit Freude begrüßt werden.**) Berlin-Charlottenburg, Januar 1905. Davis Tri et sch. Ungarischer Brief. Zn der ungarischen Orthodoxie scheint sich die Notwendigkeit einer Verbesserung und Ergänzung, oder besser gesagt, Schaffung eines Organisationsstatuts doch endlich ernstlich fühlbar zu machen. Die vor 35 Jahren als Vertretung der orthodoxen Gemeinden geschaffene „ungarländische autonome orthodoxe isr. Durchsührungskommission" ist nicht aus der Wahl der genannten Gemeinden hervorgegangen, sondern war ein nur provisorisch eingesetztes Bureau, das bis zur Schaffung einer legalen Zentrale die Angelegenheiten der Orthodoxie führen sollte. Von dm ursprünglich eingesetzten Mitgliedern dieses Kvmitee's ist gegenwärtig kein einziger mehr am Leben, und erfreut sich die heutige Leitung auch nicht dieser provisorischen Legalität. Auch die Präsidentschaft des kürzlich verstorbenen Lipschitz s. A. war nur eine solch provisorische, d. h. keine ihm von den Gemeinden übertragene. - Daß ein solch permanent provisorischer Zustand — und dies bei einem mangelhaften Organisationsstatut — für das friedliche Gedeihen und die Fortentwicklung der Sache der Orthodoxie nicht fördernd sein konnte, muß nicht erst gesagt werden. Eipe Institution, die 260 Gemeinden der Landesregierung gegenüber zu vertreten und die die Gerechtsame der Orthodoxie gegen innere und äußere Anstürme zu wahren hat, kann nicht des moralischen Halts entraten, den sie nur in dem Vertrauen finden kann, das ihr von den Gemeinden, die sie vertritt» .entgegengebracht wird. Dieses Vertrauen ist aber wieder von dem Recht der Kontrolle bedingt, das den Gemeinden insoferne gewahrt bleibt, als sie ihre Vertretung selbst wählen. Ebenso und in noch verstärktem Maße mußte sich der Mangel an eurer ztpeckmäßigen Organisation in nachteiliger Weise - fühlbar machen. Und so kam es, daß von verschiedener Seite und ganz besonders von der ungarisch-orthodoxen Presse gegen dieses Fortwurstelungsprinzip, gegen dieses ewige Provisorium Sturm gelaufen wurde. Es wurde immer wieder betont, einerseits in der Vertretung der Orthodoxie «inen legalen Zustand gu schassen, andererseits aber die bestehende Organisation einer gründlichen Durchsicht und Verbesserung zu unterziehen. Und es haben zwar noch bei Leb- **) Obgleich wir uns mit den Ausführungen des Herrn Triesch in wesentlichen Punkten nicht einverstanden erklären können, haben wir ihnen doch Aufnahme gewährt und zwar aus dem Grunde, weil sie durchaus sachlich gehalten sind. Eine Großkolonisation in den türkischen Ländern ohne Charter erscheint uns bei den grauenhaften Bakchischunwesen der türkischen Beamtenschaft außerordentlich schwierig. Was nun Eypern und die Sinai- Halbinsel anbetrifft, die unter englischer Oberhoheit stehen, so ist uns aus allem, was wir bis jetzt darüber gehört und gelesen haben, nur das Eine bekannt, daß die Bodenbeschaffenheit dieser Länder eine Grotzkolonisation nicht erlaubt. Nachdem nun einmal keine Möglichkeit vorhanden ist, die Massenauswanderung aus Osteuropa zu verhindern — aus Vergnügen wandern die Leute nicht aus —, bleibt den großen jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen nichts anderes übrig, als dem Gebote Englands, in Uganda den jüdischen Auswanderern ein autonomes Gebiet abzutreten, mit Ernst näherzutreten. Sollte die Uganda-Expedition einen günstigen Bericht nach Hause bringen, dann wäre es Pflicht der Alliance Jsraelite, der Jca, des Hilfs- Vereins der deutschen Juden nsw., die Großkolonisation in Uganda in die Hand zu nehmen; besonders, da die Zionisten, solange eine Aenderung ihres Programmes nicht vorgenommen worden ist, die Ausführung der Sache nicht übernehmen können. Anm. d. Redaktion. Frankfurter JsraeMscheS Familienblatt. zeiten des verstorbenen Präsidenten Lipschitz verschiedene engere Rabbinerversammlungen stattgefnnden, die einen Weg suchten, um diesen legalen Zustand und auch eine bessere Organisation zu schaffen, ohne daß es diesen Bersannnlungen