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Neue jüdische Presse · 1905-01-20 · Heft 3 (20.1.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3. richtung des Tempels ist bereits in die Verwahrung des Shnagogcnvorstandes in Lübben übergefnhrt worden. .Rühmend muß hervorgehoben werden, daß die Friedländer Bürgerschaft stets in gutem Einvernehmen mit den Juden gelebt hat. So lauge ti o cf)! jüdische Familien in unserem Orte) wahnten, war hier Handel und Wandel von nicht geringer Bedeutung. Mit ihrem Wegzuge schwand der Verkehr immer mehr. Es wurden Steueramt und Amtsgericht von hier verlegt. Jetzt, nach Jahrzehnten erst, scheint wieder etwas mehr Leben in den Ort zu kommen. Es sind mehrere neue Gebäude und eine Molkerei errichtet worden. Die Märkte, die früher hier drei Tage dauerten, werden jetzt an einem Tage erledigt." Oesterreich-Ungarn. Wien. Die Tauie durch die Bonne. Tie Wiener Polizei interessiert sich seit eiligen Tagen sehr sür den gegenwärtigen Aufenthalt eines jungen Mädchens, der 17jährigeu Bonne Bernadette Patsch, deren sie dringend zur Aufklärung einer in ihren Tetails noch ziemlich mysteriösen Affäre bedarf. Tie Bonne war seit vier Monaten bei dem jüdische» Hofnnd Gerichtsadvokaten Tr. Michael Bi. .bedienstet, Ivo ihr die Aufsicht über die Kinder der Familie oblag. Vor einigen Tagen fand Tr. M: in der Wohnung das Konzept eines Briefes, in dem die Bonne einem in Wien wohnhaften geistlichen Funktionär die Mitteilung machte, daß sie an der sechsjährige» Tochter des Advokaten das Sakrament der Taufe vollzogen habe und das Mädchen somit jetzt römisch-katholischer Religion sei. Man befragte die Bonne und diese gab zu, daß sie das Kind des Advokaten getauft habe. Allen weitern Fragen machte sie damit ei»' Ende, daß sie unter Zurücklassung ihrer Effekten das Hans verließ, und seither konnte sie nicht ausfindig gemacht werden. Verschiedene Anzeichen sprechen dasür, daß Bernadette Patsch nicht im Vollbesitze ihrer geistige» Kräfte sich befinde. Zwei Schwestern des Mädchens leben in Wien, beide haben aber die Bonne seit längerer Zeit nicht gesehen, und man glaubt, daß sie vielleicht in einem Kloster Zuflucht gefunden hat. Dem kleinen Mädchen hatte die Bonne streng cingeschärft, niemandem von der vollzogenen Taufe etwas zu sagen, und die Kleine beobachtete äuch vollkommenes Stillschweigen über die Vorgänge und will selbst den Eltern nicht alles sage». Jetzt sucht man die Bonne. Wien. Bei C h r i st e n unmöglich, bei I u d e n leider selbstverständlich! Ter bei der kürzlich stattgehabten Vorstandswahl der israelitischen Kultusgenieindc in den Vorstand auf sechs Jahre wiedergewählte Großindustrielle Wilhelm v. Kussner ist der Vater einer getauften Tochter. Wien. Hebräische Sprachkurse. Durch das Entgegenkommen des Herrn T r. L e o p. Kahn als Obmann des Hebr. Sprachvereins ist cs dem Vereine zion. Hochschüler „Theodor Herzl" in Wien gelungen, einen großangclcgten hebr. El e in e n t ar s p r a ch k n r s unter der Leitung des .HerrnSchriftstellers M. Berkowicz zu eröffne». K. Prag. Zur Frage der Erhaltung des a l t e n j ü d i s ch c n Rathauses. Die Prager israelitische Kultusgemeinde richtete an den Prager Stadtrat das Ersuchen, cs möchte das alte jüdische Rathaus im ehemaligen Ghetto, dem jetzigen Stadtteil Jose'stadt erhalten bleihen (der Stadtteil wird gegenwärtig vollständig assaniert, Anm. d. Red.), sowohl als wertvolles architektonisches Produkt, als auch als paffende Umgebung für die Mneusynagoge. lieber dieses Ansuchen wird die Stadtgemeinde in Verhandlungen treten und ein Sachverständigengutachten wird eingeholt werden. Großbritannien. London. Die Spuren einer alten jüdischen Stadt, die früher von einem der Stämme Israels bewohnt war, wurden nach einem Bericht des „Temps" in der Nähe des Mosestales bei den Ausgrabungen sür die Hedschas-Eisenbahn zutage gefördert. Zu den merkwürdigsten Funde» gehört ein großes Gebäude, dessen architektonische Schönheiten