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Neue jüdische Presse · 1905-01-27 · Heft 4 (27.1.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 4 (27.1.1905)
Date
1905-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Krnitkfitrte? Zstiklitisihrs Inilirtklitt ■ i ' Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Fainilienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). . . m_- ... I 1.- Hl-— > Kedakitoil Md HefchLftsstette: Frankfurt a. nr.. LerligkreuzgaAe 52, Lcke Lläpperfeldstraße lgrgenuÜLr Ler Neuen JeU). -a - Heraitsgeker: cheis. Jnfertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- ■■ ■; 3. Jahrgang, Freitag, de« 21. 8vLvat 566s (27. Januar 1965). No. 4. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Aufgabe eines jüdischen Auswanderungs-Bureaus. — Ungarischer Brief. — Ein jüdischer Atheistentempel in New-Iork. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Kinder unserer Zeit, Roman von Jacob Levy. — Gro ß und Klein. — Kunst. — Familiennachrichten. Die Aufgabe eines jüdischen Auswanderungs-Bureaus. Im Folgenden soll in allerkürzester Darstellung die Aufmerksamkeit größerer Kreise darauf gelenkt werden, was nach meiner Ansicht die dringendsten Aufgaben eines jüdischen Emigrations-Bureaus in gegenwärtiger Zeit wären. Wir haben auf der einen Seite aus den verschiedensten Ursachen momentan ein bedeutendes Anschwellen der Emigration zu konstatieren, während auf der anderen Seite — nämlich in den Einwanderungsländern sosort Maßregeln und Stimmungen zu Tage treten, die gegen eine weitere jüdische Einwanderung gerichtet sind. Aus dieser steigenden Auswanderungslust im Osten und den Cinwanderungserschwerungcn resp. Verboten an den bisherigen Emigrationszielcn muß nun zweierlei geschlossen werden: 1. Es muß mit allen Mitteln versucht werden, die Auswanderung cinzudämmen. Durch die kürzlich - begründeten . Einrichtungen zur Regelung der Auswanderung und zum Schutze der Emigranten gegen Uebervorteilung usw. ist in weiten Kreisen der östlichen Judenheit die Hoffnung erweckt worden, daß die Auswanderungen nun leichter oder sicherer vor sich gehen können als früher, und daß im Notfälle mit Rat und Tat den Auswanderern an die Hand gegangen werde. Dieser Anschein war nur zu geeignet,. die Auswanderung zu vergrößern und wenn die neu geschaffene Emigrations-Zentrale sich auch gegen diese Auffassung gewendet.hat, so kann und muß doch in dieser Beziehung viel mehr geschehen. Es muß im Osten und im Westen m i t aller Energie betont werden, daß ein Anschwcllen des Auswanderungsstromes die bösesten Folgen für die Auswandernden, wie auch für die Inden der Einwänderungsländcr haben muß. Wenn also einerseits die Emigrationszentrale eine segensreiche Wirkung ausübe,t kann, indem sie denen, die nach Zähigkeiten und Mitteln zur Auswanderung geeignet sind, zu guten Informationen', und zu bequemerer llebersiedetung verhilft, so ist es im Augenblick fast die wichtigere Aufgabe dieser Institution, die Auswanderung mit alten Mitteln der Ileberrcdnng und der Aufklärung hintanzuhalten. 