gelungen wäre, den richtigen Weg zu finden. Die nun durch den Tod des Präsidenten Lipschitz notwendig gewordene Wahl eines neuen Leiters der orthodoxen Landesvertretung hat nun die Organisationsftage wieder aufgeworfen und zum Gegenstand neuerer Besprechungen gemacht. Es wurden in der orthodoxen Presse sowohl, wie auch in einzelnen Gemeinden Stimmen laut, die die Präsidentenneuwahl und die endgültige Regelung der Organisationsfragc im Wege einer orthodoxen Landesversammlung herbeigeführt wünschten. Diesem immer allgemeiner gewordenen Verlangen ist nun insofern stattgegeben worden, indem von der Kanzleileitung ein 31-gliedriges Komitee ausgeschickt ward, das über die Organisationssrage sowohl, wie. auch über den Modus der Wahl des Präsidenten und der ständigen Kvmmissionen zu beraten hatte. Wie nun aus dem kürzlich an alle orthodoxen Gemeinden Ungarns übersandten Rundschreiben vom 21. Dezember v. I. ersichtlich ist, hat sich das Komitee seiner Ausgabe in obigem Sinne entledigt. Die provisorische Kanzleileitung verständigt die Gemeinden, daß das 31-Komitee die von ihr — der provisorischen Kanzleileitung — vorgeschlagcne Ergänzung des Orgänisationsstatuts angenommen und diese nur noch der Bestätigung seitens der mittelst dieses Rundschreibens einberusenen Landesversammlung harrt. Die Landesversammlung, die in der zweiten Hälfte des Monats Adar Rischon in Budapest stattsinden soll, wird — auch nach dem Beschlüsse des 31-Kvmitee's aus sämtlichen orthodoxen Rabbinen und aus je einem Delegierten von jeder Gemeinde zusammengesetzt sein. Sie hat erst das vorgelegte Organisationsstatut zu verhandeln. Die von ihr vorzunehmende Wahl des Präsidenten und des permanenten Bureaus hat in der Weise zu geschehen, daß die Versammlung aus sich eine 21gliedrige saus 11 Laien und 10 Rabbinen bestehende) Kommission wählt, die dann über die Personen der zu wählenden Funktionäre ihre Vorschläge macht. Das schon früher hergestellte und nun auch schon von dem '31-Komitee gutgeheißene ergänzte Organisationsstatut soll, wie das Rundschreiben besagt, in nächster Zeit den an der Versammlung teilnehmenden Personen übersandt werden. Es läßt sich daher vorläufig von demselben nicht sagen, ob es geeignet ist, die Schäden, die im Laufe der Jahre infolge der Lückenhaftigkeit der Organisation hervorgetreten sind, von nun scrnzuhalte». Ts wäre lebhaft zu wünschen, daß nun schon ganze Arbeit geleistet, eine Organisation geschaffen Iverde, die einerseits ein festes Band um alle orthodoxen Gemeinden schlingt, andererseits die Stärkung der Orthodoxie nach Innen und nach Außen involviert. Letzteres ist umso nötiger, als in letzter Zeit die Unisikationsgelüste der Neologie besonders stark hervortreten. Die neologe Landeskanzlei, die eben auch einen Wechsel in der Leitung erfuhr — an Stelle des zurücktretenden Präsidenten der Landeskanzlci Martin Schweiger ward der ehemalige Rcichstagsabgeordnete Moritz Mezei gewählt — will auf Grund des Ges. Art. XX vom Jahre 1848, die Gleichberechtigung aller Konfessionen betreffend, und der Gesetze vom Jahre 1894 von der Rezeption der jüdischen Religion den Juden zustehende Rechte gewahrt wissen. Diese Gesetze betreffen die Hülseleistung des Staates zu den Ausgaben der Konfessionen, die umso größer und drückender auf den nicht über Kirchengüter vcrsügenden Glaubensbekenntnissen lasten, als die Konfessionen hierzulande einen großen Teil der Schulen zu erhalten haben. Das diese Hülfelcistung zum Gegenstände habende Kvngrualgesetz vom Jahre 1896, das auch die anderen Konfessionen in nur minimalem Maße befriedigt, ift -für die Juden, die in dem Gesetz noch viel weniger als stiefmütterlich behandelt werden, ganz ohne jede Bedeutung. Weiter soll die Stellung der israelitischen Religionslehrcr an den Staatsschulen in jeder Beziehung den Religionslchrern der anderen Konfessionen ganz analog geschaffen werden, wie denn überhaupt der ___Nr. 4. jüdische Religionsunterricht in jeder Hinsicht eine gleiche