allgemeine Bcwunderniig erregte». Frankreich. Lun^ville. Auf Anregung des hiesigen Rabbiners M. Maurice Kahn wurde eine jüdische Bibliothek mit Lesezirkel für die Jugend errichtet. Die erste ihrer Art in Frankreich! Personalien. Eüarlottenburg. Justizrat Rosenberg ist mit 47 von 53 Stimmen zum Stadtverordneten vor st eh er und Kursmakler Kaufmann mit 43 Stimmen zum Stellvertreter gewählt worden.' Köln a. Rb. Professor Dr. Minkowski) hat einen Ruf als ordentlicher Prozessor an die Universität Greifswald erhalten und bereits angenommen. Infolgedessen scheidet er ans seiner Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Lehrtätigkeit an der hiesigen Akademie für praktische Medizin, die er erst vor kurzer Zeit angetreten hatte. Stratzburg i. Elf. Am 9. ds. Mts. wurde der frühere Professor am hiesigen Lhsee, Herr Geismar, zuletzt in Reims wohnhaft, im Alter von 92 Jahren auf dem hiesigen Friedhofe zur letzten Ruhe bestattet. München. Der Honorarprofessor der hiesigen Universität und Oberlandesgerichtsrat Dr. HeinrichHarbnrgerist zum Rate amkgl. daher. Obersten L a n d e s g e r i ch t i n M ü n ch e n, dem höchsten bayer. Gerichtshöfe, ernannt worden. Tie Mitglieder des Obersten Landesgerichtes stehen im Range eines Landgerichtspräsidenten, ein Rang, wie ihn in Bayern vor dem erst 54jährigen Rat Tr. Harburger noch niemals ein Jude erreicht hatte. München. Ordensverleihungen. Der Verdienstorden vom heiligen Michael 4. Klasse wurde dem Oberlandesgerichtsrate Max Berlin-Nürnberg und dem Fabrikbesitzer Ignatz Bing- Nürnberg, der Verdienstorden vom heilige» Michael 3. Klasse dem Kommerzienrat L e h m a n n Bernheimer - M ü n ch e n verliehen. Wien. Der Kaiser hat dem ordentlichen Universitäts- Professor der Chemie Tr. Richard Pribram- Czernowitz aus Anlaß seiner ersprießlichen Mitwirkung bei Errichtung der Allgemeinen Untersnchungsanstalt sür Lebensinittel in Czernowitz den Charakter eines .Hofrates allergnädigst verliehen. Wiel». Der Finanzminister ernannte den Finanzkommissär 2 r. I g n a z G o l d s ch ni i d t zum O b e rf i n a n z k o m m i s s ä r im Bereich der Finanzlandesdirektion Wien. Wien. Am 1. Februar begeht Hofrat Prof- Dr. Wilhelm Winternitz seinen 7 0. Geburtstag. Er wurde zu Josefstadt in Böhmen geboren und wurde 1857 in Prag znm Dr. med. promoviert. Zur Zeit ist er Abteilungsvorstand an der allgemeinen Poliklinik, Obmann des Verbandes der Balneologen Oesterreichs und gehört vielen in- und ausländischen gelehrten Gesellschaften als Mitglied an. Dstrowo (Posen). Stadtrat Fabian Frankel wurde znm Krcistagsmitglicde gewählt. — Kaufmann Grabow Ski-Berlin 1)at anläßlich seiner Silberhochzeit seiner Heimatgemejnde Ostrowo 400 Mark zur U n t e r st ü tz n n g Hilfsbedürftiger übersandt. Nackel jPosen). Die Stadt Rakel verlieh dem Kreistags- und Provinziallandtagsabgeordneten Lesser-Bärwald anläßlich seiner 40jährigen Tätigkeit als Stadtverordneter das Ehrenbürgerrecht. Paris. Die Militär- Verdien st medaille wurde verliehen an Lt. B r u n s ch w i g, Adjutant des 21. Jnf.-Reg. (18 Jahre Dienstzeit) und den Serganten L o e w e n st e i n, 2. Fremdenlegion, 16 Jahre Dienstzeit, 16 Feldzüge. Die Akademie der Wissenschaften hat für den Stuhl für Naturgeschichte der anorganischen Körper für das Institut de France M. A. M i ch e l - L 6 v y an erster Stelle vorgcschlagen. Divisionsgeneral N a q u e t - L a r o q n c tvurde zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt. Er hat 43 Jahre Dienstzeit, 4 Feldzüge hint r sich und wurde einmal verwundet. Er ist dauernder Generalinspekteur der Küstenbefestigungsartillerie, Mitglied der technischen Konnnission für die Artillerie und Geniewassen und solches der Studienkommission für die Küstenverteibigung. Oberst Mordechai Valabröge, Kabinetsches im Kriegsministerium wurde zum Ossizier der Ehrenlegion ernannt (35 Jahre Dienstzeit, mit Exkapitän Dreysuß verwandt). New-Nork. Im Alter von 70 Jahren starb Herr K. H. Sarasohn, Begründer und Eigentümer der Jewish Daily News und der New-Pork Iewish Gazette. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Den Herren Lehrern H. Einstädter und B. Stern von der hiesigen jüdischen Volksschule, ist von nächstem Schuljahre an eine Klasse an der hiesigen städtischen Fortbildungsschule übertragen worden. Wir nehmen mit befonbecem Vergnügen t>on dieser Anstellung Notiz, denn wir sehen darin nicht! nur eine persönliche Ehrung, sondern auch eine Anerkennung der jüdischen Volksschule, an der die beiden Herren seit Jahren wirken. Gleiwitz. Im Bezirke Ovpeln sind vier öffent liche jüdische Volksschulen vorhanden, nämlich in Benthe», Königshütte. Zabrze und Nicolai. Diese vier Volksschulen tveisen 527 Schüler auf, die von 13 Lehrkräften unterrichtet werden. Jüdische Privat-Bolksschulen gibt cs in Antonienhütte und Landsberg, während Tarnowitz, Kattowitz, Gleiwitz, Ratibor, Myslowitz usw. usw. weder öffentliche noch private jüdische Volksschulen haben. Hoppftädten. Landrabbiner Dr. Levis verläßt am 1. April nach vierjähriger Tätigkeit seinen hi«-- Seite 3. sigen Wirkungskreis, um die Stelle als Rabbiner des Großherzoglichen RabbinatSbezirks Alzey zu übernehmen. Friedrichftaöt (Schleswig-Holstein). Die hiesige Stadtvertretung plant eine Vereinigung sämtlicher Konfessionsschulen unseres Ortes anzustreben und hat zu dem Zwecke eine Kommission ernannt, die Verhandlungen mit den verschiedenen Gemeinden einleiten soll. Tie katholische Gemeinde hat den Antrag abgelehnt, die remonstrnntische Gemeinde bietet jährlich Mk. 1700, die ineniionüische Mk. 300, die Jsraelitengemeindc Mk. 36 jährlich für jedes Kind. Außerdem verlangen sie Sitz und Sttmme in der städtischen Schulbehörde und die Jsraelitengemeindc llebernahme des Religionslehrers und Schächters. Tie städttsche» Abgaben würden sich unter diesen Bedingungen mit Einschluß der Schnlstener, die jetzt nicht darin enthalten ist, von 120 pCt. auf 255 pEt. erhöhen. Tie Angelegenheit soll der Regierung zur Entscheidung unterbreitet werden, und hätten wir bei der Verwirklichung hier eine Simultanschiile, die einzige dieser Art in der Provinz. Zum Chamischo-Osor. Wen» die rauhen Stürme wehen, Zrvsterstarrt die Erde liegt, Baum und Strauch entblättert stehen Bon des Winters Macht besiegt, Feiern wir Chamischo - Osor Und ein -Festtag ist's, ein großer. Frohe Botschaft soll er künden, Neues Leben ziehet ein. Wenn die trüben Tage schwinden Bor der warmen Sonne Schein. Trotz des Winters Schnee und Eis Regt sich Friihlingsahneii leis'! Bäume, die der Frost gebenget Ragen wieder stolz empor. Was sich kraftlos schon gcneiget Drängt znm Lichte min hervor. Neu erschosst in voller Pracht Wald und Flur des Schöpfers Macht. Frühling ward auch uus'rem Volke Einst zur Auferstehungszeit Sonnenschein durchbrach die Wolke Scheucht des Winters schweres Leid Leuchtend ging in raschem Laus Jnda's Sonn' am Himmel ans. Sprengt der Diechtjchast rauhe Bande Stärkt des Volkes Kraft und Mut, Führt es aus dem Sklaveiilande Und verleiht ihm hohes Eint. Bon Egyptens Jvch befreit Ward das Volt zur Frühlingszeit. Wie ein Born der ewig fließet. Dessen Naß die Erde tränkt Segenspendend sich ergießet, Ward die Thora uns geschenkt. Jnda's Sonne strahlet hell Als ihm ward der Lebensquell. Gottes Wort wird stets erhalten Frühling in der Menschenbrust Trotz der feindlichen Gewalten Sei es uns're höchste Lust. Ringen wir uns durch zum Licht Schläft auch Israels Hüter nicht! Rosa Meyer, Frankfurt a. M. G! Feuilleton. IG Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Es war der erste Weihnachtstag. Ter Riesenpalast der Bier Jahreszeiten lag loie auSgestorben da, er war heute geschlossen. Familie Berger saß beim Frühstück behaglich znsanrmen. - Ter Hausherr genoß mit Vergnügen den arbeitslosen Vormittag. Er blickte in die wirbelnden Schneeflocken, die draußen ihr Spiel trieben und zündete sich eine Zigarre an.

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