2. Ta wir nicht damit rechnen können, daß durch die Eindämmung der gegenwärtigen Auswanderung die Lage in, Osten gebessert wird, und da es ein unverzeihlicher Leichtsinn wäre, mit Bestimmtheit damit zu rechnen, daß aus anderen Gründen in nächster Zeit die Lage der Juden in Rußland, Rumänien, Galizien und anderwärts sich derart definitiv bessern werde, daß bas Problem von selbst verschwindet, wird man darauf bedacht sein müssen, sich endlich mit der Frage zu beschäftigen, w o h i n die jüdische Auswanderung gelenkt werden kann, ohne aus die Schwierigkeiten der bisherigen Em i gr ati o n en z u st o ßen. Und hier kommen nun wieder mehrere Gesichtspunkte in'Betracht. . ■ , . Es ist beispielsweise eines der Hauptprobleme jeder Massenauswanderung (und die unsrige, die an die 100 000 per Jahr heranreicht, ist sicherlich als eine ölchc auszusassen), daß ein Gebiet zu finden sei, nach welchem möglichst geringe Uebersiedelungskosten in Frage kommen. Tie K n rze u n d Billigkeit der Reise ist eine der Hauptcrfordcruisse für das Funktionieren des Sicherheits - Bentils, das die Auswanderung im Falle von Massenuot irgend ivelcher Art dastellt. Sodann ist zu überlegen, welche Folgen eine anhaltende Einwanderung in verschiedene Länder, oder in e i» Land nach sich ziehen muß. Hiervon ausgehend werden wir für die Juden Osteuropas beim bloßen Anblick einer Landkarte'und der primitivsten Kenntnis von, Verhalten der curopäicheu Staaten darauf kommen müssen, daß der türkische Orient, wenn nicht Zwingendes dagegen spräche, in erster Linie in Betracht gezogen werden müßte. Tenn die Uebersiedelung von den russischen und rumänischen Häfen des Schwarzen Meeres ans nach dem türkischen Orient kostet nur etwa den 10. Teil der Summen, die für eine Auswanderung aus gleichen Gegenden nach Amerika nötig sind. Auch ist trotz der längeren Beförderung die Reise kürzer und bequemer, als »ach den bisherigen überseeischen Auswanderungsgebieten. Außerdem ist nach der ganzen, vielhundertjährigen Erfahrung, die wir über die Verhältnisse der Juden im Orient haben, nicht anzunehmen, daß eine wesentliche Zunahme des jüdischen Elementes im türkischen Reiche oder an einzelnen Teilen desselben, zu irgend welchen Mißständen sühren könnte, lind was die Rechtsverhältnisse und Zustände in der Türkei betrifft, die von Bielen als ein Argument gegen die jüdische Ansiedelung geltend gemacht werden, so ist einerseits zu konstatieren, daß dies meist große Nebcrtreibungen sind, und andererseits, daß zu diesem Länderkreis, wenn auch nicht administrativ zur Türkei, einige Gebiete gehöre», die unter englischer Verwaltung stehen. Namentlich Cypern, und die an das türkische Gebiet anstoßenden Grenzgebiete Egyptens. Hier ist sicher von irgend welchen Verwickelungen nichts zu befürchten, sowohl was die Landesverhältnisse, als auch was die Bevölkerung und Regierung betrisst.*) G c g e n diese Teile des Orients spricht *) Bor kurzem bvnd)te die „Frankfurter Zeitung" eine Notiz, nach der in Cypern die Bevölkerung sich mit großer Entschiedenheit gegen eine jüdische Kolonisation geäußert habe. Ter aufmerksame Leser fand aber schon in der Meldung der „Franks. Ztg.", daß die Nachricht aus Athen stammt, wo ein paar Patrioten sich wahrscheinlich in einem griechisch-patriotischen Lichte produziert haben. Für einen Kenner der cyprischen Verhältnisse will das nichts besagen. Man paradiert dort gern mit solchen Verbrüderungs-Gefühlen, die aber jeder ernsthaften Grundlage entbehren. Man braucht sich doch «nr darüber klar zu werden, daß Cypern ein Teil Asiens und von Griechenland durch Meere und Länder getrennt ist. Aber auch außerdem ist zu bedenken, daß die Bevölkerung Cyperns zu Vi aus mohammedanischen und zu 3,4 aus christlichen Einwohnern besteht, welche letztere zwar im religiösen aber in keinerlei nationalem oder rassenmäßigen Sinne griechische Christen sind. — Schließlich und endlich aber hat der Gouverneur der Insel vor wenigen Wochen erst, und zwar auf diese neuerlichen „Aspirationen" der cypriotischen