Behandlung zu erfahren habe, wie der der ' übrigen Religionen. Endlich strebt die Landeskanzlei das Jnslebentreten der A n t o n o m i e der jüdischen Religionsgemeinschaft an. Ilm nun diese Forderungen umso wirksamer zu mache», wünschen die Neologen, eine Vereinigung mit den Orthodoxen herbeizuführeü. Die Neologie ist sich wohl dessen bewußt, daß die Gründe, die seinerzeit den Orthodoxen die Separation notwendig erscheinen ließen, auch jetzt noch fortbesteheu. Hat doch der neue Präsident offenherzig genug erklärt, daß die Neologie weder vom Nabbinarseminar abseheu, noch auch die andere Bedingung der Orthodoxen erfüllen will, den Schulchan Aruch als Basis ihrer Gemeinde» und deren Institutionen anzucrkennen. - Und so lange sie dies nicht tut, kann die Orthodoxie ohne Gefährdung ihrer heiligsten Prinzipien dem Wunsche einer Unisikation auch nicht im Prinzip nähcrtreten. Würde doch die Wiedervereinigung in all de» Städten, in denen 2 Gemeinden nebeneinander bestehen, neue Streitigkeiten Hervorrufen; Streitigkeiten, die wieder nur durch die Trennung beigelegt werden könnten. Oder wie denken die Herren von der neologen Landeskanzlei die Zwistigkeiten, die sich in solchen Gemeinden bei Besetzung, der Rabbinate und der übrigen Gemeindestelten ergeben müßten, unmöglich zu machen, oder beizulegen- Doch nicht durch Geltendmachung des Majoritätsprinzips - Mso ganz abgesehen von dem prinzipiellen Standpunkte, würde cs sich auch im Interesse des Friedens nicht empfehlen, eine gewaltsame Verschweißung der Gegensätze herbeizuführen. Es sind dies Gegensätze, zu deren Ausgleichung nur die eine Partei beitragen kann. Von einem gegenseitigen. Entgegenkommen kann hier nicht die Rede sein. vr. F. Ein jüdischer Atheistenlempel in New-Aork. Amerika ist wirklich das Land der unbegrenzten.' Möglichkeiten. Es gibt kaum etwas Närrisches und Paradoxes, das nicht bei irgend einem Sonderling überm großen Teich eine verständnisvolle Teilnahme erweckt. Aber es handelt sich dabei immer nur um mehr oder weniger ernst gemeinte Späße gelangweilter Milliardäre. Das Närrische mit dem Gemeinen zu verbinden, blieb den jüdischen Sozialdemokraten Vorbehalte», die man nicht nur in New- Nork, sondern auch im Londoner Ghetto als Menschen gefährlichster Gattung kennen, lernen kann. Während der letzten Jom-Kippur-Feier, als die Juden Ncw-Iorks fasteten und in den Synagogen ihre Andacht verrichteten, veranstalteten jene Sozialisten eine Volksversammlung in Brooklyn. Dort entfalteten sie die Pläne für eine Art von atheistischem Tempel, der ' im Herzen des Judenquartiers errichtet werden und ein Ersatzzentrum fiir alle Religionen, insbesondere für. den alten jüdischen Glauben bilden sollte. Es wurden beträchtliche Geldsummen durch freiwillige Spenden gesammelt, und jetzt ist man so weit, um mit dem Bau beginnen zu können. Diese sauberen Feinde Gottes muß man kennen, um ihrem Werke und ihren Absichte,r eine gerechte Würdigung angedeihen zu lassen. Es sind das meistens ungebildete, unreife Burschen, deren Wiege in einem osteuropäischen Städtchen stand und die ihre Kindheit unter den allertraurigsten Verhältnissen zugebracht haben. Ten an Leib und Seele Darbenden konnte von den Eltern nichts anderes fürs Leben mitgegeben werden, als der Glaube und die Hoffnung auf die Hilfe Gottes. Tie Schönheiten des irdischen Daseins blieben ihnen verschlossen, und nur mit seinen Schattenseiten wurden sie vertraut. Dieses unbeschreibliche wirtschaftliche Elend im Verein mit einer grausamen politischen Unterdrückung schuf aus ihnen eine Gesellschaft finsterer Pessimisten, in deren Seele schließlich alle Regungen einem einzigen Gefühle weichen mußten, dem Gefühl der Rache. Freilich, unter dem schweren Druck ihrer heimatlichen Zustände blieben derartige Instinkte latent, da konnte diesen Empfindungen kein Ausdruck verliehen werden. Kaum aber haben sie die Ketten gesprengt, kaum haben sie ihren Fuß auf den Boden eines jener freien Länder gesetzt, das in ihnen