Christen hin, sich mit aller nur wünschenswerten Klarheit und Deutlichkeit dahin ausgesprochen,-daß diese Bestrebungen von englischer Seite nicht geduldet werden würden. die mangelnde Kenntnis auf jüdischer Seite und eine gewisse Kultur - Rückständigkeit. Was unsere mangelnde Kenntnis betrifft, so kann diese behoben werden durch eine ernsthastere Beschäftigung mit den bctrcssenden stehenden Fragen. Mit unserer zunehmenden Kenntnis der unvergleichlichen Chancen, die der Orient der jüdischen Einwanderung bietet, wird auch unser Interesse an diese» Gebieten wachsen, und es müßte mit sonderbaren Dingen zugehen, wenn jüdischer llnternehmungsgeist und jüdische Energie, die sich in der Weiterentwickelung der zivilisiertesten Kulturländer so glänzend bestätigt haben, nicht auch im primitiven Orient die besten Resultate erzielen sollten. Mit der Einsührung jüdischer Unternehmungen aber wird schrittweise auch die Kulturrückständigkeit ausgeglichen werden, und der Vorteil, den heute England und Amerika bieten, nämlich die Möglichkeit innerhalb gewisser Grenzen doch zahlreichere Massen in Industrie und .Handel auszunehmen, wird dann ebenso für den Orient gelten, und niemand kann heute übersehen, Ivelche große» Entwicklungs-Möglichkeiten sich den Juden im Orient dann auftun werden. Es handelt sich also im Wesentliche» darum, sich heute über ein Gebiet und ein Vorgehen zil einigen. Die dann gewonnene Klarheit wird keineswegs sofort dem ganze» Auswanderungsstrom eine neue Richtung geben. Eine neue Richtung für den ganzen Auswandcrerftrom wird überhaupt für niemals in Frage kommen. Aber das kann und wird so erreicht werden, daß sich neben den ungangbar gewordenen Auswanderungswcgen ein »euer eröfsnet, der mit Mühe, Arbeit und Zeit derart erweitert werden kann, daß er sich zu dem Wichtigsten von allen entwickeln dürfte. Bleibt noch die Frage, ob die Auswanderungen nach irgend w e l ch e n oder nach b e st i in m t e n Teilen des Orients gelenkt werden sollen; und da will es mir scheinen, daß wir ein Gebiet zu bevorzugen hätten, für welches seelische Momente, die besonders in der östlichen Judenheit lebendig sind, so schwer in die Wage fallen, wie für Palästina. Auch rein sachliche Erwägungen lassen uns diesen Teil des Orients vorziehen. Klei»-Asien ist in seinen Küstengebieten ziemlich entwickelt. Tie dortige Bevölkerung ist eine vorwiegend christliche von der Art, die uns im Orient am meisten zu schaffen macht. Im Innern ist Klein - Asien noch wesentlich unentwickelt. Arabien kommt kaum in Betracht und nach Mesopotamien ist es heute von der syrischen Küste aus noch eine Reise von vielen Wochen, während wir aus eine sehr baldige Fertigstellung der Bahn heute noch nicht rechnen sollten. So bliebe Palästina und Syrien mit den anstoßenden Provinze» Klein - Asiens, Adana im Norden, im Süden das Sinaigebiet und weiterhin die unter englischer Verwaltung stehende Insel Cypern. Die letzteren beiden Gebiete werden hauptsächlich diejenigen interessieren, die da glauben, daß die türkische Verwaltung für eine jüdische Ansiedelung größeren Stils zurzeit nicht günstig sei. Andere sind der Ansicht, daß die seelische» Argumente, die sür Palästina sprechen, die Nachteile, auf die wir dort stoßen, mindestens ausgleichen. Beide Richtungen finden ihre Gemeinsamkeit aus einem Programm der Tätigkeit in dem oben skizzierten „Palästinensischen Länderkreis." Tas was hier oben ansgesührt wurde, ist nicht Zionismus. Es ist ebenso die Ansicht der übrigen

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